Sie sind hier
E-Book

Al Qaida

Akteure, Strukturen, Attentate

AutorOliver Schröm
VerlagCh. Links Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783862842544
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis4,99 EUR
Seit nunmehr zehn Jahren führen Anhänger der Al Qaida einen gnadenlosen Feldzug gegen die USA und die ganze westliche Welt. Den 'Kreuzzüglern' und 'Ungläubigen' wollen sie schwere Schläge beibringen, um sie in ihrem Selbstverständnis zu erschüttern und zur Akzeptanz islamischer Wertvorstellungen zu zwingen. Erstmalig wird hier die Geschichte des Terrornetzwerkes von den Anfängen bis in die Gegenwart dargestellt. Behandelt werden die Karrieren von Osama Bin Laden, seinem Chefplaner Khalid Scheich Mohammed und den Verantwortlichen vom 11.September 2001. Anhand der zahlreichen Anschläge von New York bis Bali beschreibt der Autor die Entwicklung und Funktonsweise der globalen Organisation. Wie bereits in den früheren Büchern gelingt es Schröm, das Geschehen äußerst aktionsreich und anschaulich zu schildern. Die Presse urteilte über seinen letzten Politreport zum Terrorismus der 80er Jahre: 'Das Ganze ist nicht nur detailliert recherchiert, sondern zugleich hervorragend geschrieben und spannender als jeder Krimi.'

Jahrgang 1964, Fernseh- und Buchautor. Seine investigativen Reportagen über den internationalen Terrorismus, den Rechtsradikalismus und die Welt der Nachrichtendienste, veröffentlicht u.a. in Die Zeit und Stern, wurden mehrfach ausgezeichnet. Sie wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und sorgten im In- und Ausland für Aufsehen.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

In tödlicher Mission


Die erste große Aktion von Khalid Scheich Mohammed und Ramzi Yousef: Der Bombenanschlag auf das World Trade Center im Februar 1993


Es ist kalt an diesem frühen Freitagnachmittag in New Jersey. Ramzi Yousef steht am Ufer des Hudson River. Es schneit. Gebannt schaut er hinüber auf die Südspitze Manhattans. Aus dem Nordturm des World Trade Center steigen dicke schwarze Rauchschwaden, aber das Gebäude selbst bewegt sich nicht. Yousef überlegt angestrengt, was sie falsch gemacht haben.1

Monatelang war alles sorgfältig und bis ins kleinste Detail geplant worden. Den Lieferwagen mit der 1200-Pfund-Bombe hatten sie in der Tiefgarage direkt neben der Wand mit den Stützpfeilern geparkt. Seinen Berechnungen nach hätte die Druckwelle ausreichen müssen, um den ganzen Turm zum Einsturz zu bringen. Das Monstrum aus Stahl, Glas und Beton sollte wie ein Baum fallen und dabei den Südturm mitreißen.

Aber womöglich hatten sie die solide Konstruktion der Zwillingstürme unterschätzt. Immerhin waren über 180000 Tonnen Stahl beim Bau verarbeitet worden, um die Kolosse mit 415 und 417 Meter Höhe stabil zu bekommen. Es sind die höchsten Gebäude in New York, die seit der Eröffnung 1973 als Wahrzeichen der Stadt gelten. 50000 Menschen arbeiten in den beiden Türmen. Zudem kommen täglich 80000 Besucher, um die Aussicht auf der Terrasse des Südturms zu genießen. Insgesamt 104 Aufzüge sorgen dafür, daß sich über 100000 Menschen gleichzeitig in den Türmen aufhalten können. Sie alle sollten sterben.

Das Blutbad war gedacht als gerechte Strafe dafür, daß die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten die Israelis dabei unterstützten, Palästinenser zu unterdrücken und arabische Nachbarstaaten zu attackieren. Für Yousef bedeuteten die USA das Böse schlechthin. Die Amerikaner sollten jetzt mit Menschenleben für ihre Taten bezahlen. Der »große Satan«, wie Yousef gegenüber seinen Freunden die USA stets bezeichnete, hätte danach zur Kenntnis nehmen müssen, daß sie sich im Krieg befinden und einen ernstzunehmenden Gegner haben.2

Yousef hadert mit sich. Die Zwillingstürme, das Symbol für den wirtschaftlichen Erfolg der USA, leuchten ihm wie eh und je entgegen. Er befürchtet, daß nur die Zünder explodiert sind, aber nicht die eigentliche Bombe. Anders kann er es sich nicht erklären, daß die Gebäude nicht wie geplant eingestürzt sind.3 Die Mission ist jedenfalls gescheitert.

