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E-Book

Adams Apfel und Evas Erbe

Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer

AutorAxel Meyer
VerlagC. Bertelsmann
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl416 Seiten
ISBN9783641136543
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Der renommierte Evolutionsbiologe über die Macht der Gene

Wie funktioniert die genetische Lotterie des Lebens? Was ist typisch für Männer, was ist typisch für Frauen? Warum verhalten wir uns so, wie wir es tun? Warum haben wir die gleichen Talente wie der Vater oder die gleichen Charaktereigenschaften wie die Großmutter? Wo endet die Macht der Gene, und was lässt sich durch Ernährung, Erziehung und Kultur ändern? Der Evolutionsbiologe Axel Meyer beschäftigt sich mit den »heißen Eisen« der Genforschung und erläutert, was zu Themen wie Geschlecht vs. Gender, Intelligenz, Homosexualität und ethnischen Unterschieden bekannt ist. Provokant, anschaulich und auf aktuellem Forschungsstand zeigt er auf, wie stark uns Gene bestimmen. Dieses Buch regt zum Denken und Diskutieren an - es ist von hoher gesellschaftlicher Relevanz.



Axel Meyer, geboren 1960, ist seit 1997 Professor für Zoologie an der Universität Konstanz. Der international bekannte Genomforscher studierte in Marburg, Kiel, Miami, Berkeley und Harvard. Er war Gastprofessor in Berkeley, Stanford und Ottawa und Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin. Er erhielt viele Auszeichnungen und Preise und ist Mitglied mehrerer Akademien. Meyer war fünf Jahre Kolumnist für das Handelsblatt, filmte eine DVD-Reihe zur Evolutionsbiologie für die ZEIT-Akademie und schreibt regelmäßig für die ZEIT, FAZ und NZZ. Seine erfolgreiche öffentliche Vermittlung von Wissenschaft wurde 2008 mit dem Europäischen EMBO-Preis 'Communication in the Life Sciences' gewürdigt.

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Leseprobe

Einleitung

Die erste Frage, die bei einer Schwangerschaft gestellt wird, lautet fast immer: »Junge oder Mädchen?« Die Chance, das eine oder das andere zu sein, ist erstaunlicherweise nicht genau 50:50. Aber warum werden eigentlich etwas mehr Jungen (rund 52 Prozent) als Mädchen (rund 48 Prozent) geboren?1, 2 Das Geschlecht ist der fundamentalste aller Unterschiede zwischen Menschen, ja, zwischen den allermeisten Lebewesen überhaupt. Dieser Unterschied betrifft die Basis der Biologie, und er steht auch für die Frage aller Fragen, die uns ein Leben lang begleiten wird: Wer sind wir? Was bedeutet es, ob wir als Junge oder als Mädchen auf die Welt kommen? Und wie sind wir zu dem geworden, was wir sind? Dabei entscheidet auch ganz einfach Glück oder Pech darüber, welche Gene wir von unseren Eltern und Großeltern bekommen haben.

Unsere Eltern können wir uns bekanntermaßen nicht aussuchen. Das nenne ich die Lotterie des Lebens. Einige von uns bekommen einen Adamsapfel, und die Evas unter uns erben weibliche Attribute, die sich von denen Adams unterscheiden. Viele Krankheiten haben genetische Ursachen – wir bekommen von unseren Vorfahren entweder gesunde oder mutierte Versionen der Gene. Dagegen können wir nichts machen; es ist unser Schicksal, es sind unsere Gene. Wir sind schon von Geburt an nicht gleich, sondern jeder Mensch auf diesem Planeten – außer eineiigen Zwillingen – ist ein klein wenig anders als seine Artgenossen, nicht besser und nicht schlechter, aber anders. Unser genetisches Startkapital fürs Leben ist einzigartig für jeden von uns – wir können nur versuchen, das Beste daraus zu machen!

