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E-Book

Akzeptanz- und Commitment-Therapie

AutorGeorg H. Eifert
VerlagHogrefe Verlag Göttingen
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl114 Seiten
ISBN9783840922152
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Dieser Band liefert eine Einführung in die Grundlagen der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) und stellt störungsübergreifende therapeutische Strategien konkret und praxisnah dar. Anstatt „Symptome“ zu beseitigen und „Störungen“ zu korrigieren, zielt die ACT darauf ab, eine größere psychologische Flexibilität durch das Lernen von achtsamer Akzeptanz zu entwickeln und einen Fokus auf engagiertes lebenszielorientiertes Handeln zu legen. Das Buch vermittelt anhand zahlreicher Beispiele, wie Therapeuten ihren Klienten helfen können, mit mehr Freundlichkeit auf ihr ungewolltes inneres Erleben zu reagieren und sich gleichzeitig auf die Verfolgung von Lebenszielen zu konzentrieren, die bisher oft dem Management von Ängsten, Sorgen, Depressionen und anderen Belastungen zum Opfer gefallen sind. Therapeuten lernen auch, wie sie Klienten dabei unterstützen können, sanft mit ihren Gefühls- und Gedankenbarrieren sowie mit Hindernissen bei der Einhaltung der getroffenen Handlungsvorsätze umzugehen. Der Band beschreibt, wie erfahrungsbezogene Übungen, Metaphern, Achtsamkeitstechniken und Verhaltensaktivierungsprogramme in einen umfassenden Therapieansatz integriert werden können, der sich auf viele gängige psychische Probleme anwenden lässt.

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Kapitelübersicht
  1. Inhaltsverzeichnis
  2. 1 Beschreibung des ACT-Therapieansatzes
  3. 2 ACT-„Störungsmodell“ und Therapieprozesse
  4. 3 Diagnostische Überlegungen und Fallkonzeptualisierung
  5. 4 Behandlungsstrategien und -methoden
  6. 5 Effektivität von ACT
  7. 6 Ausblick
  8. 7 Weiterführende Literatur
  9. 8 Literatur
  10. 9 Anhang
  11. Karte: ACT-Fallkonzeptformular(adaptiert von Luoma et al., 2009)
Leseprobe
Die zentrale Rolle von Vermeidungsverhalten bei der Aufrechterhaltung einer Reihe von psychischen Problemen ist in der VT seit langem bekannt. Beispielsweise postuliert eine der immer noch einflussreichsten Theorien zur Erklärung von Angststörungen – die Zweifaktorentheorie von Mowrer (1947) – dass Angst und andere emotionale Reaktionen zwar zunächst durch klassische Konditionierungsprozesse aufgebaut werden, die Aufrechterhaltung dieser Reaktionen wird jedoch maßgeblich durch negativ verstärktes Vermeidungsverhalten beeinflusst. Und obwohl die ursprüngliche Version dieser Theorie in der Zwischenzeit verfeinert worden ist, so betonen auch moderne Verhaltenspsychologen (z.B. Bouton, Mineka & Barlow, 2001) die langfristig negativen Folgen von beharrlichem Vermeidungsverhalten.

Darüber hinaus gilt das rigide und unflexible Herunterregulieren von Emotionen durch entsprechende Verhaltensmuster mittlerweile als eine der wesentlichen Bedingungen nicht nur für die Entstehung und Aufrechterhaltung der geläufigen Angstund Depressionsstörungen einschließlich der somatoformen Störungen (Barlow, Allen & Choate, 2004; Forsyth et al., 2006; Hayes et al., 1996), sondern auch für Suchtprobleme (Hayes et al., 1996), Essstörungen (Greco, Barnett, Blomquist & Gevers 2008) und die psychische Beeinträchtigung durch chronische Schmerzen (Dahl, Wilson & Nilsson, 2004). Auch eine unabhängige europäische Untersuchung von Fledderus, Bohlmeijer und Pieterse (2010) zeigt eindrucksvoll, dass Erlebensvermeidung ein Risikofaktor für die Entwicklung von Angstund Depressionsstörungen ist und zu eher passivem Bewältigungsverhalten wie Alkoholkonsum führt und allgemein psychisches Wohlbefinden verringert.

Weiterhin unterstützen verschiedene voneinander unabhängige Forschungsrichtungen (z. B. die Metaanalyse von Hayes et al., 2006) die Schlussfolgerung, dass Versuche unerwünschtes inneres Erleben zu vermeiden und zu kontrollieren weitgehend uneffektiv sind. Sie intensivieren sogar oft das Erleben unerwünschter Gedanken und Gefühlen, anstatt es zu reduzieren (Koster, Rassin, Crombez & Näring, 2003; Purdon, 1999; Spira, Zvolensky, Eifert & Feldner, 2004), und erhöhen die emotionale Belastung (Eifert & Heffner, 2003; Levitt, Brown, Orsillo & Barlow, 2004). Im Verlauf dieses Prozesses nimmt die Häufigkeit lebenszielorientierten Verhaltens ab und damit einhergehend verspüren Menschen oft eine zunehmende Unzufriedenheit mit dem Zustand ihres Lebens. Viele dieser empirischen Arbeiten (vgl. Hayes et al., 2006) vergleichen die Auswirkungen der Erlebensvermeidung mit ihrem psychologischen Gegenstück: das Akzeptieren und Zugehen auf das innere Erleben. Zusammengenommen zeigen diese Arbeiten, dass Erlebensvermeidung ein potenziell toxischer Prozess ist, der vor allem langfristig mit größerer psychischer Belastung und geringerer Lebensqualität verbunden ist, und dass Strategien, welche das Akzeptieren und Zugehen auf Unbehagen erhöhen, eine wirksamere und die Lebensqualität verbessernde Alternative darstellen.

2.2.2 Kognitive Fusion

Kognitive Fusion findet statt, wenn wir so stark mit unseren (vor allem bewertenden) Gedanken „verschmolzen“ sind und die Distanz zu ihnen verlieren, so dass sie unser Verhalten dominieren (Luoma et al., 2009). Einfach ausgedrückt bedeutet kognitive Fusion, dass Menschen sich in ihren Gedanken und Vorstellungen verzetteln und verfangen. Sie erkennen dann Gedanken und Vorstellungen nicht mehr als Produkte ihres Verstandes, sondern nehmen sie wörtlich, sehen sie als Wahrheiten und Fakten, glauben an sie und verhalten sich ihnen entsprechend. Das Letztere ist aus klinischer Sicht oft die fatalste Folge der Fusion mit negativ bewertenden Gedanken: Sie dominieren unser Bewusstsein und beeinflussen das Verhalten stärker als situative Kontexteinflüsse.

Eine Folge von Fusion ist, dass wir Gedanken und Wörter nicht mehr als solche sehen, sondern als die Dinge, auf die sich die Gedanken und Wörter beziehen. Das Ereignis (Person, Situation – z.B. „Ich“) und das Denken über das Ereignis („bin schwach“) sind so verschmolzen, das subjektiv der Eindruck entsteht, sie sind ein und dasselbe. Die Folge ist, dass wir nicht zwischen unseren (häufig negativen) Bewertungen und dem Bewerteten, auf das sich die Bewertungen beziehen, unterscheiden. Beispielsweise ist ein schnell schlagendes Herz während einer Panikattacke nicht mehr nur ein schnell schlagendes Herz, sondern ein „gefährliches körperliches Symptom, das auf einen drohenden Herzinfarkt hinweist“.

Wenn Sie das Wort „Zitrone“ hören, können Sie sich sicherlich eine gelbe Frucht vorstellen und sich vielleicht sogar auch an den sauren Geschmack erinnern, als sie das letzte Mal an einem Zitronenstück gelutscht haben. Dies sind genau die relationalen Netzwerke, die in der Relationsbildungstheorie untersucht worden sind. Dennoch macht Sie das Denken an eine Zitrone nicht zu einer Zitrone. Vergleichen Sie dies mit Gedanken eines anorektischen Mädchens („Ich bin zu dick“) oder eines depressiven Mannes („Ich bin schlecht und wertlos“). Im Zustand der Fusion erscheint es Menschen so, als ob sie tatsächlich das sind, worauf sich Gedanken und Wörter beziehen. „Fett“ und „wertlos“ sind dann nicht mehr nur Wörter, sondern die damit verbundenen Personen scheinen zu dem zu werden, was die Wörter bezeichnen.

In den genannten Beispielen reagieren das Mädchen und der Mann auf die Wörter, als ob sie (die Person) die Verkörperung von Fettsein und Wertlosigkeit sind. In diesem Zustand werden Gedanken für jeden von uns potenziell bedrohlich. Wenn Menschen beispielsweise auf den buchstäblichen Inhalt des Gedankens „Ich kann diese Gedanken (oder Gefühle) nicht mehr aushalten“ reagieren, dann müssen sie etwas tun, um das Beschriebene zu verändern (die Situation verlassen oder vielleicht gar sich umbringen) – der Gedanke verlangt Handeln oder zumindest scheint er, Handeln zu verlangen. Wenn Menschen mit einer Panikstörung sagen „ich kann nicht rausgehen, weil ich zu viel Angst habe“, dann bleiben sie zu Hause. Im Zustand der Fusion ist dies nicht einfach nur ein bewertender Gedanke, sondern eine Tatsache, an die man glaubt und ein Grund für Verhalten. In all diesen Beispielen handelt es sich um bidirektionale Netwerke (Hayes et al., 2001), wo beispielsweise das Wort „essen“ oder das Sehen eines gefüllten Tellers mit Vorstellungen wie Gewichtszunahme und dem Bild einer übergewichtigen Person, Bewertungen wie Wertlosigkeit oder Gefühlen wie Ekel und Abscheu bidirektional verbunden sind.

Wenn Menschen mit Emotionen wie Scham, Wut und Angst kämpfen, dann ist der Gedanke „Sie hat mich verletzt“ nicht dasselbe wie „Dies ist eine Zitrone“. Es ist ein bewertender Gedanke, der mit unangenehmen Gefühlen verbunden ist und mit anderen interpretierenden und bewertenden Gedanken („Sie wollte mich verletzen“, „Das ist nicht fair“, „Ich bin schwach oder nicht gut genug“). Alle diese Elemente sind mit Handeln verbunden – zumindest scheinen sie ein bestimmtes Handeln nahe zu legen. Was dabei verloren geht, ist die Tatsache, dass der Prozess des Bewertens unabhängig ist von dem, was bewertet wird. Obwohl spontane Bewertungen in der Regel Resultat eines Lernprozesses sind, so sind sie doch prinzipiell willkürlich. Die Bewertungen an sich sind zwar nicht wählbar, jedoch ist das nachfolgende Verhalten durchaus wählbar – und genau dies soll vom Klienten gelernt werden.

Kognitive Fusion ist weder gut noch schlecht per se. Sie passiert einfach und ist natürliche Folge der Art und Weise, wie relationale Netzwerke aufgebaut sind und funktionieren (Hayes, 2007). Die wesentliche und kritische Frage ist, ob und wann sie hilfreich ist oder nicht, insbesondere ob das Hören auf Gedanken durch entsprechendes Handeln hilfreich ist oder nicht. Genau diese Frage wird im Verlauf der Therapie Klienten immer wieder gestellt: „Wenn Sie auf diesen Gedanken hören und das tun, was er Ihnen zu sagen scheint, bringt Sie das näher in die Richtung eines erfüllten Lebens oder führt es Sie weiter davon weg?“ Dieses Kriterium der Brauchbarkeit oder Praktikabilität (engl. „workability“) steht im Zentrum des gesamten ACT-Ansatzes. Entsprechend liegt der therapeutische Fokus immer auf der Funktion von Kognitionen und nicht auf deren Inhalt. Es geht also nicht darum, ob bestimmte Kognitionen logisch richtig oder falsch sind, sondern ob sie langfristig für einen Menschen nützlich und hilfreich im Sinne der Erreichung von selbst gewählten Lebenszielen sind. Hier wird auch der Zusammenhang zwischen kognitiver Fusion und Erlebensvermeidung klar: Das mit Fusion verbundene Handeln hat oft die Funktion, aversives inneres Erleben zu reduzieren oder zumindest zu kontrollieren. Kurzfristig mag dies gelingen und das Verhalten wird in solchen Fällen negativ verstärkt und aufrechterhalten. Doch langfristig schränkt dieses Verhalten den Lebensspielraum ein, hält Menschen von der Verfolgung ihrer Lebensziele ab und führt zu den in vielen klinischen Fällen sehr offensichtlichen Folgen einer nachhaltig verringerten Lebensqualität (Hayes et al., 2006).
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis7
1 Beschreibung des ACT-Therapieansatzes11
1.1 Ziele und Fokus von ACT11
1.2 Theoretisch-philosophische Wurzeln13
1.3 ACT ist Teil der Evolution der Verhaltenstherapie14
2 ACT-„Störungsmodell“ und Therapieprozesse16
2.1 Was verursacht psychisches Leiden?16
2.2 Störungsrelevante Prozesse18
2.3 Behandlungsprozesse und -ziele26
3 Diagnostische Überlegungen und Fallkonzeptualisierung36
3.1 Ein transdiagnostischer und integrativer Ansatz36
3.2 Diagnostik und Messung von Therapieprozessen39
3.3 Fallkonzeptualisierung41
4 Behandlungsstrategien und -methoden43
4.1 ACT ist ein flexibler Therapieansatz43
4.2 Haltung und Kernkompetenzen des Therapeuten44
4.3 Behandlungsstrategien und -ziele46
4.4 Probleme bei der Durchführung92
5 Effektivität von ACT97
5.1 Therapieerfolgsmessung97
5.2 Prozessforschungsergebnisse99
6 Ausblick99
7 Weiterführende Literatur101
8 Literatur101
9 Anhang107
Ressourcen zur ACT im Internet107
Akzeptanz- und Handlungsfragebogen (AAQ-Rev-16)108
Arbeitsblatt „Beschriften Sie Ihren eigenen Grabstein“110
Arbeitsblatt „Mein Lebenskompass“111
Arbeitsblatt „Werte und Ziele“112
Karte: ACT-Fallkonzeptformular(adaptiert von Luoma et al., 2009)113

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