Einleitung:
Der Wettbewerb zwischen den großen Industrie- und Weltregionen wird zunehmend auf dem Gebiet der Schlüsseltechnologien ausgetragen. Schlüsseltechnologien werden dabei definiert als Technologien, die eine Erschließung neuer Technikbereiche ermöglichen und bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben. Diese Technologien befinden sich im Wachstum und sind daher entscheidend für die Wirtschaft der Zukunft. Daher bemühen sich Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik darum, diese für den zukünftigen Wettbewerb frühzeitig zu erkennen und zu fördern. Laut dem Verband Deutscher Ingeneure ist die Nanotechnologie eine der Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts. Bereits heute werden beträchtliche Umsätze mit Produkten erzielt, die sich nur mit Hilfe von Nanotechnologie realisieren lassen.
Bezogen auf die Forschungsaktivitäten in einer Schlüsseltechnologie kann bei den vielfältigen öffentlichen und privaten Anbietern in Deutschland zwischen Einrichtungen, die eher grundlegende oder angewandte Forschung betreiben, unterschieden werden. Die Grundlagenforschung will fundamentale Gesetzmäßigkeiten der Natur und Gesellschaft ans Licht bringen und ist auf bis zu 40 Jahre in die Zukunft ausgerichtet. Im Mittelpunkt stehen also geistig-schöpferische Arbeiten zur Erlangung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Grundlagenforschung ist sehr langfristig ausgerichtet und konzentriert sich eher auf Universitäten, staatliche Einrichtungen und vor allem die Max-Planck-Gesellschaft (MPG). Regionale Verflechtungen zur Industrie sind hier nicht sehr stark ausgeprägt. Angewandte Forschung baut auf der Grundlagenforschung auf und verfolgt das Ziel, neue Arbeits- und Wirkprinzipien als wissenschaftliche Grundlage für neue Produkte, Verfahren oder technologische Prozesse hervorzubringen. Die Industrie und die Einrichtungen der Fraunhofer Gesellschaft (FhG) sind die Vorreiter der angewandten Forschung in Deutschland. Die Helmholtz Gemeinschaft (HGF) und die Wissensgemeinschaft G.W. Leibnitz (WGL) betreiben sowohl grundlegende als auch angewandte Forschung.
Der Zyklus einer Schlüsseltechnologie läuft nun von der Grundlagenforschung über die angewandte Forschung bis zur Industrieforschung. Das heißt, dass unter dem Begriff Nanotechnologie alle Kompetenzen und Arbeiten von der grundlegenden über die anwendungsnahe Forschung bis hin zur industriellen Entwicklung subsumiert werden. Zu Beginn des Zyklus gibt es dabei vor allen junge Klein- und Mittelunternehmen (KMU), die sehr stark von externen Akteuren aus der Wissenschaft und Politik abhängen. In marktnäheren Phasen rücken dann große Technologieunternehmen in den Vordergrund.
Paradigmenwechsel: Wiederentdeckung der Region: Bevor genauer auf den Paradigmenwechsel eingegangen wird, soll kurz erläutert werden, wie der Begriff Region in der wissenschaftlichen Literatur definiert wird. Eine Region bezeichnet territorial zusammenhängende Gebiete, die eine enge historische, soziokulturelle, politische, infrastrukturelle und wirtschaftliche Bindung zueinander pflegen. Es gibt grundsätzlich drei verschiedene Arten von Regionen. Bei transnationalen Territorien handelt es sich um den Zusammenschluss von Teilgebieten zweier oder mehrerer Staaten, wie etwa die Euregio Rhein-Maas, die über die drei Bezirksregionen Aachen (Deutschland), Eindhoven (Niederlande) und Lüttich (Belgien) definiert ist. Regionen supranationaler Einheiten sind Zusammenfassungen von Staaten wie etwa im Baltikum. In dieser Arbeit stehen subnationale Territorien im Vordergrund. Sie umfassen Teilgebiete, die unterhalb der staatlichen Ebene liegen. Mit Blick auf die föderale Situation in Deutschland wird eine Region wie beispielsweise Aachen hier allgemein als eine Raumeinheit kleiner als ein Bundesland verstanden.
Wie ist es nun aber zu erklären, dass trotz der Globalisierung wirtschaftlicher und politischer Prozesse die Region als Handlungsebene nicht an Bedeutung verloren hat? Durch den Verlust der Konkurrenzfähigkeit in traditionellen Arbeitsfeldern wie der Textilindustrie könnte man eher vom Gegenteil ausgehen. Viele Regionen haben es in den letzten Jahren geschafft Gegenstrategien zu entwickeln, um in einer globalen Welt zu bestehen. Dazu gehören die Kreation neuer Produkte und Tätigkeiten, die Spezialisierung auf bestimmte Branchen oder die Stärkung der Position als Zulieferer von Gütern oder Ideen in globalen Wertschöpfungsketten. Regionen entwickeln so spezifische Stärken und Besonderheiten in Bezug auf ihren Innovationspool und rücken als komplementäres Betätigungsfeld in den Blickpunkt der beteiligten nationalen Volkswirtschaften und global agierender Unternehmen. Der Paradigmenwechsel hat sich vor allen in der regionalen und nationalen Förderpolitik niedergeschlagen. Insbesondere die verstärkte Zusammenarbeit und Verflechtung regionaler Akteure ist zum zentralen Punkt regionaler und überregionaler Förderkonzepte geworden. Man erhofft sich durch die Aufwertung regionaler Potenziale die immobilen Faktoren einer Region zu stärken und die ökonomische und gesellschaftliche Dynamik somit ausgeglichener zu gestalten.
