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E-Book

Adoptivkinder fordern uns heraus

Handbuch für Beratung, Betreuung und Therapie

AutorChristiane Lutz
VerlagKlett-Cotta
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl192 Seiten
ISBN9783608107289
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis18,99 EUR
Die Grundbefindlichkeit der adoptierten Kinder und Jugendlichen ist häufig durch Angst geprägt. Bindungsstörungen werden durch Heimerfahrungen oder wechselnde Pflegefamilien meist noch verstärkt, so dass sich Trennungs- und Verlustängste entwickeln. Die Eltern scheitern häufig in ihrem Bemühen, die negativen Erfahrungen der Adoptierten zu kompensieren. Der Wunsch nach einem Traumkind soll oft in illusionärer Weise für eigene Kindheitsdefizite entschädigen. Enttäuschungen sind zwangsläufig die Folge und lösen Hilflosigkeit, Verzweiflung und depressive Verstimmungen aus, die nicht selten in Trennungsphantasien ihr Ventil finden. Christiane Lutz behandelt in ihrem Buch u. a. Fragen des Umgangs mit den leiblichen und den Adoptiv-Eltern sowie den Geschwistern, der sexuellen Aufklärung, der Erziehung in der Pubertät und der Vorbildfunktion der Eltern.

Christiane Lutz studierte Heilpädagogik in Zürich und Analytische Psychologie an der Akademie für Tiefenpsychologie in Stuttgart. Sie leitete die Psychologische Beratungsstelle in Ludwigsburg und arbeitet heute als selbständige Kinder- und Jugendpsychotherapeutin sowie als Paar- und Familientherapeutin in eigener Praxis in Stuttgart. Sie war lange Dozentin am C. G. Jung-Institut und an der Akademie für Tiefenpsychologie in Stuttgart.

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Leseprobe

1 Adoptiveltern: Erwartungen, Wünsche und der Umgang mit der Realität


1.1 Ein unerfüllter Kinderwunsch


Ein Kind zu bekommen, wird zumeist als eine natürliche Sache betrachtet, die irgendwann ins Leben eingeplant wird. Und die Freiheit, den Zeitpunkt heute selbst bestimmen zu können, veranlasst viele Paare, länger zu warten, zuerst noch individuelle Bedürfnisse zu befriedigen, um schließlich mit dem Kind einen Schlusspunkt zu setzen und zugleich einen Neuanfang zu wagen: »Wir hatten uns beruflich etabliert, das Haus war gebaut, jetzt waren eigentlich Kinder dran – aber es klappte nicht. Die Umwelt fragte, halb belustigt, halb spöttisch nach möglichem Nachwuchs, wir antworteten in gespielter Lockerheit: Wir üben. Aber die Übung machte keinen Meister und schon gar nicht ein Kind. Ich maß die Temperatur, wir programmierten unsere Sexualität, von Lust konnte man allmählich nicht mehr reden. Alles vergebens.

Die Gänge zu Ärzten, die Enttäuschung, die Erkenntnis der Unmöglichkeit zu zeugen oder zu empfangen, Überlegungen einer künstlichen Befruchtung, das Ticken der biologischen Uhr – unsere Beziehung geriet immer mehr in Schieflage. Warum ging bei uns das nicht, was andere so selbstverständlich verhüteten? Wir konnten plötzlich das Grimm’sche Märchen von ›Hans, mein Igel‹ verstehen, den Spott der Umwelt, die Wut des Bauern, wenn er ausrief: ›Ich will ein Kind, und wenn es ein Igel ist!‹«

Hader mit sich, Vorwürfe gegenüber dem Partner, auch wenn nicht klar ist, wer der »Verursacher« ist, Enttäuschungswut gegenüber dem Schicksal, das einem die Erfüllung eines Herzenswunsches verwehrt – das Spektrum hochambivalenter Gefühle ließe sich beliebig fortsetzen.

1.2 Eigene Kinder haben: Ausweg Adoption


Motivationen


Viele Paare sind bereit, alles an Schwierigkeiten und Herausforderungen in Kauf zu nehmen, um ein Kind zu bekommen. Es ist der Wunsch, nicht nur für sich allein, zum eigenen Wohlgefallen zu leben, sondern in den Kinderaugen das Versprechen einer Fortsetzung des Lebens gespiegelt zu sehen, Teil zu haben am staunenden Entdecken der Welt, an der Bereitschaft, die Fülle des Lebens neugierig zu erforschen. Es ist, als ob man noch einmal zurücktauchen könnte in den Traum einer positiven Kindheit, vielleicht auch um dadurch eigene frühe Verletzungen zu heilen.

