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Mit 15 in den Krieg

Ein Napola-Schüler berichtet

AutorKarl Dürrschmidt
VerlagAres Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl215 Seiten
ISBN9783702014728
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Dies ist der authentische Bericht eines Fünfzehnjährigen, der die Zeit vom Januar bis Ende April 1945 in einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola) in Oberbayern verbringt. Nach kurzem Aufenthalt in einem Kinderlandverschickungslager am Chiemsee beschließt er, mit zwei seiner Kameraden zu seiner Mutter ins egerländische Wintersgrün zu marschieren, das nach 15, von Hunger, Schweiß und Durst geprägten Tagen glücklich erreicht wird. Aber schon wenig später wird er von den Tschechen in ein Internierungslager gebracht. Wochen und Monate körperlicher und seelischer Demütigungen folgen, bis ihm Ende Juli 1946 die Flucht nach Bayern gelingt, wo er in Wiesau wieder auf seine mittlerweile ausgesiedelten Eltern trifft. - Ein packendes, detailgetreues Buch, das, vor allem, eines lehrt: nie die Hoffnung aufzugeben!

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Leseprobe

Am nächsten Morgen trieb uns die Neugier; wir schauten uns im Haus und den dazu gehörenden Nebengebäuden genauer um. An die Gaststätte angebaut und durch Fenster verbunden, befand sich im Erdgeschoß ein eingeschossiger Raum mit großen Fenstern, dem unsere Aufmerksamkeit vorerst galt. Vorhänge verhinderten die Sicht in den Anbau, so daß wir die Nutzung nicht erkennen konnten. Telefone klingelten, und Gespräche zwischen Männern und auch Frauen wurden geführt, deren Inhalt wir aber nicht verstanden, wodurch sich unsere Wißbegier vergrößerte, was sich hier wohl verberge. Wir gingen der Sache bei der Erkundung der Umgebung weiter nach und sahen, daß der Raum ebenso von außen zugänglich und, zu unserem Erstaunen, eine Wache in Luftwaffenuniform vor dem Eingang postiert war. Von hier aus erkannten wir im Raum Luftwaffenoffiziere und drei Luftwaffenhelferinnen, die in der Umgangssprache „Blitzmädchen“ genannt wurden, weil sie an den Uniformärmeln ein Blitzzeichen trugen. Wir warfen durch die Außenfenster neugierige Blicke und sahen an der Wand eine große Landkarte hängen; im Raum waren Schreibtische aufgestellt, mit Funkgeräten und Telefonapparaten darauf, und dahinter saßen die Offiziere und die „Blitzmädchen“. Sehr laut und lebhaft ging es zu, als zwei Offiziere vor der großen Landkarte standen und mit einem Zeigestab darauf herumdeuteten. Es dauerte nicht lange, bis wir entdeckt und vom Wachhabenden vertrieben wurden. Später erfuhren wir im Ort, daß im Anbau des Gasthauses ein Luftwaffenstab zur Leitung von Einsätzen stationiert sei. Zu unserem Erstaunen tauchte immer wieder ein Melder auf einem Kraftrad auf, militärisch Kradmelder genannt, der Schriftstücke entgegennahm und wieder wegfuhr. Durch weitere Ausforschungen wurde uns bekannt, daß auf einer gesperrten, asphaltierten Straße in einem nahen Waldstück Flugzeuge vom Typ „Bücker Bestmann“, mit Panzerfäusten unter den Tragflächen ausgestattet, bereitstanden, die von dieser Straße zur Panzerbekämpfung starten sollten. Der Kradmelder war ständig zwischen dem Stab und dem Startplatz unterwegs und brachte neue Einsatzbefehle, die auf die neuesten Panzerbereitstellungen der Feinde abzielten. Uns interessierte natürlich auch noch die Lage des Start- und Landeplatzes, und wir forschten weiter.

