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E-Book

Al-Qaidas deutsche Kämpfer

Die Globalisierung des islamistischen Terrorismus

AutorGuido Steinberg
Verlagedition Körber-Stiftung
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl464 Seiten
ISBN9783896844750
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Die Dschihadisten-Szene in Deutschland gilt als die dynamischste Europas. Nirgendwo sonst in der westlichen Welt ist die Zahl der Rekruten für al-Qaida und andere Terrororganisationen ähnlich schnell gewachsen wie hier. Deutsche Glaubenskrieger aus Berlin, Hamburg und Bonn - Konvertiten ebenso wie Immigranten - reisen in Länder wie Pakistan, Tschetschenien und Somalia, werden dort militärisch ausgebildet und im terroristischen Kampf eingesetzt. Mittlerweile verfügen viele von ihnen über Kampferfahrung, erworben etwa in Afghanistan und seit einigen Jahren auch in Syrien. Guido Steinbergs umfassende, niemals alarmistische politische Analyse zeichnet die Radikalisierung dieser Kämpfer für Gott und al-Qaida nach und ordnet das Phänomen in die internationale Entwicklung des islamistischen Terrorismus ein. Um die drohende Terrorgefahr in den nächsten Jahren auch hierzulande abzuwehren, fehlen Deutschland bis heute starke und wirksame Sicherheitsmaßnahmen. Eindringlich warnt der Terrorismusexperte daher vor einer Entwicklung, die aus Deutschland kommend auch wieder dorthin zurückkehren kann.

Guido Steinberg ist promovierter Islamwissenschaftler und arbeitet bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin über die Politik des Nahen und Mittleren Ostens mit den Schwerpunkten Arabische Halbinsel, Dschihadismus, Politischer Islam und islamistischer Terrorismus. Steinberg war bis Oktober 2005 Terrorismusreferent im Bundeskanzleramt, er ist Wissenschaftler und tritt regelmäßig als Gutachter für die Bundesstaatsanwaltschaft in Terrorismusverfahren auf und ist ein in den Medien gefragter Nahost- und Terrorismusexperte. In der edition Körber-Stiftung erschien 2009 »Im Visier von al-Qaida«.

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Leseprobe

Anschläge von Einzeltätern und der Europlot


Am 2. März 2011 erlebte Deutschland seinen ersten Terroranschlag seit den Tagen der linksextremistischen Rote Armee Fraktion (1970–1998) und die erste von einem Dschihadisten durchgeführte Attacke. Am Frankfurter Flughafen tötete ein junger kosovarischer Muslim aus Frankfurt zwei amerikanische Soldaten und verletzte zwei weitere schwer. Der einundzwanzigjährige Arid Uka agierte offenbar als »einsamer Wolf« – ein Begriff, den die Sicherheitsdienste manchmal für einen Terroristen verwenden, der allein und unabhängig von einer größeren Organisation vorgeht. Er war 1994 mit seiner Familie nach Deutschland gekommen und zeigte Berichten zufolge vor den Anschlägen keine dschihadistischen Neigungen. Doch seit dem Spätsommer 2010 radikalisierte sich Uka in ganz kurzer Zeit. Wie auf seiner Facebook-Seite unter dem Pseudonym »Abu Reyyan« (Abu heißt »Vater von«) ersichtlich, pflegte er in den zwei bis drei Wochen vor seinem Anschlag Online-Kontakte zu bekannten salafistischen Predigern, woraus Experten schlossen, seine Radikalisierung sei zum Zeitpunkt des Anschlags noch nicht abgeschlossen gewesen. Der prominenteste unter seinen Kontaktleuten war der marokkanische Aktivist Abdallatif Rouali, der in Frankfurt als wichtiger dschihadistischer Ideologe gilt.1 Der Prediger leugnete den Kontakt mit dem Mörder. Die Polizei hatte jedoch in der Woche vor dem Anschlag Roualis Wohnung und die mehrerer seiner Gefolgsleute durchsucht, weil sie vermutete, der Prediger habe Freiwillige für den bewaffneten Kampf in Afghanistan rekrutiert. Weil Uka Berichten zufolge versuchte, an den Hindukusch zu gelangen, warf Roualis mögliche Rolle einige Zweifel auf. Dennoch wurden bis Mitte 2014 keine Beweise für die Existenz eines größeren Netzwerks zutage gefördert.

