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Alexithymie: Eine Störung der Affektregulation

Konzepte, Klinik und Therapie

VerlagHogrefe AG
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl241 Seiten
ISBN9783456946825
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis32,99 EUR
Wenn Menschen nicht zwischen körperlichen Empfindungen und Gefühlsregungen unterscheiden können, Gefühle häufig nur als diffuse Spannungs- oder Erregungszustände wahrgenommen werden und keine bewusste Verarbeitung von Gefühlen stattfindet, spricht man von Alexithymie. Da auch emotionale Bedürfnisse von Mitmenschen nicht ausreichend erkannt und berücksichtigt werden, kommt es zu Unverständnis und Beziehungskonflikten. Die Alexithymie beschreibt somit individuelle Störungen der Affektwahrnehmung, -verarbeitung und Affektregulation. Die Alexithymie ist häufig - mehr als 10% aller Menschen in der Allgemeinbevölkerung und mehr als 25% aller Patienten in psychotherapeutisch-psychiatrischen Therapien sind betroffen. In diesem Buch stellen Experten die wissenschaftliche Entwicklung des Alexithymiekonstrukts dar, die entwicklungspsychologischen Hintergründe und die pathopsychologischen Prozesse, die zu dem Störungsbild führen. Mit aktuellen Befunden wird dargestellt, wie sehr die Alexithymie in unbewusste Verarbeitungsprozesse des Gehirns eingreift und diese verändert. Einen besonderen Schwerpunkt stellt die Frage dar, wie sehr alexithyme Persönlichkeitsstörungen den Verlauf von Therapien beeinflussen bzw. mit welchen Verfahren die Affektwahrnehmung-, differenzierung und -verarbeitung spezifisch gefördert werden können. Interessenten: Psychologen, Ärzte - vor allem Psychiater und Neurologen, Psychotherapeuten, Studierende der Fächer.

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Kapitelübersicht
  1. Inhalt, Geleitwort, Vorwort
  2. 1 Einführung: Das Alexithymiekonstrukt und seine psychometrische Erfassung
  3. 2 Die historische Entwicklung des Alexithymie-Konzepts – eine Kontroverse
  4. 3 Affekt ohne Gefühl: Entwicklungspsychologische und neurowissenschaftliche Aspekte der Alexithymie
  5. 4 Neurobiologie und Genetik der Alexithymie
  6. 5 Ätiologische Aspekte – Psychophysiologie und Informationsverarbeitung
  7. 6 Alexithymie und die Wahrnehmung emotionaler Reize
  8. 7 Alexithymie und Krankheit – Zusammenhänge mit somatischen, psychosomatischen und psychischen Erkrankungen
  9. 8 Alexithymie und Somatisierung
  10. 9 Alexithymie – soziale Interaktion und Gegenübertragung in der therapeutischen Beziehung
  11. 10 Alexithymie und Psychotherapie – Forschungsstand und Konsequenzen für die Praxis
  12. 11 Falldarstellung: Alexithymie und psychoanalytische Psychotherapie
  13. 12 Falldarstellung: Kognitive Verhaltenstherapie – chronischer Schwindel und Alexithymie
  14. Die Autorinnen und Autoren, Sachregister
Leseprobe
6 Alexithymie und die Wahrnehmung emotionaler Reize (S. 105-106)

