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Alexander der Große

Geschichte und Legende

AutorWolfgang Will
VerlagPrimus
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl100 Seiten
ISBN9783896789501
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis10,99 EUR
Von Alexander dem Großen existieren heute viele Bilder: Er ist Endecker, Forscher, Eroberer, Kulturbringer, Städtegründer, Zerstörer, Segen und Geißel der Menschheit. Nach Meinung der einen betrieb er die Aussöhnung des Westens mit dem Osten, öffnete Europa den Zugang zu einer neuen Welt, nach Meinung der anderen vernichtete er planlos alte Kulturen, führte einen Eroberungskrieg ohne sichtbares Ziel. All diese Vorstellungen sind schon in den Quellen angelegt. Die Legende von Alexander dem Großen begann bereits, als er im Frühjahr 334 v. Chr. zu seinem Zug gegen das Perserreich aufbrach. Anhand wichtiger Episoden aus dem Leben Alexanders wie der Fahrt über den Hellespont, der Lösung des Gordischen Knotens, der Indienfahrt, der Begegnung mit den Amazonen oder auch dem Tod des Königs in Babylon geht Wolfgang Will der Entstehung und Geschichte der verschiedenen Legenden nach.

Wolfgang Will, geb. 1948, lehrte am Seminar für Alte Geschichte an Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

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Leseprobe

Die Überlieferung – Ein literarischer Kampf um Alexander


Wer die Geschichte Alexanders verstehen will, muss die Geschichte ihrer Quellen kennen. Sie reicht bis in die Zeit Philipps II., als der Vater Alexanders griechische Historiker, Künstler und Wissenschaftler an seinem Hof in Pella versammelte. Als Alexander zu seinem Ostfeldzug aufbrach, war er sich sicher, Taten zu vollbringen, die bei der Nachwelt nicht in Vergessenheit geraten durften. In seinem Stab befand sich daher auch ein Mann, der sich durch seine Werke bereits als angesehener Historiker ausgewiesen hatte, Kallisthenes aus Olynth, ein Neffe des Philosophen Aristoteles. Kallisthenes war mehr als ein Historiker, er war Berater Alexanders und beeinflusste die Selbstdarstellung des Königs, bevor dieser nach der Eroberung der iranischen Residenzstadt Persepolis ein neues Programm suchte. Bis etwa in das Jahr 330/329 v. Chr. reichte die verlorene Biographie des Kallisthenes, deren Bücher einzeln nach Griechenland gesandt wurden, um dort Alexanders Taten – Praxeis Alexandrou lautete auch der Titel – schon im Augenblick ihrer Entstehung in hellstes Licht zu setzen. Die Wirkung dieser Schrift war unermesslich. Es gab niemanden, der ähnlich vertraut war mit den Absichten und Plänen des Königs, die Praxeis spiegeln – jedenfalls bis zum Bruch zwischen dem Historiker und seinem König – die Vorstellungen des Kallisthenes wie auch die Wünsche Alexanders. Die Zahl der erhaltenen Fragmente ist allerdings zu gering, um wirklich Genaueres über die frühen Absichten Alexanders erfahren zu können. Was aus Kallisthenes’ Werk in andere Alexanderwerke einging, durchlief zu viele Stadien der Überlieferung, um als genuines Zitat identifiziert werden zu können.1

Die verlorenen Historiker

Kallisthenes war die Ausnahme; die große Reihe der Alexandermonographien entstand erst im frühen Hellenismus, nach dem Tod des Königs, in den Jahren zwischen 320 und 280 v. Chr. Die Verfasser waren – vielleicht mit einer Ausnahme – alle Teilnehmer des Zuges. So verschieden wie ihre Funktion und ihre Aufgabe waren auch ihre Erinnerungen. Es galt neben dem König auch die eigene Person genügend herauszustellen. Die Autoren verließen sich auf ihr Gedächtnis, das jedem etwas anderes vorgaukelte, sie befragten andere Teilnehmer des Zuges, namentlich die Söldner, die sich nach dem Ende des Krieges zuhauf in Alexanders eigener Gründung, im ägyptischen Alexandria, sammelten; sie benutzten, sofern sie ihnen zugänglich waren, die Ephemeriden, die Tagebücher der königlichen Kanzlei, dazu die Korrespondenz, die in den Archiven aufbewahrt worden war, die Logbücher, welche in der Flotte des Königs geführt wurden, die Berichte der Bematisten, der Schrittzähler, die Entfernungen und Wegzeiten berechneten und die Beschaffenheit des Geländes erkundeten, schließlich die im Nachlass gefundenen angeblichen Pläne des Königs, die sogenannten Hypomnemata. Manche besaßen dazu auch eigene Aufzeichnungen. Sie alle waren keine „gelernten“ Historiker, aber auch ein Thukydides war dies ja nur im Nebenberuf. So schrieben sie voneinander ab, korrigierten sich gegenseitig, stillschweigend oder laut, um ihre Ansicht als die wahre zu beweisen. Aber ihre Darstellungen überlebten nicht, zerfielen in Bruchstücke, zerstoben in geplünderte Zitate und wurden schließlich von den Geschichtswerken der römischen Zeit aufgesogen.

Eine genaue Reihenfolge der Abfassung lässt sich nicht mehr feststellen. Vielleicht stehen am Anfang Onesikritos und Chares, denen Nearchos und Kleitarch folgten, während Aristobul und Ptolemaios in den ersten beiden Jahrzehnten des 3. Jahrhunderts den Abschluss bildeten. Die Autoren waren ausnahmslos Verehrer des Königs, auch wenn sie ihn in verschiedenen Rollen zeigten: als kühnen Eroberer, der die Grenzen des Bekannten sprengte und das Ende der bewohnten Erde erkundete, als Philosoph auf dem Königsthron und idealen Herrscher, als genialen Militär und Logistiker, als Entdecker einer neuen Welt. Das ist Panegyrik (Lobrede). Bekannt ist aus der Zeit der Anfänge nur eine einzige alexanderfeindliche Schrift. Geschrieben hat sie ein Mann namens Ephippos, wie Kallisthenes aus Olynth stammend. Sie befasste sich jedoch nur mit den letzten beiden Jahren Alexanders und hatte, das zeigt die geringe Zahl erhaltener Fragmente, kaum Nachwirkung. Wie die Alexanderkritik in die Darstellungen aus römischer Zeit einfloss, ist nicht leicht zu sagen. Immerhin bot Kleitarch bei allem Lob einen Ansatz, denn er hatte alles, was Effekte versprach: einerlei ob Massaker, Trinkgelage oder Hofintrigen. Mit seinem farbigen Alexanderbild beherrschte er die Überlieferung. Er selbst hatte wohl gar nicht am Zug teilgenommen und den König erst 324/323 v. Chr. in Babylon getroffen und bezog seine Informationen daher vor allem von den Söldnern, die teils für Alexander, teils auch für den Perserkönig in den Krieg gezogen waren. Kleitarchs Fassung der Ereignisse beeindruckte die Leser am stärksten, sie war die meistverbreitete in hellenistischer Zeit, und in Rom wurde nur noch sie gelesen. Drei der fünf erhaltenen Darstellungen (Iustin, Diodor und Curtius) beruhen direkt oder durch Zwischenquellen vermittelt auf ihr. In Details und Schwerpunktsetzung durchaus unterschiedlich, folgten sie doch einer einzigen (eben auf Kleitarch beruhenden) Tradition und werden daher unter dem modernen Namen Vulgata (die allgemein Verbreitete) zusammengefasst.

Die verlorenen Historiker

KALLISTHENES, Die Taten Alexanders, entstanden von 334–327, FGrHist 124.

ONESIKRITOS, Wie Alexander erzogen wurde, geschrieben zwischen 323 und 315, FGrHist 134.

CHARES, Geschichten um Alexander, geschrieben nach Onesikritos FGrHist 125.

NEARCHOS, Vorbeifahrt an Indien, verfasst vor 310, FGrHist 134.

KLEITARCH, Alexandergeschichte, zwischen 310 und 300, FGrHist 137.

PTOLEMAIOS, Alexandergeschichte, verfasst zwischen 300 und 285, FGrHist 138.

ARISTOBUL, Alexandergeschichte, verfasst nach 300, FGrHist 139.

Vulgata: Die allgemein verbreitete Geschichte Alexanders. Sie geht wohl auf Kleitarch zurück und ist bei Diodor, Curtius, Iustin und teilweise Plutarch noch fassbar.

Die erhaltenen Werke

Nach der ersten Welle der Alexanderbiographien ließ das Interesse an weiteren Darstellungen nach. Sie setzen wieder in der Zeit der späten Republik bzw. des Augustus ein. Es sind die ältesten erhaltenen Geschichtsabrisse über Alexander, allerdings keine Biographien. Alexanders Leben ist in dieser Zeit nur Teil von Universalgeschichten wie der 40-bändigen Bibliothek des Sizilianers Diodor in Caesarianischer Zeit. Nur wenig später schrieb Pompeius Trogus, römischer Historiker aus dem südlichen Gallien, eine lateinische Geschichte des Mittelmeerraumes in 44 Büchern, die er nach Alexanders Vater Philippicae historiae nannte. Zwar ging sie verloren, doch erstellte vermutlich im 3. Jahrhundert n. Chr. ein sonst unbekannter Mann namens Iustin einen umfassenden Auszug (Epitome) aus ihr.

In der frühen und mittleren Kaiserzeit wuchs noch einmal das Interesse am historischen Alexander, um dann endgültig zu versiegen und einer Märchenfigur Platz zu machen, welche das Bild der Spätantike und der Neuzeit beherrschte. Plutarch verglich in seinen Parallelbiographien Alexander mit Caesar. Er schuf bei aller Kritik, die er nicht unterdrückt, einen sozusagen pädagogisch wertvollen Alexander, einen verantwortungsbewussten Herrscher, wie es sich eben für seine, Plutarchs Gegenwart, die Zeit der Adoptivkaiser Trajan und Hadrian, gehörte. Es ist die Person Alexanders, der Mensch und der König, auf die es dem Biographen ankam. Nicht Geschichte wolle er schreiben, bekannte Plutarch im Vorwort, sondern Lebensbilder zeichnen:

Wie nun die Maler die Ähnlichkeiten dem Gesicht und den Zügen um die Augen entnehmen, in denen der Charakter zum Ausdruck kommt, und sich um die übrigen Körperteile sehr wenig kümmern, so muss man es mir gestatten, mich mehr auf die Merkmale des Seelischen einzulassen und nach ihnen das Lebensbild eines jeden zu entwerfen, die großen Dinge und die Kämpfe aber anderen zu überlassen.2

Curtius Rufus verfasste, noch vor Plutarch, die einzige lateinische Monographie. Im ersten Jahrhundert n. Chr. war die...

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