Die Motivation für eine Adoption und die damit verbundenen Schwierigkeiten sind Eltern in der Regel bewusst. Die Sehnsucht nach dem Kind hat jedoch oft unterschiedliche Hintergründe.

BESSERE ELTERN SEIN, ALS DIE EIGENEN ES WAREN Beim Blick auf die Vergangenheit kann man oftmals ein hohes Bedürfnis erkennen, negative Primärerfahrungen zu kompensieren. Man möchte es vielleicht besser machen als die eigenen Eltern, verständnisvoller auf Kinder eingehen, ihnen eine behütetere und damit schönere Kindheit bereiten. Die Sehnsucht, mit Kindern sein Leben zu teilen, ist Ergebnis einer bewussten inneren Auseinandersetzung bei Vater und Mutter. Elternschaft wird nicht mehr als selbstverständlich angenommen.

So sagte mir eine Adoptivmutter: »Meine Eltern waren unfähig, sich in mich, in meine Gefühle hineinzuversetzen. Hatte ich Schmerzen, so hieß es: ›Stell dich nicht so an.‹ Den Wunsch nach Geliebtwerden beantworteten sie mit dem Satz, man sei erst liebenswert, ›wenn man geliebt sein will‹! Nur über erfolgreiche Leistungen hatte ich die Chance, wahrgenommen zu werden. Meinen Kindern wollte ich eine andere Mutter sein, ihnen das Gefühl geben, um ihrer selbst willen geliebt zu werden. Als ich wusste, dass ich keine leiblichen Kinder bekommen würde, habe ich alles daran gesetzt, zusammen mit meinem Mann Kinder zu adoptieren, um mein Anliegen, Liebe zu schenken, zu verwirklichen. Ohne Kinder wäre mir mein Leben leer vorgekommen.«

Emotionale Mangelerfahrungen, einseitige, vernunftorientierte Erziehung, aber auch ein Mangel an Wertevermittlung durch die eigenen Eltern, ein fehlendes Engagement, was die Förderung von Begabungen anbelangt, kann zum unbedingten Kinderwunsch führen. »Ich musste mir alles selbst erarbeiten. Meine musikalische Begabung wurde von meinen Eltern als ›brotlose Kunst‹ eingestuft. Dank der Fürsprache meines Lehrers durfte ich eine höhere Schule besuchen. Das möchte ich jetzt meinem Kind in einer gewissen Selbstverständlichkeit anbieten.«

DEN ALLTAG WIEDER »BUNTER« MACHEN Mit Blick auf die gegenwärtigen Lebensumstände besteht bei vielen das Bedürfnis, Farbe in einen grau gewordenen Alltag zu bringen. Man möchte wieder die eigene Lebendigkeit spüren, durch ein Kinderlachen den trüben Alltag vergolden. Beruflich ist häufig viel erreicht, die Partnerschaft vielleicht etwas eintönig geworden.

In bemerkenswerter Offenheit sagte eine adoptionswillige Frau, als wir ihre Motivation besprachen, zu ihrem Mann gewandt: »Du musst doch selbst sagen, der erste und eigentlich auch der zweite Lack ist ab. Weder bin ich noch die makellose Traumfrau der ersten Zeit, noch bist du für mich der große Held. Da wäre es natürlich schön, ein Kind würde wieder ein Stück Frische und Spannung in unseren Alltag bringen.«

SPUREN HINTERLASSEN Zusätzlich stellt sich aber auch im Wissen um unsere Endlichkeit die Frage nach der Zukunft. Hinterlasse ich einmal Spuren, die durch Liebe und Beziehung geprägt sind, nicht durch Erfolg und Leistung? War der Egotrip alles im Leben? Genügten Selbstverwirklichung und Erfolg? Oder bezieht sich die Aussage vieler Märchen, »Vergiss das Beste nicht!«, auch auf Familie und Kinder?

Ein Manager sagte mir in diesem Zusammenhang: »Das, was ich beruflich geleistet habe, ist schnell vergessen. Mein Erfolg wird vielleicht von meinem Nachfolger übertroffen. Die Bedeutung, die ich im Betrieb habe, ist jederzeit durch einen anderen ersetzbar. Die Beziehung zu Kindern ist einmalig. Meine Möglichkeiten, ihnen das Leben als lohnendes Abenteuer anzubieten, ihnen Werte zu vermitteln, das ist sinnvolles Tun, weil ich weiß, dass sie diese Erfahrungen verinnerlichen und einmal an ihre Kinder weitergeben werden. Dafür lohnt sich jeder Einsatz.«

Hürden


BINDUNGSÄNGSTE Mit Kindern soll dem eigenen Leben ein tieferer und vor allem ein Generationen überdauernder Sinn gegeben werden. Die Kehrseite dieser großen Sehnsucht ist aber auch die Bindungsangst. Derselbe Manager sagte an anderer Stelle: »Aber ob es so wird, wie ich es mir idealerweise vorstelle? Kann ich in dieser Weise positiv wirksam sein? Kann ich Kinder liebevoll begleiten, auch wenn sie mich, so wie ich bin, gar nicht wertschätzen? Oder lehne ich sie womöglich ab, weil sie nicht so sind, wie ich es mir vorstelle?«

Bindungsängste können aber auch auf unbewusstem Wege gelebt werden, etwa indem Menschen zu anderen eine emotionale Distanz aufbauen und einen »Sicherheitsabstand« halten, wie es ein Adoptivvater nannte. »Ich liebe meine Adoptivkinder, aber eine wirkliche Nähe habe ich zu ihnen nicht aufbauen können. Vielleicht auch deshalb, weil ich beruflich immer unterwegs bin. Im Ausland fühle ich mich heimischer als zuhause«, setzte er nachdenklich hinzu.

Wir konnten herausarbeiten, dass es in seiner Primärfamilie wenig Nähe, wenig gelebte Emotion gab. Seine Mutter, wohl aufgrund ihres pietistischen Elternhauses, war um Fehlerlosigkeit bemüht, aber Schmusen und emotionale Wärme gab es nicht. So blieben Nähe und Hautkontakt fremd und damit, wie alles Fremde, bedrohlich.

»Ich konnte es immer vermeiden, dass mir Menschen zu nahe kamen. Die Ungebundenheit ist mir lieber.« Es gelang im Gespräch, Ungebundenheit mit Unverbundenheit auszutauschen und uns damit näher an den Schmerz fehlender liebevoller Bindung heranzutasten. »Vielleicht ist mein Schicksal dem unserer adoptierten Kinder ähnlich, zumindest was den Mangel an liebevoller Nähe anbelangt.« Das Wissen um die gleiche Geschichte, bei aller äußeren Unterschiedlichkeit, ermöglichte dem Vater ein besseres Verstehen seiner eigenen Haltung und gab den Impuls zur Neuorientierung.

UNSICHERHEITSFAKTOR GENE Ein nicht unerhebliches Angstpotential liegt in der Vorstellung, dass Adoptivkinder ein irgendwie belastetes Erbgut in sich tragen. Wird mein Kind Alkoholiker, weil in der Primärfamilie eine Alkoholerkrankung bestand? Ist es darum insgesamt suchtgefährdet? Muss ich mit einer geistigen Minderbegabung rechnen, weil mein Kind aus der Unterschicht kommt?

Solche Ängste werden häufig durch die Umwelt verstärkt. Dem Erbgut wird nicht selten mehr Bedeutung beigemessen als dem prägenden neuen Umfeld. Besonders bei krisenhaften Entwicklungen kann sich das bemerkbar machen. Eine Mutter erzählte mir vollkommen verzweifelt, dass die eigenen Eltern den »Absturz« ihres Adoptivsohnes in die Drogenszene mit den Worten kommentierten: »Na ja, er ist eben in sein ursprüngliches Milieu zurückgekehrt, das war ja zu erwarten.«

Beide Eltern waren deprimiert und ohne große Hoffnung. Wir überlegten im Gespräch, inwieweit es möglich sein könnte, an das Gute, das sie in der Eltern-Kind-Beziehung gelebt hatten, zu glauben und auf seine positive Wirkung zu vertrauen. Manche Menschen müssten das Dunkle hautnah erleben, um sich des Wertes des Hellen bewusst zu werden. Der Absturz könne genauso zum Anfang einer Neuorientierung werden. Die Eltern gingen letztlich wenig getröstet und auch ich blieb mit dem schalen Gefühl zurück, mit Allgemeinplätzen Hoffnung suggeriert zu haben. Umso überraschter war ich, als die Mutter mich nach...

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