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Achtsamkeit in der Therapie. Ein buddhistisches Prinzip in der modernen Psychotherapie

AutorStefanie Gmerek, Nicola König, Franziska Thieme
VerlagScience Factory
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl214 Seiten
ISBN9783656892175
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis34,99 EUR
Die Achtsamkeit ist das 7. Glied des 'Edlen Achtfachen Pfades' im Buddhismus. Durch das Beschreiten verschiedener Etappen auf den Gebieten der Weisheit, Sittlichkeit und Meditation soll der Mensch durch diesen Pfad zur Erleuchtung finden. Achtsamkeit ist aber nicht nur ein antikes Heilskonzept, sondern mittlerweile fester Bestandteil in der modernen Therapie. Doch welche Rolle kommt ihr dabei zu? Wie ist es durch Achtsamkeit möglich, psychisches Wohlbefinden zu erlangen, Stress abzubauen und Verhaltensstörungen oder gar Depressionen entgegen zu wirken? Dieser Band gibt einen Überblick über verschiedene, achtsamkeitsbasierte Ansätze und zeigt, wie sie bei der Therapie psychischer Probleme eingesetzt werden. Aus dem Inhalt: - Achtsamkeit im Buddhismus - Empirische Befunde zur Wirkung von Achtsamkeit - Achtsamkeit in der Psychotherapie - Krankheitsbild Depression - Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) - Sucht- und Abhängigkeitstherapie von Drogen- und Alkohol

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Leseprobe

3 Stressbewältigung


3.1 Annahmen psychologischer Stressmodelle


In der Stressbewältigungsforschung wird untersucht, auf welche Art und Weise unterschiedliche Personen mit stressreichen Situationen umgehen. Außerdem widmet sie sich der Frage, ob bestimmte Bewältigungsformen für die psychische Gesundheit geeigneter sind als andere. In den folgenden Kapiteln werden zunächst die zentralen Annahmen psychologischer Stresstheorien wiedergegeben, um zu klären, was genau als Stress bezeichnet wird und welche Erklärungsansätze es darüber gibt, wie Stress entsteht.

3.1.1 Erklärungsansätze zur Entstehung von Stress

Auf die Frage, wie Stress entsteht, geben die unzähligen Stresstheorien unterschiedliche Antworten. Im Großen und Ganzen können sie in drei Kategorien eingeteilt werden (Schulz, 2005): die reaktionsorientierten Ansätze, die stimulusorientierten Ansätze und die Interaktionsansätze (Abb. 3.1).

Abb. 3.1: Klassifikation der Stresstheorien nach Schulz (2005) (eigene Grafik)

 

Die reaktionsorientierten Ansätze definieren Stress als ein unspezifisches Reaktionsmuster des Organismus. Selye (1956), der den Stressbegriff einführte, beschrieb als erster detailliert, nach welchem Muster die biologische Stressreaktion abläuft. Die drei Phasen Alarmreaktion, Widerstandsstadium und Erschöpfungsphase sind inzwischen in das Alltagsverständnis von Stress eingegangen.

Dem gegenüber stehen die stimulusorientierten Ansätze. Sie nehmen als Stress die Einwirkungen aus der Umwelt in den Fokus. Dazu gehören im Bereich der klinischen Psychologie zum Beispiel die Bemühungen der Life-Event-Forschung. Diese versucht sog. kritische Lebensereignisse zu identifizieren, die für jede Person eine annähernd gleichstarke Belastung darstellen.

