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Titel Zum Wandel des Hooliganismus im Sport 
Untertitel  
AutorIn Max Maihorn 
Seiten 103 Seiten 
Hochschule Humboldt-Universität zu Berlin Deutschland 
Art der Arbeit Staatsexamensarbeit 
Abgabe 2007 
Note
Preis 38,00 EUR (inkl. MwSt.)
 
Bestellnummer 73011805 
Sprache Deutsch 
Medien  
Inhaltsangabe
Einleitung Die Fußballweltmeisterschaft 2006 wurde zu einem allseits gelobten 'rauschenden Fußballfest', einem 'Partymonat'. In Organisation und Durchführung mustergültig, übertraf sie sämtliche Erwartungen. Lediglich hinter einer Erwartung blieb die WM zurück und zumindest mancher Journalist wird insgeheim etwas enttäuscht gewesen sein: Die befürchteten 'Hooliganhorden und -schlachten' waren ausgeblieben. Dabei hatte es in ganz Europa im Vorfeld Ausschreitungen gegeben. Nicht nur im berüchtigten England und in Italien kam es zu Auseinandersetzungen, auch in Griechenland und sogar in Zypern sorgten gewalttätige Fußballfans für hohen Sach- und leider auch Personenschaden. Die Dresdner Morgenpost warnte gar vor dem Einmarsch von 20.000 polnischen Hools. Und auch die deutschen Hooligans waren doch noch kurz vorher so medienwirksam präsent: 'BFC-Hools drehen durch' und boten 'genau die Bilder, die wir vor der WM nicht gebrauchen konnten.' Ja, sie hatten sogar schon international 'geübt'; am 27. 11. 2005 trafen sich rund 100 deutsche und polnische Hooligans in einem Waldstück unweit der Grenze. Auch in anderen Ländern sind sie als beliebtes Medienthema allgegenwärtig und das nicht nur im sensationslüsternen Privatfernsehen. Eine englische Reportage nahm sich 2004 sogar der deutschen Hooligans an, zeigte Videoaufnahmen und warnte vor der Gefahr für die WM 2006.

Es geht also wieder ein Gespenst um in Europa, das Gespenst des Hooliganismus.

Doch wovon wird da eigentlich geredet? Es scheint in der öffentlichen Wahrnehmung ein diffuses Allgemeinverständnis von dem Begriff des 'Hooligans' (im folgenden auch als Hools bezeichnet) zu geben. Ähnlich wie bei 'den Skinheads' weiß jeder sofort, wer oder besser: was gemeint ist, die Dämonen und Bestien, die 'Feinde des Fußballs' (Berti Vogts). Die massive Polizeipräsenz vor Stadien und auf den An- und Abfahrtswegen, die immer neuen Beschwörungen einer internationalen Gefahr von sicherheitspolitischen Sprechern und Innenministern sowie die regelmäßige Berichterstattung (inwiefern diese schon den Charakter einer Inszenierung annehmen, wird später dargelegt) in den Medien erinnern den 'Normalbürger' ständig daran, dass schon sein nächster Stadionbesuch sein letzter sein könnte. 'The 'hooligan' qua symbol has become a routine target of global demonology', resümieren denn auch zwei Koryphäen der Forschung.

Dafür werden alle Register der Klischeebildung gezogen. Hooligans sind nicht nur hirnlose Schläger, sondern werden auch immer brutaler, rechtsradikaler, organisierter und sind außerdem zugleich in der Skinhead-, der Rocker-, der Türsteher-, Dealer-, Hehler- und Zuhälterszene. Ein Hooligan ist also mit Glatze und Springerstiefeln auf einem Motorrad unterwegs, die Taschen voller Drogen und Diebesgut und schlägt wahllos auf alles und jeden, aber besonders auf Ausländer ein. Würde dieses Bild stimmen, wären sie relativ leicht zu erkennen und so bald kein Problem mehr.

Obwohl vermutlich nur die allerwenigsten Bürger - selbst diejenigen, die regelmäßig ins Stadion gehen - jemals mit Hooligans in Berührung gekommen sind, bringt es Lord Aberdare, Chairman des Football Trust in England, auf den Punkt: 'Football hooliganism is, like education, one of those subjects on which most people consider themselves experts.' Dabei ist schon auf den ersten genaueren Blick offensichtlich, dass das Problem vielschichtiger ist und sich in mehrere, höchst unterschiedliche Erscheinungsformen aufgliedert. Ein Vergleich der Szenen in den verschiedenen Ländern offenbart schnell, dass Hooligan nicht gleich Hooligan ist.

