Einleitung:
Die menschliche Sprache ist ein äußerst komplexes und faszinierendes Phänomen zugleich. Sprachwissenschaftler sind immer wieder über die Genialität und die Komplexität der Vorgänge, die bei der Produktion von Sprache ablaufen, erstaunt. Einblicke darüber, wie Sprachproduktion funktionieren könnte, verschaffen ihnen dabei vor allem die VERSPRECHER. Im Alltag verbreiten sie häufig allgemeine Heiterkeit. Vor allem Fernseh- und Radiomoderatoren sowie Politiker scheinen besonders anfällig für Versprecher zu sein. Dies mag damit zusammenhängen, dass Versprecher gehäuft auftreten, wenn jemand ununterbrochen spricht bzw. eine Redesituation besonders lebhaft ist. So informierte der HR-Radiosprecher Peter Lemke seine Hörer einst über eine neue 'Schlachtregelung für Kinder' anstatt für Rinder (http://www.radiopannen.de/). Auch CDU-Politiker Edmund Stoiber scheint mit den Versprechern auf Kriegsfuß zu stehen. Ihm machte die Phrase lodernde Glut zu schaffen. So meinte er in einer seiner Reden:
'Es muss zu schaffen sein, meine Damen und Herren, wenn ich die CDU ansehe, die Repräsentanten dieser Partei an der Spitze, in den Ländern, in den Kommunen, dann bedarf es nur noch eines kleinen Sprühens sozusagen in die gludernde Lot, in die gludernde Flut, dass wir das schaffen können und deswegen in die lodernde Flut, wenn ich das sagen darf, und deswegen, meine Damen und Herren...' (http://www.eule2003.de/gbereich/Nonsens/NN49/sz-stoiber.htm).
So unterhaltsam Versprecher auch sein mögen, in der Sprachwissenschaft nehmen sie eine weitaus größere Bedeutung, als lediglich den Unterhaltungsfaktor, ein. Sie sind nämlich '[the] 'windows' into linguistic mental processes', wie VICTORIA A. FROMKIN es bereits formulierte. Es sind tatsächlich Versprecher, die Aufschluss darüber geben, welche Prozesse in unserem Gehirn ablaufen könnten, bis ein Gedanke zu einem ausformulierten Satz wird. Obgleich Versprecher schon so lange existieren wie es Sprache gibt, ist die Forschung in diesem Bereich noch relativ jung. Als Begründer gilt der Sprachforscher RUDOLF MERINGER (1859-1932), der sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts erstmals, zusammen mit dem Psychiater und Nervenpathologen KARL MAYER (1862-1936), mit Versprechern auseinandersetzte. Gemeinsam veröffentlichten sie eine Sammlung zum Thema 'Versprechen und Verlesen' (1895). Seitdem wird auf diesem Gebiet, mit Ausnahme einiger Unterbrechungen, stetig geforscht.
Obwohl Versprecher mittlerweile ein anerkanntes Forschungsgebiet der Sprachwissenschaft sind, wurden sie in der Didaktik und somit im Deutschunterricht bisher kaum berücksichtigt. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Sie reichen von einem nicht erkannten Potential dieser Thematik über ein fehlendes Materialangebot bis hin zum Zeitmangel. Dennoch bin ich der Meinung, dass Versprecher durchaus für den Einsatz im Unterricht geeignet sind. Dementsprechend bietet das Thema die Möglichkeit, das Sprachbewusstsein der Schüler zu fördern, indem es ihnen z.B. Einsichten in den menschlichen Sprachplanungsprozess bietet.
Gang der Untersuchung:
Die didaktische Auseinandersetzung mit Versprechern wird den Schwerpunkt dieser Arbeit bilden. Nachdem im ersten Teil der Arbeit zunächst theoretische Grundlagen aus sprachwissenschaftlicher Sicht gelegt werden, wird sich der zweite Teil mit der didaktischen Analyse des Themenkomplexes beschäftigen. Neben einer Untersuchung der aktuellen Situation von Versprechern im Deutschunterricht soll das didaktische Potenzial des Gegenstandes herausgearbeitet sowie Hilfen zu Einsatzmöglichkeiten von Versprechern im Unterricht gegeben werden.