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Abschied vom Mythos

Sechs Jahrzehnte kubanische Revolution - Eine kritische Bilanz

AutorHannes Bahrmann
VerlagCh. Links Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl248 Seiten
ISBN9783862843527
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Früher war Kuba ein vergleichsweise reiches Land. Das Bruttosozialprodukt lag über dem Mexikos, die Ärztedichte über der in den Vereinigten Staaten, das Bildungswesen war auf dem Niveau Westeuropas. Sechs Jahrzehnte nach dem Sieg der Revolution kann sich das Land nicht mehr selbst ernähren, die Produktivität in der Wirtschaft reicht nur für Löhne von durchschnittlich 25 Euro im Monat. Die Ideale einer sozialistischen Gesellschaft mit großer Gleichheit sind dahin, die sozialen Unterschiede wachsen unaufhörlich. Die politische Macht ist noch fest in der Hand der kommunistischen Partei und der Familie Castro. Doch mit der Wiederzulassung kleinerer Privatunternehmen und der Annäherung an die USA beginnt ein Umgestaltungsprozess mit ungewissem Ausgang.

Jahrgang 1952, Studium der Geschichte und Lateinamerikawissenschaften in Rostock, danach Journalist bei Rundfunk, Zeitungen und Nachrichtenagenturen, seit 1984 regelmäßig Reisen nach Kuba und Nicaragua, Autor zahlreicher Sachbücher zur Geschichte Mittelamerikas und der DDR-Politik, darunter '6 mal Mittelamerika', Berlin 1985, 'Piraten der Karibik', Berlin 1989, 'Chronik der Wende', Berlin 1994/1999, zuletzt: 'Abschied vom Mythos. Sechs Jahrzehnte kubanische Revolution', er arbeitete in den 1980er-Jahren in Nicaragua als Berater der UNESCO, war Wahlbeobachter in Managua und reiste wiederholt durch das Land, lebt in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.

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Leseprobe

Prolog


»Wir haben es vielleicht nicht so mit dem Produzieren, aber kämpfen können wir gut!«
Fidel Castro 1970

Havanna, Anfang November 2015: Nach stundenlanger Busfahrt erreiche ich das Hotel »Inglaterra«. In der schwülwarmen Abendluft drängen sich Taxifahrer mit ihren aufpolierten Oldtimern vor dem Eingang. Drinnen wimmelt es von Gästen, die Bar ist dicht umlagert, die Lobby voller Leute. Nur für mich ist hier kein Platz. »Sie sind bei mir nicht gebucht«, lautet der Bescheid der strengen Rezeptionistin. Ich überreiche ihr meine Reservierung vom August. »Tut mir leid, wir sind hoffnungslos überbucht.«

Ich bin sauer und muss meinen Unmut unterdrücken. Später wird mir bewusst, dass man solche Gespräche in Kuba doch ganz anders führt. Am Anfang steht ein schmeichelndes amorcita (Liebchen) oder papíto (Väterchen), gefolgt von einem verharmlosenden, mit Diminutiven gespickten Anliegen. Etwa: »Weißt du, ich habe da ein klitzekleines Problemchen, eigentlich nicht der Rede wert. Ich bräuchte ein Zimmerchen – kein Ding, ich weiß, aber vielleicht findest du in deinem Computerchen noch eins. In meiner Hand warten auch ein paar ›chavitos‹ – was meinst du?«

An diesem Abend, wie auch an jedem anderen zu dieser Zeit, hätte auch diese Dramaturgie ihren Zweck verfehlt. Das touristische Havanna ist voll, platzt aus allen Nähten. Es herrscht eine stille Verabredung: Alle Welt will noch einmal nach Kuba, bevor …

Bevor was?

Es liegt ein Duft von Veränderung in der Luft. Nur will es niemand so deutlich sagen. »Ich will Kuba noch so sehen, wie es vielleicht nicht mehr sein wird« oder »Jetzt ist es noch so ursprünglich, wer weiß, bald sieht es aus wie überall.« Mich befällt eher Schwermut, wenn ich sehe, dass es immer noch so aussieht wie beim letzten Mal. Und es tut mir innerlich weh, wenn die Neuankömmlinge von Havannas Altstadt jenseits der Touristenmeile angesichts der einstürzenden Altbauten von einem »Kriegsgebiet« sprechen.

