Einleitung:
Informationen, Berichte und Bewertungen zu neuen Kinofilmen finden wir in einer Vielzahl von unterschiedlichen Medienquellen in der heutigen Gesellschaft, aber auch nicht mediale Quellen wie interpersonale Kommunikation spielen im Kontext Kino eine wichtige Rolle. Das Sprechen über Filme, der gemeinsame Austausch über erlebte Gefühle, über das Interesse Filme sehen zu wollen und subjektive geschmackliche Einordnungen, positiver wie negativer Art, sind gebräuchliche Rituale des Alltags. In dieser Einleitung wird die Ausgangssituation mit vorliegender Fragestellung erläutert, der theoretische Hintergrund skizziert und der Aufbau der Diplomarbeit veranschaulicht.
Ob Filmvorschau im Kino, Anzeigen und Plakate in der Stadt, Kritiken in Zeitungen und Zeitschriften, Fernsehbeiträge zum "Making Of", oder Gespräche mit Freunden und Bekannten, der Mensch ist von einer Fülle von Informationsquellen zum Thema Kino umgeben. Ob man sich einen neuen Film letztendlich ansehen möchte, kann man nicht durch ausprobieren entscheiden. Eine Möglichkeit für den Rezipienten eine Entscheidung zu treffen, bietet innerhalb des "Informationsdschungels Kino" die potentielle Informationsmöglichkeit Filmkritik. Ein Blick in die wissenschaftliche Literatur zeigt, dass Filmkritiken neben persönlichen Gesprächen im Bekannten und Freundeskreis eine zentrale Bedeutung bei der Entscheidungsfindung für einen spezifischen Film besitzen.
Die Filmkritik, "das sekundäre Sprechen über das primäre Objekt Film" bildet die Brücke zwischen den Produzenten und den Rezipienten. Einerseits gibt sie kritische Rückmeldung über die geleistete Arbeit der Filmschaffenden und andererseits hat sie eine Art Beratungsfunktion, indem sie potentiellen Kinogängern die Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Film nahe legt. Einschätzungen über das Schreiben zum Thema Kino und die Wirksamkeit von Kritiken gehen sehr weit auseinander, die einen sprechen von übertriebener Macht, die anderen von genereller Ohnmacht.
Die Altergruppe der Jugendlichen ist eine der großen Nutzergruppen des Mediums Kino. Laut einer Studie der Filmförderungsanstalt Berlin (FFA) liegt die Besuchsintensität (ältere Teens, 16- 19 Jahre) bezogen auf alle Personen dieser Altersgruppe bei einem Durchschnitt von 5,6 Kinobesuchen im Jahr. Nur die Gruppe der 20- 24Jährigen geht öfter in die Lichtspielhäuser. Obwohl Heranwachsende das Medium Kino häufig nutzen, existieren nur wenig wissenschaftliche Untersuchungen zum Nutzungsverhalten und dem Zusammenhang mit verschiedenen Informationsquellen. Gerade die Kommunikationskette Filmkritik, Filmrezeption, Rezipient wurde von der akademischen Forschung bisher weitestgehend vernachlässigt. Diesen Aspekt untermauert auch der Filmwissenschaftler Bruce Austin (1983), in dem er feststellt: "systematic investigation of the moviegoing public´s use of reviews is virtually nonexistent".
Das Desinteresse in Sachen akademischer Forschung bezüglich Filmkritiken, Kino und speziell der Nutzergruppe Jugendlicher verwundert bei dem Blick auf die immer weiter expandierende Filmbranche. Experten rechnen im vergangenen Kinojahr 2004 mit einem Umsatzplus von knapp 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Es sei "eines der besten Jahre der letzten Jahrzehnte", freut sich der Geschäftsführer des Verbandes der Filmverleiher, Johannes Klingsporn. Nach einem verlustreichen Jahr 2003 und der positiven Wende bezüglich Besucher- und Umsatzzahlen im vergangenen Jahr 2004 blickt die Branche dank gestiegener Besucherzahlen also durchaus optimistisch in die Zukunft. Und dies aus gutem Grund, denn die Popularität von Filmen ist weiter ungebrochen. Filme sind in unserer heutigen Gesellschaft mehr denn je zentrale Bestandteile der Alltagskultur, bewegte Bilder in Spielfilmform sind zu einem bedeutenden kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und auch politischen Phänomen geworden. Der Film als Kunstform hat sich neben anderen Kulturgütern, wie z.B. dem Theater, der Literatur, der Malerei, oder der Musik, als eigenständiges künstlerisches Medium etabliert und steht im Fokus gesellschaftlicher Betrachtungen.
Ausgehend von dieser Situation stellt sich die Frage, anhand welcher Kriterien Jugendliche Filme auswählen, wie oft sie das Medium Kino nutzen und welche Motive dieser Nutzung zu Grunde liegen. Schwerpunkt dieser Arbeit ist die Frage nach der Bewertung von Spielfilmen durch die Rezipienten. Die mediale Informationsquelle Filmkritik berichtet u.a. über produktintrinsische Merkmale des Films, wie z.B. Schauspieler, Regisseur und Filmhandlung. Wie wichtig sind diese Gesichtspunkte für die jugendlichen Rezipienten? Eine Filmkritik besitzt verschiedene Funktionen und Elemente, aber ganz allgemein können zwei wichtige Strukturelemente unterschieden werden.
