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Achtsamkeit in der stationären Jugendhilfe

Wie kann ethische Achtsamkeit Beziehungen subjektorientierter gestalten?

AutorThomas Kleber
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl66 Seiten
ISBN9783656558712
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Bachelorarbeit aus dem Jahr 2013 im Fachbereich Sozialpädagogik / Sozialarbeit, Note: 1,3, Evangelische Hochschule Ludwigsburg (ehem. Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Ludwigsburg), Sprache: Deutsch, Abstract: Eingeforderte Achtsamkeit gilt in Hochglanzprospekten von Institutionen meist nur der Adressatenseite. Dabei ist ethische Achtsamkeit ohne Selbstsorge für Sozialarbeitende auf die Dauer nicht möglich. Vorliegendes Buch möchte Mut machen, sich neu als Akteur einer Praxisethik zu verstehen, die beide Seiten berücksichtigt und einfordert. Alle Beteiligten im Jugendhilfeprozess kommen hierfür aus ihrer Sicht zu Wort. Als Teamkonzept ist eine dauerhafte Verwirklichung achtsamer Praxis möglich und kann als ein Qualitätsmerkmal Sozialer Arbeit im stationären Alltag angewandt werden. Die differenzierte Ausarbeitung verschiedener Achtsamkeitsauffassungen möchte dazu beitragen über das Thema Achtsamkeit sprachfähiger zu werden.

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Leseprobe

1 Einführung


 

„Noch 148713 Mails checken, wer weiß was mir dann noch passiert, denn es passiert so viel. Muss nur noch kurz die Welt retten und gleich danach bin ich wieder bei Dir…“ (Tim Bendzko 2011).

 

Während der moderne Mensch dauernd dabei ist, ´seine Mails zu checken´ und auf dem Weg ´zu Dir´ immer noch so viel passieren kann, so scheint es doch, dass er, indem er sein Ziel nicht findet, genau das bekommt, was er gesucht hat, nämlich das ´Wegsein´. Auch wenn Tim Bendzko die Ungebundenheit besingt, so liegt doch eine tiefe Melancholie über diesem ´Versagen. Denn, wie gerne würden wir doch unsere Ziele finden, bei ´dir sein´ und dabei unsere Anwesenheit genießen. Doch irgendetwas scheint uns davon abzuhalten.

 

Die Botschaft der Achtsamkeit (Mindfulness) weckt Sehnsüchte, dieser Flucht zu entkommen: Entschleunigung, echte Begegnung, Leben im Hier und Jetzt und somit Zeit ´für dich´.

 

Westliche Achtsamkeitsvermittlung übersetzt dabei östliche Weisheiten aus dem Buddhismus. Im therapeutischen Einsatz schafft die Praxis vielen Menschen Hilfe und Erleichterung.

 

Einen anderen Weg geht die Ethik der Achtsamkeit (Carefulness) von Elisabeth Conradi. Hier ist Achtsamkeit kein Bewusstwerdungsprozess, sondern sie entwickelt ein vertieftes Verständnis, achtsam mit Menschen in asymmetrischen, manchmal scheinbar nicht-reziproken Beziehungen umzugehen. Das ´zu dir´ (Bendzko) scheint in solchen Bezogenheiten versperrter und ´echte Begegnung´ wird zur Herausforderung.

 

 Die Jugendhilfe ist so ein Ort. Dies liegt weder an den ´schwierigen´ Kindern und Jugendlichen und auch nicht an gedankenlosen, unsensiblen ErzieherInnen. Vielmehr muss in dem schwierigen Kontext stationärer Heimunterbringung Erziehung und Beziehung stattfinden. Hier greift der meditationstechnische Achtsamkeitsbegriff allein zu kurz. Diesen Mainstream der Literatur trotzdem vorzustellen ist unausweichlich, eine andere Sichtweise ist derzeit kaum auffindbar und verfolgt den Sinn, den Kern einer so diskutierten Achtsamkeit zu verstehen. Der in der buddhistischen Tradition gelehrte Weg des ´Nicht Eingreifens´ fordert zudem heraus, sich mit der Nähe zum Paternalismus in Sozialbeziehungen auseinanderzusetzen.