Diese angesprochenen Punkte erklären, warum regionale ökonomische Aktivitäten seit Anfang der 90er Jahre vermehrt in den Blickpunkt verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen geraten sind.
Gang der Untersuchung:
Ziel der Arbeit ist es die regionalen Verflechtungen in der Nanotechnologie in Aachen darzustellen, um daraus die möglichen Potenziale zur Entwicklung eines regionalen Innovationsnetzwerks (RIN) zu entwickeln.
Bevor im theoretischen Hauptteil der Ansatz der RIN erläutert wird, ist es wichtig einen Blick auf grundlegende Theorien und Ansätze zur Erklärung regionaler Verflechtungen in einer Schlüsseltechnologie zu werfen. Wie vorhergehend erwähnt, handelt es sich bei der Nanotechnologie um eine Schlüsseltechnologie mit großer Bedeutung für die nähere Zukunft. Viele Innovationen und Produktvariationen sind bezüglich der Nanotechnologie zu erwarten.
Daher macht es im ersten Schritt in Kapitel 2 Sinn, den Begriff Innovation und die damit eng verknüpften Begriffe des Wissens und Lernens genauer zu erläutern. Aufbauend darauf soll mit Hilfe der Innovationsmodelle ein noch genaueres Bild von Innovationsprozessen entstehen. Der Transaktionskostenansatz bildet die Grundlage für die ökonomische Betrachtung von Netzwerken. Auf diesen ökonomisch orientierten Ansatz aufbauend, wird der aus der Soziologie stammende Embeddedness-Ansatz vorgestellt. Er versucht zu beschreiben, warum ökonomisches Handeln nicht isoliert vom sozialen Kontext betrachtet werden kann. Da die regionale Ebene im Vordergrund der Arbeit steht wird bei beiden Ansätzen zusätzlich noch auf die räumliche Perspektive eingegangen.
In Anknüpfung an die Erkenntnisse der ersten beiden Kapitel wird der Ansatz RIN in Kapitel 3 vorgestellt. Dabei erfolgt zunächst eine Heranführung an den Begriff Innovationsnetzwerke, um im Anschluss die wesentlichen Merkmale von Innovationsnetzwerken unter Berücksichtigung der regionalen Dimension herauszuarbeiten. Im nächsten Schritt können dann die verschiedenen Akteure und deren regionale Verflechtungen analysiert werden. Dabei kann es sowohl innerhalb einer Akteursdimension als auch zwischen den Akteursdimensionen zu Verflechtungen kommen. Die besondere Rolle junger technologieorientierter KMU und die Bedeutung regionsexterner Verflechtungen runden den Analyserahmen eines RIN ab. Im letzten Schritt werden noch einmal die Erfolgsfaktoren und mögliche Probleme RIN gegenübergestellt.
Das darauf folgende Kapitel 4 hat die technologischen und ökonomischen Spezifika der Nanotechnologie zum Gegenstand. Zu Beginn erfolgen eine definitorische Abgrenzung der Technologiefelder und eine Einteilung in die fünf wesentlichen Teilbereiche. Die Beschreibung der Wertschöpfungskette soll helfen die aktuelle Struktur und die Verflechtungen der Unternehmen in Aachen zu erklären. Zum Ende des Kapitels folgt ein Überblick über die Entwicklung und eine Charakterisierung der Stärken und Schwächen der Nanotechnologie in Deutschland.
Im empirischen Teil der Arbeit wird in Kapitel 5 zuerst die Methodik vorgestellt. Wegen der geringen Anzahl der Studien über regionale Verflechtungen im Bereich der Nanotechnologie wurde die Erhebung der Daten mit Hilfe eines Interviewleitfadens durchgeführt. Es folgt ein Überblick über die historische Entwicklung der Nanotechnologie in der Region Aachen. Mit Hilfe des nächsten Kapitels werden die verschiedenen Akteure im Bereich der Nanotechnologie in der Region Aachen identifiziert, bevor die Verflechtung zwischen den Akteuren innerhalb und über die Schnittstellen der jeweiligen Akteursdimension betrachtet wird. Nach Analyse der regionsexternen Verflechtungen der Akteure erfolgt eine Einschätzung, ob es sich bei der Nanotechnologie in Aachen um ein RIN handelt. Zum Ende der empirischen Untersuchung wird die zukünftig erwartete Entwicklung aus Sicht der Befragten dargestellt.
In Kapitel 6 werden die Ergebnisse der empirischen Untersuchung zusammengefasst. Abschließend werden dann Handlungsempfehlungen erarbeitet, um zu zeigen, welche Kräfte mobilisiert werden müssen, damit sich ein RIN im Bereich der Nanotechnologie in Aachen bildet.