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Abenteuer Diagnose

Wie Ärzte und Patienten mysteriösen Krankheiten auf die Schliche kommen. Wahre Medizingeschichten - Vom NDR-Gesundheitsmagazin Visite

AutorAnke Christians, Volker Arend, Volker Präkelt
VerlagHeyne
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl304 Seiten
ISBN9783641227975
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Wahre Storys aus der Welt der Medizin - für alle Fans von Dr. House & Good Doctor
Eine nahezu unbekannte Autoimmunkrankheit, ein höchst seltener Gendefekt oder ein unsichtbarer Fremdkörper im Zwölffingerdarm: Bei der 'Fahndung' nach einer rettenden Erklärung für quälende, lebensgefährliche Beschwerden geht es in der Medizin manchmal zu wie im Krimi.
Woche für Woche berichten die Macher von 'Abenteuer Diagnose' in der NDR-Erfolgsserie VISITE von den unglaublichsten Fallgeschichten. Sie besuchen Patienten und lauschen ihren Geschichten, führen intensive Interviews mit Angehörigen, Therapeuten und Ärzten und beschreiben spannend und mitreißend, wie es gelingt, mysteriösen Krankheitsauslösern auf die Spur zu kommen. Die 12 spannendsten Fälle aus fast 10 Jahren 'Abenteuer Diagnose' - berührende Patientengeschichten, die einen verblüffenden Einblick in medizinische Detektivarbeit geben.


Volker Arend, geboren 1965, ist Diplom-Biologe und Wissenschafts-Journalist. Neben seiner Tätigkeit als TV-Autor für den NDR (Gesundheitsmagazin'Visite') produziert er medizinische Lehrfilme und begleitet Fachtagungen journalistisch auf mehreren Kontinenten.Volker Arend ist einer der Entwickler von 'Abenteuer Diagnose'.

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Leseprobe

ALLES INKLUSIVE

Volker Präkelt

Dezember 2007. Naila im Frankenwald. Doris Meckel schließt Lücken im Regal, richtet Flaschen aus, damit die Etiketten nach vorn zeigen. Frau Herrmann, die Glückliche, hat Frühschicht gehabt und sitzt schon zu Hause vor dem Fernseher. Die Schursch wischt zwischen den Bierkästen, dass man sich drin spiegeln kann. An der Kasse drückt Frau Korkmaz auf den Knopf. Eine Klingel schrillt durch die Kaufhalle. »Kasse bitte!«

»Komm ja schon!«

Doris, Sturmfrisur aus rot gefärbten Haaren, mustert den Stapel auf der Europalette. Die Glühweinboxen kann sie auch morgen noch einräumen.

Blick auf die Uhr. Drei Minuten vor sieben, Endspurt. Schlange an der Kasse, wie immer vor Ladenschluss, der ganz normale Wahnsinn in der Kaufhalle zwischen Kronacher Straße und Gewerbegebiet Kugelfang. Ächzend macht sich Doris auf den Weg. Ganz schön kurzatmig sei sie für ihre neunundvierzig Jahre, meinte Herr Schreck erst heute.

Der muss grad reden, mit seiner Wampe.

Jetzt steht der Filialleiter, Fluppe in der hohlen Hand, an der Eingangstür und lässt keinen mehr rein.

Es gibt etwas, auf das sich Doris freut. Sie wird über Bad Lobenstein nach Hause fahren; da wohnt ihre Schwester. Mit der will sie was unternehmen, Weihnachtsmarkt vielleicht, auf einen Punsch zwischen Holzbuden und Jahresendzeitdekoration. Nettes Örtchen, das Moorbad am Thüringer Meer.

Hinterher mit dem 610er nach Hause in die Platte. Hoffentlich hat Frau Römer die Katze gefüttert, gelüftet und nicht vergessen, die Fenster in der Zweizimmerwohnung zu schließen. Scheußliches Wetter soll es geben, mit Sturm und so, hat der Wettermann von Antenne Thüringen gesagt.

Weihnachten – gebietsweise Schnee.

Der Plan für die Festtage ist noch nicht fix. Zu Hause feiern, mit der Familie? Platz ist genug, sie lebt allein. Oder nach Hessen fahren, wo ihre Tochter Leonie wohnt?

Februar 2008. Hanau. Krankenschwester Leonie entnimmt Blut bei Herrn Klöpper. Nach Venen muss sie nicht lange suchen. 20 Milliliter entnimmt sie dem alten Herrn, spritzt es in die Blutkulturflaschen. Leonie ist gerne Krankenschwester, die Strecke zwischen Patientenbad, Reinraum und Schwesternkanzel ist ihr Reich. Gleich zwei, dann beginnt die Übergabe der Schwestern im Aufenthaltsraum. Wehe, da platzt ein Assistenzarzt rein, weil er das fidele Geschnatter von fünf Schwestern mit einer Stationsparty verwechselt. Der bekommt einen Spruch um die Ohren!