Seit Januar 2011 hatte Uka als Sortierer im internationalen Briefzentrum der Deutschen Post am Flughafen Frankfurt gearbeitet. So konnte er leicht herausfinden, wo die Busse des US-Militärs hielten, die zum Luftwaffenstützpunkt Ramstein rund 130 Kilometer südwestlich von Frankfurt pendelten. Er ging auf einen Bus zu, vor dem Mitglieder eines Teams der Air Force Security Forces, einer Art Militärpolizei, auf die Abfahrt nach Ramstein warteten, bat einen amerikanischen Soldaten um eine Zigarette und fragte, ob die Soldaten im Bus tatsächlich nach Afghanistan unterwegs seien.2 Als der Soldat das bestätigte, zog Uka seine Waffe und schoss einem anderen vor dem Bus wartenden Militärpolizisten zweimal in den Hinterkopf. Dann bestieg er den Bus, wo er den Fahrer niederstreckte und einem dritten Soldaten in den Kopf schoss. Das vierte Opfer wurde durch einen Schuss in die Brust lebensgefährlich verletzt. Als Uka versuchte, einen fünften Soldaten in den Kopf zu schießen, blockierte seine Pistole trotz zweier Schussversuche. Daraufhin versuchte er zu fliehen, wurde aber von dem fünften Soldaten verfolgt und schließlich von der deutschen Polizei festgenommen. Hätte die Pistole nicht blockiert, hätte Uka vermutlich noch viel mehr Menschen getötet, denn er führte noch eine Menge Reservemunition mit sich.

Bei der ersten Vernehmung versuchte Uka seine Tat als präventive Selbstverteidigung zu rechtfertigen. Seiner Aussage zufolge hatte er am Abend vor dem Anschlag einen von der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) produzierten Propagandafilm gesehen, der angebliches Doku-Material zu sexuellen Übergriffen von Amerikanern auf irakische und afghanische Frauen zeigte. Das Video war für den deutschen Markt hergestellt worden und enthielt eine längere deutschsprachige Sequenz, in der der Deutschmarokkaner Yassin Chouka (alias Abu Ibrahim al-Almani) Muslime aufrief, muslimische Frauen im Irak und in Afghanistan gegen Vergewaltiger aus den Reihen der Amerikaner und ihrer Verbündeten zu verteidigen. Uka erklärte den Vernehmungsbeamten, zu seiner Tat veranlasst habe ihn eine Szene, die die Vergewaltigung eines afghanischen Mädchens durch amerikanische Soldaten zeigte. Was er allerdings nicht wusste: Die IBU hatte diese Szene aus dem Film Redacted von Brian De Palma übernommen. Der 2007 erschienene Spielfilm behandelt das Massaker von Mahmudiya im März 2006, als fünf amerikanische Soldaten in einem Dorf unweit der zentralirakischen Stadt Mahmudiya südlich von Bagdad eine vierzehnjährige Irakerin vergewaltigten und das Mädchen und dessen gesamte Familie töteten. Die IBU-Propagandisten hatten diese Filmsequenz der größeren Wirkung wegen verwendet.

Uka erklärte, nach einer schlaflosen Nacht sei er in der Absicht zum Flughafen gefahren, amerikanische Soldaten zu töten, die nach Afghanistan unterwegs waren, um damit weitere Gräuel, wie sie in dem Video gezeigt wurden, zu verhindern. Aus diesem Grund habe er einen der Soldaten gefragt, ob er nach Afghanistan gehe. Uka behauptete sogar, er hätte die Amerikaner nicht niedergeschossen, wenn sie auf dem Rückweg vom Hindukusch gewesen wären. Mehr als eine halbe Stunde habe er wartend im Terminal verbracht. Als er bereits gehen wollte, habe er gesehen, wie der Busfahrer die Flughafenhalle betrat und einen Blick auf die Ankunftstafel warf. Als die anderen Soldaten kamen, folgte Uka seinen Opfern nach draußen, wo der Bus für die Fahrt nach Ramstein wartete.

