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E-Book

Affe im Kopf

Mein Leben mit der Angst

AutorDaniel Smith
VerlagHogrefe AG
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl204 Seiten
ISBN9783456753003
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Daniel Smith leidet schon seit seiner Kindheit unter verschiedenen Ängsten. Als er im Teenageralter bei einer wilden Studentenparty seine ersten (sehr schrägen) sexuellen Erfahrungen macht, bricht die Störung endgültig wie eine Flutwelle über ihn herein. Sein Leben als Student und später als Journalist beim renommierten Magazin Atlantic wird immer mehr von der Erkrankung und ihren vielfachen tragischen (aber auch komischen) Auswirkungen in Mitleidenschaft gezogen. Aber erst als er seinen Job kündigen muss und auch sein Beziehung scheitert, findet er den richtigen Therapeuten, und mit seiner Hilfe gelingt es ihm, die fatalen Gedankenspiralen (den Monkey Mind, den Affengeist, wie die Buddhisten sagen) langsam in den Griff zu bekommen. Angststörungen sind die verbreitetsten psychischen Erkrankungen. Daniel Smith, der sich selbst als einen prototypischen Angstgestörten bezeichnet, schildert mit rücksichtloser Offenheit, unzerstörbarem Humor und hohem literarischem Können, wie sein Leben immer mehr in den Strudel dieser Störung gerät – und sein berufliche und privates Glück bedroht. Das er am Ende wieder herausfindet, verdankt er nicht zu letzt auch einem fähigen Therapeuten, der ihm mit der Kognitiven Verhaltenstherapie endlich helfen kann.

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Leseprobe

2 Hurrikan Marilyn


Ich werde sie Esther nennen. Die korpulente Blonde mit dem struppigen Schamhaar und der Vorliebe für halbwüchsige Jungs – der Vorliebe für mich. Ich begegnete ihr bei der Arbeit in einer Buchhandlung in Plainview, New York, im Herzen von Long Island, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Sie mochte mich gleich. Dann nahm sie mir die Unschuld, und heute, zwei Jahrzehnte später, hat sich meine Psyche noch immer nicht von dieser Liebenswürdigkeit erholt. Esther hat meine Angst entfacht. Sie war das Streichholz, das meine Seele in Brand setzte. Alles beginnt mit Esther.

Entweder mit ihr oder mit meiner Mutter. Ich kann mich nie so recht entscheiden. Zweifellos hatte die Art und Weise, wie ich meine Jungfräulichkeit verlor – Umstände, die selbst meine verdorbensten Freunde bemitleidenswert finden –, unmittelbare und nachhaltige Auswirkungen auf mich. Aber meine Mutter hatte die Voraussetzungen geschaffen, die einen Trigger wie Esther überhaupt erst ermöglichten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es losging. Was die entscheidenden Dinge betrifft – Kognition, Verhalten, Umwelt, Genetik –, so hat meine Mutter den Grundstein für mein unlösbares Problem gelegt.

Dies ist nicht die Geschichte einer Heilung, um es gleich vorwegzu-sagen.

Vor einigen Monaten, als ich meiner Mutter erzählte, dass ich ein Buch über Angst schreiben würde, sagte sie: «Ein Buch über Angst? Aber das war doch meine Idee. Ich hatte diese Idee. Kate» – ihre langjährige, enge Freundin – «und ich wollten es zusammen schreiben. Dann ist sie tot umgefallen, deshalb ist nichts draus geworden. Aber wir haben jahrelang davon gesprochen. Das ist nicht fair!»

Ich war mir nicht sicher, was sie mit «nicht fair» meinte – dass ich ein Buch schrieb, das sie selbst hatte schreiben wollen, oder dass Kate tot umfiel, oder beides. Ich wies darauf hin, dass die Idee, ein Buch über Angst zu schreiben, keineswegs neu war. Freud hat das schon vor mehr als hundert Jahren getan. Ebenso Kierkegaard. Und Spinoza sogar schon im 17. Jahrhundert. Abgesehen davon wusste ich gar nicht, dass sie vorhatte, ein Buch über Angst oder etwas Ähnliches zu schreiben.

«Wir sollten das zusammen machen!», sagte sie. «Als Koautoren. Ein Mutter-und-Sohn-Buch über Angst! Die Leute würden es verschlingen. Wir würden ein Vermögen machen!»

Ich erwiderte, das sei eine gute Idee, aber es werde wahrscheinlich nicht funktionieren. Ich hatte noch nie etwas mit jemandem zusammen geschrieben. Es fiel mir sogar schwer, zu schreiben, wenn ein Foto von jemandem im selben Zimmer hing. Wie sollte das erst mit einem lebendigen menschlichen Wesen gehen?

Später, bevor wir uns zum Abschied umarmten, fragte ich meine Mutter, ob sie etwas dagegen hätte, wenn ich über sie schrieb. Sie zögerte keine Sekunde. «Das ist mir scheißegal. Ich bin alt! Ich bin müde! Ich arbeite zu viel!»

Die erste dieser drei Behauptungen ist relativ, die zweite schwer zu glauben. Meine Mutter ist Ende sechzig, hat aber mehr Energie als die meisten College-Studenten, die ich kenne. Sogar mehr Energie als die meisten Eichhörnchen, denen ich begegnet bin. Mein Bruder Scott und ich haben ihr den Spitznamen «Hurrikan Marilyn» gegeben. So nennen wir sie, wenn sie einen von uns zu Hause besuchen kommt: Wir sehen ihr dabei zu, wie sie aus ihrem Toyota Prius steigt und mit fuchtelnden Armen die Straße überquert. Aus zahlreichen Taschen und Tüten quellen Schlüssel und Quittungen und Geschenke für die Enkelkinder – eine rasch heranziehende Sturmfront voller Geschichten und Klagen und Anekdoten und leidenschaftlicher Familienliebe. Kurzum, eine jüdische Mutter, wie sie leibt und lebt. Und wir rufen: «Achtung, macht die Schotten dicht! Hurrikan Marilyn erreicht das Festland!» Unsere Kinder beten sie an.

Die dritte Behauptung meiner Mutter trifft allerdings zu. Als mein Vater vor vierzehn Jahren an Krebs starb, hinterließ er nicht viel Geld, und es ist unwahrscheinlich, dass meine Mutter es sich je wird leisten können, in den Ruhestand zu gehen. Sie beschwert sich darüber, aber in Wirklichkeit liebt sie ihre Arbeit. Sie ist stolz auf ihr Talent und ihre Erfahrung und darauf, dass sie etwas Nützliches tut. Und damit komme ich zum wichtigsten Beitrag, den meine Mutter zur Entwicklung meines Seelenlebens geleistet hat: Sie ist Psychotherapeutin. Sie behandelt alle möglichen Leute mit allen möglichen Beschwerden. Aber ihr Spezialgebiet sind Angststörungen.

An dem Klischee, dass ängstliche, melancholische, manische und besessene Menschen mit größerer Wahrscheinlichkeit Seelenklempner werden als andere, ist durchaus etwas dran. Bevor meine Mutter Therapeutin wurde, war sie selbst Patientin und Leidende. Sie ist immer noch Patientin, behauptet aber, nicht mehr allzu leidend zu sein. Sie stellt sich selbst als eine Erfolgsgeschichte der Angstbewältigung dar, als wandelndes Beispiel dafür, wie Wille, Weisheit und die klinische Psychologie über die Natur triumphieren können.

Und die Natur ist gnadenlos. Den Erzählungen meiner Mutter zufolge bestand ihr Leben, seit sie zehn war, aus einer einzigen Abfolge von hunderten ausgewachsenen Panikattacken – einem inneren Tumult, der mit Angstschweiß, Hyperventilation und Selbstvorwürfen einhergeht. Ihre Nerven reagierten dermaßen empfindlich auf Reize, dass sie morgens, bevor sie zur Schule ging, heimlich ein paar Schluck Wodka trinken musste, um sie zu beruhigen. Sie hatte Angst vorm Autofahren, vorm Reden in der Öffentlichkeit, vor Partys, öffentlichen Plätzen und Männern. Sie litt an Unwirklichkeits- und Schwindelgefühlen, Sodbrennen, Herzrasen und Zittern. Sie hatte Panikattacken in der Schule. Aber auch zu Hause, im Supermarkt, in der U-Bahn, im Waschsalon, unter der Dusche und im Bett. Sogar als mein Vater ihr bei der Arbeit einen Heiratsantrag machte, hatte sie einen Panikanfall. «Meine Hände zitterten», sagt sie. «Allein der Gedanke, still zu halten, während mir jemand einen Ring an den Finger steckt, machte mich wahnsinnig!»

