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Ach Gott, die Kirche!

Protestantischer Fundamentalismus und 500 Jahre Reformation

AutorMartin Urban
Verlagdtv Deutscher Taschenbuch Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl220 Seiten
ISBN9783423429115
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR

Eine hochaktuelle Streitschrift zu 500 Jahren Reformation

Der Kirche laufen die Menschen davon. Und daran, so Urban, ist die evangelische Kirche auch selbst schuld: Sie hat vergessen, dass sie eine Kirche der Aufklärung ist, stattdessen wird sie immer konservativer und fundamentalistischer. Immer mehr Intellektuelle kehren ihr den Rücken, womit jeglicher intelligente Dialog verloren geht. Urban rechnet mit den Kirchenoberen der beiden großen Konfessionen in Deutschland ab. Er entlarvt die Rückwärtsgewandten und die Evangelikalen weltweit und beschreibt deren Einfluss bis in die höchsten Kreise der Politik.

<b>Martin Urban</b> stammt aus einer evangelischen Theologenfamilie. Nach einem Studium der Physik, der Chemie und der Mathematik an der FU Berlin arbeitete Urban als Diplom-Physiker auf dem Gebiet der Plasmaphysik. 1965 trat er der Redaktion der ?Süddeutschen Zeitung? bei und gründete 1968 die Wissenschaftsredaktion, die er bis zu seinem Ruhestand im Jahre 2001 leitete und immer weiter ausbaute. Er hat mehrere Sachbücher zu philosophischen, psychologischen und theologischen Themen veröffentlicht.

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Leseprobe

Vorwort von Gerhard Roth


Der islamistische Fundamentalismus verbreitet seit einiger Zeit im vermeintlichen Namen Allahs, »des einen Gottes«, überall auf der Welt Schrecken und Tod. Oft vergessen wir dabei, dass der Fundamentalismus, also die fanatische Überzeugung, im Besitz der Wahrheit über das Wesen und den Willen Gottes zu sein und deshalb radikale Herrschaft ausüben zu dürfen, bereits im Christentum zu finden ist: Über zwei Jahrtausende fand sie ihren Niederschlag in furchtbaren Glaubenskriegen, Unterdrückung und im missionarischen Kolonialismus.

 

Wie Martin Urban, von Hause aus Physiker, im vorliegenden Buch mit großer theologischer Sachkenntnis und in aller Deutlichkeit darstellt, ist auch dieser christliche Fundamentalismus keineswegs tot, sondern in allen Gegenden der Welt populär und strebt auch innerhalb des deutschen Protestantismus und Katholizismus weiter nach politischem und kulturellem Einfluss. Warum aber begeben sich so viele Menschen in unserer scheinbar so aufgeklärten Gegenwart in eine derartige geistige und psychische Abhängigkeit?

 

Wir Menschen bestehen aus widerstrebenden Tendenzen. Hierzu gehören unter anderem Aufregung und Ruhe, Bindung und Selbstbestätigung, Unterwerfung und Kontrolle, Versorgung und Autarkie, Harmonie und Kritik. Von frühester Kindheit an gehört es zu den Herausforderungen der Persönlichkeitsentwicklung, zwischen diesen polaren Tendenzen ein »leb-bares«, wenngleich immer bedrohtes Gleichgewicht zu finden. Wird dieses Gleichgewicht gefunden, so sprechen wir von einem »in sich ruhenden« und toleranten Menschen. Das sind aber offenbar nicht viele. Die Mehrzahl der Menschen strebt nach Ruhe, Bindung Unterwerfung, Versorgung und Harmonie.

 

Religionen waren stets darauf ausgerichtet, dieses Streben zu bedienen. In einer unübersichtlichen und beunruhigenden, ja verängstigenden Welt liefern sie einfache Erklärungen, Sinndeutung, verlässliche Verhaltensregeln, Bindung und vor allem Trost und Zuversicht für die größte Bedrohung in unserem Leben, nämlich das Sterben und den Tod. Sie sind deshalb bis heute so erfolgreich, weil sie damit das vermitteln, was bereits das Kleinkind am nötigsten braucht: Schutz, Bindung und Tröstung. Damit begeben sich Kleinkind und Erwachsener in eine tiefe geistige und psychische Abhängigkeit. Aus dieser Abhängigkeit führt nur der Prozess der Erziehung zur Mündigkeit, d.h. der Aufklärung, wie es der Philosoph Immanuel Kant thematisierte.

 

Martin Urban zeigt, wie notwendig und zugleich schwer es ist, einen solchen Weg zur Mündigkeit zu gehen. Er akzeptiert auf der einen Seite die Aussagen des historischen Jesus, indem diese das »Reich Gottes« zum Gegenstand haben. Zum anderen aber wehrt er sich in sehr kompetenter Weise vehement gegen alle Umdeutungen und Verfälschungen, die das jesuanische Evangelium in den Händen der christlichen Kirchen erfahren hat. Dies betrifft so ziemlich alles, was auch heute noch als »Kern« der christlichen Lehre verstanden wird, nämlich das vermeintliche Doppelwesen Jesu als Mensch und Sohn Gottes, sein Opfertod und seine Auferstehung, die zur Grundlage der zentralen Verheißung wird: »Wer an mich glaubt, der wird ewig leben« (Johannes 6:47). Die historisch-kritische Bibelforschung hat nachweisen können, wie wenig vom kodifizierten »Neuen Testament« als halbwegs gesichert übrig bleibt. Wie Urban darstellt, gelten die Bemühungen der Evangelisten (von denen niemand Jesus selbst erlebt hat) dem Ziel, Jesus Christus als Erfüller alttestamentarischer »Weissagungen« darzustellen, um ihn den damaligen Juden akzeptabel zu machen. Das ging nur mithilfe von Fehlinterpretationen und Fehlübersetzungen. Berühmtestes Beispiel ist die von Jesaia (7:14) angeblich vorausgesagte Jungfrauengeburt Jesu durch Maria. Zugleich erhielt der neutestamentarische Ursprungstext eine tiefgreifende Umdeutung durch Paulus in Hinblick auf eine Steigerung der Akzeptanz des Evangeliums durch Nichtjuden – von noch späteren Zusätzen und Umdeutungen, welche vornehmlich die Macht der Kirche festigen sollten, ganz zu schweigen, wie etwa die »Felsenzusage« nach Mt 16:18, die auf einem nur im Griechischen verständlichen Wortspiel beruht (Jesus sprach sicherlich nicht griechisch zu seinen Jüngern!).

 

Ebenso schwer wiegt für Urban die Tatsache, dass die offizielle Lehre beider großen christlichen Konfessionen durchsetzt ist von geistigen Zumutungen schlimmster Art. Schon im Mittelalter beklagten Theologen und Philosophen, dass in der christlichen Lehre viele Dinge enthalten seien, die der ansonsten hochgepriesenen Logik eindeutig widersprechen, so die Annahme, dass Gott gleichzeitig allmächtig, allgütig und allwissend ist, und das damit verbundene Theodizee-Problem (warum lässt Gott das Böse bzw. die Sünde der Menschen zu, wenn er alles weiß und alles lenkt?), die Dreifaltigkeitslehre und vieles mehr. Die damalige Kirche beeilte sich natürlich, derartige Bedenken als Irrlehre zu brandmarken und festzustellen, dass Gott eben nicht der menschlichen Logik unterliege.

 

Mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften wurden die Zweifel erneut lauter, diesmal in Form der Frage, ob Gott gegen die Naturgesetze handeln könne, die er ja selbst »erlassen« habe. Das Evangelium ist voll von Berichten über Geschehnisse, die eklatant dem heutigen naturwissenschaftlichen Verständnis widersprechen. Die bereits erwähnte und für das Christentum zentrale Jungfrauengeburt Jesu durch Maria und insbesondere die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu sind für jeden vernünftig denkenden Menschen inakzeptabel – ganz abgesehen von der Güte der textlichen Überlieferung.

 

Die Antwort der Kirche findet sich bereits bei Paulus im 1. Korintherbrief: »Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen.« Es gibt eine »höhere« Wahrheit, gegen welche die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, aber auch das vernünftige Alltagsdenken nichts auszurichten vermögen. Das ist Lehrmeinung beider christlichen Konfessionen. Im Klartext: Wenn gesicherte Aussagen der Naturwissenschaften im Widerspruch zur Lehre der Kirche stehen, dann muss der Geltungsbereich der Naturwissenschaften auf das »Irdische« eingeschränkt werden. Wie aber die Lehre von den zwei Wahrheiten im Kopf eines gläubigen Christen funktionieren soll, hat man bisher nicht herausgefunden, und so bleibt einer solchen Person eben nur das Opfer des Verstandes, das »Sacrificium intellectus«, das sogar ein ansonsten aufgeklärter protestantischer Theologie wie Dietrich Bonhoeffer befürwortete.

 

Für Martin Urban ist dies im Rahmen sowohl seines jesuanischen Glaubens als auch seiner naturwissenschaftlichen Grundüberzeugung kein gangbarer Weg. Wir können nun einmal nicht im Hörsaal die physiologischen Eigenschaften des Lebens und des Sterbens als von unbezweifelbaren Naturgesetzen bestimmt vertreten und dann am Sonntag gläubig akzeptieren, dass dies bei der Geburt und AuferstehungJesu nicht zutraf.

 

Von manchen zeitgenössischen Theologen und Philosophen wird in diesem Zusammenhang schnell argumentiert, es handle sich bei den Naturwissenschaften nur um vorübergehende Meinungen, die deshalb nicht geeignet seien, die Wahrheit des Evangeliums zu erschüttern. Dass es sich bei den Erkenntnissen der Naturwissenschaften nicht um absolute Wahrheiten handelt, ist korrekt, aber es geht im Falle naturgesetzlicher Ereignisse um Erkenntnisse, die im höchsten Maße empirisch bestätigt und – zumindest in den meisten Fällen – in einen logisch-mathematischen Zusammenhang gebracht wurden. Das unterscheidet sie grundlegend von vielen Aussagen des Evangeliums, die Dinge berichten, die niemand je erfahren hat. Im täglichen Leben würde ein denkender Mensch solchen »frohen Botschaften« niemals Glauben schenken – es sei denn, er ist zum Opfer des Verstandes bereit, um Frieden, Bindung, Sicherheit und Trost zu finden und die Angst vor dem Tod auszuhalten.

 

Urban hält uns an, dieses Opfer nicht zu bringen. Zugleich aber hält er an der Zuversicht fest, dass Jesus – obwohl selbst nur irrender Mensch und eines natürlichen Todes gestorben – Dinge verkündet hat, die vor ihm niemand verkündete und die zur Grundlage eines humanistisch-demokratischen Weltbildes...

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