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Titel Sport, Körper und Mormonen 
Untertitel  
AutorIn Jochen Baumann 
Seiten 123 Seiten 
Hochschule Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Deutschland 
Art der Arbeit Staatsexamensarbeit 
Abgabe 2001 
Note
Preis 58,00 EUR (inkl. MwSt.)
 
Bestellnummer 73006786 
Sprache Deutsch 
Medien Papier / CD 
Inhaltsangabe
Einleitung:

Sport, Körper und Mormonen als Thema einer studentischen Abschlussarbeit - lediglich ein weiterer Beweiß für die spezialisierte Absurditätenproduktion deutscher Universitäten? Dies mag auf den ersten Blick so erscheinen. Allerdings hat das Thema seine Berechtigung, und zwar durch den Aktualitätsbonus der Olympischen Winterspiele, die im Februar 2002 in Salt Lake City, der heutigen Heimatstadt der Mormonen im US-Bundesstaat Utah, stattfinden werden. Zwangsläufig wird dann, sozusagen als kurioser medialer Kollateralschaden, die Religion der Mormonen in den Fokus der Zuschaueraufmerksamkeit gezogen werden. Die Mormonen - was assoziiert der wenig informierte Normalbürger mit dieser religiösen Gruppe? Wenn er sie nicht gleich mit den Amish People an der Ostküste des nordamerikanischen Kontinents verwechselt, sind die meisten Antworten "Polygamie" und "kein Alkohol". Etwas kundigere Menschen erwähnen eventuell den Großen Salzsee bei Salt Lake City und dass man schon von einem Paar netter mormonischer Missionare - sie treten beinahe ausschließlich als duale Einheit auf - an seiner Haustüre oder auf dem Marktplatz der Innenstadt angesprochen wurde. Sportbegeisterte Informanten werden vielleicht noch die bevorstehende Winterolympiade in Salt Lake City ansprechen oder das unglückliche Händchen der NBA Basketballmannschaft Utah Jazz bei den Finalspielen der letzten Jahre, wobei dieses Beispiel sich schon gar nicht mehr auf die Mormonen selbst, sondern lediglich auf ihr Umfeld beziehen. Und damit endet das wenig produktive Brainstorming.

Eine Darstellung des Körperbildes der Mormonen ist aus zwei Gründen für eine wissenschaftliche Untersuchung interessant: zum einen ist die These von der allmählichen Austrocknung des religiösen Elements in der Gesellschaft, wie sie besonders in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts vertreten wurde, angesichts der hohen Wachstumsraten von religiösen Gemeinschaften wie etwa der Mormonen nicht länger haltbar. Die Religion ist ein Bereich der Gesellschaft, der den Menschen als zentrales Objekt seines Interesses hat, und der Körper kann dabei nicht abgetrennt werden. Wie inkludiert nun eine außergewöhnliche Glaubensgemeinschaft wie die der Mormonen den Körper in die Logik ihres Systems? Zum anderen kann am Beispiel der Mormonen exemplarisch dargestellt werden, wie sich Versuche einer Neudefinition des Menschseins nach dem Zeitalter der Aufklärung und zu Beginn der jüngeren Neuzeit (ab etwa 1800) auf das Körperbild neuartiger metaphysischer Welterklärungsversuche auswirkten.

In dieser Arbeit wird aus sportwissenschaftlicher Sicht dargestellt, wie die Vorstellung von Körperlichkeit im religiösen System der Mormonen konstruiert, beurteilt und behandelt wird, und welche Folgen sich daraus für die Einstellung der Mormonen zu Sport und Vergnügen ergeben. Fragen, die sich dabei stellen, sind: Was ist der menschliche Körper im Glaubenssystem der Mormonen? Ist der Körper etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Darf man seine Bedürfnisse ausleben oder muß man sie unterdrücken? Darf oder muß er sogar sportlich bewegt werden? Gibt es Vorschriften zu seiner Behandlung? Aufgabe der Arbeit ist es dagegen nicht, die sportlichen Aktivitäten der Mormonen ausführlich zu beschreiben oder die praktischen Auswirkungen der Religion auf die Art und Weise des Sporttreibens genauer zu untersuchen. Sowohl der zeitliche wie auch der inhaltliche Rahmen einer Examensarbeit bedingt diese Entscheidung; das auszuwertende Material war umfangreich genug, und das Werk soll ja auch ein schlüssiges Ende finden.

