Einleitung:
Fremdsprachenunterricht und Übersetzen: zwei Begriffe, unter denen sich jeder etwas vorstellen kann. Wir alle haben in höherem oder geringerem Maß Fremdsprachenunterricht genossen. Dort haben wir mehr oder weniger gelernt - meistens weniger, wenn man Allgemeinplätzen wie "Mit Schulenglisch kommt man in England nicht durch" Glauben schenkt. Auch das Übersetzen kennt jeder: Es hat mit zwei Sprachen zu tun, und es muss jemanden geben, der zwischen diesen zwei Sprachen und deren Sprechern vermittelt, da diese sich sonst nicht verstünden. Die übersetzende Person muss dabei beide Sprachen beherrschen. In der Wissenschaft schließlich haben sich mit der Fremdsprachendidaktik und der Übersetzungswissenschaft zwei Disziplinen zu diesen Themen entwickelt und etabliert.
Bei der Kombination "Übersetzen und Fremdsprachenunterricht" liegt der Fall jedoch anders: Da die jahrhundertelang vorherrschende Grammatik-Übersetzungs-Methode zum Lernen von Fremdsprachen in der Fachliteratur weitgehend diskreditiert ist, beschäftigen sich die Didaktiker nur noch selten mit den Möglichkeiten, die das Übersetzen für den Fremdsprachenunterricht bietet. Daran haben auch kognitive Ansätze nichts geändert, die als Reaktion auf die audiolingualen und audiovisuellen Methoden von einer neuerlichen Hinwendung zu Grammatik und Sprachbewusstheit gekennzeichnet sind. Das Thema führt nach wie vor ein Mauerblümchendasein, sowohl in der Fremdsprachendidaktik als auch in der Übersetzungswissenschaft - beide Disziplinen haben bisher wenig Notiz voneinander genommen. Die Gründe dafür können wie folgt zusammengefasst werden:
Viele glauben nach wie vor, dass man eine Fremdsprache nur gut können müsse, dann stelle sich die Fähigkeit zum Übersetzen von selbst ein.
Viele haben durch das, was sie früher im schulischen Fremdsprachenunterricht praktiziert haben, einen begrenzten Blick dafür, welche Möglichkeiten das Übersetzen bietet und welche Leistungen Übersetzer erbringen.
Das Übersetzen wird von Vertretern der Fremdsprachendidaktik als zu komplex und eher lernhemmend empfunden.
Für die Vertreter der Übersetzungswissenschaft findet "richtiges" Übersetzen im Fremdsprachenunterricht ohnehin nicht statt.
Gang der Untersuchung:
Diese Über- und Unterschätzungen hinsichtlich des Übersetzens zu relativieren und auszuräumen, ist ein übergreifendes Ziel dieser Arbeit. Die Realität der täglichen Unterrichtspraxis zeigt die Berechtigung dieses Anliegens: Stegreifübersetzungen, zweisprachige Semantisierung, zweisprachige Wörterbücher und Vokabelverzeichnisse sowie Satz-für-Satz-Über-setzungen waren und sind bis heute alltägliches Brot von Fremdsprachenlernern und -lehrern. In den Lehrbüchern und in der Fachliteratur sind solche Themen jedoch weitgehend ausgespart.
Aus diesem Mangel ergibt sich das zweite übergreifende Ziel dieser Arbeit: zu zeigen, dass und wie ein durchdachter Einsatz von Übersetzungsübungen den Fremdsprachenunterricht bereichern kann. Dabei werde ich wie folgt vorgehen: Zunächst werde ich den Begriff des Übersetzens klären, danach seine Formen und seine zwei wesentlichen Zwecke im Fremdsprachenunterricht beschreiben. Nach einer knappen Darstellung der neueren Geschichte des Übersetzens und seiner heutigen Rolle stehen die Person der Übersetzerin und der Übersetzungsprozess im Mittelpunkt, verbunden mit der Frage, was man unter translatorischer Kompetenz zu verstehen hat.
Zu Beginn des dritten Kapitels werde ich zunächst nachweisen, warum die Muttersprache nicht aus dem Fremdsprachenunterricht verbannt werden kann. Danach kommen die Wege zur Sprache, die zu einem ersten Ansatz von translatorischer Kompetenz führen: Sprachvergleich hinsichtlich Grammatik und Wortschatz, verbunden mit ersten leichten Übersetzungsübungen, zu denen ich Übungsbeispiele vorstellen und kommentieren werde. In diesem Zusammenhang werde ich auch die positive Rolle der zweisprachigen Semantisierung im Unterrichtsgespräch erläutern. Im vierten Kapitel behandle ich einen der wichtigsten Schritte zur translatorischen Kompetenz - die Textverarbeitungskompetenz. Sie ist so wichtig, dass sie als eigenes Thema behandelt werden muss. Auch zum Erwerb dieser Fertigkeit gibt es Übungen, von denen ich einige repräsentative Beispiele vorstellen werde.
Das fünfte Kapitel zeigt zunächst, warum es heute wichtig ist, bei Fremdsprachenlernern eine zumindest rudimentäre translatorische Kompetenz zu entwickeln. Im Mittelpunkt steht dann die Frage nach den positiven und negativen Wirkungen von Übersetzungsübungen auf die Teilfertigkeiten fremdsprachiges Lesen und Schreiben sowie auf metasprachliche Lernziele wie die Fähigkeit zum kritischen und reflexiven Lesen sowie die heute so stark geforderte interkulturelle Kompetenz. Zum Abschluss werde ich versuchen, eine Brücke zwischen dem Übersetzen und dem in letzter Zeit häufig diskutieren Konzept der Language Awareness zu schlagen. Aus all diesen Diskussionen ergeben sich Möglichkeiten und Grenzen für den Einsatz von anspruchsvollen Übersetzungsübungen im Fremdsprachenunterricht, die ich kurz beschreiben werde. Anschließend stelle ich entsprechende Übungsbeispiele vor und kommentiere sie.
Zwei Bemerkungen zur Terminologie: Nach Daten der Bundesanstalt für Arbeit (2002) sind knapp 70 Prozent aller übersetzerisch Tätigen weiblichen Geschlechts; daher werde ich in der gesamten Arbeit die weibliche Form "Übersetzerin" verwenden, wenn von einer übersetzerisch tätigen Person im Singular die Rede ist. Als Ausgleich dafür stehen alle anderen Berufsbezeichnungen und die Plurale von Personen in der männlichen Form. Zum zweiten mache ich in dieser Arbeit keinen Unterschied zwischen "Fremdsprache" und "Zweitsprache"; es wird stets nur von "Fremdsprache" die Rede sein.
Inhaltsverzeichnis: