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E-Book

Adolph Kolping

Ein Leben der Solidarität

AutorChristian Feldmann
VerlagTopos
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl141 Seiten
ISBN9783836750554
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
Der Schustergeselle Adolph Kolping (1813 - 1865) träumt von einer Laufbahn als wissenschaftlicher Theologe. Doch dann begreift er die Lebenssituation der Handwerksgesellen seiner Zeit als Aufruf, für ein Leben der Solidarität zu kämpfen. Mitten in den Umbrüchen des industriellen Zeitalters wird er zum Pionier eines sozialen Christentums. Christian Feldmann zeichnet ein gründlich recherchiertes und spannend geschriebenes Porträt des 1991 seliggesprochenen 'Gesellenvaters'.

Christian Feldmann, geb. 1950, Journalist für Presse und Rundfunk, freier Schriftsteller. Mehr als fünfzig, in siebzehn Sprachen übersetzte Bücher. Besonders gern porträriert er fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum.

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Leseprobe

I. Luftschlösser


Ein Schäferssohn träumt von der großen Karriere

„Erst will ich mich bestreben, Mensch zu sein […],
der Wahrheit ein Zeuge, dem Mitmenschen ein Bruder.“
„Lass mich ganz das werden, was ich soll.“

Eigentlich ist er ein waschechter Franzose gewesen, der deutsche Gesellenvater Kolping. In seiner Geburtsurkunde heißt es, der Gemeindeschäfer „Pierre Külping“ sei beim Standesbeamten erschienen, um die Geburt eines Sohnes „Adolphe“ anzuzeigen. Tatsächlich gehörte der kleine Ort Kerpen, zwischen Köln und Aachen links des Rheins gelegen, zum französischen Kaiserreich, als Adolph Kolping dort am 8. Dezember 1813 zur Welt kam. Der Eroberer Napoleon, wenige Wochen vorher in der Leipziger „Völkerschlacht“ geschlagen, war zwar schon auf der Flucht, aber die Wunden der Besatzungsjahre wollten nicht so schnell heilen.

Krieg und Brand und Tod hatten eine schreckliche Spur durch das Rheinland gezogen. Der an chronischem Geldmangel leidende Napoleon war es gewohnt gewesen, seine Armee vom Feindesland ernähren zu lassen. Die „Franzmänner“ hatten ihre Kavallerie in den Städten und Dörfern einquartiert, herrisch Futter für die Pferde, Brot und Fleisch und Wein für die Reiter verlangend. Auf den Straßen zogen Scharen von Obdachlosen ins Elend.

Es war eine verwirrende Umbruchzeit, in der sich das kurze, aber dichte Leben des Adolph Kolping abspielte. Napoleon hatte den Völkern ihre Freiheit genommen, aber die Rechtsgrundsätze der Französischen Revolution eingepflanzt und die bürgerliche Gesellschaft gegen die alte Ordnung durchgesetzt. Es war freilich ein militaristisch eingefärbter Nationalismus, ein System von Polizeistaaten. Eine kleine privilegierte Schicht sicherte sich immer mehr Besitz und politische Mitspracherechte, während die Masse des Volkes nach wie vor herzlich wenig zu sagen hatte.

Das Bürgertum begann sich zur politisch bestimmenden Größe zu entwickeln. Die nichts hatten, blieben draußen vor der Tür. „Freiheit“ hieß der zentrale Gedanke dieser Jahrzehnte und „Verfassung“ das Zauberwort, mit dem man den Schutz der individuellen Bürgerrechte durchzusetzen hoffte.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gelang es dem vom gebildeten Bürgertum getragenen Liberalismus tatsächlich, parlamentarische Volksvertretungen und Parteien zu etablieren. Aber noch 1847 schrieb der württembergische Liberale Julius Holder einem Gesinnungsgenossen resigniert, die kleinen Leute hätten vom vorpreschenden Bürgertum nicht viel zu erwarten: „Der ,Pöbel‘ erhielt harte Strafen, das Bürgertum neue Freiheiten.“

Wunderwelt der Bücher und Träume


Adolphs Vater, der Schäfer und Kleinlandwirt Peter Kolping, war ein Analphabet, aber ein selbstbewusster und couragierter Mann: Als einer von Adolphs Schulfreunden, der Sohn eines großmächtigen Domänenrats, in seinem Haus geringschätzig über den Pfarrer zu reden wagte, setzte er das arrogante Knäblein einfach vor die Tür.

