Einleitung:
Theorie und Methoden des Taijiquan sind nicht leicht zu erschließen. Die in der Qing-Zeit entstehende literarische Überlieferung besteht aus zumeist kurz und knapp gefassten Texten, deren Inhalt reich, aber auch vieldeutig ist. Das klassische Werk "Über das Taijiquan" von Wang Zongyue (1736-1795) aus der Provinz Shanxi, umfasst nur etwa 300 Schriftzeichen. Von ähnlicher Kürze sind die Dokumente "Wichtige Erklärungen über die Ausführung der dreizehn Stellungen" von Wu Yuxiang (1812-1880) und "Erläuterung zu den fünf Wörtern [Begriffen]" von Li Yiyu (1832-1892). Diese Werke fassen den jeweiligen Forschungsstand über das Taijiquan zusammen. Ihre Kürze darf jedoch nicht darüber täuschen, dass sie das Ergebnis intensiver theoretischer Studien sind. Beispielsweise schreibt Wang Zongyue in seinem Werk "Über das Taijiquan": "Was das Taiji betrifft, so entsteht es aus dem Wuji. [Es] hat den Zustand von Bewegung und Ruhe und ist die Mutter von Yin und Yang" (Wang Zongyue, 1791).
Hierbei handelt es sich offensichtlich um die Zusammenfassung seiner Theorie über die Bewegungen des Taijiquan, zu dem er aufgrund seiner intensiven Studien über die chinesische traditionelle Philosophie und Kultur gelangte. In seiner Schrift finden sich jedoch keinerlei Äußerungen über die von ihm benutzten Quellen oder den von ihm eingeschlagenen Erkenntnisweg. Dies führt dazu, dass seine Theorien und Methoden des Taijiquan nicht nur schwer zu begreifen sind, sondern auch dazu, dass in der weiteren Entwicklung von Theorie und Methode des Taijiquan Mehrdeutigkeit und Unklarheit auftauchen. Es geht daher heute darum, sowohl die theoretischen Voraussetzungen als auch die Denkweise der Verfasser der klassischen Schriften des Taijiquan zu ergründen und sich dabei bewusst zu sein, dass dies die eigentliche Schwierigkeit beim Verständnis der traditionellen Theorien und Methoden des Taijiquan ist. Bis heute fehlen für die Praxis des Taijiquan eindeutige Begriffe, die das System erhellen. Allein dass ein Gelehrter wie Wang Zongyue seinen Denkprozess nicht offen legt, bedeutet nicht, dass dem Ergebnis kein Prozess intensiver theoretischer Überlegungen vorausgegangen ist. Wenn es der heutigen Forschung gelingt, sowohl diesen Prozess als auch dessen Prämissen herauszuarbeiten und so die traditionellen theoretischen Auffassungen und Methoden greifbar und für die Praxis verständlich zu machen, dann werden gerade die von der traditionellen chinesischen Philosophie geprägten Begriffe des Taijiquan durch ihre Offenheit Raum für neue Interpretationen bieten.
Wenn ein Taiji-Gelehrter tief in sein Forschungsgebiet eingedrungen ist und die von ihm erzielten Einsichten vielfältig sind, dann darf man dahinter ein systematisches Denken vermuten, selbst wenn dies die äußere Form seiner Aussagen nicht ohne weiteres erkennen lässt. Würde es an diesem systematischen Denken fehlen, so wäre er gar kein Gelehrter des Taijiquan, und weder würden seine Erklärungen und Einsichten die Praxis des Taijiquan anleiten, noch würde er in der Theorie des Taijiquan eine Position einnehmen. Aufgabe der vorliegenden Untersuchung soll es sein, hinter den Schriftzeugnissen dieser frühen Gelehrten das System ihres Denkens und ihrer Theorien sichtbar zu machen. Dies soll durch die Einordnung, Beurteilung sowie Ergänzung der zum Teil nur bruchstückhaft erhaltener Materialien erfolgen.
In den ursprünglichen Theorien und Schriften des Taijiquan werden zahlreiche ausgewählte Begriffe der chinesischen Philosophie verwendet wie etwa die des Taiji, Yin und Yang oder des Dao. Diese Begriffe dienen dazu, das Taijiquan als Körperbewegungskultur zu beschreiben und zu erklären. Ihr Gebrauch erfolgt jedoch nicht einheitlich, und es wird weder ihr genauer Inhalt noch ihre Funktion definiert. Das erschwert die Analyse und Beurteilung der traditionellen Theorie und der Methoden des Taijiquan. Will man einen Gedanken oder Lehrsatz des Taijiquan erklären und seine Stellung innerhalb des Systems des traditionellen Taijiquan bestimmen, so kann dies nicht gelingen, wenn man sich keine klare Vorstellung von der ursprünglichen Quelle und von den der traditionellen chinesischen Philosophie entlehnten Inhalten macht. Erst danach ist es möglich zu erkennen, wie diese Begriffe in die Theorie des Taijiquan eingeführt wurden, welchen Einfluss und welche Funktion sie hatten und haben.
Die erste Aufgabe der vorliegenden Arbeit liegt daher darin, die in der traditionellen Taijiquan-Theorie üblichen Begriffe zu klären und zu diskutieren. Welche Bedeutungen und Inhalte haben sie? Auf welche Weise wurden sie in die traditionelle Theorie des Taijiquan eingeführt? Welchen Veränderungen unterliegen sie nach der Einführung in das System und welche Funktion nehmen sie darin ein? Bei der Analyse der Begriffe wie Taiji, Wuji, Yin und Yang, Dao u.a., die eine wichtige Position und grundlegende Funktion in den traditionellen Theorien des Taijiquan haben, wird daher zuerst nach der Quelle gesucht. Die genauen und teilweise unterschiedlichen Inhalte dieser Begriffe in der Philosophie einerseits und den traditionellen Theorien des Taijiquan andererseits sind zu untersuchen sowie Bedeutung und Einfluss der traditionellen chinesischen Philosophie auf das Taijiquan zu klären. Das soll die theoretische Grundlage und Voraussetzung für die weitere Diskussion bilden, in der es um die Analyse der Besonderheit und Systematik der traditionellen Theorien des Taijiquan geht. Die Suche nach den theoretischen Quellen des Taijiquan ist eine grundlegende Arbeit und unabdingbar für das tiefere Verständnis der traditionellen Theorie und der Methoden des Taijiquan.
Die zweite Aufgabe der hier vorgelegten Untersuchung ist es, die traditionellen Theorien und Methoden des Taijiquan zu erklären und einzuordnen. Die mehr als zweihundert Jahre alte Schrift von Wang Zongyue "Über das Taijiquan" ist wegweisend für die Entstehung von Theorie und Methoden des Taijiquan. Heute gibt es zahllose Artikel und Bücher über das Taijiquan. Diese beschreiben jedoch zumeist die Eindrücke von Praktizierenden und Liebhabern des Taijiquan bzw. beschäftigen sich mit einzelnen Fragen des Taijiquan. Einige handeln von der Theorie und den Methoden des Taijiquan und geben den jeweiligen Stand der Forschung wieder. Hieraus folgt die Aufgabe, aus den vorhandenen Darstellungen und Materialien jene Werke, die einen starken Einfluss auf Bildung und Entwicklung des Taijiquan ausüben, auszuwählen und in Beziehung zueinander zu setzen, um der Theorie und den Methoden des Taijiquan eine klare Struktur zu geben. Ferner sollen die wichtigsten Theorien und Methoden seit Entstehung des Taijiquan beleuchtet werden. Neben den traditionellen Schriften des Taijiquan entstanden im Zeitraum zwischen Mitte des achtzehnten Jahrhunderts bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts heute allgemein anerkannte klassische Dokumente von großer wissenschaftlicher Bedeutung. Diese knapp gefassten Texte sind in altertümlicher Sprache geschrieben und enthalten nur wenige Fachausdrücke. Sie müssen daher in die moderne Sprache übertragen und kommentiert werden, um die traditionellen Theorien und Dokumente besser verstehen zu können. Dies stellt eine wesentliche Aufgabe der Taijiquan -Forschung dar.