Beide Ansätze haben ihre Berechtigung, können hingegen nicht ausreichend erklären, warum Personen auf ein und denselben Stressor unterschiedlich reagieren. Dass diese Frage wesentlich sei, resümieren auch Biondi und Picardi (1999), die in einer vergleichenden Übersicht der unzähligen Labor- und Feldstudien aus diesem Bereich feststellen, dass es eine erhebliche Varianz der beobachteten Stressreaktionen gibt. Die Interaktionsansätze gehen von einer gegenseitigen Beeinflussung von Person und Umwelt aus. Lazarus und Folkman (1984) vertreten mit ihrer transaktionalen Stresstheorie die Auffassung, dass die Wirkung eines Umweltreizes hauptsächlich von Bewertungsprozessen abhängt. Diese Bewertungsprozesse laufen kontinuierlich ab sind nicht notwendigerweise bewusst. In einer ersten Bewertung (primary appraisal) wird darüber entschieden, ob der Umweltreiz für das Wohlbefinden relevant ist. Wird er als stressrelevant eingeschätzt, folgt diese zweite Bewertung (secondary appraisal). Es werden verfügbare Bewältigungsstrategien gesucht und ihr erwarteter Effekt beurteilt. Danach wird die Situation unter Berücksichtigungen dieser neuen Informationen nochmals bewertet (cognitive reappraisal). Nach dem transaktionalen Stressmodell der Arbeitsgruppe um Lazarus wird unter Stress demnach ein reizabhängiges emotionales Reaktionssyndrom verstanden, wobei die vermittelnde Rolle zwischen Stimulus und Reaktion den ablaufenden kognitiven Bewertungsprozessen zukommt.

Im Allgemeinen werden Stress und Belastung inzwischen vor allem durch subjektiv erlebte Überforderung operationalisiert, so Asendorpf (2007). Da diese Überforderung immer von negativen Emotionen begleitet sei, entwickelte sich zunehmend ein emotionsspezifischer Bewältigungsbegriff. Demnach geht es bei Bewältigung vereinfacht gesagt darum, Situationen zu meistern, die eine negative emotionale Qualität besitzen.

3.1.2 Bewältigung nach Lazarus und Folkman

Was genau ist mit „Bewältigung“ einer Stresssituation gemeint? Lazarus und Folkman (1984) definieren Bewältigung als „die sich verändernden kognitiven und verhaltensbezogenen Bemühungen einer Person im Umgang mit spezifischen externalen und/oder internalen Bedingungen, welche die Person als die eigenen Ressourcen übersteigend bewertet. Bewältigung oder Coping bezeichnet also die Reaktion eines Individuums wenn folgender Fall eingetroffen ist: Eine Situation wurde in einer ersten Bewertung als relevant eingestuft.

In einem zweiten Bewertungsprozess wurden die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen als nicht ausreichend eingeschätzt, und in der anschließenden Neubewertung der Situation wurde festgestellt, es handelt sich um eine bedrohungsrelevante Situation. Die Bewältigungsreaktion, die darauf folgt, kann sowohl verhaltensbezogene als auch intrapsychische Reaktionen beinhalten. Welche Bewältigungsstrategien in Abhängigkeit von Person und Situation gewählt werden, ist Gegenstand der Copingforschung. Sie nimmt an, dass die Belastungsfolgen davon abhängig sind, welche Strategie gewählt wird.

3.2 Klassifikationen von Bewältigungsstrategien


In der Bewältigungsforschung wurden vielerlei Reaktionen auf Stress und Belastung, sog. Bewältigungsstrategien, beobachtet. Immer wieder ist auch der Versuch unternommen worden, diese auf systematische Weise zu ordnen. Ein allgemeingültiges Klassifikationsschema für Bewältigungsstrategien konnte bisher weder theoretisch noch empirisch begründet werden (Rief & Nanke, 2003). Im Folgenden werden drei Ansätze vorgestellt, die für die Fragestellung der Arbeit von besonderer Relevanz sind.

3.2.1 Problemorientiertes und Emotionsorientiertes Coping

Nach dem Transaktionalen Modell von Lazarus & Folkman (1984) werden die Strategien danach systematisiert, welche Funktion sie bei der Bewältigung erfüllen. Unter problemorientierter Bewältigung werden alle Bemühungen zusammengefasst, die darauf abzielen, die Situation selbst zu verändern, oder auch eigene Merkmale wie persönliche Ziele, Werte und Einstellungen. Dem gegenüber steht das emotionsorientierte Bewältigen. Hierunter zählen Verhaltensweisen mit dem Ziel, die unangenehmen Emotionen, die durch die Stresssituation entstehen, zu reduzieren. Gefühle von Ärger oder Angst werden z.B. ausgedrückt oder kontrolliert (Rief & Nanke, 2003). Dabei sind problemfokussiertes und emotionsfokussiertes Coping nicht als distinkte Kategorien zu verstehen. Eine konkrete Bewältigungsreaktion kann gleichzeitig beide Funktionen erfüllen. Nach Lazarus und Folkman wird das problemorientierte Coping v.a. in Situationen gewählt, die Personen als veränderbar einschätzen und in denen sie das Gefühl haben, etwas Konstruktives tun zu können. Das Stresserleben und die damit verbundenen Gefühle werden zwar auf diese Weise auch verringert, die problemorientierten Strategien zielen jedoch nicht darauf ab. Das ist das Ziel des emotionsorientierten Copings. Dieses wird meist gewählt, wenn der Stressor als etwas angesehen wird, das nicht veränderbar ist und ausgehalten werden muss. Lazarus und Kollegen nehmen an, dass die Fokussierung auf die Emotionen das problemorientierte Coping behindern kann und notwendige konkrete Handlungsschritte nicht vorgenommen werden.

Es gibt zahlreiche andere Vorschläge zur Klassifikation der Bewältigungsstrategien; zum Beispiel die Unterteilung in aktiv-verhaltensbezogenes und kognitiv-vermeidendes Coping (Billings und Moos, 1981). Oder von Pearlin (1989), der die Strategien in Reiz-, Bewertungs- und Reaktions-Coping unterteilt. Nach Schulz (2005) ist das Gemeinsame der zahlreichen Klassifikationen, dass sie zwischen aktiv-offensivem und passiv-vermeidendem Bewältigungsverhalten unterscheiden. In diesem Zusammenhang steht die Beobachtung, dass passiv-vermeidendes Verhalten oft weniger geeignet ist, um Belastungen erfolgreich zu bewältigen (vgl. auch Kap. 3.3). Das im Folgenden dargestellte Konzept benennt explizit Strategien, die als potentiell dysfunktional, also weniger geeignet, angesehen werden.

3.2.2 Funktionales und Dysfunktionales Coping

Carver, Scheier und Weintraub (1989) fanden die von Lazarus und Kollegen getroffene Unterscheidung in problem- und emotionsfokussiertes Coping zu grob. Zudem wurden in den zahlreichen Untersuchungen oft mehr als zwei Faktoren gefunden (vgl. Scheier et al., 1989). Folgerichtig entwickelten sie 1989 ein Instrument, mit dem eine differenziertere Erfassung des individuellen Bewältigungsverhaltens möglich ist, das COPE-Inventar. Es ist gleichzeitig ein Verfahren, das im Gegensatz zu anderen Coping-Instrumenten eingebettet ist in umfassende theoretische Überlegungen. Diese beruhen auf Carver und Scheiers Modell des selbstregulativen Verhaltens (2001), das die selbstregulatorischen Funktionen des Copings in den Blick nimmt. Coping ist danach nicht wesentlich von anderen motivationsbezogenen Handlungen zu unterscheiden, außer dass es oft mit einer größeren Dringlichkeit vonstatten gehe.

Die von ihnen vorgelegte Skala erfasst den Umgang mit stressreichen Situationen in 13 konzeptuell distinkten Unterskalen, die zum einen Aspekte des problemorientierten, zum anderen des emotionsbezogenen Coping messen. Außerdem enthält sie drei Unterskalen, die sie als potentiell dysfunktional bezeichnen, was in späteren Studien bestätigt werden konnte (vgl. Carver, Pozo, Harris, Noriega, Scheier, Robinson, Ketcham, Moffat & Clark, 1993; Vollrath, Alnaes & Torgersen, 1996, zit. nach Vollrath & Torgersen, 2000).

An dieser Stelle erfolgt eine kurze Skizzierung der Copingstile, die Carver und Kollegen in ihrer Skala operationalisiert haben. Zunächst zu den fünf problemorientierten Copingstilen:

Aktives Handeln bezeichnet eine Bewältigungsreaktion, in der die Person konkrete Handlungsschritte unternimmt, um den Stressor...

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