In den 80er Jahren war ich mehrmals hier, arbeitete mit Kubanern, hatte Freunde, von denen kaum noch jemand da ist. In den 90er Jahren habe ich den Zusammenbruch des Sozialismus auf der Insel erlebt – und ich war im Sozialismus nicht auf Urlaub, sondern habe zuvor 37 Jahre meines Lebens in der DDR gelebt und erkenne Details und Strukturen wieder.

Mit der »Chronik der Wende«, die von der ARD in 167 Folgen als Dokumentationsserie verfilmt wurde, haben Christoph Links und ich 1989 den Abschied einer Gesellschaft im Alltag dokumentiert, in »Am Ziel vorbei« 15 Jahre später zogen wir mit zahlreichen Autoren eine Zwischenbilanz. Jetzt geht es mir um die Frage, was sich in sechs Jahrzehnten seit dem Sieg der Revolution in Kuba entwickelt hat.

Doch kann man das nicht besser aus dem Land selbst heraus beurteilen?

Marcel Kunstmann aus Jena studiert derzeit in Havanna und betreibt den Blog »Cuba heute«. Er schreibt: »Es ist einfacher aus dem Ausland über Kuba zu schreiben als innerhalb des Landes. Ohne Internet sind wir nicht nur uninformiert, was außerhalb Kubas vorgeht, wir wissen nicht einmal, was um uns herum passiert. Selbst wenn wir regelmäßig die Zeitung lesen, so müssen wir den kondensierten Kaffeesatz von wortkargen Versammlungsberichten als Interpretationsrichtschnur für die nächsten Schritte der Regierung verwenden.«

Das vorliegende Buch ist keine rein subjektive Sicht auf die Dinge, es ist auch keine wissenschaftliche Arbeit. Mein Ziel war es, zusammenzutragen, was sich wie ereignet hat und warum es so gekommen ist. Ich betrachte die Dinge von außen und bemühe mich, keine Schuld zuzuweisen. Jede der beteiligten Seiten hatte Gründe für ihr Handeln, manchmal gute – manchmal weniger gute. Am Ende steht die Frage: Hat sich das große Gesellschaftsexperiment gelohnt? Die Antwort darauf muss jeder selbst finden.

Sechs Jahrzehnte nach dem Sieg der Revolution ist das Land erschöpft. Die 11,5 Millionen Kubaner leben im permanenten Ausnahmezustand. Das einst reiche Kuba der 50er Jahre ist verarmt, die Infrastruktur heute beklagenswert, Maschinen und Anlagen der meisten Industriebetriebe sind verschlissen. Die Landwirtschaft kann das Land trotz günstiger natürlicher Voraussetzungen nicht einmal im Ansatz ernähren. Die Substanz der Städte nähert sich gefährlich dem Abriss.

Die Utopie einer neuen Gesellschaft hielt nur wenige Jahre. Die Zeit des Überlebens dauert hingegen schon Jahrzehnte. Die Generation der heutigen Großeltern erinnert sich wehmütig, die der Eltern ist beschäftigt mit dem alltäglichen Kampf um alles und jedes, und die junge Generation interessiert gänzlich anderes. Gerade erst debütierte der 19-jährige Toni, ein Enkel Fidel Castros, als Model.

Die Revolutionäre von damals waren keine gesichtslosen Männer in grauen Anzügen ohne Visionen, wie sie die sozialistischen Staaten in Mittel- und Osteuropa repräsentierten. Sie sahen mit ihren Bärten verwegen aus. Und: Sie hatten ohne Hilfe von außen gesiegt. »Unsere Revolution war kein Geschenk der Roten Armee, wir haben sie selbst erkämpft«, machte Fidel Castro klar, wenn er selbstbewusst mit seiner neuen Schutzmacht in Moskau stritt.

Dass das revolutionäre Kuba 90 Meilen vor der Küste der USA bis heute überlebte, grenzt an ein Wunder. Der Preis war hoch: Der Kampf um Kubas Souveränität brachte die Welt 1962 an den Rand einer nuklearen Katastrophe und damit in die größte Gefahr seit Menschengedenken. Es war ein Glück, dass die Kontrolle der Zündung der Atomraketen einem altgedienten sowjetischen General unterstand und nicht einem der heißblütigen Comandantes.