Jeder, der sich noch eingehender dem Thema widmet, muss leider feststellen, dass das Phänomen bisher weder eindeutig beschrieben geschweige denn erklärt wurde und vermutlich auch nicht werden kann. Für Hooligans gilt also der Leitspruch des Archivs der Jugendkulturen in Berlin: 'Wer sich auf die Realität einlässt, muss die beruhigende Eindeutigkeit aufgeben.' Es geht mir nicht darum, eine Apologetik des Hooliganismus zu schreiben, vielmehr ist es mein Ziel, die Szene wissenschaftlich objektiv zu betrachten und erst abschließend ein Urteil zu fällen. Ich möchte in dieser Arbeit die Entwicklung des Hooliganismus bis zum heutigen Stand aufzeigen und folgende Fragestellung beantworten: Was war und ist Hooliganismus, eine jugendliche Protestform gegen eine zunehmend normierte Gesellschaft und einen professionalisierten Sport, das Ausleben einer psycho-sozialen Gewaltdisposition, die radikalisierte Anpassung an die moderne Ellenbogengesellschaft oder einfach nur ein illegaler Extremsport?

Dafür werde ich nach der Darlegung und kritischen Betrachtung der Forschungsgeschichte und des Forschungsstandes zunächst die gängigsten Theorien zur Erklärung von gewalttätigem Verhalten umreißen und anschließend die verschiedenen Phasen des Hooliganismus beleuchten und ihnen die meines Erachtens passenden Theorien zuordnen.

Darüber hinaus geht es mir um die Analyse der vielschichtigen Wechselwirkungen aller beteiligten Instanzen, als da wären die Szene in ihrer später dargelegten Vielfalt, die Legislative und Exekutive der jeweiligen Staaten und lokalen Behörden, der Fußballvereine und -verbände, der Medien und der Öffentlichkeit und nicht zuletzt der Forschung.

Des weiteren werde ich erläutern, welche grundlegenden Eigenschaften dem Phänomen Hooliganismus eigen sind. Denn trotz all der qualitativen und quantitativen Veränderungen haben meines Erachtens einige Aspekte den Wandel überdauert.

Obwohl diese Arbeit in den Bereich der Sportsoziologie fällt, werde ich nicht umhin können, den gesamtgesellschaftlichen Rahmen mit zu beleuchten. Ich stimme mit Elias überein, wenn er bezüglich des Sports feststellt, dass es 'höchstens eine relative Autonomie, bezogen auf andere gesellschaftliche Bereiche' gibt. An einigen Stellen der Arbeit könnte man die Frage aufwerfen, inwiefern das Hooliganproblem überhaupt noch ein sportbezogenes Phänomen ist. Ich werde meine Sicht hierauf am Schluss der Arbeit äußern.

Ich werde mich bei meinen Ausführungen, von einer Einführung in die Geschichte der Gewalt rund um den Sport abgesehen, auf den Zeitraum zwischen 1960 - da sich dort wie später näher erläutert ein deutlicher qualitativer und quantitativer Wandel vollzieht - und heute beziehen. Des weiteren werde ich mich auch räumlich beschränken und lediglich auf Großbritannien (als Ursprungsland und auch für spätere Entwicklungen wegweisend) und auf Deutschland eingehen. Da sich die Szene in den beiden deutschen Staaten teilweise unterschiedlich entwickelt hat und dies bis heute nachwirkt, zeichne ich die Entwicklungen auch getrennt nach.

Des weiteren werde ich einige wissenschaftliche Erklärungsmuster und Präventionsvorschläge erörtern.

Abschließend geht es mir darum, eine eigene Definition für den Begriff des aktuellen Hooliganismus zu finden, die nicht nur ein Minimalkonsens dessen ist, was ich der Literatur entnommen habe, sondern vielmehr meine persönliche, aber fundierte Sichtweise auf ein schwer greifbares Phänomen. Angelehnt an diese Definition, werde ich meine Überlegungen hinsichtlich der Präventionsmöglichkeiten und der Verhältnismäßigkeit von derzeitig praktizierten Präventivmaßnahmen vorstellen.

Ich möchte voranstellen, dass dies keine empirische Arbeit ist. Eine solche ist bei der Themenstellung im gegebenen Zeitrahmen unmöglich, da es sich bei den Hooligans um eine sehr verschlossene, kaum zugängliche und auch recht kleine Szene handelt. Auch umfangreicher angelegte Forschungsprojekte hatten Schwierigkeiten, eine nach statistischen Maßgaben ausreichende Anzahl von Hooligans direkt untersuchen und befragen zu können, und bemerken, dass Untersuchungen der Gewalttäter selbst gegenüber Expertenbefragungen wesentlich seltener sind.

Die Arbeit basiert also vorwiegend auf der Auswertung von Literatur. Diese unterteilt sich in Forschungsliteratur und etliche Veröffentlichungen von Hooligans selbst und ihrem näheren Umfeld. Bei diesen handelt es sich sowohl um Romane und Erzählungen als auch um eine Befragung einiger führender Hooligans aus ganz Großbritannien (s. Abschnitt zum Forschungsstand).

Zudem benutzte ich eine Anzahl von Reportagen, die teils unter Mitwirkung von hier ebenfalls zitierten Soziologen entstanden, Filmen und original Filmmaterial von den sogenannten 'fights' bzw. 'matches' und von Ausschreitungen. Besonders das Originalmaterial war hierbei sehr aufschlussreich bei der Analyse der Hooliganaktivitäten.

Die Auswertung etlicher Zeitungsartikel half bei der Beschreibung der aktiven Rolle der Medien und der Verstärkungsmechanismen wie auch bei dem kritischen Hinterfragen politischer und polizeilicher Maßnahmen.

Schließlich war es mir möglich, zumindest drei Hooligans persönlich zu treffen und mit einem vorbereiteten Fragebogen (siehe Anhang) und einem Interview viele aufschlussreiche Stellungnahmen zu erhalten. Ihre richtigen Namen sind mir bekannt, jedoch versprach ich, für die vorliegende Arbeit Pseudonyme zu verwenden, die sich die Drei gegenseitig gaben ('Butch', 'Pate' und 'IQ'). Bei den Hools handelt es sich um langjährige Vertreter des harten Kerns der Berliner Szene, die über eine umfangreiche Szenekenntnis und 'Kampferfahrung' verfügen und nach eigener Auskunft stellvertretend für ihre Gruppierung sprechen können. Ich bin mir darüber im Klaren, dass die meisten ihrer Aussagen für mich nicht nachweisbar und eventuell Übertreibungen oder eher Gerüchte und Legenden sind. Dessen ungeachtet habe ich begründeten Anlass, den Hools zu glauben, da sie auch Schwächen, Fehler und Niederlagen eingestanden. Ich halte ihr Insiderwissen für äußerst relevant, um das Phänomen wirklichkeitsnahe zu analysieren und einige Thesen aus der Forschung zu bestätigen oder in Frage zu stellen.

Ich stimme mit Griese überein, wenn er moniert, dass es bei der Forschungsliteratur das Problem gibt, dass die Biographie der Forscher hinsichtlich ihrer eigenen Erfahrungen zum Thema Jugend und Gewalt meist im Unklaren bleibt. Ihre Ansätze sind daher nur ungenau einzuordnen, da ihre eigenen Standpunkte und Prinzipien nicht erkenntlich sind. Deshalb möchte ich an dieser Stelle eine kurze Biographie mit den Erfahrungen schreiben, die für die Einschätzung der Materie meines Erachtens von Belang sind.

Ich wurde 1980 in Ostberlin geboren und bin in den Plattenbauten des Heinrich-Heine-Viertels in Berlin-Mitte aufgewachsen. Ich komme aus einem Akademiker-Haushalt und habe weder in Familie, Schule noch Freizeit Gewalterfahrungen gemacht. Ich habe früh mit dem Fußballspielen angefangen, war später in verschiedenen Vereinen und Mitte der 90er Jahre mehrfach im Fanblock von Hertha BSC. Ohne dort jemals mit Gewalt konfrontiert worden zu sein, habe ich dennoch die Atmosphäre und den Einfluss des Spielverlaufs auf die Emotionen der Fans erlebt und wurde darüber hinaus mehrfach Zeuge von antisemitischen, ausländerfeindlichen und sexistischen Ausschweifungen einiger Fans. Im Jahr 1998 habe ich mit dem Rugbysport begonnen und spiele nach wie vor in Berlin. Besonders hier habe ich erfahren, wie groß der Zusammenhalt einer Gruppe und wie hoch der Adrenalinspiegel in Erwartung einer teils unvorhersehbaren, stark körperbetonten Konfrontation sein können, in der auch die persönliche und mannschaftliche Unversehrtheit gefährdet ist. Darüber hinaus gehe ich seit einiger Zeit klettern, auch in der freien Natur und in großer Höhe, jedoch immer gesichert. Diese Erfahrungen mit der eigenen Biochemie haben mir gezeigt, dass es an wahrscheinlich jedem Menschen Seiten gibt, die einem ohne das Erleben von 'Extremsituationen' verborgen bleiben. Bekanntschaften vor allem über die Mannschaftssportarten haben mir einen Einblick in viele Formen des Gewaltverständnisses gewährt, ich jedoch lehne weiterhin Gewalt in jeder nichtsportlichen Form ab.

Ich bin ein Gegner unverhältnismäßiger Polizeimaßnahmen und skeptischer Betrachter staatlicher Überwachungsbemühungen. Darüber hinaus bin ich äußerst kritisch gegenüber den Mechanismen der Medienlandschaft und der heutigen Konsumgesellschaft. Nationalismus und rechtes Gedankengut sind mir in allen Formen zuwider

 
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