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E-Book

Aldous Huxley

AutorUwe Rasch, Gerhard Wagner
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl320 Seiten
ISBN9783806238464
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR
Der englische Schriftsteller Aldous Huxley (1894-1963) ist vielen Lesern ein fester Begriff. Mit seinem Roman »Schöne neue Welt« (1932) gelang ihm ein Weltklassiker, dessen Titel bald zum Schlagwort wurde. Die Warnung vor einer technologischen Diktatur bleibt virulent. Uwe Rasch und Gerhard Wagner informieren deutsche Leser erstmals allseitig über den einflussreichen Schriftsteller und Denker. Sie schildern Huxleys schwere Augenerkrankung, sein Eintreten für den Pazifismus, die Drogenexperimente, das Abenteuer Hollywood und schließlich die Gründung des Esalen Institutes in Kalifornien. Krishnamurti, Strawinsky, Yehudi Menuhin und Charlie Chaplin waren seine engen Freunde. Mit Thomas Mann traf er sich im Exil, Adorno widmete ihm einen Aufsatz. Huxley zeigt sich teils als bissiger Skeptiker, teils als engagierter Humanist. Frappierend ist Huxleys außergewöhnliche Bedeutung für eine globalisierte Welt.

Uwe Rasch ist seit 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Aldous-Huxley-Forschungsstelle an der Universität Münster und arbeitet an der Herausgabe des »Aldous Huxley Annual« und der Huxley-Monografien-Reihe »Human Potentialities« mit. Er hat jahrzehntelang als Kulturjournalist gearbeitet. Hauptberuflich ist Uwe Rasch zurzeit Dozent für akademisches Englisch am Sprachenzentrum der Universität Münster.

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Leseprobe

Frühe Verluste: Kindheit, Jugend und zerstörte Pläne (1894–1916)


Haut


Der vielleicht fünfjährige Aldous war gerade einmal nicht damit beschäftigt, gekonnte Zeichnungen seiner Umwelt anzufertigen, wie er es sonst endlos tat, sondern saß am Fenster und schaute versonnen hinaus. Als seine Patentante vorbeikam, fragte sie ihn: »Na, woran denkst du denn?« Der Knirps drehte sich um, schenkte ihr kurz seine Aufmerksamkeit, ließ ungerührt und einsilbig das Wort »Haut« vernehmen und schaute wieder zum Fenster hinaus.

Diese kleine Episode ist doppelt bezeichnend für die Kindheits- und Jugendphase von Aldous Huxley, der einmal einer der rebellischsten und aufregendsten Schriftsteller, vollendetsten Feingeister, einflussreichsten Denker und meistgeschätzten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und der vielleicht letzte echte Universalgebildete der Neuzeit werden sollte. Einerseits zeigt sie den kleinen Aldous, wie er von seinem Umfeld schon früh wahrgenommen wurde: Er war anders als die anderen. Mit zwölf Jahren erkannte sein sieben Jahre älterer Bruder Julian

»intuitiv, dass Aldous eine angeborene Überlegenheit besaß und sich auf einer anderen Ebene des Seins bewegte als wir anderen Kinder. […] Als Kind verbrachte der seine Zeit zu einem guten Teil damit, einfach still dazusitzen und die Seltsamkeit aller Dinge zu beobachten. […] Von dieser Beschäftigung mit dem Seltsamen und Bizarren, dem Unwahrscheinlichen und Außerordentlichen ließ er sein ganzes Leben nicht ab.« (Gedächtnis, S. 21)

Das Seltsame und Bizarre, das Groteske beschäftigten ihn gewiss; aber auch das Naheliegende, augenscheinlich Unscheinbare, das allzu Selbstverständliche – wie eben »Haut« – war für ihn von Bedeutung. Von Anbeginn war sein Blick zugleich der des Forschers und des Ästheten. Aber nicht nur als Objekt seiner Betrachtung, sondern auch als Organ seiner subjektiven Empfänglichkeit ist »Haut« ein guter Begriff für seine frühe Zeit. Denn Aldous war nicht nur ein äußerst sinnliches und empfängliches Kind; leider waren ihm auch schon in jungen Jahren Ereignisse beschert, die tief unter die Haut gingen.

Der kleine Aldous träumte nicht davon, Schriftsteller zu werden. »Er zeichnete andauernd«, erinnerte sich sein gleichaltriger Cousin Gervas Huxley, »völlig vertieft – für mich war es Magie, ein kleiner Junge meines Alters, der so schön zeichnete« (zit. in Bedford, S. 3). Maler wollte Aldous werden; noch bis weit in die Jugendzeit hegte er diesen Wunschtraum. Gezeichnet und gemalt hat er immer, doch kaum etwas davon ist erhalten geblieben. Allerdings tauchte Ende 2015 in einem Londoner Antiquariat eine kindlich-düstere Vision des Zweiten Burenkriegs auf, die Aldous im Jahr 1900 im Alter von nur sechs Jahren für die Töchter des im Krieg engagierten Generals Lyttelton gezeichnet und in krakeligen Großbuchstaben am oberen Rand signiert hatte. Das prall gefüllte sechzigseitige Marburger Skizzenbuch aus seinem 17. Lebensjahr ist ebenfalls erhalten geblieben. Doch von den zahllosen Gouachen, die er in den 1930er-Jahren im Süden Frankreichs angefertigt hat, sind bislang nur eine Handvoll wieder ans Tageslicht gekommen.

Maler wollte er also werden – oder Mediziner. Sein Lebtag hat sich Aldous Huxley mit Medizinern, Psychologen, Therapeuten, Physiologen aller Art umgeben, mit lebhaftem Interesse die Forschung verfolgt und sich an einigen Experimenten beteiligt. Der Hang zu Biologie und Medizin lag deutlich in der Familie. Später sollte Huxley schreiben, dass er lieber Faraday als Shakespeare geworden wäre. Sein Großvater väterlicherseits war der eminente Biologe (und Humanist und Pädagoge) Thomas Henry Huxley, einer der ersten und der wahrscheinlich wortgewandteste, jedenfalls aber kampflustigste Evolutionstheoretiker der ersten Stunde, was ihm den Beinamen »Darwins Bulldogge« eintrug. Aldous’ älterer Bruder Julian sollte einer der bekanntesten Biologen seiner Zeit werden, Mitbegründer von UNESCO und WWF; der zwanzig Jahre jüngere Halbbruder Andrew erhielt 1963 den Nobelpreis für Medizin.

Der junge Aldous auf den Schultern seines Vaters, Leonard Huxley

Doch bereits bevor der kleine Aldous sich überhaupt Gedanken über seinen Werdegang machen konnte, war ihm bereits ein quasi dynastisches Erbe mit in die Wiege gelegt worden. In ihm und seinen Geschwistern kamen das Ansehen und die Ansprüche zweier hoch geschätzter Familien der intellektuellen Elite Englands zusammen – ein Segen und eine große Herausforderung zugleich. Beide Familien entstammten der oberen Mittelschicht und hatten sich in der viktorianischen Zeit in besonderem Maße um Aufklärung und Bildung, die Suche nach Wahrheit und Wissen sowie die Idee des kulturellen Fortschritts verdient gemacht. Leonard Huxley, Aldous’ Vater, war ein Sohn des bereits erwähnten berühmten Biologen (und späteren Mitglieds zahlreicher akademischer Institutionen wie auch der Londoner Schulbehörde) Thomas Henry Huxley. Neben seinem Einsatz für die Evolutionslehre von Darwin und Wallace war der glänzende Stilist mitverantwortlich dafür, dass im Laufe des 19. Jahrhunderts der Wahrheitsbegriff auf immer breiterer Basis mit wissenschaftlicher Erkenntnis gleichgesetzt wurde, die auf empirischer Messung und Überprüfung beruht. Durch die Anwendung der naturwissenschaftlichen Methode und die Durchsetzung wissenschaftlichen Denkens, so der optimistische Tenor, könnte die Welt zunehmend entschlüsselt, erforscht, verstanden und dem Menschen gefügig gemacht werden. In diesem Sinne sorgte Thomas Henry Huxley auch dafür, dass die Naturwissenschaften im Schulcurriculum eine stärkere Verankerung fanden. Für seine religiöse Haltung prägte er den Begriff des Agnostizismus. Zwar betonte er, dass es sich dabei nicht um eine atheistische Auffassung handelte, sondern um eine skeptische Grundhaltung gegenüber metaphysischen Annahmen; dennoch wurde er von dogmatischen Kreisen als ungläubig angefeindet.