Die dritte Aufgabe besteht darin, das theoretische System des Taijiquan in den Texten einzelner Gelehrter herauszuarbeiten. Praxis und Theorien des Taijiquan beschäftigen sich mit den gleichen Fragen, die Wissenschaftler haben zum Teil aber unterschiedliche Denkansätze. So setzt der Gelehrte, der das "Wushi" (Kampfkultur), d.h. den Angriff und die Abwehr betont, andere Schwerpunkte als derjenige, der sich den positiven Auswirkungen des Taijiquan auf die Gesundheit oder seinem Freizeitwert widmet. Jedes einzelne System ist vergleichbar einem menschlichen Individuum, welches eine einzigartige Gestalt besitzt. Die Gelehrten mögen die gleichen Bewegungsformen des Taijquan erlernt haben, bilden aber ihren je eigenen Stil aus. Ihr jeweiliges System sollte daher konkret erklärt werden, um es lebendig und anschaulich werden zu lassen. Der Interpretation des Taijiquan ist es nicht zuträglich, das lebendige System eines Taijiquan Meisters unnatürlich aufzuspalten. Dies wäre wie einen lebenden Menschen zu zerteilen um ihn anschließend wieder zusammenzusetzen. Selbst wenn dies gelänge, wäre dieser Mensch nicht mehr am Leben.
Die vierte Aufgabe liegt darin, die Prämissen und Denkansätze der Auffassungen und theoretischen Systeme verschiedener Gelehrter zueinander in Beziehung zu setzen sowie deren Übereinstimmungen und Differenzen herauszuarbeiten. Die Ausgangsfragen des theoretischen und praktischen Ansatzes sind dabei gleich. Daher existiert eine objektive Beziehung zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Arbeiten, sie bilden den gemeinsamen Ausgangspunkt für die Erforschung des Taijiquan. In diesem Zusammenhang soll weiterhin versucht werden zu klären, wie die einzelnen Autoren zu bestimmten Schlussfolgerungen gelangt sind, was bedeutet, sowohl die Voraussetzungen als auch den Prozess selbst, der zu den jeweiligen Aussagen geführt hat, zu analysieren. Das kann nicht nur zum Verständnis der klassischen traditionellen Theorie und Methoden des Taijiquan führen, sondern zugleich der Schulung des theoretischen Denkens des Taijiquan-Übenden wie der heutigen Taijiquan-Forscher dienen.
Wenn die vorangegangenen Überlegungen und Untersuchungen zur Entwicklung einer objektiven Basis für die Betrachtung der unterschiedlichen Theorien, Äußerungen und Methoden geführt haben, so sollen zuletzt die jeweiligen Besonderheiten analysiert werden. Jeder Forscher des Taijiquan beobachtet, denkt und berichtet aus seiner Sicht und aufgrund seiner persönlichen Erfahrung. Von diesen Darlegungen sind manche wesentlich, andere unwesentlich, teils sind sie vielseitig, teils einseitig. Manchmal handelt es sich sogar um bloße Mutmaßungen, die jeder Grundlage entbehren. An dieser Stelle werden nur solche Theorien und Methoden, deren Geschichte einer objektiven Überprüfung standhält und die das Wesen der Praxis des Taijiquan widerspiegeln, ausgewählt. Ein umfassendes theoretisches System, welches auch die wesentlichen Besonderheiten des Taijiquan einschließt, bedarf der Erläuterung und Begründung, damit das Wesen des Taijiquan tiefer begriffen werden kann. Dann lässt sich auch von einem fundamentalen System sprechen, das die Basis der Forschung bilden kann und quasi den Prototyp der Taijiquan-Theorie. In der vorliegenden Arbeit soll dies das Ergebnis der Überarbeitung der Theorien, bei der Ganzheitsaspekt und das Außerordentliche des Taijiquan im Vordergrund stehen, sein.
Sämtliche Aspekte dieser Untersuchung haben folgendes gemeinsam: will man die Meinungen und Theorien des Taijiquan erforschen, hat man sich zunächst der Prämissen der Forscher zu vergegenwärtigen, d.h. die Frage nach dem Inhalt seiner Gedanken aufzuwerfen und zu untersuchen, wie und warum er auf seine Weise denkt und sich ausdrückt. Erst dann lassen sich die Theorien, unterschiedlichen Meinungen und Vorstellungen richtig wiedergeben. Dies ist ein äußerst schwieriges Unterfangen. Denn das Taijiquan ist als traditionelle Körperbewegung und Bewegungskultur zunächst Praxis. Ohne Blick auf die praktische Seite des Taijiquan lassen sich die Meinungen und Theorien daher nicht verstehen. Daher gilt es auch diese Seite zu begreifen und zu beherrschen. So sind die Ergebnisse der praktischen Taijiquan-Forschung nicht nur hilfreich, um die Praxiserfahrungen zu vertiefen, sondern auch um zum Verständnis der Theorie des Taijiquan beizutragen. Auf dieser Basis lassen sich Leitlinien und Regeln für die Theorie des Taijiquan aufstellen, welche der Praxis des Taijiquan eine klare theoretische Anleitung geben und die Herausforderung für ihre Weiterentwicklung darstellen.
Bedeutsam für die Forschung sind ferner geschichtliche Daten und Fakten. Unsere Kenntnisse über das Taijiquan basieren auf ausreichend umfassenden, historischen Dokumenten, die sorgfältig zu analysieren und in einen Gesamtkontext zu stellen sind. Der Forschungsprozess ist vergleichbar mit dem eines Bauprojektes, bei dem das Fundament die notwendige Basis für den gesamten Bau bildet. Bei der Taijiquan-Forschung besteht das Fundament aus geschichtlichen Daten und Fakten. Die heutigen Erkenntnisse gründen sämtlich auf den Schriften der frühen Taijiquan-Gelehrten. Dieses sind die aufschlussreichsten Materialien, weil sie Primärquellen aus erster Hand sind, d.h. direkt von den frühen Gelehrten verfasst wurden. Da sie in der klassischen Schriftform geschrieben sind, ist ihre Interpretation zumeist den Philologen vorbehalten. Die Forscher des Taijiquan können jedoch aufbauend auf den Ergebnissen der philologischen Forschung die theoretische Bedeutung der philosophischen Texte analysieren. Insoweit ist die logische Struktur des jeweiligen theoretischen Systems zu erkennen und dessen Denkansatz zu verstehen. Erst dann lassen sich die philosophischen Meinungen und Erkenntnisse über das Taijiquan sicher einschätzen und die Inhalte einzelner Theorien lebendig und anschaulich beschreiben.
Will man über die traditionelle Theorie des Taijiquan forschen, sollte man daher die früheren Werke, die Materialien aus erster Hand studieren und ihre theoretische Bedeutung verstehen lernen. Auch die Beobachtung und Ausübung des Taijiquan kann dazu beitragen, ein Gefühl für diese Bewegungskultur zu bekommen. Dies kann zweifellos das Verständnis früherer Schriften über das Taijiquan erleichtern und zur Bildung eigener Erkenntnisse beitragen.
Als traditionelle Kultur weist die Theorie des Taijiquan einen Mischcharakter auf. Deren theoretische Aussagen stehen in enger Beziehung zur Philosophie, Kultur und traditionellen chinesischen Medizin. Insbesondere in den frühen Schriften des Taijiquan finden sich die Begriffe der traditionellen chinesischen Philosophie wie die des Taiji, Wuji, Yin und Yang. Mittels dieser Begriffe versuchte man bereits damals, das Taijiquan zu analysieren und zu veranschaulichen. Die Besonderheit des Taijiquan zeichnet sich durch eben seinen engen Bezug zur chinesischen Philosophie und Kultur aus. Sowohl diese philosophische Fachsprache als auch der Inhalt dieser Kategorien ist Gegenstand der vorliegenden Forschungsarbeit.
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