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E-Book

Achtung, ich komme!

In 80 Orgasmen um die Welt

AutorHenriette Hell
VerlagBlanvalet
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl256 Seiten
ISBN9783641155544
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
Henriette Hell liebt Sex und ist äußerst experimentierfreudig. Dass sie beim normalen Rein-Raus keinen Orgasmus bekommt, ist für sie kein Drama. Für ihre Sexualpartner aber offenbar schon ... Die sind gekränkt, wenn es nicht klappt, und machen Stress. Das ist Henriette irgendwann zu blöd.
Sie räumt ihr Konto leer und begibt sich auf eine Reise rund um die Welt. Der Plan: In jedem Land mit einem Einheimischen schlafen, um herauszufinden: Kommt man in anderen Ländern entspannter? Und ist der Orgasmusstress am Ende ein rein deutsches Problem?


Henriette Hell, geboren 1985, arbeitet als Journalistin in Hamburg. Sie hat u.a. für SPIEGEL Online, GEO.de, Grazia und Hamburger Morgenpost geschrieben und war in Indien und Tansania als Reporterin für englischsprachige Medien tätig.

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Leseprobe

1

Kommen müssen
Der gestohlene Orgasmus

Dem Orgasmus wird viel zu viel Bedeutung
beigemessen. Als müsse er uns für die Leere
unseres Daseins entschädigen.

(WOODY ALLEN)

»Sex wird mit den Jahren immer besser« heißt es in allen möglichen Frauenzeitschriften, Talkshows und Gesprächsrunden. Pah! Ich halte das für totalen Schwachsinn. Wenn Sie mich fragen, wird Sex immer komplizierter und anstrengender, je älter man wird. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe Sex und bin äußerst experimentierfreudig. Mit meinem Exfreund hatte ich sogar mal Sex im Watt! Trotzdem habe ich den Eindruck, dass mit jedem neuen Lover der Druck steigt.

Mittlerweile war ich 26. Und Männer erwarteten, dass eine Frau in meinem Alter erstens zu allem bereit war (»Wie, du stehst nicht auf Analsex?!«) und zweitens dass sie gefälligst auch dazu in der Lage war, anständig zu kommen, wenn man es wild und leidenschaftlich mit ihr trieb. Falls das aber – aus welchen Gründen auch immer – nicht hinhaute, dann konnte ich mich auf etwas gefasst machen: Ein regelrechtes Kreuzverhör erwartete mich dann, aus dem es kein Entrinnen gab. So zum Beispiel, als ich Anfang 2011 gerade zum fünften Mal mit meinem neuen Freund Jaro geschlafen hatte.

»Sag mal, bist du eigentlich gerade gekommen?«, fragte mich Jaro, während ich gerade das Kondom zuknotete. Ich hielt kurz inne.

»Ähm, ja. Hast du das nicht gemerkt? Als du mich gestreichelt hast …«

»Also bist du nicht richtig gekommen«, fasste Jaro zusammen. Er hatte offenbar nicht richtig zugehört.

»Doch! Beim Vorspiel.«

»Ja, aber das zählt ja nicht. Hm. Du kommst wohl nicht so leicht, oder?«

Wie – das zählte nicht? War es für ihn etwa nur dann richtiger Sex, wenn »er« drinsteckte?! Puh, offenbar tickte Jaro – so wie die meisten Männer – in dieser Hinsicht ähnlich wie Bill Clinton … Ich hingegen stand ganz klar auf der Seite von Monica Lewinsky: Alles, was mit Anfassen zu tun hatte und geil machte, war für mich Sex.

»Nein, Jaro, leider komme ich nicht so leicht. Eigentlich fast nie. Das ist bei mir halt so. Das hat nichts mit dir zu tun. Ich bin körperlich vermutlich nicht dazu in der Lage.«

Schweigen.

Jaro kratzte sich am Kopf, griff zur Wasserflasche, trank und schwieg weiter.

»Das ist ja scheiße. So macht der Sex doch gar keinen Spaß. Ich will, dass du kommst, wenn ich dich ficke. Und ich will auch mal mit dir zusammen kommen!«

»Könnte schwierig werden«, entgegnete ich, stand auf und ging ins Bad. Boah, nervte diese Fragerei …

»Alles in Ordnung?«, fragte Jaro von drüben.

»Ja-ha, ich geh nur kurz duschen«, log ich. In Wahrheit setzte ich mich auf den Wannenrand und schloss die Augen. Warum nur machten es mir die Männer so schwer? Reichte es nicht, dass ich nicht so häufig und einfach wie andere Frauen zum Orgasmus kam? Das war ja wohl schon scheiße genug. Aber nein, die Herren machten mir auch noch Vorwürfe und setzen mich zusätzlich unter Druck.

Jaro kam rein. »Hör mal, ich will wissen, was ich tun muss, damit du besser kommst. Ich mach echt alles, was du willst!«

Ich sah zu ihm hoch. »Jaro, seit ich sexuell aktiv bin, hat es noch NIE ein Mann geschafft, mich beim Sex zum Orgasmus zu bringen. Keiner! Und dir wird das auch nicht gelingen, fürchte ich. Leider.«

Jaro ließ sich ratlos zur mir auf den Wannenrand sinken.

»Uns fällt schon was ein«, sagte er und streichelte meinen Rücken. »Das wird schon.«

So langsam bekam ich Kopfschmerzen. »Mir genügt es, wenn ich beim Vorspiel komme. Echt jetzt.«

»Ja, aber MIR genügt das nicht.«

»Gut, dann musst du zusätzlich meine Klitoris streicheln. Oder ich mach das.«

»Okay, dann lass uns das doch bitte mal ausprobieren.«

»Jetzt?!«

»Ja, ich will wissen, ob das funktioniert. Los, komm!«

Funktionieren. Kommen müssen. Damit alles perfekt war und sich der Mann in seinem Können bestätigt fühlte. Heile Welt im Schlafzimmer als Schlüssel zu einer harmonischen Beziehung.

Aber ich konnte nun mal nicht kommen! Nicht beim Ficken. Die einzige Chance bestand für mich darin, mich währenddessen selbst anzufassen. Das konnte natürlich ganz geil sein, aber in den meisten Fällen verkam der Sex auf diese Weise zu einer Art Wettlauf. Wildes Gerubbel vs. harte Stöße um den Sieg, den Höhepunkt.

Aber was tat man nicht alles für ein vermeintlich perfektes Sexleben … Im Bett musste es laufen, sonst hing der Haussegen schief, und der Mann ging am Ende noch fremd. Zu einer, die schneller und besser kam als ich – oder es ihm wenigstens vorspielte, was für mich aus Gründen der Selbstachtung nicht in Frage kam. In dieser Hinsicht war ich offenbar ein Einzelfall. Wussten Sie, dass 90 Prozent (!) aller Frauen regelmäßig Orgasmen vortäuschen? Das hat gerade eine Befragung von 575 Frauen an der Berliner Charité ergeben. Heftig, oder? Noch schockierender fand ich allerdings die Gründe dafür: 41 Prozent der Frauen wollten ihrem Partner auf diese Weise bestätigen, dass er ein guter Liebhaber war, 25 Prozent versuchten damit zu erreichen, dass der Partner schneller zum Höhepunkt kam. Und jetzt kommt’s: 16 Prozent der Frauen glaubten, ihrem Partner den Orgasmus schuldig zu sein. Schuldig!? Ist das zu fassen? Weitere 15 Prozent trauten sich nicht, dem Mann zu gestehen, dass er es nicht geschafft hatte, sie zum Höhepunkt zu bringen. Wo blieb da der Spaß, die Leichtigkeit, das Spielerische? Mal unter uns: Meine Idealvorstellung von Sex war ein angezogener Mann (ohne Anschlusstermin), der sich eine Stunde lang ausschließlich damit beschäftigte, meine Brüste und meine Klitoris zu stimulieren. Aber die meisten Männer gaben ja schon nach fünf Minuten auf, weil sie sich entweder langweilten, sich nicht mehr beherrschen konnten oder einen Krampf in Hand oder Zunge bekamen.

Wissen Sie was? Manchmal sehnte ich mich zurück in die Zeit, als ich fünfzehn war und mein damaliger Freund Paul und ich unsere Nachmittage damit verplemperten, nebeneinander auf seinem Bett zu liegen und uns gegenseitig anzufassen. Stundenlang! Voller Gier und Wollust, ohne dabei wirklich zu wissen, was wir taten. An Orgasmen dachten wir damals gar nicht. Wir fanden es einfach aufregend, an unseren Körpern herumzuspielen und die Reaktionen des jeweils anderen zu beobachten. Und gerade diese völlige Entspannung führte mitunter zu ganz wunderbaren Erfahrungen. An einem regnerischen Dienstag im Februar 2001 etwa lagen Paul und ich wieder einmal auf seinem Bett. Nebenher lief ein Horrorfilm, ich glaube es war »Chucky – die Mörderpuppe«. Und obwohl wir beide
auf solchen Trash abfuhren, hatten wir nur Augen für uns, und Paul machte sich daran, seine Hände unter meinen Pullover zu schieben. Kurz darauf zog er mir zum ersten Mal meinen BH aus. Gott, war das aufregend! Ich merkte ihm an, wie unglaublich ihn der Anblick meiner Brüste erregte und wie sehr er es genoss, sie zärtlich zu berühren. Als er schließlich an meinen Brustwarzen saugte, da hatte ich nach einer Weile das Gefühl, ich würde schweben, abheben, explodieren. In meinem ganzen Körper kribbelte es, und ich stöhnte und wand mich unter Pauls Lippen. Kaboooom! Er hatte mich damals tatsächlich allein durch die Liebkosung meiner Nippel zum Orgasmus gebracht. Was für ein fantastisches Gefühl das war! So etwas hatte ich seitdem nie wieder erlebt, wahrscheinlich, weil sich nie wieder ein Mann so viel Zeit für mich und meine Brüste genommen hat. (P.S. Bei einer Umfrage gaben 30 Prozent der Frauen an, Brustorgasmen erlebt zu haben. Ich war also nicht verrückt.)

Etwa acht Jahre und zahlreiche Liebhaber später kannte ich fast alle Spielarten der Liebe. Ich hatte Sex im Fahrstuhl, Sex zu dritt, Sex im Wasser und Sex total auf Droge gehabt. Aber hatte ich deshalb mehr Spaß daran? Nein, ganz sicher nicht. Man stumpfte ab, wurde routinierter. Und man fühlte sich ständig irgendwie unter Druck gesetzt. Das fing bei mir etwa mit siebzehn an – als ich offiziell meine Unschuld verlor. Denn kaum dass mein damaliger Freund Rocko in mich eingedrungen war, schoss es mir bereits durch den Kopf: Hä? Wie soll ich denn SO jemals zum Orgasmus kommen?! Das geht doch gar nicht! So ein Mist.

Daran hatte sich seither nichts geändert. Rein, raus reichte mir nicht. Und das war auch nicht sonderlich verwunderlich: Die Vagina ist ja im Grunde »nur« der Geburtskanal und die Klitoris verantwortlich für den weiblichen Orgasmus. Das hatte uns Nina Hagen schon 1979 im ORF-Talk »Club 2« zu erklären versucht. Wenn der Mann es nicht schafft, diese Region vernünftig zu stimulieren, bekommen viele Frauen auch keinen Orgasmus. So einfach ist das. Aber schon Rocko wollte das damals einfach nicht einsehen und tat wirklich alles, was in seiner Macht stand, um es mir dennoch irgendwie zu besorgen. Zu meinem neunzehnten Geburtstag schenkte er mir zum Beispiel einen Vibrator in Form eines Delphins, wir tauften ihn Flipper, und fortan holten wir meinen surrenden Freund fast jedes Mal zum Vorspiel in unser Bett. Das Ergebnis war hervorragend: Kaum dass ich Flipper zwischen meinen Schenkeln spürte, war ich praktisch schon gekommen. Den Delphin auch während des Vögelns zu benutzen, war nicht wirklich zielführend, weil ich mich nicht gleichzeitig auf Rockos Schwanz und den Vibrator konzentrieren konnte und wollte. Die Lösung sollte an meinem zwanzigsten...

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