Als zweite militärische Einrichtung war auf dem Vorplatz des Gasthofes, getarnt unter den Kastanienbäumen des Biergartens, ein SS-Stoßtrupp. Er bestand aus zwei Lastwagen und einem Krad. Auf einem der Lastwagen waren zwei Maschinengewehre MG 42, Panzerfäuste und Panzerschrecks aufgebaut, der zweite war mit einer Plane versehen und diente als Mannschaftswagen mit Verpflegung und Zeltzeug. Ein junger, mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse (abgekürzt EK I) ausgezeichneter Untersturmführer hatte den Trupp von insgesamt sechs Mann geführt, der sich noch aus zwei Fahnenjunkern, zwei Lastwagenfahrern im Rang von Sturmmännern und einem Scharführer, der das Krad fuhr, zusammensetzte. Der Kradfahrer hatte die Verbindung mit den anderen selbständigen Gruppen aufrechtzuerhalten. Auf vorgeschobenem Posten bereitete diese Einheit die Panzerbekämpfung vor. Mit diesen jungen SS-Leuten im Alter von etwa 20 bis 25 Jahren, die eine selbständige und bewegliche Kampfgruppe zur Panzerbekämpfung bildeten, haben wir uns rasch angefreundet.

Mit unseren beiden Begleitern aus der früheren Anstalt brachen wir schließlich auf, um die Umgebung anzuschauen. Wir besichtigten zuerst den Ort Rimsting, der an den Chiemsee angrenzte. An den nächsten Tagen unternahmen wir etwas weitere Ausflüge am Chiemseeufer entlang. In den kleinen ländlichen Gemeinden fielen wir sofort auf, weil alle in gleiche Trainingsanzüge gekleidet waren und mit einheitlich gleichlangen Haarschnitten auftraten. Außerdem verständigten wir uns, so gut es ging, in englischer Sprache, nicht etwa zur Angabe, sondern um in der schulfreien Zeit unsere Englischkenntnisse durch Übung wachzuhalten. Neugierig begleiteten uns Kinder ein Stück des Weges, und Erwachsene blieben stehen und sahen uns erstaunt nach. Nachdem niemand Näheres über den Grund unserer Einquartierung in Rimsting wußte, erkundigte sich der Bürgermeister, um seinen Ort besorgt, beim Gastwirt, bei dem wir untergebracht waren. Er wollte wissen, woher wir gekommen seien, weshalb wir uns hier in Rimsting aufhielten und welche weiteren Absichten wir hätten. Sorgen um den Ort hätte er schon genug mit dem SS-Stoßtrupp auf dem Grundstück des Wirtes, der bei den Bewohnern ständig im Gespräch sei und genau beobachtet würde, äußerte er sich. Die Bewohner und auch er wollten nicht, daß der Ort verteidigt werde. Durch die Anwesenheit des SS-Stoßtrupps sei die Anspannung im Ort vor dem Einmarsch der Amerikaner ohnehin groß. Nach persönlicher Kontaktaufnahme mit unseren Begleitern schien er beruhigt zu sein.

Die zum Teil großzügigen Ferien- und Bootshäuser am Ufer des Chiemsees beeindruckten uns sehr. Sie waren in diesen letzten Kriegstagen oder schon etwas länger von ihren Eigentümern aus München und Rosenheim wegen ständiger Bombenalarme und Kriegszerstörungen in diesen Städten nun ständig bewohnt. Unsere Phantasie, eines der vielen Boote aus einem Bootshaus zu entführen und auf den See hinaus zu rudern, war schnell angeregt, und wir waren entschlossen, dies bald ohne Erzieher in die Tat umzusetzen.

Am nächsten Tag wanderten wir nach Prien. Dieses Städtchen, direkt am See gelegen, gefiel uns außerordentlich gut, und wir bedauerten, nicht mehr Zeit zum längeren Verweilen zu haben, denn zum Abendessen mußten wir pünktlich zurück im Gasthaus sein.