Thomas Henry Huxley (1825–1895), Aldous’ Großvater väterlicherseits

Aldous Huxleys Mutter, Julia Frances Arnold, war eine Enkelin des Theologen und Pädagogen Thomas Arnold, dessen Name heute vor allem mit seinem Ideal des »christlichen Gentleman« und der vorbildlichen Leitung einer Schule in Rugby, die als modellhaft für das englische Erziehungswesen gilt, verbunden ist. Julias Vater, Thomas Arnold d. J., war als Schulinspektor und Literaturwissenschaftler tätig und erlangte aufgrund seiner wiederholten Religionswechsel zwischen Anglikanismus und Katholizismus notorische Berühmtheit. Als erheblich einflussreicher erwies sich sein älterer Bruder Matthew Arnold, ein viktorianischer Dichter und Kulturkritiker, der die fortschreitende Humanisierung, Kultivierung und Moralisierung der Gesellschaft, nicht zuletzt der als bedrückend habgierig und philisterhaft empfundenen Mittelschicht, erstrebte. Matthew hielt dem Absolutheitsanspruch der Naturwissenschaften die Wahrheit moralischen Denkens und kultivierten Handelns entgegen und erklärte die hohe Dichtung – für ihn die vollendete »Kritik des Lebens« – zum maßgeblichen Aufklärungsinstrument. Religion bezeichnete er als »Moral durchdrungen von Gefühl« und stellte sich damit ausdrücklich gegen die Kirchendogmen. Gutes Handeln zeichne einen religiösen Charakter aus.

Diese Haltung spiegelt sich auch in dem populären, aber umstrittenen Roman Robert Elsmere (1888) seiner Nichte, Julia Huxleys Schwester Mary Augusta Ward, wider, die ihn unter dem Pseudonym Mrs. Humphry Ward veröffentlichte. Die Figur des Robert Elsmere, eines christlich-orthodoxen Geistlichen, zweifelt im Zuge der Rationalisierung der Welt zunehmend an den überlieferten Doktrinen und Dogmen der anglikanischen Kirche, wird aber in der Folge nicht zum Atheisten, sondern zum praktischen Helfer der Armen, Unterprivilegierten und Ungebildeten.

Enorm war also die intellektuelle Verpflichtung, die Aldous Huxley durch seine Herkunft ganz selbstverständlich übertragen wurde. Vorbilder in Bezug auf den beiden Familienlinien innewohnenden Anspruch, Bildung und Wissen zu verbreiten, fand er zweifellos auch in seinen Eltern. Sowohl sein Vater als auch seine Mutter, die beide an der renommierten Universität von Oxford studiert hatten, waren als Pädagogen tätig, sein Vater später auch als Autor und Herausgeber. Aldous’ komplexe Familiengeschichte sorgte zudem dafür, dass ihm einander widerstreitende weltanschauliche Ansätze gleichsam als Vermächtnis zur weiteren Auseinandersetzung in die Wiege gelegt wurden: Die Gegensätze von Wissenschaft und Dichtung, von Wissenschaft und Religion, Denken und Fühlen, Materie und Geist, wertfreier Forschung und wertbehaftetem Leben sollten in seinen philosophischen Überlegungen besondere Berücksichtigung finden.

Aldous Leonard Huxley wurde am 26. Juli 1894 auf dem Landsitz Laleham bei Godalming im südenglischen Surrey geboren. Dort lebte die Familie zunächst von dem eher mäßigen Lehrereinkommen des Vaters. Aldous hatte zwei ältere Brüder, Julian (geb. 1887) und Noel Trevenen, kurz Trev (geb. 1889); die jüngere Schwester Margaret wurde 1899 geboren. Aus einer...

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