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E-Book

Ach, Afrika

Berichte aus dem Inneren eines Kontinents

AutorBartholomäus Grill
VerlagSiedler
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl432 Seiten
ISBN9783641139315
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Eine leidenschaftliche Liebeserklärung an die afrikanische Welt
Afrika ist ein Kontinent voller Widersprüche, geprägt durch die reiche Vorstellungswelt seiner Menschen, ihre sozialen Regeln und Rituale, ihre Träume und Tabus, ihre Machtstrukturen und Glaubenssysteme. Diese Welt erscheint oft roh und gewalttätig, dann wieder zeitlos heiter und gelassen. Bartholomäus Grill hat sie uns mit diesem Buch erschlossen. Ein Standardwerk, das der Autor aktualisiert und um ein neues Kapitel über die atemberaubenden Entwicklungen der letzten Jahre erweitert hat.


Bartholomäus Grill, 1954 in Oberaudorf am Inn geboren, studierte Philosophie, Soziologie und Kunstgeschichte. Vier Jahrzehnte lang hat er als Korrespondent der ZEIT und des SPIEGEL aus Afrika berichtet. 2006 wurde er für eine Reportage über den Tod seines Bruders mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Bei Siedler erschien sein Bestseller »Ach, Afrika« (2003), außerdem »Um uns die Toten« (2014) und zuletzt »Wir Herrenmenschen« (2019). Grill lebt in Kapstadt.

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Leseprobe

Im afrikanischen Wechselbad
Annäherungen an einen fragilen Kontinent

WELCHEN WEG SOLLEN WIR NEHMEN? Den nach links oder den nach rechts? Oder doch den in der Mitte? Alle Wege sehen gleich aus. Ratlos stehen wir an der Gabelung zwischen Lisala und Gemena, irgendwo im Herzen des Kongobeckens, in einem unermesslichen Waldmeer, das von namenlosen Flüssen durchädert wird.

Wir sind zu fünft in unserer Reisegesellschaft. Adam, der Besitzer des Geländewagens, wohnhaft in Tansania, sein kongolesischer Chauffeur, der behauptet, jede Ecke seines Landes zu kennen, der französische Fotograf Pascal Maître, ein Marabut, ein heiliger Mann aus dem Tschad, der kein Wort sagt und immerzu sardonisch grinst, und, neben meiner Wenigkeit, noch eine hübsche Strahlenschildkröte, die dem Fahrzeughalter gehört. Unser Ziel, Bangui, die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, ist noch weit entfernt. Seit frühmorgens um sechs sind wir unterwegs und haben bis hierher knapp 200 Kilometer geschafft. Ungefähr 17 Kilometer pro Stunde. Die Straße, wenn man sie so nennen will, besteht aus Myriaden von Schlaglöchern, Schlammrillen, Kratern und Wasserlachen, die stellenweise zur Größe von Fischweihern angeschwollen sind; sie gleicht einem grünen Tunnel, der schier endlos durch den Urwald mäandert. Wir fahren in dämmrigem Licht und sehen kein Stückchen Himmelsblau. Drei Radfahrer, ein Bierlastwagen, zwei Schlangen – das sind die einzigen Begegnungen des heutigen Tages. Es ist schwül und heiß, die Luft liegt wie eine feuchte Decke auf der Haut. Man schwitzt, der Staub verklebt die Augen, das lauwarme Wasser geht zur Neige. An jeder Kreuzung, jeder Abzweigung, jeder Wegzwille die gleiche Frage: Wohin sollen wir uns wenden? Die Landkarte gibt keine Auskunft, Wegweiser existieren nicht, der Chauffeur ist mit seinem Latein am Ende. Weit und breit findet sich kein Mensch, den wir fragen könnten. Jede Fehlentscheidung kann Tage kosten, denn die Pfade verlieren sich im Wald, enden an einem Sumpf oder stoßen auf einen unüberwindlichen Fluss. Sie führen ins Nichts oder genauer: in das, was wir für das Nichts halten.