 

Es steht viel auf dem Spiel, denn teure Jugendhilfe soll gelingen und steht im Fokus der Öffentlichkeit. In stationären Einrichtungen sind den Sozialarbeitenden Kinder anvertraut, die mit hohen oder auch subtil formulierten Erwartungen ausgestattet, aus ihrem Identitätsort herausgenommen wurden. Dabei gewinnen viele Kinder den (falschen) Eindruck, ihren Eltern gegenüber nicht mehr loyal zu sein und beweisen durch Opposition, wie schmerzhaft sie ´ihr Versagen´ bedauern.

 

Den MitarbeiterInnen des Hilfealltags wird viel zugemutet, hohe Ausgestaltung sozialpädagogischer Schlüsselqualifikationen wie Ambiguitätstoleranz, Belastbarkeit oder Empathie etc., bei einer Bezahlung und öffentlichen Wertschätzung, die immer noch den Stempel der Alltagsorientierung, ´Erziehen kann doch jeder´, propagiert.

 

Mein Thema, Achtsamkeit in der stationären Jugendhilfe, ist kein Vorwurf der Unachtsamkeit an die Erziehenden, sondern ein Reflexionspunkt. Denn einerseits sind die Mitarbeitenden der Gefahr ausgesetzt, in einer Routinemühle vieler Strukturschwächen stationärer Jugendhilfe, an den einstmals gefassten Professionsüberzeugungen zu (ver-) zweifeln. Andererseits kann die Reflexion zu einem Wendepunkt werden. Kohlberg hält, „Moralurteile, die innerhalb von Bezugsgruppen entstehen für >>konventionell<< und deshalb ein Sich- Entfernen von der >Bezugsgruppe< und ein Ausrichten nach überpersönlichen Prinzipien für die einzige Möglichkeit zu einem kritischen Urteil zu kommen“ (Conradi 2001, S.199). Sein Einwand wirft sowohl einen Blick auf die Fähigkeit von Teams, Achtsamkeit zu entwickeln bzw. ausüben zu können, als auch auf die Selbstachtsamkeit und die eigene Rolle in der Arbeitsgruppe. Diesem Gedanken folgend wird die vorgestellte Subjektorientierung zum Blickwinkel auf das Selbst und auf das Team. Reflexion wird hier zum „Entfernungspunkt“ und zur Chance: Achtsamkeit im Fokus ermutigt, zu dem zu kommen, was man eigentlich möchte.

 

1.1 Bezug zum Thema


 

Im Zuge des Lesens vieler unterschiedlicher Achtsamkeitsliteratur bleibt es nicht aus, vom Anliegen der Achtsamkeit als Mindfulness erfasst zu werden.

 

Oft beschäftige ich mich mit der Vergangenheit oder Zukunft. Ist in Gedanken beim übernächsten Thema plant oder ich bemerke nicht die Aufforderung ´Wasser zu geben´, wenn unser Hund einfach still neben seinem Trinknapf liegt. Unachtsamkeit lebt.

 

Achtsamkeitsliteratur macht bewusst, wie sehr in mangelnder Präsenz der Wert des Moments verlorengehen kann. Am Ende erreichter Ziele steht schon die Hetze der neuen Erwartungen. Zurück bleibt eine Art ´Nie – Zufriedenheit´. Sara Silverton erzählt u.a. die Geschichte von Henry der seine an multiple Sklerose erkrankte Frau pflegt: „ Sie war schon länger krank, und sein Leben bestand hauptsächlich darin, sie zu versorgen und sich um den Haushalt zu kümmern. Er entdeckte durch seine Achtsamkeitspraxis, dass er die schönen Momente ihres Zusammenlebens, die es trotz ihrer Krankheit immer noch gab, wahrnehmen und wirklich genießen konnte. Er stellte auch fest, dass er sich mit seiner Frau als Mensch statt als MS-Patientin verbinden konnte. Er nahm sich Zeit, im Garten den Sonnenuntergang und die Vögel zu betrachten und Wege für sie beide zu finden, Musik und den Sonnenschein draußen zu genießen. Er sagte, er warte nicht mehr darauf, sein Leben leben zu können, sondern habe beschlossen es jetzt zu leben“ (Silverton 2012, S.25).