Es bleibt ihm jedoch nicht viel Zeit zum Grübeln, jetzt gilt es, das Land schnellstens zu verlassen. Bereits in wenigen Stunden werden alle Ausfahrtstraßen, Bahnhöfe und Flughäfen strengstens kontrolliert sein. Zum Glück ist er darauf eingestellt, seine Flucht gehört genauso zum Plan wie das Attentat selbst. Schon vor zwei Monaten hat er sich einen neuen Paß besorgt. Am Silvestertag, als das diplomatische Personal mit den Gedanken schon ganz bei den Feierlichkeiten zum neuen Jahr weilte, war er zum pakistanischen Konsulat gegangen und hatte sich mit Hilfe einer Fotokopie alter amtlicher Unterlagen einen Paß auf seinen richtigen Namen Abdul Basit Mahmoud Abdul Karim ausstellen lassen. Das Dokument mit der Nummer AA 662 804 weist ihn als einen 1968 in Kuwait geborenen Sohn pakistanischer Einwanderer aus. Damit dürfte es bei der Paßkontrolle auf dem New Yorker John-F.-Kennedy-Flughafen keine Schwierigkeiten geben. Von dort soll es mit der Pakistan International Airlines nach Karatschi gehen und dann weiter nach Quetta, der alten Handelsstadt an der Grenze zu Afghanistan. Dort warten seine Frau und seine kleine Tochter auf ihn. Monatelang hat er die beiden nicht mehr gesehen. Nun sind es nur noch wenige Stunden bis zum Abflug. Das Erste-Klasse-Ticket hat er bereits in der Tasche. Es müssen nur noch ein paar Sachen zusammengepackt werden.

Yousef fährt zurück in sein Appartement in Jersey City. Auf dem Weg dorthin hört er die Sirenen der Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr und der Ambulanz. Sie rasen zum Holland-Tunnel, der Jersey mit Manhattan verbindet. Die New Yorker Zentrale hat Unterstützung angefordert. Die Explosion im World Trade Center ist die bislang größte Katastrophe in der 128jährigen Geschichte der New Yorker Feuerwehr. Und nicht nur das. Sie ist zugleich auch der bis dahin größte Terroranschlag innerhalb der Vereinigten Staaten, denn bisher fanden vergleichbare Bombenattentate nur im Ausland statt. Von diesem Tag an ist alles anders. Es ist der 26. Februar 1993.

Sechs Monate zuvor, am 1. September 1992, hatte die Mission begonnen. Damals war Ramzi Yousef mit dem Flug PK-703 von Pakistan nach New York gekommen. An seiner Seite befand sich Ahmed Mohammed Ajaj, der ihn in Amerika einführte. Bis zum Frühjahr 1992 hatte sich Ajaj schon in den USA aufgehalten und als Lieferant für Domino’s Pizza in Houston/Texas gejobbt. Am 24. April 1992 war er zu seinem Chef gegangen und hatte ihm erzählt, er würde nach New York ziehen und sich dort nach einem besseren Job umsehen. Doch in Wirklichkeit hatte er etwas ganz anderes im Sinn. Mit einem Billigticket flog er nach Pakistan, wo er im nordwestlichen Grenzgebiet zu Afghanistan in der Nähe von Peschawar auf die Universität »Dawa al Dschihad« (Sammlung der Kämpfer für den Heiligen Krieg) ging, an der junge Islamisten vorwiegend das Kriegs- und Terrorhandwerk beigebracht bekamen. Die Kontakte dorthin hatten ihm militante Mitstreiter in Texas vermittelt.

Im Camp wurde der schmächtige Pizza-Lieferant im Nahkampf sowie im Umgang mit Waffen und Sprengstoff ausgebildet. Dort lernte er auch Yousef kennen. Der damals 24jährige Pakistani war sein Ausbilder. Seit über einem Jahr betätigte sich Yousef bereits als Lehrer in verschiedenen Terrorcamps. Die Kenntnisse dafür hatte er sich während eines Ingenieurstudiums in Wales angeeignet. Finanziert worden war die Ausbildung von seinen Eltern, die in den 60er Jahren als Gastarbeiter im ölreichen Kuwait eine Anstellung gefunden hatten. Da sie aber im Golfstaat keine Staatsbürgerschaft erhielten und als Bürger zweiter Klasse behandelt wurden, ging die Familie später zurück nach Pakistan.