Sicher sind wir das »kulturellste« Wesen auf Erden, aber was oft mehr zählt – ob es nun Ihrer Weltanschauung entsprechen mag oder nicht –, sind unsere Natur, unsere evolutionäre Vorgeschichte und damit unsere Gene. Ja, sie sind oft ausschlaggebend für viele Aspekte unseres Lebens: unser Aussehen, unsere Talente, unser Wesen oder dafür, woran wir sterben werden. Eltern wissen, dass ihre Kinder ganz unterschiedlich sind hinsichtlich Temperament und Talent, denn auch wenn Geschwister dieselben Eltern haben, sind sie genetisch doch nicht gleich. Jedes Kind hat die Hälfte seiner Gene vom Vater und die andere Hälfte von der Mutter – es besteht dabei eine Chance von 50:50, dass ein Gen vom Vater oder von der Mutter stammt. Deshalb sind Geschwister auch nur zu 50 Prozent genetisch identisch zueinander und zu jedem Elternteil – in puncto Verteilung der Genvarianten zwischen den Individuen. Die Genvarianten werden in jeder Generation neu gemischt. Die Natur hat es so eingerichtet, dass diese Mischung auf verschiedene Arten und Weisen stattfinden kann. Es gibt da keinen tieferen Sinn, es ist ein Faktum der Natur wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche. Die Natur hat keine Moral. Auch dies ist Teil dessen, was ich im Titel »Evas Erbe« genannt habe. Warum das so ist, werde ich in diesem Buch erklären.

Zwei von drei Menschen sterben an Krankheiten, die, zumindest teilweise, genetische Ursachen haben. Bei zwei Dritteln von uns ist also schon bei der Geburt eine wahrscheinliche Todesursache in den Genen festgelegt. Krankheiten wie Herzversagen, Diabetes, Krebs oder Alzheimer haben eine beträchtliche genetische Komponente. Auch wenn es der heute so weit verbreiteten Lebensphilosophie nicht entsprechen mag und Sie fest an die Macht der Kultur und der gesunden Ernährung glauben sollten: Gene sind unser wichtigstes Erbe, und beim Arzt erteilen Sie deshalb bereitwillig Auskunft darüber, ob es »Krebs in der Familie« gibt. Implizit glauben Sie also doch an die Macht der Gene, auch wenn Ihnen dies vielleicht bisher noch nicht so richtig bewusst gewesen ist.

Welche genetischen Karten haben uns unser evolutionäres Erbe oder das direkte Erbe unserer Eltern und Großeltern für das Spiel des Lebens zugeteilt? Welches Ass haben wir im Ärmel oder welchen Schwarzen Peter in der Hand? Welche Scheidewege und unüberwindlichen Barrieren erlegt unsere evolutionäre Geschichte uns auf? Und wie können andererseits Umwelt, Erziehung und Kultur unser geschlechtsspezifisches Verhalten und unsere Gesundheit so beeinflussen, dass wir unser genetisches Erbe überwinden können?

Ich möchte Ihnen in diesem Buch einige grundlegende Dinge über Biologie, Genetik und Evolution vermitteln, die für unsere Existenz und für die Unterschiede zwischen den Geschlechtern relevant sind. Dabei werde ich besonders auf diejenigen Themen der Biologie eingehen, die für das Verständnis der Geschlechtsunterschiede beim Menschen besonders wichtig sind – mit wissenschaftlichen Argumenten, aber auch für den Laien verständlich und hoffentlich unterhaltsam. Dieser Spagat zwischen Allgemeinverständlichkeit und wissenschaftlicher Exaktheit ist nicht immer ganz einfach. Über jedes Thema, das ich hier in lediglich einem Kapitel anreiße, könnte man ganze Bücher schreiben. Die gibt es natürlich auch, und darauf werde ich verweisen.

Schon als kleiner Junge wusste ich, dass ich Biologe werden wollte. Ich war einer dieser Jungs, die immer einen Frosch in der Hosentasche oder Wasserflöhe für ihre Fische gefangen hatten. Ich mag Tiere, und ich will möglichst viel über sie verstehen. Meinen Traum lebe ich aus als Wissenschaftler, der Tiere beobachtet, ihre Ökologie erforscht und ihre Gene analysiert. In meinem Wissenschaftsgebiet versuche ich als Genomiker und Evolutionsbiologe Gene zu finden, die für die Unterschiede bei Tieren und Menschen verantwortlich sind. Ich könnte mir keinen schöneren Beruf vorstellen.