Einen großen Schock löste am Abend des 1. Mai 1945 die Nachricht aus, daß der „Führer“ tags zuvor im Abwehrkampf um Berlin gefallen sei. Unsere Begleiter sprachen jetzt auch zum erstenmal vom nahen Kriegsende, da nun viele Wehrmachtsangehörige den auf den „Führer“ abgelegten Eid als nicht mehr bindend betrachten würden, ganz entgegen unserer festen Überzeugung, daß der Eid auch für den Nachfolger Dönitz gelten müßte. Der Englisch- und Geschichtslehrer aus Bremen, der uns von der neuesten Entwicklung berichtet hatte, stellte zu diesem Zeitpunkt seine Gedanken, wie er uns erst später offenbarte, bereits darauf ab, wie er zusammen mit den Kameraden aus Nord- und Westdeutschland nach dem kurz bevorstehenden Einmarsch der Amerikaner heimkehren könnte. Der Luftwaffenstab verfügte über einen Bus mit Fahrer, den er bereits in seine Planung einbezogen hatte. Um später an den Bus zu gelangen, hatte er vorher bereits mit dem Oberst Kontakt aufgenommen und stillschweigend vereinbart, daß dieser, der Fahrer des Busses und ein weiterer, ebenfalls aus Norddeutschland stammender Offizier nicht in Gefangenschaft gehen, sondern als Lehrer des Kinderlandverschickungslagers ausgewiesen werden sollten. Der Busfahrer sollte Fahrer der Gruppe bleiben. Unser Begleiter verfügte über Blankoausweise für Lehrer. Vertraut gemacht wurden wir mit diesen Vereinbarungen erst kurz vor dem Eintreffen der Amerikaner, damit wir die drei Herren eventuell identifizieren konnten. Der feldgraue Militärbus sollte sofort nach dem Einmarsch der GIs in weißer Leuchtfarbe mit „Children’s return train“ beschriftet werden. Treibstoff in 200-Liter-Fässern sollte vorab besorgt und sichergestellt werden.

An den ersten Maitagen des Jahres 1945 hatte es noch einmal kräftig geschneit. Wiesen und Dächer waren schneebedeckt, und auf den Straßen lag Schneematsch. Der SS-Trupp in unserer Nachbarschaft bereitete sich auf den Umzug außerhalb des Ortes vor, um dort Stellung zu beziehen. Man forderte uns auf, den Bereitstellungsraum an der Straße nahe einem kleinen Wald, der auch Rückzugsmöglichkeiten bot, zu besichtigen. Dort dürften wir auch eine Panzerfaust abschießen und einige MG-Salven abfeuern. Wir deuteten an, nur die Trainingsanzüge, die wir trugen, zu besitzen, worauf uns der Untersturmführer sogleich Ersatzuniformen anbot. Während wir die Verhandlungen mit den SS-Leuten führten, räumten andere Kameraden aus dem Verpflegungslastwagen einige Konservendosen zur Aufbesserung unseres Essens ab und schafften diese in unser Lager. Als sich die Kameraden nach Gelingen unserer Vorratsaufbesserung wieder zu uns gesellt hatten, gaben wir vor, die Genehmigung unserer Erzieher einholen zu müssen. Wieder zurück, erklärten wir, zu unserem großen Bedauern keine Bewilligung erhalten zu haben. Der SS-Trupp zog in die Bereitstellung ab, und wir boten den anderen Kameraden beim Abendessen glückstrahlend die eben geklauten Fleischkonservendosen als Aufbesserung unseres Essens an. Unsere Erzieher fragten zwar nach deren Herkunft, gaben sich jedoch zufrieden, als wir erklärten, die SS-Kameraden hätten sie beim Abzug für uns gespendet.

An diesem Abend, nach dem Essen, merkten wir, daß auch im Luftwaffenstab in unserer Nachbarschaft aufgeräumt wurde. Es startete ein „Festmahl“, in dessen Verlauf Weine und Spirituosen auf den Tisch kamen und weit in die Nacht hinein laut und ausgiebig gefeiert wurde. Das bedeutete offensichtlich das Aus für den Luftwaffenstab....

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