Obwohl die Mormonen für den Forscher aufgrund des außergewöhnlichen Charakters ihres Glaubenssystems und Lebensstils bei einer gleichzeitigen Homogenität als soziale Gruppe ein lohnenswertes Objekt für Untersuchungen darstellen, wurden sie bis heute in der deutschen Wissenschaftslandschaft weitgehend vernachlässigt. Dies geschah sicher auch deswegen, weil die Mormonen hierzulande nur eine kleine Gruppe bilden, die wenig Einfluß auf das soziale Leben in Deutschland hat und daher auch wenig Aufmerksamkeitszuwendung genießt. In den Vereinigten Staaten von Amerika stellt sich die Situation jedoch völlig anders dar. Dort hat die Mitgliederzahl im Jahr 2001 die fünf Millionen Grenze bereits überschritten, und zahlreiche wissenschaftliche Bearbeitungen zum Thema Mormonentum wurden unternommen. Entsprechend sieht die geographische Distribution der Informationsquellen aus: in Deutschland ist nur sporadisch und zumeist wenig aktuelle wissenschaftliche Literatur über diese Kirche zu finden. Für das Studium von Quellen aus erster Hand ist daher eine Recherche vor Ort, d. h. im US-Bundesstaat Utah selbst, unerlässlich. In der Zeit von September 1997 bis August 1998 studierte ich an der staatlichen University of Utah in Salt Lake City; allerdings hatte ich damals nur spärlichen Kontakt zu den Mormonen. Im Sommer diesen Jahres (2001) verbrachte ich dann einen vierwöchigen Forschungsaufenthalt in Utah, um an der University of Utah in Salt Lake City und an der Brigham Young University in Provo, einer mormonischen Privatuniversität, die nötigen Quellenstudien zu betreiben. Dass der überwiegende Teil der für diese Arbeit ausgewerteten Literatur daher englischsprachig ist, ist leicht einsehbar. Aus diesem Grund und weil die Mormonen in ihrer Religion großen Wert auf sprachliche Exaktheit legen, habe ich mich dazu entschlossen, auch die heiligen, kanonischen Schriften (Bibel, "The Book of Mormon," "Doctrine and Covenants," "Pearl of Great Price") im englisch Original zu zitieren. So bleibt die linguistische Kontiuität gewahrt. Bei der zitierten Sekundärliteratur handelt es sich zum größten Teil um Kirchenpublikationen und Aussagen von Personen, die in der Kirchenhierarchie eine hochstehende Position einnehmen und somit zumindest bis zu einem gewissen Grad die offizielle Kirchendoktrin vertreten.

Ein Problem, das sich bei jeder Einführung in ein unbekanntes Themengebiet ergibt, ist die "Sequenzierung des Theorieaufbaus" (Luhmann 1993: 173), also die Frage, an welchem Punkt eines komplex strukturierten Theoriegebäudes man mit Erklärungen einsteigen soll: A erklärt B, B erklärt C, A ist ohne C nicht verständlich und so läuft man Gefahr, im Zirkelschluss des Unerklärbaren zu enden. Meine Bitte an den Leser lautet daher, besonders am Anfang seine Toleranzgrenze für Unverständnis möglichst hoch anzusetzen. Um diese Verständnishürde jedoch nicht zu groß werden zu lassen, muß einige definitorische Vorarbeit geleistet werden.