Der offenbar gut trainierte, schlaksige junge Mann, eins fünfundsiebzig groß, war ein Jahr vor dem Abitur von der Schule abgegangen. Obwohl er ein guter Schüler war, erlebte er in der 12. Klasse eine depressive Phase. Morgens fiel es ihm schwer aufzustehen, er versäumte öfter den Unterricht, sodass er von der Schule verwiesen wurde. Uka, der noch bei seinen Eltern lebte, verschwieg ihnen seinen Rauswurf und nahm Gelegenheitsjobs an, bis er schließlich im Briefzentrum des Flughafens landete. Vom Spätsommer 2010 an wandte er sich jedoch immer mehr der Religion zu und passte sein Äußeres den Regeln des salafistischen Islam an. Er mochte keine bis zu den Füßen reichenden Hosen mehr tragen, weil die Salafisten glauben, dass der Prophet Kleidung verboten hat, die die Knöchel bedeckt. Bei einer Online-Sprachenschule belegte er einen Arabischkurs, musste aber ausscheiden, weil er seine Hausaufgaben nicht machte. Wie es scheint, befand er sich mitten in einem Radikalisierungsprozess, der bis zu den Anschlägen andauerte. Uka hatte jedoch Schwierigkeiten, das salafistische Musikverbot zu akzeptieren, und ging erst wenige Tage vor dem Anschlag dazu über, nur noch Dschihad-Hymnen zu hören (nashid, Plural anashid), die bei den Salafisten nicht verboten sind.

Am wichtigsten ist aber, dass Uka die Welt des Dschihadismus offenbar ausschließlich über das Internet kennenlernte, wo er die Nachrichten aus den Kampfgebieten verfolgte, dschihadistische Predigten hörte und Videos sah. Er beschäftigte sich intensiv mit der Ideologie und Politik der Dschihadisten-Bewegung, aber seine Radikalisierung vollzog sich ohne aktive Beteiligung von ideologischen Einpeitschern, religiösen Autoritäten oder Anführern. Nach wenigen Monaten war Uka bereit, im Irak oder in Afghanistan in den Kampf zu ziehen, später verriet er aber seinen Vernehmern – zu deren Verwunderung –, er habe nicht die nötigen Kontakte gehabt.3 Daher habe er sich nach dem Vergewaltigungsvideo entschlossen, allein zu handeln und Amerikaner zu töten, die nach Afghanistan unterwegs waren.

Die IBU-Propaganda beeinflusste Uka offenbar entscheidend. Die Polizei stellte später fest, dass er unterwegs zum Flughafen mehrfach eine deutschsprachige Dschihad-Hymne mit dem Titel »Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad« hörte, gesungen von Yassin Choukas Bruder Monir und erschienen im September 2010.4

Mutter, bleibe standhaft, ich bin im Dschihad.
Trauer nicht um mich und wisse, er hat mich erweckt.
Die Umma ist geblendet, doch ich wurde geehrt.
Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.
Die Umma ist geblendet, doch ich wurde geehrt.

Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.
Die Schreie wurden lauter, die Wunden nahmen zu.
Die unerfüllte Pflicht, sie ließ mir keine Ruhe.
Noch heute muss ich gehen, morgen wär es schon zu spät.
Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.

Mich auf meinen Herrn verlassend, machte ich mich auf den Weg.
Fi sabili llah [auf dem Weg Gottes], egal, wohin es geht.
Egal wie weit die Wüste und egal wie hoch der Berg,
Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.
Egal wie weit die Wüste und egal wie hoch der Berg,
Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.

Mutter, siehst du nicht, was geschieht in Filastin?5
Mutter, hörst du nicht die Bomben im Irak?
Unsere Geschwister sind gefangen, darüber werden wir befragt.
Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.

Mutter, während deine Tränen tropfen, fließt das Blut im Shishan.6
Die Juden und die Christen sind hier in Khorassan.7
Man beleidigt den Propheten, und man tritt auf den Koran.
Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.
Man beleidigt den Propheten, und man tritt auf den Koran.
Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.

Mutter, wenn ich auf dem Schlachtfeld falle, dann glaub nicht, ich sei tot.
Vielmehr bin ich lebendig an einem bessren Ort.
In einem grünen Vogel fliegend, werd ich von meinem Herrn versorgt.
Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.
...

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