Einleitung:
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte Argentinien zu einem der reichsten Länder der Welt. Zum Jahreswechsel 2001/2002 bestimmten wirtschaftliches und politisches Chaos das Geschehen in Argentinien. Die empörte Bevölkerung demonstrierte tagelang vor dem Regierungsgebäude in Buenos Aires. Es kam zu Plünderungen durch die verarmte Bevölkerung und zu zahlreichen Toten und Verletzten bei Zusammenstößen mit der Polizei. Innerhalb nur weniger Tage hatte das Land fünf Präsidenten. Oft wird sich in der Literatur die Frage gestellt, wie es dazu kommen konnte, dass Argentinien im Jahre 2001 die Zahlungsunfähigkeit und somit den Staatsbankrott erklären musste. Um den ökonomischen Abstieg des Landes von einem der reichsten Länder der Welt zu einem Schwellenland zu verstehen, ist es notwendig die geschichtliche und wirtschaftliche Entwicklung zu einem Zeitpunkt zu betrachten, der weit vor der Krise liegt. Die Erklärungen für die Ursachen der Krise greifen meiner Ansicht nach zu kurz, wenn sie sich nur auf die Indikatoren oder die neoliberale Wirtschaftspolitik stützen, welche sich in den umgesetzten Reformen unter Menem oder in den vom IWF geforderten Strukturanpassungsmaßnahmen widerspiegeln.
Daher konzentriere ich mich in der vorliegenden Arbeit auf die Darstellung der Wirtschaftsentwicklung des Landes im 20. Jahrhundert. Schwerpunkt der Arbeit ist es, die Defizite herauszuarbeiten, die sich im geschichtlichen Verlauf in der ökonomischen Entwicklung ergeben hatten und die sich durch die neoliberale Wirtschaftspolitik zum Ende des Jahrhunderts so drastisch offenbaren konnten. Ziel der Arbeit ist es aufzuzeigen, dass das Staatsdefault vor allem ein Resultat aus den Defiziten der Wirtschaftsentwicklung des letzten Jahrhunderts und der neoliberalen Wirtschaftspolitik unter Menem ist. Nur durch dieses Zusammenspiel erreichte die Krise das Ausmaß, welches sie zu einer der verheerendsten Krisen der Weltwirtschaftsgeschichte machte.
Gang der Untersuchung:
Die Kapitel zwei bis fünf sind chronologisch nach der jeweiligen wirtschaftspolitischen Entwicklungsstrategie unterteilt, welche die verschiedenen Regimes im 20. Jahrhundert verfolgt haben. Am Ende eines jeden Kapitels wird anhand von Grafiken die Entwicklung ausgewählter makroökonomischer Indikatoren dargestellt. Der Leser erhält durch die grafische Darstellung eine bessere Übersicht über die charakteristischen Merkmale, welche sich durch die jeweilige Wirtschaftsentwicklung in den einzelnen Epochen ergeben hat. Abschließend werden in jedem der vier Kapitel die Defizite herausgearbeitet, die sich aus den jeweiligen wirtschaftspolitischen Maßnahmen der verschiedenen Regimes bzw. durch den Einfluss weiterer Faktoren ergeben haben.
Der Verlauf der ökonomischen Entwicklung durch die exportorientierte Entwicklungsstrategie, die dem Land zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen großen Reichtum bescherte, wird in Kapitel zwei behandelt. In Kapitel drei folgt die Darstellung der Wirtschaftsentwicklung im Rahmen der importsubstituierenden Industrialisierungsstrategie (ISI). Da die ISI zeitlich fast ein halbes Jahrhundert umfasst, ist das Kapitel anhand der Phasen der Importsubstitution in zwei Schwerpunkte unterteilt. Diese grenzen sich anhand der Kontinuität der verfolgten Wirtschaftspolitik stark voneinander ab, so dass die Entwicklung der makroökonomischen Indikatoren nach jedem Schwerpunkt bzw. nach jeder Phase getrennt voneinander dargestellt wird. Das vierte Kapitel steht unter der Überschrift der Liberalisierung der Wirtschaft, die durch das Militärregime eingeläutet wurde und unter Präsident Alfonsín größtenteils fortgeführt wurde. Die Regierungszeit Alfonsíns war vor allem durch die zahlreichen Stabilisierungsprogramme gekennzeichnet, die unter ihm eingeführt wurden. Daher werden in einem weiteren Punkt die verschiedenen Faktoren analysiert, die zum Scheitern sämtlicher Stabilisierungsprogramme beigetragen haben. Auch in diesem Kapitel wird die Entwicklung der makroökonomischen Indikatoren während der Militärdiktatur und unter Alfonsín getrennt voneinander betrachtet. Der Grund dafür liegt in der extremen Entwicklung einzelner Indikatoren, welche für das jeweilige Regime bezeichnend ist und für die weitere negative Wirtschaftsentwicklung eine große Rolle spielten. Das fünfte Kapitel widmet sich der Darstellung der wirtschaftspolitischen Maßnahmen unter Menem, die ganz im Zeichen des Neoliberalismus standen. Einen eigenen Schwerpunkt in dem Kapitel bildet die Erläuterung der theoretischen Merkmale bzw. der Funktionsweise des 1991 eingeführten fixen Währungssystems in Form eines Currency Board System (CBS). Dies dient dem besseren Verständnis des Lesers, welches nötig ist um die in Kapitel sechs folgende Argumentation nachvollziehen zu können, ob das CBS eine der Ursachen für die Krise darstellt.
Kapitel sechs wurde in vier Oberpunkte untergliedert. Im ersten Oberpunkt fließen die herausgearbeiteten Defizite der verschiedenen Wirtschaftsepochen, die in Kapitel zwei bis fünf behandelt werden, als ein mögliches 'Ursachenbündel' zusammen und dienen somit auch als Überblick über die Fehlentwicklung der Wirtschaft, welche sich im 20. Jahrhundert ergeben hat. Im zweiten Schwerpunkt des Kapitels wird die neoliberale Wirtschaftspolitik als eine mögliche Ursache untersucht, die sich in den von Menem umgesetzten Reformen sowie in den Forderungen des IWF widerspiegelt, die er an die Bereitstellung der finanziellen 'Hilfspakete' knüpft. Der dritte Oberpunkt widmet sich der Darstellung der exogenen Schocks und den damit verbundenen negativen Auswirkungen, die in der Literatur auch als primäre Ursachen für die Krise genannt werden. Somit konzentrieren sich die zwei letztgenannten Oberpunkte vor allem auf die 90er Jahre als Dekade, die zum Jahrtausendwechsel in der Krise gipfelten.
Der vierte Punkt bildet ein abschließendes Fazit, welches sich die vorherige Punkten des sechsten Kapitels bezieht. Hier werden die zuvor aufgeführten möglichen Ursachen danach bewertet, ob sie primär für die Krise verantwortlich waren oder nur als Auslöser bzw. 'Rezessionsverstärker' fungierten.