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Aber ich will etwas getan haben dagegen!

Die RAF als postfaschistisches Phänomen

AutorMartin Kowalski
VerlagVergangenheitsverlag
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl129 Seiten
ISBN9783940621658
FormatPDF/ePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis6,99 EUR

Aber ich will etwas getan haben dagegen! Damit bezog sich Gudrun Ensslin auf den fehlenden Widerstand im Nationalsozialismus und rechtfertigte so ihren Kampf in der Stadtguerilla. Wie sehr die rebellierende Generation der 68er jedoch selbst immer noch dem faschistischen Denken verhaftet blieb und wie wenig Distanz sie zu ihren Eltern gewinnen konnten analysiert Autor Martin Kowalski genau. Aus einer Perspektive ist die RAF vor allem auch als ein postfaschistisches Phänomen zu sehen.

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Leseprobe
„Praxislos sind programmatische Erklärungen nur Geschwätz.“ – Primat der Praxis und Avantgardismus (S. 75-76)

In Gestalt des ‚Primats der Praxis‘ wurde die eigene Haltung in den Rang einer revolutionären Theorie und zu einer Art kategorischem Imperativ erhoben. Aus dem Zerfall der APO wollte die RAF die ‚angemessene‘ Konsequenz ziehen. Im RAF-Gründungsaufruf forderte Gudrun Ensslin zweierlei: Endlich zu handeln, und zwar militant zu handeln. Und aufzuhören, die Ziele linker Aktion einer breiten Öffentlichkeit aus „kleinbürgerlichen Intellektuellen“ verständlich machen zu wollen.

Die „potentiell revolutionären Teile des Volkes“ und „objektiv Linken“ sollten agitiert werden: Arbeiter und Arbeiterinnen, benachteiligte Jugendliche, „die kinderreichen Familien und das Subproletariat und die proletarischen Frauen, die nur drauf warten, den Richtigen in die Fresse zu schlagen.“ Statt Reden und Theoretisieren in Intellektuellenkreisen sollte nun etwas ‚getan‘ werden, und zwar gemeinsam mit den Beherrschten und Unterdrückten.

Man reproduzierte dabei eine bereits in der APO verbreitete klassisch marxistisch-leninistische Analyseperspektive: Einer von objektiven Umständen determinierten Klasse ‚an sich‘ musste durch eine linksradikale Avantgarde das ‚richtige‘ Klassenbewusstsein beigebracht werden, damit sie eine revolutionäre Klasse ‚für sich‘ werden konnte, die sich ihrer Interessen bewusst und dafür zu kämpfen bereit sei. Ein Jahr später kritisierte die RAF vor diesem Hintergrund die „Rückkehr zu studentischen Schreibtischen“ und eine andauernde „Papierproduktion“: „Praxislos ist die Lektüre des ‚Kapital‘ nichts als bürgerliches Studium. Praxislos sind programmatische Erklärungen nur Geschwätz. Praxislos ist proletarischer Internationalismus nur Angeberei. Theoretisch den Standpunkt des Proletariats einnehmen, heißt ihn praktisch einnehmen.“

Die RAF war nicht grundsätzlich theorie- und intellektuellenfeindlich, das zeigen schon ihre bemüht- komplizierten Schriften. Sie sprach allerdings der Praxis eine nahezu unbedingte Priorität zu, wobei ‚bewussten‘ Intellektuellen eine spezielle Aufgabe zufalle: „Wir behaupten, dass ohne revolutionäre Initiative, ohne die praktische revolutionäre Intervention der Avantgarde der sozialistischen Arbeiter und Intellektuellen, ohne den konkreten antiimperialistischen Kampf es keinen Vereinheitlichungsprozess gibt, dass das Bündnis nur in gemeinsamen Kämpfen hergestellt wird oder nicht, in denen der bewusste Teil der Arbeiter und Intellektuellen nicht Regie zu fahren, sondern voranzugehen hat.“
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
„ Die Konflikte auf die Spitze treiben…“ – 40 Jahre nach Gründung der RAF8
„Unter dem Pflaster liegt der Strand!“ – Die Revolten der 1960er Jahre und die bundesrepublikanische Linke19
„ Man kann mit Leuten, die Auschwitz gemacht haben, nicht diskutieren.“ – Der Tod Benno Ohnesorgs und die Radikalisierung der Studentenbewegung27
„ Napalm ja, Pudding nein.“ – Von der Spaßguerilla zur Stadtguerilla34
„…ungeeignet, eine ihren Zielen angemessene Praxis zu entwickeln.“ – Krieg gegen den Staat oder ‚ Marsch durch die Institutionen‘43
„Unsere Isolation jetzt und das Konzentrationslager demnächst…“ – Eine kleine Geschichte der RAF49
„ Die Angst vor dem Faschismus überwinden, um seine Wurzeln zu vernichten!“ – Der Faschismusbegriff der RAF61
„…eine nachholende Résistance“ – Pathos des Widerstands und Märtyrertum68
„ Praxislos sind programmatische Erklärungen nur Geschwätz.“ – Primat der Praxis und Avantgardismus76
„Wir haben diese Struktur in unseren Zusammenhängen nicht aufgelöst.“ – Autoritarismus, Menschenhass, Antisemitismus83
Die Rote Armee Fraktion und die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft – Ein vorläufiges Fazit97
Anmerkungen106

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