Mein Ziel ist es daher, gerade auch naturwissenschaftlichen Laien ein wenig von meiner Begeisterung für biologisches Wissen, das übrigens auch für gesellschaftlich-politische Themen relevant ist, aus einer unvoreingenommenen wissenschaftlichen Sichtweise nahezubringen. Ich sage »unvoreingenommen«, denn politisch-ideologisch ist es mir vollkommen egal, wie viel Prozent eines Verhaltens oder eines echten oder vermeintlichen Geschlechtsunterschieds nun kulturell oder genetisch begründet werden können. Es geht mir darum, anhand neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse zu erläutern, welche Macht die Gene einerseits haben und wo diese andererseits endet und die Kultur ins Spiel kommt.

In diesem Buch werde ich nicht vor »heißen Eisen« wie genetischem Geschlecht, kulturell und sozial determiniertem Gender, genetischem Beitrag zur Intelligenz etc. zurückschrecken, sondern vielmehr thematisieren, was dazu aus wissenschaftlicher Sicht zu sagen ist. Es geht mir um wissenschaftliche Erkenntnisse, nicht um Weltanschauung und politische Korrektheit. Natur oder Umwelt, Gene oder Kultur, biologisches oder soziales Geschlecht – auf diese immer noch heiß umstrittenen Fragen werde ich dezidiert eingehen, insbesondere im Hinblick auf Geschlechtsunterschiede, aber auch auf Krankheiten und Intelligenz. Ich werde versuchen, den aktuellen Stand der Wissenschaft darzustellen. Da wir zum Glück die Welt um uns herum mit jedem Tag, an dem geforscht wird, ein bisschen besser verstehen und gerade auf dem Gebiet von Evolutionsbiologie und Genetik große Fortschritte erzielt werden, liegt es in der Natur der Sache, dass manches Wissen relativ schnell veraltet und auch meine hier dargelegten Erkenntnisse nur den Status quo widerspiegeln können und einem Verfallsdatum unterliegen.

Die Wahrheit muss nicht politisch korrekt sein. Denn auch unbequeme oder unangenehme wissenschaftliche Ergebnisse müssen akzeptiert werden als das, was sie sind – Erkenntnisse, die nach bestem Wissen die Natur, auch die menschliche, erklären. Was daraus dann im politischen Tagesgeschäft gemacht wird, steht auf einem anderen Blatt und unterliegt oft nicht mehr – leider öfter, als einem lieb sein kann – der Kontrolle der Wissenschaftler. Ich will mich nicht für eine Technokratie starkmachen, dennoch bin ich der Meinung, dass Politik in größerem Ausmaß wissenschaftliche Erkenntnisse einbeziehen sollte. Manche mögen nicht zu bestimmten politischen Weltanschauungen passen. Trotzdem sollte Wissenschaft allen Versuchungen widerstehen und immer frei von Ideologie sein. Scheuklappen bringen die Wissenschaft wie die Gesellschaft nicht voran. Deshalb bin ich auch gegen jegliche wissenschaftliche Selbstzensur. Ein Verbot etwa, bestimmte wissenschaftliche Fragen zu stellen, die zu politisch nicht opportunen Ergebnissen führen könnten, stellt auch eine Form der Zensur dar, und die kann in einer offenen und liberalen Demokratie niemand ernsthaft wollen.

Lange Zeit etwa diente der Terminus »Biologismus« – gerade in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften – als Kampfbegriff und Schimpfwort, um bestimmte Erkenntnisse der Biologie und der Biologen zu diskreditieren. Damit demonstriert man aber nur, dass man mit Scheuklappen und Vorurteilen durch die Welt geht und nicht offen ist für Daten, Fakten und objektive Erklärungen, die eventuell liebgewonnene Annahmen und eigene Weltanschauungen infrage stellen könnten. Die »Kulturisten« leugnen den oft erheblichen Einfluss unseres biologischen Erbes auf viele Aspekte menschlichen Lebens. Dabei ist dies oft eine falsche Dichotomie: Bei den meisten Fragen liefern nämlich weder Gene noch Kultur allein die ganze Antwort. Oft liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Denken Sie also bei den Debatten über »Nature versus Nurture« oder »Kultur versus Gene« bitte nicht in Schwarz-Weiß, sondern seien Sie offen für die beste Erklärung, die die Wissenschaft anzubieten hat.

Die Emotionalität und die manchmal fast schon religiös anmutende Emphase vieler solcher Debatten in Deutschland zeigen nach meinem Dafürhalten auch, dass in diesem Land, dem Land der Dichter und...

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