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E-Book

Aichwalder Zeitenspiegel

Einst und jüngst in Text und Bild

AutorMarianne Brugger
Verlagneobooks Self-Publishing
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl129 Seiten
ISBN9783742778949
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis2,99 EUR
Mit Texten von Marianne Brugger und Bildmaterial aus dem Fundus der Betroffenen, dem Aichwalder Gemeindearchiv und von Fritz Weinschenk. Dieses E-Book beinhaltet sowohl Erzählungen, die bereits veröffentlicht wurden als auch historische Aufnahmen von AltAichwald, die bislang noch nicht für die Öffentlichkeit bereitgestellt wurden. Das Leben einst wird nicht im Stile von 'Es war einmal' erzählt, sondern eingewoben in die Lebenserinnerungen von Aichwalder Bürgern. Um das Leben in der früheren Zeit möglichst wirklichkeitsnah zu schildern, verhehlen die Erzählenden Schweres, persönliche Notlagen und Krisen nicht. Aber auch Heiteres und weniger Ernstes ist in dem E-Book enthalten. Unter anderem ist von der Aichschießer Bürgermeistergattin Irene Gläser ebenso die Rede, die der Liebe wegen von Berlin nach Aichschieß zog, als auch von der Schanbacher Hebamme Ernestine Bäder, die im vorigen Jahrhundert rund 1200 Kindern ans Licht der Welt verhalf. Zudem werden Ereignisse in und rund um die Aichwalder Kirchen geschildert. Um den Gesamteindruck abzurunden, sind die einzelnen Beiträge durch Fotos belegt. Verbesserter Anzeigemodus: Alle Bilder können per Lupenfunktion vergrößert und danach zusätzlich durch Auseinanderziehen gezoomt werden.

Marianne Brugger ist nun schon seit einigen Jahren am Texten. Falls Sie mehr über sie und ihre bisherigen Veröffentlichungen erfahren möchten: www.MarianneBrugger.de. Fritz Weinschenk: Eines seiner Hobbys ist das Fotografieren und der Umgang mit Bildern von einst, gestern und heute. Bei diesem Projekt oblag ihm im Besonderen das Aufbereiten der teilweise schon 'angejahrten' Fotos.

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Leseprobe

Im Dienste der Aichelberger Post






Hilde Günther berichtet:


Ich stamme aus einer alten Postfamilie. Mein Vater, Hugo Schwegler, wurde im Jahr 1901 geboren und wuchs, da er Halbwaise war, bei seinem Onkel in Schnait auf. Dieser war nicht nur Posthalter, sondern auch Bürgermeister und Wirt des Gasthauses „Zur Post“. Durch diesen Umstand wurde mein Vater schon früh in den Postdienst eingebunden, was für ihn auch hieß, nach der Mittagszeit die in Endersbach mit dem Zug eingetroffene Post abzuholen. In der dortigen Hauptpoststelle wurde die Post für alle umliegenden Ortschaften deponiert und weiter verfrachtet. Wenn mein Vater auf dem Kutschbock hinter dem Pferdegespann saß und seine Peitsche schnalzen ließ, warf ihm so manches Mädchen bewundernde Blicke zu. Dazu trug auch seine Uniform bei, denn durch eine solche – jedweder Art – gewann man früher enorm an Autorität und Ansehen.


Mein Vater nahm auch die Post für den Aichelberger Boten, Gottlob Schlotterbeck, nach Schnait mit. Dieser Zubringerdienst beruhte auf Gegenseitigkeit, was den Aufzeichnungen einer Verwandten des besagten Aichelberger Postboten zu entnehmen ist. Nach deren Bericht verhielt es sich mit seinem Dienst folgendermaßen: Noch in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg lief der „Bot´“ Schlotterbeck zweimal täglich ins Tal hinunter. Morgens ging er nach Endersbach, um seine Aichelberger Post im dortigen Hauptpostamt abzuliefern. Sein Rückweg führte ihn über Schnait, weil er auch die Schnaiter Post von Endersbach mitzunehmen und beim dortigen Amtskollegen abzuliefern hatte. Das Austragen der eigenen, Aichelberger Post erfolgte dann auf dem Heimweg. Abends führte die Pflicht Gottlob Schlotterbeck nochmals nach Schnait, weil er die Post, die für ihn am Nachmittag mitgebracht worden war – eine Zeit lang erfolgte dies ja durch meinen Vater – abzuholen hatte. Später, als die Post – mittlerweile von Esslingen – mit dem Auto in Aichelberg angeliefert wurde, entfielen diese Gänge, und er stellte nur noch einmal pro Tag zu.