Vor kurzem habe ich meine Mutter gefragt, wie das alles aufgehört hat. Wie hatte sie es nur geschafft, die Welt nicht länger als einen einzigen großen Feuerwerkskörper wahrzunehmen, der jederzeit hochgehen kann? Sie antwortete mit einer Geschichte.

Als sie ungefähr vierzig war, ging sie zu einer Therapeutin, die in einer angesehenen Privatklinik für Menschen mit Phobien arbeitete. Die Therapeutin war von der Intelligenz und Entschlossenheit meiner Mutter beeindruckt. Sie fand, dass sie eine außergewöhnliche Willenskraft besaß, die sie – im Gegensatz zu vielen anderen Menschen mit Panikneigung – dazu trieb, Dinge zu tun, vor denen sie eigentlich Angst hatte. Obwohl es aus ethischer Sicht nicht ganz korrekt war, fragte die Therapeutin meine Mutter, ob sie nicht Lust hätte, für sie und die Klinik zu arbeiten. Zu ihren Aufgaben würde gehören, Gruppen von Phobikern in die Welt hinauszuführen und sie Situationen auszusetzen, in denen sie normalerweise vor Angst durchdrehen. Sie wäre wie eine Blinde, die anderen Blinden den Weg weist. Therapeutisch gesehen, versteht sich.

Die ersten Personen, die meine Mutter ausführte, waren vier ältere Patienten, die entweder Angst davor hatten, Auto zu fahren, einkaufen zu gehen, unter Menschen zu sein, oder alles zusammen. Meine Mutter hatte vor diesen Dingen ebenfalls noch Angst, besonders vorm Autofahren. Sie beschloss, mit der Gruppe in ein nahe gelegenes Einkaufszentrum zu fahren – mit ihrem eigenen Wagen. Zunächst lief es gar nicht schlecht. Keiner fiel in Ohnmacht, keiner übergab sich oder rannte schreiend auf den Parkplatz hinaus. Dann, auf dem Rückweg zur Klinik, gab das Auto plötzlich den Geist auf. Damals gab es noch keine Handys. Sie saßen auf dem engen Standstreifen einer viel befahrenen vierspurigen Straße fest. Die Autos zischten mit nervtötenden Doppler-Geräuschen vorbei. Der Blutdruck der Gestrandeten begann zu steigen. Alle fingen an, ein wenig nach Luft zu schnappen. Was passiert, wenn fünf klinisch ängstliche Menschen in einem 1983er Buick LeSabre gleichzeitig eine Panikattacke bekommen? Meine Mutter wollte das lieber nicht herausfinden.

Sie versuchte ein Taxi anzuhalten. Vergeblich. Die Fahrer warfen einen kurzen Blick auf die Insassen des Wagens – ihre pergamentene Haut, ihre wilden Triefaugen – und traten aufs Gaspedal. Da begann meine Mutter außer Kontrolle zu geraten. Sie malte sich dramatische Szenen aus: auf dem Polizeirevier, im Krankenhaus, im Leichenschauhaus; örtliche Fernsehteams, die das Ganze filmten. Sie fing an zu zittern und zu schwitzen – ein Alptraum im Wachzustand.

In dem Moment hielt ein Taxi an einer roten Ampel. Meine Mutter zerrte die alten Leutchen zu dem Wagen, riss die hintere Tür auf und schob ihre Schützlinge unter dem wütenden Protest des Fahrers in das Taxi. Erst als die Ampel grün wurde und der Fahrer gezwungen war, klein beizugeben, erkannte meine Mutter, warum er die Gruppe nicht hatte mitnehmen wollen. Es lag nicht nur daran, dass sie aussahen wie aufgeschreckte Tiere und dass sie gewissermaßen sein Taxi beschlagnahmt hatten. Der eigentliche Grund war, dass bereits ein Fahrgast in dem Taxi saß, und dieser Fahrgast war – ich habe meine Mutter schwören lassen, dass sie das nicht erfunden hat – eine hochschwangere Frau, bei der die Wehen eingesetzt hatten. Der Fahrer setzte die Frau als Erste ab.

Das war nicht die Antwort, die ich erwartet hatte, als ich meine Mutter fragte, wie sie ihre schlimmste Angst besiegt hatte. Ich dachte, sie würde so etwas sagen wie: «Ich habe hart an mir gearbeitet und mithilfe von Medikamenten, gezielten therapeutischen Maßnahmen, intensivem Sport, der...

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