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E-Book

Afghanistans verborgene Töchter

Wenn Mädchen als Söhne aufwachsen

AutorJenny Nordberg
VerlagHoffmann und Campe Verlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl432 Seiten
ISBN9783455851458
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Sie wollen auf Bäume klettern und Drachen steigen lassen, anderen Leute auf der Straße in die Augen gucken und laut lachen, sprechen ohne Angst zu haben und zur Schule gehen. Undenkbar für afghanische Mädchen. Um ihnen ein freieres Leben zu ermöglichen und das Ansehen der Familie zu steigern, verkleiden afghanische Familien ihre Töchter als Jungen. Jenny Nordberg traf Mütter, die in ihrer Kindheit einige Jahre als Junge gelebt haben und auch ihre Töchter als Söhne aufwachsen lassen. Sie sprach mit jungen Mädchen, die als Jungen aufgewachsen sind und vor der Pubertät »zurückverwandelt« und verheiratet werden sollen, und begegnete Frauen, die auch noch als Erwachsene als Mann leben. In eindrucksvollen Porträts schildert Nordberg den Brauch der bacha posh und erzählt die bewegende Geschichte von Afghanistans verborgenen Töchtern.

Jenny Nordberg ist investigative Journalistin und arbeitet für die <EM>New York Times </EM>und renommierte Radio- und Fernsehsender in Schweden. Sie wurde mehrfach für ihre Arbeit ausgezeichnet, u.a. mit dem Pulitzerpreis für Reportage. Die Autorin lebt zurzeit als Fernsehproduzentin und Kolumnistin für die schwedische Tageszeitung <EM>Svenska Dagbladet </EM>in New York.

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Leseprobe

Teil 1 Jungen


Kapitel 1 Die rebellische Mutter


Azita, ein paar Jahre vorher

»Unser Bruder ist in Wirklichkeit ein Mädchen.«

Eifrig nickt eine der beiden zur Bekräftigung ihrer Worte und dreht sich zu ihrer Zwillingsschwester um. Diese pflichtet ihr bei. Ja, es ist wahr. Sie kann es bestätigen.

Die beiden zehnjährigen Mädchen sehen sich zum Verwechseln ähnlich: dunkles Haar, Augen wie Eichhörnchen und ein paar kleine Sommersprossen. Gerade eben noch haben wir zu meinem auf Zufallswiedergabe gestellten iPod getanzt, während wir darauf warteten, dass ihre Mutter nebenan ihr Telefongespräch beendete. Wir teilten uns die Kopfhörer und trumpften mit unseren besten Posen auf. Zwar konnte ich mit ihren kunstvollen Hüftschwüngen nicht mithalten, aber immerhin erntete ich Beifall für einige begnadet geschmetterte Gesangseinlagen. Es hörte sich tatsächlich ganz gut an, wie der Schall von den eiskalten Betonwänden zurückgeworfen wurde; die Wohnung gehört zu einem der labyrinthartigen Apartmenthäuser aus der Sowjetzeit, in denen ein Teil der kleinen Mittelschicht Kabuls lebt.

Jetzt sitzen wir auf dem goldbestickten Sofa, vor das die Zwillinge ein Teeservice auf einem versilberten Tablett, bestehend aus Glastassen und Pumpthermoskanne, hingestellt haben. Das mehman khana ist in jeder afghanischen Wohnung der prächtigste Raum, er soll den Reichtum und die Ehrbarkeit seiner Besitzer demonstrieren. Auf einem Ecktisch, wo ein Riss mit Klebeband kaschiert ist, liegen Audiokassetten mit Koranversen und pfirsichfarbene Stoffblumen. Die Zwillingsschwestern sitzen, die Beine ordentlich untergeschlagen, auf dem Sofa und sind ein bisschen beleidigt, dass ich so gar nicht auf ihre große Enthüllung reagiere. Zwilling Nummer zwei beugt sich vor: »Es stimmt. Er ist unsere kleine Schwester.«

Ich lächle sie an und nicke. »Ja.« Na klar.