So wie im kongolesischen Urwald erging es mir oft in Afrika. Die Wegscheide ist ein Sinnbild der Orientierungslosigkeit: Ich fühlte mich wie ein Elementarteilchen, das durch einen riesigen Kosmos treibt. Ich kam zum ersten Mal in ein großes Land, nach Nigeria, Angola oder in den Sudan, und fragte mich: Wo anfangen? Wie einen Überblick gewinnen, wo ich doch nur ein paar Splitterchen vor Augen bekommen, nur mit einem Dutzend Leute sprechen, zwei, drei Orte besuchen werde? Ich sah ein Ritual, ein Symbol, eine Geste, hörte eine Geschichte, erlebte eine Begebenheit und konnte das Wahrgenommene nicht einordnen oder begreifen. Es fehlten die historischen Kenntnisse, der religionssoziologische Hintergrund, das ethnografische Referenzsystem. Da stand ich dann und tat, was ein kluger Kopf einmal »hermeneutischen Kolonialismus« genannt hat: interpretieren, hineindeuten, spekulieren. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass dabei oft Zerrbilder, Wunschvorstellungen oder Projektionen entstehen, und wir müssen zunächst über uns selber reden, über die Fallstricke der Wahrnehmung und über die Interessen, die unsere Erkenntnisse leiten. Aber ich will dem ersten Kapitel des Buches nicht vorgreifen.

Eine Landmasse, in der Westeuropa zehn Mal Platz fände, 800 Millionen Menschen, vielleicht 900 Millionen oder noch mehr, fünfzig Staaten, Tausende von großen Völkern und kleinen Ethnien, Kulturen und Religionen – ist es nicht vermessen, sich ein Urteil über diesen Erdteil zu erlauben? Und muss es nicht geradezu anmaßend wirken, wenn wir über das »Wesen« der Afrikaner reden und keine einzige ihrer 2000 Sprachen sprechen? Es ist anmaßend – auch wenn man sich seit dreißig Jahren mit ihrem Kontinent beschäftigt. Um also gleich an dieser Stelle falschen Erwartungen vorzubeugen: Dies ist kein enzyklopädisches Werk, keine Monografie über Afrika, sondern die Rückschau eines Korrespondenten, der seit 1980 versucht, diesen Kontinent zu verstehen. Es sind Depeschen aus einer Welt der Ungleichzeitigkeiten und Widersprüche, Extreme und Enigmata; Momentaufnahmen von einem rauen und sanften, brutalen und feinfühligen, niederschmetternden und beglückenden Erdteil; Sequenzen aus einem schwer lesbaren Text, der immer wieder vor den Augen verschwimmt und sich in der Mannigfaltigkeit afrikanischer Länder und Landschaften, Völker und Kulturen, Menschen und Schicksale, Sprachen und Sitten, Geister und Götter auflöst. Am Ende steht ein unvollständiges Mosaik. Es ist mein Bild von Afrika.

Die weißen Flecken und Unschärfen auf diesem Bild haben mich am Anfang meiner Jahre in Afrika oft gewurmt. Das änderte sich, als ich das Tagebuch von Michel Leiris entdeckte. Der französische Literat hatte an der Dakar-Dschibuti-Expedition des berühmten Ethnologen Marcel Griaule teilgenommen. Am 5. Oktober 1931 notiert er: »Ich verzweifle daran, dass ich in nichts wirklich bis auf den Grund einzudringen vermag.« Der Poet Leiris hat sich mit dem allwissenden Forscher Griaule überworfen, weil er mit schonungsloser Offenheit die Grenzen der völkerkundlichen Erkenntnis beschreibt. Der Dichter will eintauchen in die »ursprüngliche Mentalität« und muss schließlich feststellen, dass er nur ein Afrique fantôme erlebt und ein Gefangener des eurozentrischen Blicks bleibt. Wir können uns nicht selber entfliehen. Die Bekenntnisse des Michel Leiris waren ein erhellender Trost.

