Einleitung:
Die Darstellung des Holocaust in der Kunst bietet Anlass zu zahlreichen Diskussionen. Gerade bei der Verknüpfung des Themas "Holocaust" mit der Kunstform Theater stellen sich Fragen: Wie kann ein Akt von derartiger Grausamkeit auf der Bühne dargestellt werden? Ist es überhaupt legitim, den Massenmord der Nationalsozialisten zum Gegenstand der Kunst zu machen, auch wenn eine politische Wirkung beabsichtigt ist? Die oft zitierte und häufig missverstandene Aussage Adornos gibt zunächst eine eindeutig negative Antwort auf diese Frage. Dennoch widmeten sich Vertreter unterschiedlicher Kunstformen intensiv dem Thema des Holocaust.
In einer besonderen Form widmet sich das dokumentarische Theater dem Holocaust, was Gegenstand der vorliegenden Untersuchung sein soll. Am Beispiel von Peter Weiss' "Die Ermittlung" und Heinar Kipphardts "Bruder Eichmann" wird exemplarisch dargestellt, wie der Holocaust im dokumentarischen Theater verarbeitet werden kann. Das Modell des dokumentarischen Theaters der beiden ausgewählten Autoren bietet die Möglichkeit, die grausamen Vorgänge des Holocaust zum Gegenstand zu machen, ohne den zum Scheitern verurteilten Versuch zu unternehmen, das Leiden der Holocaust-Opfer direkt im nachahmenden Spiel darzustellen. Beide Stücke bringen den Holocaust auf die Bühne und richten ein besonderes Augenmerk auf die nationalsozialistischen Täter. Weiss wählt als Plattform den Frankfurter "Auschwitz-Prozess", in dem die für das Konzentrationslager Auschwitz Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Kipphardts "Bruder Eichmann" bezieht sich auf das Verhör des nationalsozialistischen "Schreibtischtäters" Adolf Eichmann in israelischer Gefangenschaft, der als Hauptverantwortlicher für die Deportation der Juden in die Vernichtungslager gilt.
Da sich sowohl Weiss als auch Kipphardt verschiedener historischer Dokumente bedienen, ergibt sich an dieser Stelle jedoch ein Problem, das dem dokumentarischen Theater seit seiner Existenz zum Vorwurf gemacht wird: Die Gefahr einer möglichen Wirklichkeitsverfälschung. Weiss und Kipphardt wählen als Quellen für das Zitatmaterial ihrer Werke hauptsächlich offizielle, in höchstem Maße glaubwürdige Quellen, die im Umfeld staatlich angeordneter Befragungen entstanden. Da in "Die Ermittlung" und in "Bruder Eichmann" die historischen Dokumente und Zitate komprimiert, montiert und teilweise sogar verändert werden, wird sich diese Untersuchung auch damit beschäftigen, inwiefern der Vorwurf einer Verfälschung der Wirklichkeit gerechtfertigt ist.
Zunächst soll verdeutlicht werden, wie die Gesellschaft mit der "Erinnerung" an den Holocaust umgegangen ist und wie eine Thematisierung des "Unvorstellbaren" in der Kultur und in der von Adorno angestoßenen Kontroverse aufgefasst wurde. Diese Hintergründe sind wichtig, da sie stark auf die Produktion und Rezeption des Holocaust in der Kunst wirken.
Anschließend wird ein Überblick über verschiedene Ansätze einer Darstellung des Holocaust in der Kunst und die dabei relevanten Phänomene gegeben. Ein genauerer Blick wird hierbei natürlich auf den Holocaust im Theater und die Probleme einer Darstellung des Holocaust auf der Bühne geworfen.
Da sowohl Weiss als auch Kipphardt in den meisten Abhandlungen als Autoren des dokumentarischen Theaters erkannt werden, ist nach einem kurzen Überblick über das Genre zu erläutern, wodurch sich ihre jeweilige Theaterästhetik auszeichnet. Da beide Autoren auch Werke verfasst haben, die allgemein nicht dem dokumentarischen Theater zugerechnet werden, kann hier nur die jeweilige Theaterästhetik hinsichtlich der zu betrachtenden Stücke vorgestellt werden.
Bei der Analyse von Peter Weiss' "Die Ermittlung" soll zunächst herausgestellt werden, inwiefern das Stück durch den Rahmen von Weiss' "DC"-Plan bestimmt wird, der zweifellos Auswirkungen auf den besonderen Aufbau des Stückes besitzt.
Zur Rezeption der "Ermittlung" ist es notwendig, den Hintergrund des Frankfurter "Auschwitz-Prozesses" zu kennen. Das Hauptaugenmerk der Untersuchung soll jedoch in einem detaillierten Vergleich zwischen Weiss' "Ermittlung" und dem Zitatmaterial aus seinen Quellen liegen. Inwiefern hat Weiss seine historischen Quellen verändert? Welches Ziel hatte er vor Augen? Exemplarisch erfolgt diese Untersuchung an dem Angeklagten 12 der "Ermittlung", der für die historische Person Hans Stark steht. Die Auswahl des Angeklagten 12 kann damit begründet werden, dass sich Hans Stark im Auschwitz-Prozess nicht unbedingt der Verteidigungsstrategie der anderen Angeklagten anschloss. Auch lässt Weiss den Angeklagten 12 in seinem Stück zahlreiche Aussagen machen. Hier wird klar, wie sich die Darstellung der Angeklagten in Weiss' Stück von der historischen Dokumentation abhebt. Auch die veränderte Darstellung der Zeugen soll an dieser Stelle berücksichtigt werden.
Als zweites Stück der Untersuchung wird "Bruder Eichmann" von Heinar Kipphardt beleuchtet. Auch hier ist zu Beginn eine knappe Einordnung des Stückes in Kipphardts Lebenswerk notwendig. Warum hat Kipphardt ausgerechnet Eichmann zur Hauptperson seines Stückes auserkoren? Bevor das Werk selbst analysiert wird, soll der Hintergrund des Jerusalemer "Eichmann-Prozesses" kurz erläutert werden.
Anschließend wird das Stück selbst in den Mittelpunkt gerückt. Der Aufbau von Kipphardts "Bruder Eichmann" ist stark bestimmt durch die Analogieszenen, die - wie sich zeigen wird - Kipphardts Intention unterstreichen.
Analog zur Untersuchung der "Ermittlung" sollen nach einer Untersuchung der Rezeption des Stückes auch bei "Bruder Eichmann" die Aussagen des NS-Täters Eichmann und seiner Gesprächspartner mit den in Kipphardts Quellen zu findenden authentischen Gesprächen verglichen werden. Lässt sich Kipphardt eine Verfälschung der historischen Wirklichkeit nachweisen? Zur Beantwortung dieser Frage ist ein knapper Exkurs zur Rolle von Adolf Eichmann während des Nationalsozialismus notwendig. Anschließend wird in einem Quellenvergleich Kipphardts Darstellung von Eichmann in den verschiedenen Gesprächssituationen untersucht. Eine besondere Rolle spielt hierbei die von Kipphardt selbst formulierte Intention des Stückes: er wollte die wiederholbare Haltung der vielen "Eichmänner unter uns" auf die Bühne bringen. Mit welchen Mitteln gelingt es Kipphardt, Eichmann die von Hannah Arendt zugesprochene "Banalität des Bösen" zu nehmen?
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