Vater Kolping hatte überhaupt keinen Grund, sich minderwertig zu fühlen. Heute gibt ein Schäfer bloß noch ein wehmütig belächeltes Kameramotiv ab: heile Welt von anno dazumal. Anfang des 19. Jahrhunderts war das anders. Als Lieferant von Milch, Käse und Wolle war das Schaf ein hoch geschätztes Haustier, anspruchslos war es auch, mit kargen Grasböden im Tiefland ebenso zufrieden wie mit Bergalmen, und den Mann, der die zahllosen Schafe einer Dorfgemeinschaft auf der Weide zusammenhalten, vor dem Wolf schützen und ihre Krankheiten heilen konnte, behandelten die Bauern mit sachkundigem Respekt.

Nie sei er glücklicher gewesen, wird Adolph Kolping später berichten, „als wenn ich bei meinem alten, steinalten Großvater saß, die Mutter neben ihm mit dem Spinnrad, der Vater, der den Tag über tüchtig schaffen musste, hinter dem Ofen saß, sein Pfeifchen rauchte, meine Geschwister um mich herum spielten und der alte Großvater Stückchen und Märchen erzählte“.

Ob die dick aufgetragene Idylle nicht täuscht? Es wird den Eltern in kargen Zeiten nicht immer leicht gefallen sein, mit ein paar eigenen Schafen, einem Gemüsegärtlein und ein bisschen Ackerland fünf Kinder satt zu bekommen. Und wenn auch der kleine „Dölfes“ als vierter in dieser Reihe verhältnismäßig behütet aufgewachsen sein mag, während sich die älteren Geschwister schon in der Küche und im Stall abrackerten – irgendwann wird ihn der Vater auch zum Hüten abkommandiert haben, und so angenehm war es nicht, die Herde bei Wind und Wetter über die Äcker und Wiesen zu treiben, immer wachsam, immer auf dem Sprung.

Aber dass er nie mehr im Leben so eine Herzlichkeit und Geborgenheit fand, dass er dort im Elternhaus lernte, alles – das Kleine und das Große – mit Gott zu beginnen, das dürfen wir dem Gesellenvater schon glauben. Seiner Familie, die ihn die Dorfschule ohne Unterbrechung besuchen ließ und ihn nicht, wie es üblich war, immer wieder zum Helfen nach Hause und aufs Feld holte, verdankte der Dölfes auch eine für seine ärmlichen Verhältnisse ungewöhnlich gute Schulbildung. Und die auffallenden – und anstößigen – „höheren“ Interessen des Knirpses kamen wohl auch nicht von ungefähr: Lediglich „wegen meiner Leselust, die ich in jedem freien Augenblicke zu befriedigen suchte“, habe er später Verweise von seinem Meister bekommen.

Doch in die Wunderwelt der Bücher und Träume brach die harte Realität ein, als er seinen zwölften Geburtstag gefeiert hatte. Die Schule war zu Ende, und der Schäfer Kolping hatte kein Geld, sein lesewütiges Söhnchen auf eine höhere Bildungsanstalt zu schicken. 1826, der „Dölfes“ war noch keine dreizehn Jahre alt, trat er als Lehrbub beim Schuhmachermeister Meuser in der Kerpener Mähnstraße an.

Als Schustergeselle auf der Walz


In den nächsten elf Jahren war die enge Schusterstube Adolphs Welt. Der Rücken schmerzte vom ständigen unbequemen Sitzen auf dem Dreifuß. Knie und Schenkel taten weh, wenn sie stundenlang als Unterlage für den Leisten gedient hatten, auf den der „Dölfes“ manchmal so wütend losschlug, als gelte es einen tückischen Kobold zu verprügeln. Tatsächlich erschienen ihm die beinharten Lederstücke und die Holznägel, die sich so schwer in das widerspenstige Leder treiben ließen, oft genug wie Marterinstrumente, von einem bösen Dämon bloß für ihn ersonnen. Dann betrachtete er traurig seine schwieligen, vom Schusterpech geschwärzten Hände und sehnte sich nach den Abenteuergeschichten, in die er sich spät nach Feierabend vergrub, bis ihm die Augen zufielen.

Knapp sechzehn Jahre alt, bestand Adolph die Gesellenprüfung mit einem anständigen Zeugnis – aber ausgerechnet die Stiefel, die er seinem Vater zum Namenstag schenken wollte, gerieten zu knapp. Vielleicht war das der Grund, warum sich der junge Adolph auf die Wanderschaft begab, um in den Werkstätten des Umlandes dazuzulernen, andere Arbeitstechniken auszuprobieren, Gewandtheit im Umgang mit Meistern und Kunden zu erwerben.

Adolph wird seinen Entschluss mehr als einmal verflucht haben! Denn von Landstraßenromantik war auf dieser strapaziösen Wanderung wenig zu spüren. Müde und hungrig trabten die Handwerksgesellen endlose Landstraßen dahin ins Ungewisse, misstrauisch beäugt von den Dörflern, selten mit einem Stück Brot und einem frischen Schluck beschenkt. Man musste schon großes Glück haben, wenn einer von den Meistern, bei denen man hoffnungsvoll anklopfte, gerade einen Gesellen oder auch nur eine Aushilfskraft suchte. Adolphs Zeugnisse lassen darauf schließen, dass er mächtig froh war, wenn er irgendwo sesshaft werden konnte, und sich entsprechend ins Zeug legte.

Sein beruflicher Ehrgeiz trieb den ruhelosen Gesellen weiter nach Köln, in die besten Schusterwerkstätten der geschäftigen Stadt, in der kraftvoller Glaube und trostlose Verkommenheit dicht nebeneinander wohnten, in der es unzählbar viele Kirchen gab und noch mehr Spelunken. Er habe sich auf den Weg gemacht, gesteht Kolping, „um auf größeren Werkstätten vollkommenere Arbeit, gebildetere Menschen zu suchen, um wenigstens den Studien nahe zu sein, die ich im Grunde des Herzens über alles liebte“.

Ein merkwürdiger Schustergesell, wie er sich da selbst als strebsamen Schöngeist porträtiert. In Köln wurde er noch bitterer enttäuscht als in den Dörfern und Marktflecken vorher. Kolping: „Kölns erste Werkstatt hatte ich erreicht, saß in einem Kreise, nach dem sich so viele vergeblich bewarben; aber noch erbebt mein Inneres, wenn ich an die schrecklichen Tage gedenke, die ich dort mitten unter der Liederlichkeit und Versunkenheit von...

Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Cover1
Titelseite4
Impressum5
Inhalt6
Zum Geleit10
Josef Holtkotte10
Einführung14
Der verrückte Konkurrent von Karl Marx14
I. Luftschlösser20
Ein Schäferssohn träumt von der großen Karriere20
Wunderwelt der Bücher und Träume21
Als Schustergeselle auf der Walz23
Mit 24 noch einmal auf die Schulbank27
Studium in der Stadt der frommen Aufklärer31
II. Bekehrung37
Der Kaplan Kolping verliebt sich in die Menschen37
Die Sklaven der industriellen Revolution39
Das Leben lernt man nicht aus Büchern42
Vom Handwerkerchor zum Gesellenverein46
Gesellenhäuser als Heimat für die Entwurzelten49
Das Programm: Veränderung durch Erziehung54
Widerstände im eigenen Lager57
Schikanen vom Schulkommissar60
III. Kampf64
Der erfolgreichste katholische Publizist seiner Zeit wirbt für die „wahre Aufklärung“64
„Dr. Fliederstrauch“ und der Volksschriftsteller Kolping67
„Wir müssen uns besser rühren!“70
Zwischen Dialog und Ghetto72
„Wer an Gott glaubt, muss auch an den Menschen glauben“77
Politische Ermittlungen gegen den Gesellenpfarrer80
IV. Politik83
Der Sozialreformer Kolping will das Evangelium im gesellschaftlichen Leben wirksam machen83
Der Kampf gegen die Gewerbefreiheit84
„Es gibt keine Trennung zwischen Himmel und Erde“86
Gerechtigkeit statt Gnade88
V. Glaube93
Der Priester Kolping lebt, was er verkündet: die Menschenfreundlichkeit Gottes93
Nicht bloß von Liebe reden95
„Ich bin nie ein Held gewesen“97
Nur Engel haben keine Fehler100
Damit das Leben nicht banal wird102
Kolpings tiefstes Geheimnis106
Der grausame Kampf gegen den Tod108
VI. Wirkung111
Was sich heute von Adolph Kolping lernen lässt111
„Treu Kolping!“ statt Hitlergruß113
Das Erbe: 400.000 in mehr als sechzig Ländern117
Ein Bildungsangebot für alle119
Die Wunden unserer Zeit bewusst machen123
Anwälte der Menschenwürde sein126
Das Evangelium zum Leuchten bringen129
Zeittafel134
Literatur in Auswahl138
Weitere topos Taschenbücher143
Über das Buch146
Über den Autor147
Hinweis des Verlages148
Leseprobe149

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