Die Ausführungen in dieser Arbeit beziehen sich ausschließlich auf die Religionsgemeinschaft der Church of Jesus Christ of Latter-day Saints mit Hauptsitz in Salt Lake City. Das ist insofern wichtig zu vermerken als es zahlreiche mormonische Splittergruppen gibt, die teilweise gravierende Unterschiede in ihrer Theologie aufweisen. Wenn in dieser Arbeit von Sport ohne weitere Spezifizierung die Rede ist, ist immer die gesamte Familie sportlicher Betätigungen mit eingeschlossen (Breitensport, Leistungssport, Freizeitsport u.ä.). Für das weite Feld der Freizeitbeschäftigung, der Zerstreuungen und des Vergnügens werde ich als Oberbegriff in Anlehnung an den englischen Begriff "recreation" das deutsche Fremdwort "Rekreation" verwenden; die deutsche Sprache bietet für diesen Bereich meines Wissens keinen vergleichbaren Ausdruck. Hinzu kommt, dass die Amerikaner auf dem Gebiet "recreation and leisure studies" schon seit längerem wissenschaftlich tätig sind. Bei der Definition des Begriffes "Körper" wäre es zwar 'theologisch' treffender, von der Leiblichkeit als Aspekt menschlicher Existenz zu sprechen und dabei die ganze Spannbreite dessen im Auge zu behalten, was im Neuen Testament mit den Worten »Leib« (soma) und »Fleisch« (sarx) angesprochen wird" (Kurz 2000: 152, Hervorh. von mir). Da wir uns hier allerdings im Bereich der Sportwissenschaft befinden, wird die Bedeutung des Wortes "Körper" als die rein physische Einheit des Menschen definiert. Dass die Mormonen dies etwas anders sehen, ist eben das Kernproblem dieser Arbeit.

Und noch ein schwieriges Definitionsproblem möchte ich hier gleich am Anfang noch erwähnen, das sich aber im Laufe dieser Arbeit häufig stellen wird: Sind die Mormonen Christen, bzw. können sie dem Christentum zugerechnet werden? Die traditionellen christlichen Kirchen verneinen dies vehement (vgl. Lutherisches Kirchenamt 2000: 413). Die Mormonen selbst bestehen allerdings auf der Klassifizierung als Christen, da für sie als Aufnahmekriterium der Glaube an Jesus Christus gilt, und dieser spielt in der Tat in ihrer Religion eine zentrale Rolle (vgl. Hinckley 1982). In einer vieldiskutierten Studie über das Wachstum der Mormonen meint der Soziologe Rodney Stark (1984: 23) dazu: "the Mormons are a new religion" (Hervorh. von Stark), trotz aller Ähnlichkeiten mit dem Christentum. Stark und Bainbridge (1985: 245ff) klassifizieren die Church of Jesus Christ of Latter-day Saints aufgrund wichtiger Elemente in ihrer Geschichte und Theologie, die in zentralen Fragen stark von grundlegenden Lehren des Christentums abweicht, zwar als Kult, sind aber selbst nicht ganz zufrieden mit diesem Urteil: die Größe, Verbreitung und Organisation der Kirche und die anvisierte Zielgruppe für die Missionsanstrengungen sprächen dagegen.

Im folgenden werde ich um der Klarheit wegen die Mormonen als nicht-christliche Religion bezeichnen; eine Wertung soll damit nicht erfolgen. Auch der Generalwissenschaftler Harold Bloom (1992: 81) zählt die Mormonen nicht zu "what historically has been considered Christianity", hält sie dafür aber für eine genuin amerikanische Religion, da sie einzig und allein auf amerikanischem Boden entstanden sei (Bloom 1992: 116). Wenn auch diese Reduktion der Charakterisierung auf eine geographische Verortung das Problem stark vereinfacht - schließlich beruht die dominante Religion des Abendlands, das Christentum, in ihren Ursprüngen auf einer Ideologie aus dem hebräischen Morgenland und wird dennoch als westliche, europäische Religion bezeichnet - so kann man die Klassifizierung als amerikanische Religion dennoch stehen lassen insofern man in den Oberbegriff "Amerika" nicht nur die geographische, sondern auch die ideologische Verortung mit einbezieht. Es sind nämlich meiner Meinung nach zutiefst amerikanischen Werte, die die Grundzüge dieser Religion ausmachen.

Gang der Untersuchung:

Den Anfang (Kap. 1) soll nun eine kompakte Darstellung der geschichtlichen Entwicklung der Mormonen und ihrer Kirche machen. Dies halte ich für nötig, da man eine entsprechende Kenntnis beim Leser nicht voraussetzen kann und die geschichtlichen Entwicklungen eine wichtige Rolle für das Verständnis des mormonischen Glaubens spielen. Einige Worte zu Struktur und Organisation der Kirche (Kap. 2) haben die gleiche Funktion. Daran anschließen wird sich eine ausführlichere Beschreibung der grundlegenden Glaubensinhalte der mormonischen Theologie (Kap. 3), die eine Verständnisbasis für die folgenden Kapitel aufbauen soll. Auf diese Basis wird dann das nächste Kapitel (Kap. 4) mit dem Menschen als zentrales Thema zurückgreifen, bevor dann auf den Bereich Rekreation und Sport (Kap. 5) eingegangen wird. Schließlich soll nach einer kurzen Zusammenfassung eine Einordnung des Menschenbildes in die theologische und gesellschaftliche Geschichte und Gegenwart sowie ein Ausblick gegeben werden (Kap. 6).

Den Abschluß bildet ein Anhang mit Abschriften des "Word of Wisdom" und den "Articles of Faith." Inhaltlich bauen die einzelnen Kapitel aufeinander auf und sind untereinander stark verflochten. Gelegentliche Inhaltsredundanzen sollten daher als Rückbezüge auf vorher Gesagtes und außerdem als Verständnishilfen angesehen werden. Und schließlich: ich bin weder Mormone, noch habe ich die Intention, jemals Mormone zu werden; im Grunde bin ich Atheist.

Inhaltsverzeichnis:

EINLEITUNG 1
1. GESCHICHTE 7
1.1 Die Anfänge in Neu England 9
1.2 Wachstum in Missouri und Illinois 14
1.3 Exodus und Pionierjahre in Utah 19
1.4 Zeit des Wandels nach der Jahrhundertwende 24
1.5 Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg 25
2. AUFBAU DER KIRCHENSTRUKTUR 27
2.1 Personale Struktur 27
2.2 Organisatorische Einteilung und Mitgliederzahl 29
3. ALLGEMEINE DOGMATIK 31
3.1 Der Restaurationsgedanke 32
3.2 Die kanonischen Schriften 34
3.3 Die Gottheit und die Folgen der "literal-mindedness" 37
3.4 Der Mensch und die drei Stadien seiner Entwicklung 39
3.5 Die Zeit des Menschen auf der Erde 44
3.6 Priestertum, Tempelrituale und Missionierung 46
3.7 Absolute Wahrheiten 52
4. DER KÖRPER IN DER THEOLOGIE DER MORMONEN 53
4.1 Das Körperbild der Mormonen: der Tempel Gottes auf Erden 53
4.1.1 Weiblichkeit 60
4.1.2 Black Americans 63
4.2 Das Gesundheitspostulat des "Word of Wisdom" 65
5. REKREATION UND SPORT 71
5.1 Einstellung zu Rekreation und Vergnügen 71
5.1.1 Theologische Hintergründe 71
5.1.2 Geschichtliche Entwicklung 75
5.2 Einstellung zum Sport 80
5.2.1 Geschichtliche Entwicklung 80
5.2.2 Theologische Hintergründe 82
6. ZUSAMMENFASSUNG, EINORDNUNG UND AUSBLICK 85
6.1 Die Mormonen und das Körperbild der Neuzeit 86
6.1.1 Hellenismus und Christentum 86
6.1.2 Puritaner, Awakening und Romantik 87
6.1.3 Das ideologische Umfeld in Amerika zur Gründungszeit der Mormonenkirche 89
6.1.4 Die Selektionsleistung Joseph Smiths 91
6.2 Die Mormonen und die moderne Körperlichkeit 93
ANHANG 99
Word of Wisdom 99
The Articles of Faith 101
LITERATUR 102
 
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