Ein gerahmtes Bild auf einem Beistelltisch zeigt ihren Bruder mit Krawatte und in einem Pulli mit V-Ausschnitt neben seinem grinsenden, schnurrbärtigen Vater. Es ist das einzige Foto, das im Wohnzimmer steht. Die älteren Töchter sprechen ein bisschen holprig, aber begeistert englisch, das sie aus Schulbüchern gelernt und beim Fernsehen – eine Satellitenschüssel hängt auf dem Balkon – aufgeschnappt haben. Möglicherweise haben wir es hier einfach mit einer Sprachbarriere zu tun.

»Okay«, sage ich bemüht freundlich, »ich verstehe. Eure Schwester. Was ist eigentlich deine Lieblingsfarbe, Benafsha?«

Sie schwankt zwischen rot und lila, ehe sie die Frage an ihre Schwester weitergibt, die sie mit ebensolcher Gründlichkeit durchdenkt. Es scheint, als würden die Zwillinge, beide in orangefarbenen Strickjacken und grünen Hosen, fast alles in perfekter mädchenhafter Synchronität tun. Auf ihren Köpfen, die ständig in Bewegung sind, prangen glitzernde Haargummis, und nur wenn eine etwas sagt, funkelt das Haargummi der anderen mal ein paar Sekunden lang nicht. Das sind die Momente, in denen man eine Chance hat, sie auseinanderzuhalten: Der Schlüssel dazu ist ein kleines Muttermal an Beheshtas Wange. Benafsha heißt »Blume«, Beheshta »Paradies«.

»Wenn ich groß bin, möchte ich Lehrerin werden«, wechselt Beheshta das Gesprächsthema.

Als die Zwillinge mir abwechselnd eine Frage stellen dürfen, wollen sie beide dasselbe wissen: Ob ich verheiratet bin?

Meine Antwort verblüfft sie, denn wie sie mir zu verstehen geben, bin ich schon sehr alt. Ich bin sogar noch ein paar Jahre älter als ihre Mutter, die mit ihren dreiunddreißig Jahren längst verheiratet ist und vier Kinder hat. Denn außer ihrem kleinen Bruder haben die Zwillinge noch eine Schwester. Aber, gebe ich zu bedenken, ihre Mutter sei zudem noch Parlamentsabgeordnete. Also unterschiede ich mich doch sowieso in ganz vielem von ihr. Dass man es auch von dieser Warte aus betrachten kann, scheint ihnen einzuleuchten.

Da steht plötzlich ihr Bruder in der Tür.

Mehran ist sechs, hat ein sonnengebräuntes, rundliches Gesicht, tiefe Grübchen, Augenbrauen, die nach oben zucken, wenn er Grimassen schneidet, und eine breite Lücke zwischen den Vorderzähnen. Sein Haar ist so schwarz wie das seiner Schwestern, aber er trägt es als Igelfrisur. In einem engen roten Jeanshemd und mit blauer Hose stolziert er selbstsicher, das Kinn gereckt, die Arme in die Seiten gestemmt, in den Raum, schaut mich direkt an und hält mir eine Spielzeugpistole unter die Nase. Dann drückt er ab und begrüßt mich: Poff. Als ich nicht sterbe und auch nicht zurückschieße, zieht er aus der Gesäßtasche einen Superhelden aus Plastik. Sein starker Kampfgefährte hat blondes Haar und strahlend weiße Zähne, trägt zwei Patronengurte quer über die breite Brust geschlungen und ist mit einem Maschinengewehr bewaffnet. Mehran sagt etwas auf Dari zu ihm und hört ihm danach aufmerksam zu. Sie scheinen sich einig zu sein: Der Angriff war erfolgreich.

Neben mir wird jetzt Benafsha munter und sieht die Gelegenheit gekommen, ihre Behauptung zu beweisen. Sie wedelt mit den Armen, um ihren Bruder auf sich aufmerksam zu machen: »Sag’s ihr, Mehran. Sag ihr, dass du unsere Schwester bist.«

Mehran zieht die Mundwinkel nach unten und streckt ihr die Zunge raus, ehe er davonrennt und fast mit seiner Mutter zusammenstößt, die gerade hereinkommt.

Azitas Augen sind mit schwarzem Kajal umrandet, und sie trägt ein klein wenig Rouge. Vielleicht sieht es auch nur so aus, weil sie ihr Handy ans Ohr gepresst hielt. Sie sei jetzt so weit, ruft sie mir zu. Bereit, mit mir darüber zu sprechen, was ich von ihr wissen will: wie sie sich nach fast zehn Jahren Krieg, dem längsten Krieg der Amerikaner, und einem der größten Entwicklungshilfeprojekte dieser Generation, als Afghanin hierzulande fühlt.