Wie könnten wir zum Beispiel verstehen, was in der kleinen Buschklinik von Bâ Tadoh Fomantum vor sich geht? Fomantum ist ein traditioneller Heiler, ein Medizinmann, und seine Wirkstätte liegt im Wald hinter der Stadt Bamenda in Kamerun. Was will uns das merkwürdige Holzschild am Eingang bedeuten, auf dem wir eine Schlange mit Menschenkopf sehen? Sollen wir ernst bleiben, wenn der Wunderdoktor sagt, er müsse erst einmal prüfen, ob wir böse Geister mit uns führen? Wenn er androht, dass uns, falls dem so sei, Killerbienen und Giftnattern töten würden und auf den Fotografien nur Blut zu sehen wäre? Fomantum streut Erde, schaut ins Feuer, sprenkelt Wasser. Wir bestehen die Prüfung. Aber dann gehen die Fragen weiter. Muss diese schmutzige, teerartige Masse, die der Meister in die schwärende Wunde am Unterschenkel eines jungen Mannes kleistert, nicht eine fürchterliche Infektion auslösen? Nein, versichert der Patient, es werde von Tag zu Tag besser; er sei hier, weil man ihm im Krankenhaus von Bamenda nicht mehr habe helfen können. Das leuchtet uns noch halbwegs ein. Aber was soll die seltsame Tortur auf dem Vorplatz? Warum sitzt die alte Frau, gefesselt zwischen zwei Speeren, in einem Kreis von Holzscheiten? »Hexen und Zauberer haben sie irre gemacht«, erklärt Fomantum, gießt Spiritus über die Scheite und zündet sie an. Ein Flammenring lodert um die Patientin. Gelähmt vor Angst starrt sie ins Feuer. Sie zittert, schließt die Augen, betet. Oder dort hinten, ebenso rätselhaft, aber nicht so martialisch, die nächste Behandlungsszene: vier Frauen, nackt und reglos. Helferinnen haben sie am ganzen Körper mit Lehm eingeschmiert. Fomantum beugt sich zu ihnen hinab, murmelt esoterische Formeln und drückt Schilfruten in ihre Hände. Zwei Stunden müssen sie in dieser Haltung verharren, jeden Tag, »bis die Besessenheit aus ihnen fährt«.

Alles nur Mummenschanz? Afrikanische Quacksalberei? In Bamenda erzählt man von den sensationellen Heilerfolgen dieses Mannes. Die Menschen fürchten und verehren ihn. Wenn Schulmediziner mit ihrem Latein am Ende sind, suchen sie seinen Rat. Manchmal schicken sie scheinbar hoffnungslose Fälle zu ihm in den Wald. Das Gerücht, er könne auch Aids kurieren, weist Fomantum allerdings entschieden von sich. »Gegen diese Viren hat niemand ein Rezept.« Wir glauben, einen studierten Weißkittel reden zu hören. Im nächsten Moment führt er uns wieder an die Pforten eines Reiches, das von ätherischen Kräften und kryptischen Gesetzen durchwaltet wird. Es liegt jenseits unserer rationalen Welt, aber wenn wir die Sache vom Ergebnis her betrachten, gilt die alte Medizinerformel »Wer heilt, hat Recht.« Ich erzähle diese Geschichte, weil der Medizinmann in gewisser Weise auch mich geheilt hat. Oder sagen wir: Er hat mir den abendländischen Erkenntniszwang ausgetrieben, den Zwang, alles gedanklich durchdringen und sezieren zu müssen. In Afrika lernt man, mit Fragezeichen zu leben. Man erkennt, was man nicht erkennen kann. Und wird im Laufe der Jahre behutsamer, vorsichtiger, vielleicht auch gnädiger in seinen Urteilen über diesen Kontinent.

*

Ein kleines, fröhliches Negerlein – mein Archetypus von Afrika – stieg aus einem Malbuch. Ich malte das Negerlein aus, gelb die Schnabelschuhe, froschgrün die Pluderhose, himbeerrot den Fes auf seinem Kopf. Als ich des Lesens kundig war, entdeckte ich in einer Holzkiste auf dem Dachboden das Buch Unter Wilden und Seeräubern von Ludwig Foehse. Es enthielt Geschichten aus dem Negerreich Kilema und Bilder von wilden Kriegern, die mit Speeren durch den Busch liefen, von Krokodilen im Mangrovensumpf, von tropenbehelmten Kolonialisten in weißem Kattun. Eine Szene erfüllte mich mit großer Furcht: Ludwig, der wackere Sohn des Baumwollpflanzers, sucht mit dem Fernrohr den Rand des Dschungels ab und sieht, wie Buschiri, der Araberhäuptling und Sklavenjäger, einem Missionar die Ohren abschneidet und mit einer riesigen Keule den Schädel eines wachsbleichen Kindes zertrümmert. »Ach, wenn die Weißen tot und alles zerstört wäre, dann, ja dann dürften sie wieder faulenzen, und das hieß bei ihnen glücklich sein«, seufzt der Erzähler. Er porträtiert natürlich auch...

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