Irritierend ist bis heute die Aussage Ernesto »Che« Guevaras, der im November 1962 – verärgert über den Abzug der Nuklearwaffen – dem Daily Worker, der Zeitung der KP Großbritanniens, sagte: »Wären die Raketen hier geblieben, hätten wir sie in unserer Verteidigung gegen die Aggression alle eingesetzt und sie direkt auf das Herz der USA gerichtet, sogar auf New York.« Auch Fidel Castro hätte ein nukleares Inferno in Kauf genommen – und nannte es in seinen späten Jahren eine »Jugendsünde«. Ein atomarer Overkill zur Durchsetzung einer Idee?

Der Versuch, in den 60er Jahren auf Kuba den »neuen Menschen« zu formen, der ohne finanzielle Anreize vor allem aus seinem Bewusstsein heraus handelt, endete im wirtschaftlichen Fiasko. Dass sein maßgeblicher Erfinder Ernesto »Che« Guevara, genervt vom mangelnden Einsatz vieler Kubaner, auch zum Erfinder von Arbeitslagern wurde, ist ein Makel der Revolution, der seine Folgen zeigte.

Die gesellschaftliche Utopie scheiterte nicht zuletzt an den harten Realitäten des Kalten Krieges, der keinen dritten Weg zuließ. So blieb als einziger Ausweg die weitgehende Unterordnung unter das sowjetische Herrschaftsmodell. Die UdSSR gliederte Kuba in ihr sozialistisches Wirtschaftsbündnis ein und sorgte dafür, dass das Überleben der Insel gesichert wurde. Wie viel das gekostet hat, lässt sich nur schätzen. Wie das meiste Zahlenmaterial aus Kuba mit Vorsicht zu genießen ist. Es gibt keine unabhängige Statistik in Kuba. Das Statistische Jahrbuch erschien 1989 zum letzten Mal. Alle Zahlen unterliegen einer strengen staatlichen Prüfung: Passen sie nicht ins Bild, werden sie neu berechnet oder weggelassen.

Ein Grund für das wirtschaftliche Überleben Kubas ist die Existenz von zwei Währungen. Der nationale Peso (CUP) ist eine Schwachwährung und steht im Verhältnis zur Hartwährung, dem konvertiblen Peso (CUC), 2016 in einem Verhältnis von 24: 1. Geht es aber an die Statistik, so verwandelt sich die Schwachwährung wie von Geisterhand im Verhältnis 1 CUP = 1 CUC auf Dollarhöhe. Und weil das bei der Darstellung des Bruttoinlandsprodukts immer noch nicht reichte, rechneten die offiziellen Statistiker in Havanna auch noch die Aufwendungen für die Bildung und Gesundheitsbetreuung mit hinein, was international unüblich ist. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen setzte Kuba deshalb auf eine rote Liste der Staaten, deren Angaben nicht vertrauenswürdig sind. Nordkorea befand sich bereits auf diesem wenig schmeichelhaften Index.

Es ist eine beklagenswerte Tatsache, dass die kubanische Revolution mehrheitlich auf Pump finanziert wurde. Ohne ausländische Hilfe wäre Kuba nicht sechs Jahrzehnte lang über die Runden gekommen. Die Sowjetunion unterstützte das Land nach Berechnungen der russischen Ökonomin Irina Zorina mit über 100 Milliarden Dollar. Darin unberücksichtigt sind die Milliarden an Rüstungshilfe. Die letzten Milliarden, die Russland noch in seinen Büchern hatte, wurden 2014 gestrichen.

Nachdem die UdSSR wirtschaftlich ruiniert war und andere Hilfen ausblieben, stand Kuba am Abgrund: Die frühen 90er Jahre wurden zur período especial – zur sogenannten Sonderperiode, zur Kriegswirtschaft in Friedenszeiten. Es gab fast nichts mehr. Die Existenz Kubas unter der insgesamt 49 Jahre dauernden Regierung von Fidel Castro stand auf Messers Schneide.

Dann bekam Ende der 90er Jahre Venezuela eine revolutionäre Regierung. Hugo Chávez, der neue Präsident, war ein großer Bewunderer der kubanischen Revolution und bereit, das Land seines Vorbilds Fidel Castro zu einem nicht geringen Teil zu finanzieren. 15 Jahre später ist auch dieses Land – immerhin mit den größten...

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