 

Auch wenn ich den östlichen Achtsamkeitsbegriff als „Selbstkultivierung“ (Kaltwasser 2008, S.65) in der Kritik einer Beliebigkeit von Engagement und Helfen sehe und ich im folgenden die Ethik der Achtsamkeit als bewusst wertendende Philosophie in den Mittelpunkt meines Jugendhilfeblicks stelle, dieses Stehen bleiben, um sich oder dem anderen zu begegnen, tut gut.

 

Über die Ausführungen von Conradi et.al. freue ich mich, denn sie entwickeln im Gegensatz zum Prinzip eine Ethik der Praxis. Achtsamkeit erhält einen Bezugspunkt, wird somit beschreibbar, verliert seine Beliebigkeit und wird dennoch nicht normiert.

 

Eine Praxisethik lebt von Zuwendung, Knowhow und Resonanz, und schafft den Freiraum, sich zu verbessern. Dies gilt im Kontext von Care givern (den Hinwendenden, ob in Pflege oder Jugendhilfe), die Carol Gilligans Leitspruch „not to turn away from someone in need “ (Conradi 2001, S.228) annehmen. Sie meint damit, dass eine Person, die sich nicht abwendet, den anderen nicht verlässt und den Mut hat, auszuhalten (vgl. Conradi 2006, S.254). Eine solche Person wendet sich nicht ab, um zwar fehlerlos zu bleiben, aber im Gegensatz gar nichts zu tun.

 

Dem Ansatz über ethisches Verstehen Haltungen statt Handlungsanweisungen zu vermitteln, stimme ich sehr zu. Es entspricht meinem Verständnis, dass Handlungsoptionen aufgrund von reflektierten Haltungsfreiräumen für die individuelle Situation in der Praxis zur Verfügung stehen.

 

1.2 Worum es gehen soll


 

Meine Thesis ist in vier Teile gegliedert:

 

Im ersten Teil untersuche ich die Achtsamkeit im Volksmund und ebenso den therapeutischen Achtsamkeitsbegriff in Anlehnung an den Buddhismus (Mindfulness). Sich intensiv mit der Mindfulness auseinanderzusetzen ist, wie erwähnt, unverzichtbar. Achtsamkeit in dieser Auffassung beherrscht derzeit die Literatur. Sebastian Sauer versucht die neuesten Forschungen zu den Wirkfaktoren der Achtsamkeit zusammenzuführen und gibt gleichzeitig einen wissenschaftlichen Einblick in die Thematik der Diskussion. In der Dialektik zusammen mit einer hier bereits kurz erwähnten philosophisch ethischen Achtsamkeit (Carefulness), wird ein Konflikt sichtbar, den es zu lösen gilt: Der Achtsame ist nicht der Gute.

 

Der achtsame Bankräuber, der alles perfekt plant oder der Mensch, der in den Augenblick seines Tuns versinkt und Wichtiges um sich herum übersieht, handelt - ja wie? Ist es `kalte` Achtsamkeit oder etwas anderes?

 

`Wahre Achtsamkeit´ muss das ´Gute` entstehen lassen, sonst wäre sie z.B. auch für die stationäre Jugendhilfearbeit unbrauchbar.

 

Conradis Ethik der Achtsamkeit erörtere ich im zweiten Teil meiner Thesis. Bezogen auf die stationäre Jugendhilfe trifft dies auf einen Nerv, der die Dimension zwischen Nähe und Distanz, der Privatheit im professionellen Arbeitsbündnis in Sozialbeziehungen bewegt. Conradis Ethik formuliert im Gegensatz zu Beschreibungen und auch im Gegensatz zu reiner Diskursethik einen neuen Ansatz, den sie Praxisethik nennt. Im Versuch, oben angesprochene Distanz- und Näheproblematiken zu formulieren, werden die Ansatzpunkte sichtbar, können verstanden...

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