Diesen Aufzeichnungen ist weiter zu entnehmen, dass Gottlob Schlotterbeck bei seinen Botengängen mitunter Unterstützung durch seine Söhne erfuhr. Wenn er nicht alles tragen konnte – die Paketlast war oftmals sehr schwer – begleiteten ihn seine Buben nach Endersbach. Auch seine Frau Pauline nahm ihm regelmäßig Botengänge ins Tal ab. Über vierzig Jahre lang, das Dienstverhältnis endete im Jahr 1946, versah dieses Ehepaar den Postdienst treu und gewissenhaft. Die Post war, den heutigen Gepflogenheiten ähnelnd, in die Schusterwerkstatt des Gottlob Schlotterbeck integriert. Der Aichelberger Bote übte nämlich auch noch den Beruf des Schuhmachers aus. Zudem verkaufte das Ehepaar in dem der Schusterwerkstatt vorgelagerten Laden Schuhe und Stoffe. Die „dreigliedrige“ Arbeitsstätte der Schlotterbecks befand sich in der Poststraße, schräg gegenüber vom Pfarrhaus. In einer Ecke der Schusterwerkstatt stand eine alte Kommode, auf der die Post abgelegt wurde. Die spartanische Einrichtung des Schalterraums hatte aber keinen Einfluss auf die Dienstbeflissenheit der beiden. Der Vorschrift entsprechend legten sie jeden Brief sofort nach Erhalt mit der Empfängerseite nach unten. So war die Adresse für niemanden einsehbar, und das Postgeheimnis blieb gewahrt. Schon damals überprüften Amtsvorsteher, ob alle Postgeschäfte ordnungsgemäß abgewickelt wurden.



Neben der Familie Schlotterbeck nahmen auch andere Aichelberger den Weg über Schnait, wenn sie im Remstal etwas zu besorgen hatten. Nicht bei allen „Oberschnaitern“ – mancher Remstäler nennt die Aichelberger auch heute noch so – ist dieser Gang ins Tal in ausschließlich guter Erinnerung. Sie genossen nämlich dort bei vielen Altvorderen kein hohes Ansehen und mussten ab und an auch den Spottvers:


Die Aichelberger,

ein rau erzogenes Landvolk,

ernährt sich von Waldfrevel und Felddiebstählen,

fürchtet weder Gott noch den Teufel,

glaubt noch an Hexen und Geister“


über sich ergehen lassen. Die Aichelberger ihrerseits blieben auch nicht stumm. Und noch bis in die sechziger Jahre hinein nahm die männliche Jugend den Unfrieden zwischen den beiden Dörfern zum Anlass, ihre Dorfgrenzen zu verteidigen. Zu diesem sehr beliebten Ehrendelikt traf man sich regelmäßig beim „Hohlen Stein“, um bei vollem Körpereinsatz die eigenen Kräfte zu erproben.


Wie nun mein Vater – trotz dieser unterschwelligen Fehde – den Weg nach Aichelberg fand, ist mir nicht bekannt. Ich weiß nur, dass sein Beweggrund meine Mutter war. Der im Remstal bis in die Nachkriegszeit hinein zitierte Spruch: „Wer nach Aichelberg geht, hat den Weg verfehlt“, beeindruckte ihn Gott sei Dank nicht. Übrigens hatte auch mein Mann den Weg vom Tal herauf nicht gescheut. Aufgewachsen in Ostdeutschland, wohnte und arbeitete er früher in Beutelsbach.

Da mein Vater seinen Dienst im Remstal zu versehen hatte, verpflichtete er kurzerhand einen anderen Boten für die Mitteilungen an seine Aichelberger Braut – nämlich seinen Hund. Er machte seinen Brief an dessen Halsband fest und schickte ihn zu seiner Braut Anna Maria nach Aichelberg. Meine Mutter entnahm die schriftliche Botschaft und heftete ihr Antwortschreiben gleich wieder an das Halsband an.


Hugo und Anna Maria Schwegler


Im Jahr 1925 heirateten meine Eltern und richteten sich zunächst in Schnait ein. Mein Vater hängte nach der Gründung seines Fuhrgeschäfts seine Botenuniform an den Nagel und bestritt nun mit dem neuen Betrieb den Lebensunterhalt seiner Familie. Zum Einsatz – die Bandbreite seiner Aufträge umfasste sowohl Holzabfuhren als auch private Kleintransporte – kamen nicht etwa motorisierte Zuggefährte, sondern vierbeinige Pferdestärken.


Anno 1928 erwarben meine Eltern das Haus in der damaligen Haupt- und heutigen Poststraße 16 in Aichelberg und zogen herauf. Weil schon bald deutlich wurde, dass das Fuhrgeschäft hier oben keine respektable Rendite einbringen würde, setzte meine Mutter ihre ganze Überzeugungskraft ein, um in den Besitz von Äckern und Wiesen zu kommen. Äcker bezeichnet man bei uns auch als „Stückle“. Das fußte darauf, dass in unserer Gegend kein Universalerbe eingesetzt, sondern nach der landesüblichen Realteilung vererbt wurde. Äcker und Wiesen wurden nach dem Tod der Eltern aufgeteilt – alle Erben bekamen also ein „Stückle“. Landwirtschaftlich nutzbare Flächen waren damals sehr gefragt. Deshalb muss es meiner Mutter hoch angerechnet werden, dass es ihr gelang, so viele in den Besitz der Familie zu bringen, dass unser Auskommen gesichert war. Geschäftssinn hatten übrigens auch schon die Eltern meiner Mutter bewiesen, die, wie einige andere auch, sich die gute Luft hier oben zunutze machten und neben ihrem Zimmereigeschäft sogenannte „Sommerfrischler“ beherbergten. Eine Familie aus Esslingen war jedes Jahr zu Gast bei ihnen. Auch mein Vater war sehr rührig und neben seiner Arbeit in der Landwirtschaft immer wieder mit einem oder mehreren Ämtern betraut. Unter anderem war er auch als sog. „Rechner“ für die hiesige Milchgenossenschaft tätig. Im „Milchhäusle“ hielt man auf Steckkarten die abgelieferte Milchmenge fest. Am Ende des Monats holte mein Vater in der Stuttgarter Zentrale den dort errechneten Betrag ab und zahlte ihn an die Bauern aus. Im Winter arbeitete er viele Jahre lang im Wald der Hofkammer. Wir Kinder mussten nach der Schule das Mittagessen in den Wald bringen und wurden deshalb immer freudig begrüßt.


Eine seiner Tätigkeiten sorgte bei den Spaziergängern aus der Stadt immer wieder für Amüsement – manch einer brach in schallendes Gelächter aus. An unserem Stalltor hing nämlich ein Plakat mit der Aufschrift „Öffentliche Bullenhaltung“. Wir hatten immer zwei Bullen, die Eigentum der Gemeinde waren, im Stall stehen. Wenn ein Neuerwerb anstand, fuhr mein Vater mit einem Gremium aus unserer Gemeinde zur Körung, die jedes Mal an einem anderen Ort abgehalten wurde. Ein Bulle durfte erst nach erfolgreicher Absolvierung der Leistungsprüfung – alle amtlich festgelegten Kriterien und Vorschriften der Zuchtverbände mussten erfüllt sein – zur Zucht eingesetzt werden. Die Entscheidung, welcher Bulle gekauft wurde, traf das Gremium dann vor Ort.


Hugo Schwegler mit Bulle


Unsere „Hommel“ * brauchten sehr viel Heu. Deshalb stand meinem Vater die Nutzung der „Hommelswiesa“ zu. Hierfür hatte die Gemeinde das Gebiet, auf dem später die Aichelberger Flüchtlingssiedlung gebaut wurde, ausgewiesen. Drei bis vier Männer mähten zweimal jährlich diese große Fläche, und zwar von Hand. Gegen Ende unserer „Bullenzeit“ hatten wir dann aber einen Motormäher.


Zu gern hätte ich mich einmal in der Hütte, in die gelegentlich die Bullen gebracht wurden, versteckt, um zu sehen, was es mit dem großen Gestell in der Mitte der Bretterhütte auf sich hatte. Aber unser Vater achtete sehr darauf, dass die Tür sofort geschlossen wurde, wenn er oder einer meiner großen Brüder die Bullen zu den Kühen führte. Meine Angst vor diesen mächtigen Tieren war auch viel zu groß, als dass ich diesen Gedanken jemals in die Tat umgesetzt hätte. Der Umgang mit den Bullen war sehr gefährlich. Einmal fügte einer meinem Vater so schwere Verletzungen zu, dass er mehrere Tage das Bett hüten musste.


Trotz dieses Nebenerwerbs meines Vaters erahnte ich noch nicht mal den Sinn und Zweck der...

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