 

Als wir uns an diesem Tag kennenlernen, recherchiere ich gerade für einen Fernsehfilm über afghanische Frauen. Azita ist seit vier Jahren Abgeordnete des noch ziemlich jungen Parlaments dieses Landes. Sie wurde ein paar Jahre nach der Niederlage der Taliban 2001 in die Wolesi Dschirga, eine der neu gegründeten Parlamentskammern,[3] gewählt, und hatte ihren Wählern aus der ländlichen Provinz Badghis versprochen, dafür zu sorgen, dass mehr von den Entwicklungshilfegeldern in dieser armen, abgelegenen Ecke Afghanistans ankommt.

In dem Parlament, in das sie eintrat, wimmelte es von Drogenbaronen und Warlords[4], und es schien aufgrund tiefverwurzelter Korruption zur Ineffizienz verdammt. Doch zumindest war es ein Versuch, eine demokratische Institution zu schaffen, in die viele Afghanen ihre Hoffnungen setzten. Ihr waren im letzten Jahrhundert zahlreiche gescheiterte Regierungsformen vorausgegangen: absolute Monarchie, Kommunismus, islamisches Emirat unter den Taliban. Und zu Bürgerkriegszeiten gab es gar keine Regierung.

Als einige ausländische Diplomaten und Entwicklungshelfer in der Umgebung von Kabul Azitas Bekanntschaft machten – einer gebildeten Parlamentarierin, die neben Dari, Paschtu, Urdu und Russisch auch Englisch sprach und relativ liberal zu sein schien –, erhielt sie aus dem Ausland jede Menge Einladungen zu Veranstaltungen. Man ließ sie in verschiedene europäische Länder und in die Vereinigten Staaten einfliegen, wo sie unter anderem an der Yale University vom Leben unter den Taliban erzählte.

Für Azita wiederum war es gang und gäbe, Ausländer in ihre Mietswohnung in Macroyan einzuladen, um ihnen das normale Leben in einem Stadtteil von Kabul zu zeigen, wie auch sie es führt. Hier flattert, hie und da von ein bisschen Grün unterbrochen, Wäsche auf den Balkonen des schmutziggrauen vierstöckigen Gebäudes, und frühmorgens versammeln sich Frauen vor dem winzigen Brotladen, während die Männer auf dem Fußballplatz ungelenke Gymnastikübungen machen. Es erfüllt Azita mit Stolz, wenn sie Gäste empfangen kann, wobei sie sich als Ausnahme von der afghanischen Frau präsentiert, wie man sie im Ausland für typisch hält: abgeschieden in ihren vier Wänden, mit nur wenigen sozialen Kontakten, oft des Lesens und Schreibens unkundig und unter der Knute eines tyrannischen Ehemanns, der sie nie ans Tageslicht lässt. Und der ihr mit Sicherheit keine Besuche von Ausländern erlaubt, sogenannten farandschi, wie die Eindringlinge früher in Afghanistan genannt wurden. Heutzutage firmieren Ausländer, unabhängig von ihrer Nationalität, zumeist unter der Bezeichnung amrikan.

Azita führt gern ihr fließendes Wasser, den Strom und den Fernseher in ihrem Schlafzimmer vor – alles von dem Geld bezahlt, das sie als Ernährerin der Familie verdient. Sie weiß, dass sie Ausländer damit beeindrucken kann. Vor allem Ausländerinnen. Mit ihren glühenden Wangen, den markanten Zügen und der militärisch geraden Haltung, von Kopf bis Fuß in elegantes Schwarz gekleidet und umspielt von einem warmen Duft aus Moschus und einer süßlicheren Note, hebt sich Azita in der Tat von der Mehrzahl der afghanischen Frauen ab. Mit ihren eins achtundsechzig – in ihren spitzen Slingpumps Größe zweiundvierzig oder vielleicht noch ein bisschen größer – überragt sie sogar manche Besucher. Denn diese erscheinen meist in zweckmäßigerem Schuhwerk, als wären sie beim Wandern.

 

Zur Frage, welche Fortschritte es für die Frauen seit 2001 gegeben habe, äußert sich Azita...

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