Zum einen die "Informationen" und zum anderen die "Bewertungen" zum Film, die zugleich auch eine implizite Entscheidungshilfe für die Rezipienten sein könnten. Welche Aspekte im Spannungsfeld "Information" und "Bewertung" wirken sich auf das Interesse aus, den Film sehen zu wollen und welchen Einfluss haben positive/negative Bewertungen des Films? Wie groß gestaltet sich die Macht oder Ohnmacht von Filmbesprechungen? Richten junge Rezipienten ihre subjektive Meinung über den Film nach den Urteilen der Kritik aus, oder spielen bisherige Filmerfahrungen und Genrepräferenzen eine so große Rolle, dass keine systematischen Bewertungstendenzen aufgezeigt werden können?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich die vorliegende Diplomarbeit. Wichtig für diesen Rahmen ist die Feststellung, dass der Fokus der Betrachtungen auf Filmkritiken in Textform liegt, wie wir sie z.B. in Zeitungen und Zeitschriften antreffen. Mit den genannten Fragestellungen sind vor allem Konstrukte der Medienpsychologie verbunden. Um einen strukturellen Überblick über die wissenschaftliche Positionierung und den Aufbau der Arbeit zu geben, wird in den folgenden Abschnitten zu diesen Gesichtspunkten Stellung genommen.
Gang der Untersuchung:
In Kapitel 2 werden aktuelle Basisdaten zum deutschen Kino den theoretischen Teil der Arbeit einleiten. Die Daten und Fakten werden Antworten auf die Fragen geben "Wie sieht es mit den strukturellen Rahmenbedingungen des deutschen Kinos aus?", "Was ist ein Kinogänger?", "Wie viele Besucher hat das deutsche Kino aktuell?" und "Durch welche soziodemographischen Determinanten ist das Kinopublikum zu bestimmen?"
Die Vorstellung von aktuellen Fakten zu diesen Fragestellungen wird den Gliederungspunkt der theoretischen Positionierung vorbereiten. Grundlage für diesen Teil ist die Uses and Gratifications- Forschung, die den aktiven Rezipienten in den Blickpunkt des wissenschaftlichen Interesses rückt und von intentional- auf Basis von Bedürfnissen- handelnden Individuen ausgeht.
Diese Forschungsrichtung ist u.a. Hintergrund für wissenschaftliche Studien zum Forschungskontext Kino und seinem Publikum. Hier ist vor allem die amerikanische Forschung federführend. Sie hat empirische Untersuchungen zu den Motivdimensionen der Kinobesucher hervorgebracht.
In einem weiteren Schritt werden in Abschnitt 2.5. wissenschaftliche Modelle der Filmwahl fokussiert. Eng verbunden ist das Thema der Filmauswahl mit den potentiellen Informationsquellen zu neuen Kinofilmen. Fragen wie "Welche Quellen sind wichtig bezüglich der Aufmerksamkeitsgenerierung und Informationssuche zu neu startenden Kinofilmen?" werden unter Abschnitt 2.5.5. thematisiert.
Das Hauptaugenmerk der Arbeit liegt auf der Informationsquelle Filmkritik. Zuerst wird eine Begriffsbestimmung eingeführt, bevor auf Aufgaben, Funktionen und empirische Untersuchungen zum Gegenstand eingegangen wird.
Die Frage wie mediale Informationen von den Rezipienten verarbeitet werden, wie der Wahrnehmungs- und Interpretationsspielraum durch rezipierte Informationen und Bewertungen eingeengt wird, wird unter dem Gliederungsabschnitt 2.7. Priming näher beleuchtet.
Der letzte Abschnitt des theoretischen Teils bearbeitet die Frage nach den Urteilsbildungen der Rezipienten. In diesem Zusammenhang spielen Heuristiken eine gewichtige Rolle, wenn es um schnelle und effiziente Beurteilung von Personen, Dingen und Sachverhalten geht.
Ein zusammenfassendes Fazit beendet den theoretischen Teil und bereitet die vorliegenden Fragestellungen vor.
Kapitel 3 thematisiert, auf der Grundlage des theoretischen Teils, die Fragestellungen der vorliegenden Diplomarbeit und veranschaulicht, durch welche Überlegungen diese aufgestellt wurden.
Die Methodik, Konzeption und Durchführung der empirischen Untersuchung wird in Kapitel 4 dargelegt. In diesem Abschnitt wird die Operationalisierung der Variablen, die Beschreibung und Erklärung des Stimulus-Materials, die Beschreibung der Stichprobe und die Durchführung der Untersuchung konkretisiert.
Auf Grundlage der gewählten Methodik und Konzeption wird diese Untersuchung empirische Daten bei einer Stichprobe, bestehend aus 47 jugendlichen Probanden, erheben, um die Frage nach "dem Einfluss von manipulierten Filmkritiken auf die Bewertung von Spielfilmen" zu beantworten.
Die Ergebnisse der empirischen Studie werden in Kapitel 5 ausführlich vorgestellt. In einem ersten Schritt werden deskriptive Ergebnisse referiert, auf deren Grundlage die Ergebnisse zu den Hypothesen dieser Arbeit erörtert werden.
In Kapitel 6 werden die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst, interpretiert und diskutiert. Die verwendeten Literaturquellen, das Tabellen- und Abbildungsverzeichnis dieser Arbeit befinden sich in Kapitel 7.
Im Anhang dieser Arbeit befinden sich die Fragebögen der empirischen Untersuchung.
Inhaltsverzeichnis: