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E-Book

Aggression bei Kindern

Arten, Ursachen, Intervention

AutorRomy Blume
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl68 Seiten
ISBN9783638023665
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis29,99 EUR
Examensarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik, Note: 2,0, Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover (Fachbereich Erziehungswissenschaften), 27 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Wer kennt es nicht - das Gefühl, welches in einem aufsteigt, wenn etwas nicht so klappt, wie man es gern möchte. Im schlimmsten Fall hat man gerade dann Zeitnot, wenn der PC sich wieder einmal 'aufhängt' oder die Kinder nicht hören, wenn man sagt: 'Zieht euch an, wir müssen los!'. Man sitzt im Auto und hat es eilig, aber der Fahrer vor einem scheint erst gestern seinen Führerschein bekommen zu haben. Man möchte laut schreien, die Brust schnürt sich langsam zu und man kann kaum noch klar denken. Im Supermarkt sind eine Mutter und ihr Kind zu beobachten. Der Sprössling wirft sich auf den Boden und schreit laut, weil die Mutter ihm keine Schokolade kaufen möchte. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird ein Mensch, der auf diese Weise handelt und/oder solche Gefühle hat, als wütend bzw. aggressiv bezeichnet. Es stellt sich die Frage wo diese Aggressionen herrühren. Wie entstehen sie und wieso entstehen sie? Aus welchen Gründen schmeißt sich das Kind im Supermarkt auf den Boden? Was hat das mit der Schokolade zu tun?

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Leseprobe

3.Ursachen


 

3.1 Triebtheorien


 

3.1.1 Triebtheorie nach Sigmund Freud (1920)


 

Als Erklärung für das Auftreten aggressiven Verhaltens hat Freud die Triebtheorie entwickelt. Als Psychoanalytiker war er daran interessiert den Begriff Aggression in Zusammenhang mit seelischen Vorgängen und der Gesamtpersönlichkeit des Menschen zu bringen. Nach seiner Auffassung setzt sich die Gesamtpersönlichkeit aus dem Es, dem Ich und dem Über – Ich zusammen. Das Es vertritt die Triebimpulse. Das Ich fungiert als Vermittler zwischen den Trieben und der Realität, währen das Über – Ich die Funktion des Gewissens übernimmt.

 

Zunächst stellt sich hier die Frage, was ein Trieb ist. Nach Freud ist ein Trieb ein Drang im Organismus. Dieser Drang strebt nach der Wiederherstellung eines früheren Zustandes, den der Organismus aufgrund des Einflusses verschiedener äußerer Störkräfte aufgeben musste (vgl. Lischke 1973, S. 41). Freud geht von einer angeborenen Neigung des Menschen zum „Bösen“, zur Destruktion aus. Diese Neigung führt er zurück auf einen angeborenen Grundtrieb im Menschen – den Todestrieb, auch Thanatos oder Destruktionstrieb genannt. In seinem Wirken arbeitet Thanatos darauf hin den früheren passiven, spannungslosen Zustand wiederherzustellen. Er hat den Wunsch alles Organische in Anorganisches zurückzuführen. Das bedeutet, dass der Destruktionstrieb auf den Tod des Menschen hinarbeitet (vgl. Nolting 1978, S. 52f.). Das eigentliche Ziel des Destruktionstriebes ist also die Selbstvernichtung und somit der Sieg über das Ich (vgl. Bierhoff/Wagner 1998, S. 7). Wie kann der Mensch mit einem solchen Todestrieb überhaupt leben? Nach der Triebtheorie von Freud wirkt Thanatos nie für sich allein, denn neben ihm arbeitet ein zweiter Trieb: Eros. Das Ziel dieses Triebes ist es Leben zu erhalten. Aus diesem Grund leitet er die aggressiven Strebungen und Energien des Thanatos über die Muskulatur des Menschen weg von der Selbstzerstörung auf andere Objekte. Das wird dann als Aggression sichtbar

 

(vgl. Nolting 1978, S. 53f.) (vgl. Internet: http://www.schule bw.de/unterricht/paedagogik/gewaltpraevention/aktiv/reader/03_TypischeUrsachen.pdf [Stand März 2006]). Der Mensch bewahrt sein eigenes Leben demzufolge dadurch, dass er seine aggressiven Gefühle auf andere Menschen, Tiere oder leblose Gegenstände ableitet. Alle Aggressionen, die der Organismus aufgrund der Grenzen, die ihm die menschliche Gesellschaft setzt, nicht gegen andere Objekte richten kann, wenden sich auf den betroffenen Menschen zurück. Genauer gesagt, werden die Aggressionen vom Über – Ich übernommen. Dieses übt nun als „Gewissen“ dieselbe Aggressionsbereitschaft im eigenen Organismus aus, die das Ich gern an fremden Individuen befriedigt hätte. Das drückt sich in Form von Schuldgefühlen, Autoaggressionen (auf die später noch genauer eingegangen wird), bis hin zum Selbstmord aus. Begeht ein Mensch Selbstmord, hat Thanatos über Eros gesiegt.

 

Es besteht eine Dualität von Eros (aufbauender Trieb) und Thanatos (zerstörender Trieb) im Organismus, in der sich diese zwei Triebe in einem ständigen „Kampf“ miteinander befinden. Thanatos wurde durch die Kultur (Gesetze und Normen) allerdings so weit gebändigt, dass er innerhalb einer Gesellschaft nicht vernichtend wirkt (vgl. Lischke 1973, S. 42f.).

 

Die Existenz der beiden Triebe lässt sich empirisch nur sehr schwer belegen. Dies erweist deswegen als sehr schwierig, weil Triebe unbewusst ablaufen. Was sich aber überprüfen lässt ist der Aspekt, dass Thanatos den Menschen nach Spannungslosigkeit streben lässt. Aufgrund zahlreicher Untersuchungen kann als gesichert gelten, dass der Organismus nicht nur Spannung meidet, sondern diese sogar sucht. Denken wir nur an die zahlreichen Achterbahnen, auf denen die Menschen regelrecht nach Nervenkitzel trachten.

 

Triebtheoretische Annahmen lassen sich nach Nolting (1978) im Grunde weder beweisen noch widerlegen, da man den Aggressionsbegriff nur weit genug fassen muss, um in allen Situationen, bei denen Aggression im Spiel ist, Thanatos erkennen zu können (vgl. Nolting 1978, S. 54f.).

 

3.1.2 Instinkt – Modell von Konrad Lorenz (1937)


 

Das Instinkt – Modell geht aus der Ethologie hervor. Im Zuge dieser Forschung wird das angeborene Verhalten der Tiere und im immer größeren Umfang auch das des Menschen erforscht.

 

Für Lorenz ist die Aggression ein angeborener Kampftrieb. Allerdings schränkt er diese Aussage soweit ein, dass nur dann von Aggression gesprochen werden kann, wenn sie auf einen Artgenossen gerichtet ist. Der Aggressionstrieb ist ein Instinktverhalten, das durch Schlüsselreize ausgelöst wird und spontan zum Vorschein kommt (vgl. Lischke 1973, S. 35ff.). In einem speziellen, inneren Aggressionsreservoir sammelt sich unaufhörlich Energie. Wenn eine bestimmte Schwelle überschritten ist, drängen sich diese Energien eruptiv in Form einer aggressiven Handlung nach außen. Der Mensch ist demnach nicht aggressiv, weil er sich ärgert, sondern weil der spontane Trieb sich entladen muss. Je länger diese Entladung aufgeschoben wird, weil bestimmte äußere Faktoren die aggressiven Handlungen nicht zulassen, desto größer wird der Triebstau. Je größer der Triebstau wird, desto kleiner wird der Anlass, der für einen aggressiven Ausbruch nötig ist. Diese innerartliche Aggression erfüllt den biologischen Zweck der Arterhaltung, weil nur die Besten und Stärksten zur Fortpflanzung und zur Nahrungsaufnahme kommen (vgl. Nolting 1978, S. 59ff.).

 

Lorenz trennt von der eigentlichen instinktiven Endhaltung das Appetenzverhalten ab. Der tatsächliche Instinktablauf ist starr, eine Erbkoordination. Das Appetenzverhalten dagegen ist flexibel, erlernt und reizsuchend. Das meint in diesem Zusammenhang, dass der Mensch sich auslösende Reize sucht, wenn diese nicht vorhanden sind und nach geraumer Zeit auch ähnliche Reize als Auslöser für Aggressionen akzeptiert.

 

Der Aggressionstrieb des Menschen ist ein Erbe aus der frühen Steinzeit. Konrad Lorenz ist der Meinung, dass das Unglück des Menschen in der Tatsache liegt, dass er sich in grauer Vorzeit in die Klasse der friedlichen Allesfresser einreihte. So konnte seine Aggressionshemmung nur schwach ausgeprägt werden, da er nur sehr selten in Situationen kam, in denen er hätte aggressiv reagieren müssen. Wenn nicht aggressiv gehandelt wird, kann auch keine Aggressionshemmung ausgebildet werden. Zu der niedrigen Aggressionshemmung kommt die Spontanität der Instinkthandlung Aggression. Das Gemisch aus diesen beiden Faktoren führt dazu, dass der Mensch heute ein derart aggressives Wesen ist. Lorenz meint, dass kein Tier ein Individuum der gleichen Art ohne arterhaltenden Grund tötet. Menschen dagegen tun dies sehr wohl, was folgendes Beispiel demonstrieren soll:  Die „…Geschichte von den gutmütigen, psychisch gesunden Bomberpiloten, die es nicht übers Herz brächten, ihre eigenen Kinder zu schlagen, aber ohne Gewissenbisse Tausende von anderen Kindern durch einen Hebeldruck dem qualvollen Feuertod [ausliefern]..“ (Lischke 1973, S. 39). Dieses Beispiel ist gleichzeitig Beweis für den dritten Faktor für das „Verderben“ des Menschen. Die Erfindung weittragender Waffen lassen die Opfer und damit jegliche Auslöser für Aggressionshemmung völlig aus dem Blickfeld verschwinden. So handeln die Menschen vor allem in Kriegssituationen kalt und grausam. Sie töten unzählige Artgenossen ohne dabei Mitleid für ihr Opfer zu empfinden.

 

Dennoch können destruktive Handlungen bis zu einem gewissen Grad gehemmt werden, so zum Beispiel durch ein simples Lächeln oder durch eine persönliche Bekanntschaft. Ein Individuum handelt seltener aggressiv, wenn es sein Opfer kennt. Auch lassen sich Aggressionen durch sportliche Betätigung in unschädliche Bahnen lenken (vgl. Lischke 1973, S. 35ff.).

 

Nach Aussagen der Ethologen Wickler und Seibt (1977), können keine ernsthaften Belege für einen Aggressionstrieb im Menschen gefunden werden. Im Gegenteil - es sprechen zahlreiche Argumente dagegen. So ist der biologische Sinn einer spontanen Aggression schwer nachzuvollziehen, da sich ein Organismus damit in unnötige Gefahr begeben würde. Wenn Tiere ohne arterhaltenden Grund aggressiv gegen Organismen der eigenen Art agieren, würden sie dazu beitragen, ihre eigene Gattung zu vernichten (vgl. Nolting 1978, S. 63).

 

3.2 Frustrations – Aggressions – Hypothese nach Dollar und Miller (1939)


 

Die Grundannahme der Yale – Frustrations – Aggressions – Theorie ist die, dass Aggression immer die Folge einer Frustration ist und Frustration wiederum immer zu irgendeiner Form von Aggression führt. 1941 nahmen Miller und Dollard diese Grundaussage der Frustrations-Aggressions-Hypothese zurück und formulierten sie neu. Demnach ist jede Aggression die Folge einer Frustration. Jedoch können auf Frustration auch andere Reaktionen als Aggression folgen (zum Beispiel Resignation, Depression, u. a.) (vgl. Bierhoff/Wagner 1998, S. 8) (vgl. Bayer 1996, S. 8). Diese Abänderung erscheint plausibler, da nicht die Behinderung des Zieles Aggressionen veranlasst, sondern das auf Frustration folgende Verhalten abhängig ist...

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