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Titel Nationale Stereotype in der italienischen Sportberichterstattung 
Untertitel Eine quantitative und qualitative Untersuchung des Deutschlandbildes in der Fußball-Berichterstattung des 'Corriere della Sera' zur WM 2006, EM 2008 und WM 2010 
AutorIn Helena Pleier 
Seiten 132 Seiten 
Hochschule Ludwig-Maximilians-Universität München Deutschland 
Art der Arbeit Magisterarbeit 
Abgabe 2011 
Note 1,15 
Preis 28,00 EUR (inkl. MwSt.)
 
Bestellnummer 75016914 
Sprache Deutsch 
Medien  
Inhaltsangabe
Einleitung:

Woher beziehen wir unser Wissen über fremde Länder, ihre Eigenheiten und ihre Gepflogenheiten? Ein ausdifferenziertes Bild ist dann möglich, wenn man einige Zeit im anderen Land verbringt und sich mit der dortigen Kultur vertraut macht. Diese Primärerfahrungen sind heutzutage viel eher möglich als noch vor wenigen Jahrzehnten. Doch während deutsche Touristen jeden Sommer über italienische Strände herfallen und so ihren Beitrag zu einem eher einseitigen Nationenbild leisten, gilt Deutschland für die Italiener als ein eher unattraktives Reiseziel und ist deswegen für die überwiegende Mehrheit ein wenig bekanntes Land - sie kennen es viel schlechter als im umgekehrten Fall.

Aus diesem Grund sind es hauptsächlich die Massenmedien, durch die in Italien Informationen über Deutschland bezogen werden. Allerdings konstatiert Roberto Giardina auch hier ein eklatantes Desinteresse aus italienischer Sicht. Denn was 'man über Deutschland schreibt, interessiert in Italien niemanden, auch die Kollegen und den Chefredakteur nicht'.

Eine Ausnahme stellt der Fußball-Sport dar. Dieser ist sowohl in Italien als auch in Deutschland von enormer Relevanz: 'Il gioco del calcio ha avuto fin dall'inizio ampia diffusione e grande rilevanza sociale sia in Germania sia in Italia'. Dabei haben beide Länder auf internationaler Ebene große Erfolge zu verbuchen:

Sia l'Italia sia la Germania, due paesi nel Pallone, hanno un cospicuo bottino di vittorie, seconde solo al Brasile, con alti e bassi però che hanno costellato di grande entusiasmo e di cocenti delusioni la loro storia, tra campionati europei e mondiali, alternantisi ogni due anni.

Die Brisanz von internationalen Fußball-Turnieren führt dabei zu einem besonderen medialen Interesse. Fußballartikel erscheinen dann auf der Titelseite, es werden Sonderseiten gedruckt und neben dem eigentlichen Spielgeschehen wird ausführlich über Land und Leute berichtet:

Nicht das Sportspiel (kursiv im Original) Fußball selbst produziert schon kulturelle Bedeutung(en), sondern erst diejenigen Geschichten, die rund um das Spielgeschehen erzählt werden. Dauert das eigentliche Sportspiel die bekannten 90 Minuten, so nimmt das dazugehörige Gesellschaftsspiel (kursiv im Original) mit seinen mal antizipatorischen, mal nachgetragenen Narrativierungen und Diskursivierungen den zigfachen Umfang ein und bietet zudem die bevorzugten Orte der meist wenig reflektierten Reproduktion von Nationalstereotypen.

Kurzum - der Mediensport kann als bedeutender Vermittler von nationalen Bezügen gesehen werden: Den Sportlern werden in der Berichterstattung nichtsportliche Eigenschaften und allgemein gesellschaftliche Stereotypisierungen übertragen, der Athlet als Träger von öffentlichen Bildern wird zum Repräsentanten nationaler oder gesellschaftlich relevanter Eigenschaften.

Für eine Untersuchung des italienischen Deutschlandbildes bietet sich die Sport-Berichterstattung italienischer Medien also an. Eine derartige Analyse bleibt nicht auf die Wahrnehmung länderspezifischer Spielstile beschränkt, sondern wirft ihren Blick über den Tellerrand hinaus, wie folgende Aussage aus der Berichterstattung des Corriere della Sera belegt:

Non bisogna mai fare l' errore di sovrapporre una squadra nazionale con la Nazione stessa, eppure ci sono momenti in cui questa identificazione è così viva, così palpabile che ogni distinguo diventa pura accademia. Magari giocassimo come la Germania, in tutti i sensi!

Wie Deutschland spielen zu können, so lautet der sehnsüchtige Wunsch des Corriere della Sera nach dem überragenden 4:0-Sieg der deutschen Mannschaft über die Argentinier bei der Weltmeisterschaft 2010 - ein Sieg, auf Grund dessen den Deutschen das Prädikat 'bellissimi' zuerkannt wurde. Überdeutlich zeigt sich die Untrennbarkeit der Sphären Fußball und nationale Identität. Man solle sich Deutschland zum Vorbild nehmen, so die Aufforderung, und zwar sowohl im Fußball als auch im gesellschaftlichen und politischen Bereich. Jan Berting und Christina Villain-Gandossi sprechen in diesem Zusammenhang von einem möglichen missionarischen Anspruch. Der Fußball-Kenner wird jedoch aufhorchen - neidloses Lob für den Spielstil einer deutschen Mannschaft? Eine Mannschaft, die seit Jahrzehnten eher für einen zwar effektiven, aber in höchstem Maße unattraktiven Spielstil bekannt ist? Die deutsche Band Sportfreunde Stiller besang dies anlässlich der Weltmeisterschaft 2006 mit etwas selbstironischen Worten:

Wir haben nicht die höchste Spielkultur.

Sind nicht gerade filigran.

Doch wir haben Träume und Visionen.

Und in der Hinterhand nen Master Plan.

Ein erster Blick in die Berichterstattung der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera lässt jedoch vermuten, dass die deutschen Panzer und effizienten Ergebnisspieler in den letzten Jahren verschwunden sind. Über die deutsche Mannschaft wird mit unerwartet positiven Worten berichtet, in Überschriften wird ihnen die Eigenschaft zuerkannt, phantasievoll zu spielen: 'La nuova Germania manda la fantasia al potere', sogar von Champagner-Fußball ist die Rede.

Kann eine Untersuchung des Deutschlandbildes in der italienischen Sport-Berichterstattung diesen ersten Eindruck empirisch belegen? Welche fußballspezifischen Eigenschaften werden den deutschen Spielern von der italienischen Presse zugeschrieben? Welche Attribute werden über den Fußball-Kontext hinaus den Deutschen allgemein zugeteilt? Werden durch die Berichterstattung weitere Informationen etwa in Form von Ersatzbezeichnungen für die deutsche Mannschaft bzw. die Deutschen transportiert oder Germanismen als Fremdheitsmarker, die das medial vermittelte Deutschlandbild komplettieren? Kurzum - wie wird durch die Sport-Berichterstattung ein Nationenbild geformt und u.U. verändert?

Diese Fragen beschäftigen im zweiten Teil der Arbeit, in dem die Analyse von knapp 200 Artikeln des Corriere della Sera über die Weltmeisterschaften 2006, 2010 und die Europameisterschaft 2008 Aufschluss über das Deutschlandbild im Spiegel der italienischen Sport-Berichterstattung geben soll.

Der theoretische Rahmen stellt die Grundlage für die empirische Untersuchung dar. Nach einem kurzen Abriss zu den Charakteristika und Eigenheiten der Fremdwahrnehmung werden die für die folgende Untersuchung relevanten Begriffe 'Stereotyp', 'nationales Stereotyp', 'Image' und 'Nationenimage' voneinander abgegrenzt und für den Kontext der vorliegenden Arbeit definitorisch eingegrenzt. Als kognitiv-affektive Konstrukte finden das Stereotyp und die mit ihm verwandten Begriffe ihren Niederschlag in der Sprache. Um die formale Darstellung von Stereotypen und weitere Fremdheitsmarker im Text wie den Gebrauch von Germanismen und Ersatzbezeichnungen adäquat beschreiben zu können, dient das Kapitel 2.3 den sprachwissenschaftlichen Grundlagen. Die ausführliche Darstellung der jeweiligen Selbst- und Fremdbilder der Deutschen und Italiener ist nötig, um bei der Analyse altbekannte Stereotype aufdecken zu können. Auf die besondere Wirkung von Massenmedien in Bezug auf nationale Stereotype soll in Kapitel 2.5 eingegangen werden. Schließlich konstatiert der status quo der Forschung ein Erkenntnisdefizit im deutsch-italienischen Kontext hinsichtlich einer Untersuchung des Deutschlandbildes in der italienischen Sport-Berichterstattung.

Anknüpfend an die theoretischen Vorüberlegungen widmet sich Kapitel 3 der Untersuchung der Fußball-Berichterstattung zur Weltmeisterschaft 2006, Europameisterschaft 2008 und Weltmeisterschaft 2010. Nach einer Konkretisierung des Forschungsziels, der Darlegung der methodischen Vorgehensweise und der Präsentation der quantitativen Ergebnisverteilung wird die italienische Fußball-Berichterstattung anhand verschiedener Kategorien auf ihr transportiertes Deutschlandbild untersucht. Ein abschließendes Fazit soll die verschiedenen Erkenntnisziele der Untersuchung zusammenführen.

Der Schlussteil der vorliegenden Arbeit dient dem Versuch einer Synthese aus dem theoretischen und praktischen Teil und wagt einen Ausblick über mögliche Entwicklungen. Im Anhang finden sich weiterführende Informationen zum Quellenmaterial und die fremdbildhaltigen Textbelege.

 
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