Yousef unterbrach 1988 sein Studium und ging von Wales nach Afghanistan, um sich in einem Trainingscamp der Mudschaheddin zum »Gotteskrieger« ausbilden zu lassen. Es handelte sich um das Camp Sadda an der pakistanisch-afghanischen Grenze.4 Leiter des Lagers war zu jener Zeit Abdul Rasul Sayyaf, einer der engsten Vertrauten des saudi-arabischen Millionärssohns Osama Bin Laden, der mit seinem Erbe den Krieg der Mudschaheddin gegen die sowjetischen Invasoren in Afghanistan finanzierte. Yousef zeigte sich dort während seiner sechsmonatigen Grundausbildung äußerst gelehrig und geschickt, besonders was das Bauen von Bomben anbetraf. Bald nannte man ihn nur noch den »Chemiker«5 und betraute ihn mit Spezialaufgaben. Nach der Vertreibung der sowjetischen Truppen aus Afghanistan Ende 1989/Anfang 1990 kehrte Yousef vorübergehend nach Wales zurück, um seinen Abschluß als Elektronikingenieur zu machen. Doch in dem Beruf arbeiten wollte er nicht. Seine innere Berufung war inzwischen der Kampf gegen die Ungläubigen. Deshalb stellte er sein Wissen anschließend auch in den Dienst der Islamisten und übernahm die Technikausbildung in mehreren Lagern im Norden Pakistans. Hier brachte er Rekruten wie Ajaj bei, aus handelsüblichen Materialien möglichst unauffällig tödliche Bomben zu bauen. So lernte Ajaj beispielsweise von ihm, wie man mit ein paar Handgriffen eine billige Casio-Uhr zum Zeitzünder umfunktionierte.

Die Ausbildung war hart und fand immer mit scharfen Materialien statt. Viele der Rekruten erlitten beim Umgang mit den selbstgebauten Bomben schwere Verletzungen. Die Ausbilder nahmen dies billigend in Kauf, denn die Unfälle führten zu einer gewissen Auslese. Nur die Fähigsten überstanden die Lehrgänge unbeschadet, so daß gewährleistet war, daß keine »Versager« zu einer Mission geschickt wurden.

Ajajs Ausbildung verlief ohne Zwischenfall. Mitte Juli 1992 war er einsatzbereit und wurde Yousef zugeteilt. Für die geplante USA-Mission schien er der ideale Mann zu sein, denn der Pizza-Job in Houston sollte ihn mit den Gepflogenheiten in den Vereinigten Staaten hinlänglich vertraut gemacht haben.

Als erstes erhielt Ajaj von Yousef den Auftrag, in der pakistanischen Hauptstadt auf der US-Botschaft Visa zu besorgen. Der Beamtin auf der Konsularabteilung in Islamabad erzählte er dann, daß er bereits ein Fünf-Jahres-Visum für die USA besitze, dies nur leider in Houston, wohin er jetzt zurückkehren wolle, vergessen habe. Die Beamtin zeigte sich davon wenig beeindruckt. Jeden Tag hörte sie Dutzende solcher Geschichten. In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft versuchten viele Pakistani, mit allen möglichen Ausreden an eine Aufenthaltsgenehmigung für die USA zu kommen. Die Beamtin verweigerte das Visum. Es schien auch keinen Sinn zu haben, mit einer anderen Geschichte für Yousef einen ähnlichen Versuch zu unternehmen. Da es offensichtlich keine Möglichkeit in Pakistan gab, an legale Papiere heranzukommen, wollten beide einen anderen Weg einschlagen und es mit einem Trick direkt vor Ort versuchen. Yousef hatte bereits eine Idee.

Am 1. September 1992 trafen beide mit einem Flug aus Karatschi in New York ein. Auf dem internationalen JFK-Airport verließen sie das Flugzeug in traditionell arabischer Kleidung: weit geschnittene Hosen, darüber ein über die Knie reichendes Hemd mit Ballonärmeln. Bei...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Gesellschaft - Männer - Frauen - Adoleszenz

Die kommende Euro-Katastrophe

E-Book Die kommende Euro-Katastrophe
Ein Finanzsystem vor dem Bankrott? Format: PDF

Mit großem Jubel wurde vor 10 Jahren der Euro begründet und im Jahr 2002 endgültig eingeführt - und das, obwohl damals laut Umfragen 90 Prozent der Bevölkerung gegen die neue Währung waren. Und…

Die Geschichte der DZ-BANK

E-Book Die Geschichte der DZ-BANK
Das genossenschaftliche Zentralbankwesen vom 19. Jahrhundert bis heute Format: ePUB/PDF

Die DZ BANK ist das Spitzeninstitut der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Deutschland und zählt zu den wichtigsten Kreditinstituten des Landes. Ihre Geschichte ist der breiteren Ö…

Eigentum

E-Book Eigentum
Ordnungsidee, Zustand, Entwicklungen Format: PDF

Band 2 der Bibliothek des Eigentums gibt einen umfassenden Überblick über die geistige Befindlichkeit Deutschlands in Ansehung des privaten Eigentums. Die Beiträge stellen den politischen Blick auf…

Flick

E-Book Flick
Der Konzern, die Familie, die Macht Format: ePUB

Erstmals die ganze Geschichte einer beispiellosen deutschen Karriere Kein Name verkörpert das Drama der deutschen Wirtschaft im 20. Jahrhundert klarer als der Name Flick. Zweimal folgte dem…

David Ogilvy

E-Book David Ogilvy
Ein Leben für die Werbung Format: PDF/ePUB

Vom erfolglosen Vertreter zum erfolgreichsten und bekanntesten Werbemacher der Welt - das ist David Ogilvys Karriere. Die charismatische und humorvolle Persönlichkeit ist auch nach seinem Tod vor elf…

Idea Man

E-Book Idea Man
Die Autobiografie des Microsoft-Mitgründers Format: PDF/ePUB

Paul Allens Ideen begründeten einen Weltkonzern. Gemeinsam mit Bill Gates schuf er 1975 Microsoft. Der Erfolg des Softwarekonzerns beruht vor allem auf Allens einmaligem Gespür für technologische…

Können Sie strippen?

E-Book Können Sie strippen?
Aus dem Alltag einer Jobvermittlerin Format: ePUB

Joblos glücklich? Wenn das so einfach wäre ... Was Arbeitslose ärgert, antreibt, und was die Arbeit mit Ihnen so anstrengend macht Arbeitslosigkeit kann jeden treffen. Da gibt es Hape. Er hat mit 25…

Inside Steuerfahndung

E-Book Inside Steuerfahndung
Ein Steuerfahnder verrät erstmals die Methoden und Geheimnisse der Behörde Format: ePUB

**Das Enthüllungsbuch des Jahres: Wie die Mächtigen Steuern hinterziehen** Neben BND und BKA gibt es eine weitere staatliche Institution in der Bundesrepublik, die hauptsächlich im Verborgenen…

Madeleine Schickedanz

E-Book Madeleine Schickedanz
Vom Untergang einer deutschen Familie und des Quelle-Imperiums Format: ePUB

Madeleine Schickedanz ist die Frau hinter dem Quelle-Konzern. Sie lebt zurückgezogen, man weiß wenig über sie. Anja Kummerow hat sich an ihre Fersen geheftet, um herauszufinden: Wer ist diese Frau?…

Weitere Zeitschriften

BMW Magazin

BMW Magazin

Unter dem Motto „DRIVEN" steht das BMW Magazin für Antrieb, Leidenschaft und Energie − und die Haltung, im Leben niemals stehen zu bleiben.Das Kundenmagazin der BMW AG inszeniert die neuesten ...

Demeter-Gartenrundbrief

Demeter-Gartenrundbrief

Einzige Gartenzeitung mit Erfahrungsberichten zum biologisch-dynamischen Anbau im Hausgarten (Demeter-Anbau). Mit regelmäßigem Arbeitskalender, Aussaat-/Pflanzzeiten, Neuigkeiten rund um den ...

SPORT in BW (Württemberg)

SPORT in BW (Württemberg)

SPORT in BW (Württemberg) ist das offizielle Verbandsorgan des Württembergischen Landessportbund e.V. (WLSB) und Informationsmagazin für alle im Sport organisierten Mitglieder in Württemberg. ...

Der Steuerzahler

Der Steuerzahler

Der Steuerzahler ist das monatliche Wirtschafts- und Mitgliedermagazin des Bundes der Steuerzahler und erreicht mit fast 230.000 Abonnenten einen weitesten Leserkreis von 1 ...

ea evangelische aspekte

ea evangelische aspekte

evangelische Beiträge zum Leben in Kirche und Gesellschaft Die Evangelische Akademikerschaft in Deutschland ist Herausgeberin der Zeitschrift evangelische aspekte Sie erscheint viermal im Jahr. In ...

rfe-Elektrohändler

rfe-Elektrohändler

rfe-Elektrohändler ist die Fachzeitschrift für die CE- und Hausgeräte-Branche. Wichtige Themen sind: Aktuelle Entwicklungen in beiden Branchen, Waren- und Verkaufskunde, Reportagen über ...

Euphorion

Euphorion

EUPHORION wurde 1894 gegründet und widmet sich als „Zeitschrift für Literaturgeschichte“ dem gesamten Fachgebiet der deutschen Philologie. Mindestens ein Heft pro Jahrgang ist für die ...