Beim Sprüchemachen ist sie Weltmeisterin. Trotzdem hilft sie dem ein oder anderen Grünschnabel. Die Patienten sind ihr wichtiger, so manchen hat sie in ihr Herz geschlossen.

Sie selbst ist gesund.

Die Verwandtschaft auch, im Großen und Ganzen.

Kaum Erbkrankheiten, niemand lebt gefährlich, keiner schlägt über die Stränge. Ein bisschen viel gepafft wird in Thüringen, in der Küche ihrer Mutter.

Aber die wird auch noch vernünftig. Schließlich feiert sie bald einen runden Geburtstag.

Fünfzig Jahre, mein lieber Schwan. Da ist was im Busch. Schwester Ines tut geheimnisvoll, Tochter Leonie kichert am Telefon. »Mutti, nimm dir bloß nichts vor an deinem Jubeltag!«

An der Kasse ist heute wenig los. Sie nimmt den Jahreskalender der örtlichen Sparkasse aus der Schublade und zählt die Arbeitstage bis zum 19. Mai.

Wenn nur der blöde Magen nicht wäre, der grummelt schon wieder. Ende Dezember hat das angefangen, beim Abschmücken des Tannenbaums. Schwindelig ist ihr geworden, als sie vom Stuhl stieg.

Kreislaufstörungen. Normal.

Brechreiz. Magen-Darm, grassiert mal wieder.

Kalte Schweißausbrüche. Stress, Nachwirkungen vom Weihnachtsgeschäft, wo die Leute Getränke kaufen wie blöde.

Dann ist es richtig losgegangen.

Erbrechen, Magenschmerzen. Extrem.

Die Kolleginnen haben das mitbekommen. »Nervöser Magen«, hat Frau Hermann gesagt. »Essen wir halt ein bissel Zwieback.« Frau Korkmaz hat in der Pause einen Tee gekocht, aus ihrer Heimat. Mit Ayurveda und so. Geholfen hat er nicht.

Zum Glück hat Herr Schreck nichts gemerkt. Wann immer er die Regallücken auf Bodenhöhe ins Visier genommen hat, sind die Kolleginnen zur Stelle gewesen. »Schon erledigt«, hat die Schursch gesagt, »spar ich mir das Fitnessstudio.« Herr Schreck hat den Bauch eingezogen und ist in seinem Kabuff verschwunden.

Gestern hat sie ihrer Tochter von der Magensache erzählt. Am Telefon. Nur Andeutungen gemacht – Tee, Zwieback, Magentropfen. »Mutti«, hat Leonie gesagt, »geh einfach zum Arzt. Den Uhlich, den findest du doch nett. Ist keine Weltreise bis dahin. Eine Viertelstunde mit dem 620er.«

Alleen mit Ahornbäumen, ein Kreuz mit verwelkten Blumen. Felder, die bis zum Horizont reichen. Windräder, Broilerbuden, ehemalige LPGs. Alle paar Kilometer eine Ansammlung grauer und lehmfarbener Häuser, die den staubigen Seitenstreifen säumen. Eine Brücke führt über den Bleilochstausee, die Staumauer stammt aus der Zeit der Weimarer Republik.

Die Praxis liegt im Erdgeschoss eines Einfamilienhauses. Doris Meckels Hausarzt hat die Praxis vor dreißig Jahren übernommen. Seitdem hat sich vieles verändert: Stimmungstief über dem Saaletal. Hoher Altersdurchschnitt, zunehmend viele Depressionen. Die Jüngeren hauen ab, diejenigen, die geblieben sind, kennt er gut. Als Doris Meckel kommt und über Bauchschmerzen klagt, klingt das nach einem Routinefall.

»Das war in der Zeit«, erinnert sich Dr. Hagen Uhlich später, »in der es viele Magen-Darm-Infekte gab. Sie reihte sich da ein. Ein Virusinfekt. Die Symptome sprachen genau dafür. Sie hatte einen leichten Druckschmerz im Magenbereich. Sonst war nichts weiter.«

Sapperlot! Jetzt ist es raus! Die Kinder haben zusammengeschmissen und ihr eine Woche Urlaub spendiert. Doris Meckel kann ihr Glück kaum fassen. Türkische Riviera – ein Ferienklub am Rande einer Hafenstadt. Mit Ruinen der alten Römer. Die muss man sich aber nicht ansehen, steht im Gutschein. Verschenkte Zeit, im Klub gilt »all inclusive«!

Frühstück auf der Schattenterrasse, nachmittags Kuchen, Kaffee, Softdrinks am Pool. Abends ins Themenrestaurant, lecker essen ohne Ende. Wär doch schade, wenn sie die Köstlichkeiten nicht genießen könnte.

Doris sitzt in der Küche, raucht und schwelgt in Traumfotos. Leonie hat ihr einen Katalog schicken lassen. Weiße Liegestühle vor azurblauen Swimmingpools. Kronleuchter in der Rezeption, Köche mit weißen Mützen, meterlange Buffets mit bunten Salaten, man muss nur zulangen.

Sie hat Ines gefragt, ob sie mitfahren will. Sie könnten sich ein Doppelzimmer teilen. Ihre Schwester hat nicht lange überlegt. Gestern waren sie im Einkaufszentrum, schicke Urlaubsklamotten aussuchen. »Haben Sie das Palmenhemd auch in Größe achtunddreißig?«, hat Doris die Verkäuferin gefragt. Die hat auf ihrem Kaugummi gekaut und skeptisch geschaut. »Achtunddreißig? Sicher?«

In diesem Moment ist ihr klar geworden, dass Tee und Zwieback die perfekte Diät sind. Später hat sie sich im brutalen Licht der Umkleide gemustert: gemein, die ganzen Dellen und so. Wie eine schrumpelige Raupe ohne Hoffnung auf Verwandlung ist sie sich vorgekommen. Lieber ein paar Kilo mehr und unverbeult, hat sie gesagt, als Ines ihr Komplimente wegen ihrer Schonkost-Erfolge gemacht hat.

In den 620er ist sie auch noch mal eingestiegen. Angeflunkert hat sie den Hausarzt, ohne rot zu werden.

Der Durchfall – so gut wie weg, hat sie behauptet.

Auf Nachfrage: Im Oberbauch nur noch ein leichter Druck.

Abgenommen, ein bisschen, kann nicht schaden vor dem Urlaub.

Hagen Uhlich hat sie lange angeschaut. »Dann gibt es ja keinen Grund mehr, dass Sie nicht in die Sonne fliegen können. Wo geht’s denn hin?«

Türkei. All inclusive.

Vielleicht hätte sie ihm beichten sollen, dass ihr der Tee aus der Nase läuft, wenn sie mehr als zwei Tassen trinkt.

Das Meer vor der weißen Mauer ist ihnen nicht geheuer. Fisch hätten wir lieber auf dem Teller, was, Doris? Ines bringt sie zum Lachen. Und die Ferienanlage ist der Hammer. Der Swimmingpool, ein Paradies. Livrierte Kellner, Service rund um die Uhr. Jeder Wunsch wird ihr von den Augen abgelesen. Sogar solche, die sie nie hatte.

»Aqua-Gymnastik gefällig, Frau Meckel?«

»Nein danke, ich faule lieber ein bissel in der Sonne.«

Nur mit dem Magen wird es nicht besser. Angesichts der Speisekarte die reinste Sabotage.

Surf & Turf mit Garnelen & Rinderfilet.

Pasta mit Lachswürfeln & Sahne-Wodka-Sauce.

Tiramisu, Crème brulée oder Mousse zum Nachtisch.

Ines hat eine Idee. »Lass doch die Schonkost bleiben. Zum Doktor gehen musst du sowieso, wenn wir wieder zu Hause sind. Also iss, was dir schmeckt.«

Red Snapper mit Limonensauce & Würzreis.

Lammspießchen vom Grill, dazu Joghurt mit Minze.

Obstsalat mit Cointreau-Dressing.

»Das Oberteil zur weißen Jeans?« Ines probiert die neuen Sachen an. Das kurzärmelige Hemd passt eher nach Hawaii, aber Bunt macht frisch, und heute ist der Fünfzigste. Die Jubilarin liegt auf dem Doppelbett, sagt keinen Pieps. Scheint geschrumpft zu sein. Liegt das an der türkischen Sonne, die jede Gesichtsfalte nachmodelliert?

»Komm schon«, sagt Ines. »Hast dich so drauf gefreut. Wenn du sowieso brechen musst, dann kannst du auch richtig essen, oder?«

Doris rappelt sich auf. »Na, gut. Wenn schon, denn schon.«

Das Restaurant Xerxes ist festlich geschmückt, die Stühle mit rot-weißen Hussen bezogen. Doris bedenkt...

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