Thomas Suslow

Zusammenfassung: Dieses Kapitel bietet eine Zusammenschau der Befunde von auf Verhaltensdaten basierenden experimentalpsychologischen Studien zur Wahrnehmung emotionaler Reize in Abhängigkeit von alexithymen Merkmalen. Hierbei wird auf die Verarbeitung exterozeptiver, also von außerhalb des Körpers kommender, Informationen eingegangen und zwischen automatischen und kontrollierten Prozessen der emotionalen Informationsverarbeitung unterschieden. Automatische Prozesse laufen anders als kontrollierte Prozesse unbewusst ab, erfordern keine Absicht, unterliegen nicht der willentlichen Kontrolle bzw. beanspruchen kaum Aufmerksamkeit. Den bisherigen Daten zufolge scheinen alexithyme Merkmale mit Einschränkungen in der Fähigkeit zum Erkennen und Benennen von emotionalen Gesichtsausdrücken sowie von emotionalen sprachlichen Reizen auf der Ebene der kontrollierten Informationsverarbeitung assoziiert zu sein. Das heißt, dass Zusammenhänge zwischen einer Alexithymie und Beeinträchtigungen in der bewussten, Aufmerksamkeit erfordernden Verarbeitung von emotionaler Mimik und Sprache aufgezeigt wurden. Darüber hinaus liegt ein erster Anhalt für einen Zusammenhang zwischen der Alexithymie und einer verringerten unwillkürlichen Aufmerksamkeit für emotionale sprachliche Reize vor. Hiernach widmen alexithyme Personen emotionalen Wörtern automatisch weniger Aufmerksamkeit als nicht-alexithyme Personen. Die bisherigen Forschungsergebnisse sind überwiegend in Abhängigkeit von einer autodeskriptiven Messung alexithymer Merkmale entstanden. In der großen Mehrzahl der bisherigen experimentalpsychologischen Studien wurde die Alexithymie also über eine Selbstbeschreibung der Untersuchungsteilnehmer (mittels Fragebogen), kaum aber über eine Fremdbeurteilung oder andere objektive Messzugänge erfasst.

6.1 Einführung

Ein Kernmerkmal der Alexithymie sind Schwierigkeiten in der Identifikation und Beschreibung von Gefühlen. Es ist eine bedeutende theoretische Frage, ob Einschränkungen in der Wahrnehmung und im Erkennen von interozeptiven Reizen, wie sie subjektive Gefühlsempfindungen darstellen, mit Beeinträchtigungen in der Wahrnehmung von exterozeptiven Reizen emotionaler Valenz assoziiert sind. Es erscheint als plausibel, dass Probleme im Bewusstwerden von physiologischen Vorgängen aus dem Körperinnern, wie sie im Rahmen von emotionalen Reaktionen auftreten, mit Einschränkungen in der bewussten Wahrnehmung von außerhalb des Körpers kommender emotionaler Reize in einer systematischen Beziehung stehen. Die subjektive Beurteilung physiologischer Vorgänge erfolgt nämlich unter Rückgriff auf kontextuelle, der äußeren Umwelt entstammende Informationen.

Lane und Schwartz (Lane &, Schwartz 1987) gehen in ihrem theoretischen Ansatz davon aus, dass die gleichen kognitiven Prozesse genutzt werden, um interne und externe Quellen emotionaler Informationen zu verarbeiten. Dieser Annahme zufolge sollte die Effizienz der Verarbeitung von internen und externen emotionalen Informationen intraindividuell sehr ähnlich ausgeprägt sein. Nach Graeme Taylor (Taylor 2000) spiegeln die Merkmale des Alexithymie- Konstrukts Defizite in der kognitiven Verarbeitung und der Regulation von Emotionen wider. Experimentalpsychologische Untersuchungen haben das Potenzial, die Mechanismen zu spezifizieren, die den emotionalen Erlebens- und Verhaltensauffälligkeiten unterliegen, indem sie systematisch die verschiedenen Prozesse emotionaler Informationsverarbeitung in Abhängigkeit von alexithymen Merkmalen analysieren. Solche experimentellen Befunde können auch einen wichtigen Beitrag im Rahmen der Konstruktvalidierung leisten (Taylor et al. 1997).

Im vorliegenden Kapitel soll ein Überblick über die auf Verhaltensdaten basierenden experimentalpsychologischen Studien und ihre Befunde gegeben werden: Studien, die mit Methoden der experimentellen Emotionspsychologie den Zusammenhang zwischen Alexithymie und der Wahrnehmung von exterozeptiven emotionalen Reizen untersucht haben. Im Gros der Studien kam die Toronto- Alexithymie-Skala (TAS, Taylor et al. 1985) in ihren Varianten als (autodeskriptives) Messinstrument für Alexithymie zum Einsatz. Nach ein paar kurzen allgemeinen Ausführungen zur Wahrnehmung von emotionalen Reizen wird im Folgenden zunächst auf die Unterscheidung von automatischer und kontrollierter Informationsverarbeitung eingegangen. Danach werden Aufgaben zur Erfassung der automatischen und kontrollierten Verarbeitung emotionaler Reize vorgestellt, die in der experimentalpsychologischen Alexithymieforschung eingesetzt wurden.
Inhaltsverzeichnis
Inhalt8
Geleitwort14
Vorwort16
1 Einführung: Das Alexithymiekonstrukt und seine psychometrische Erfassung20
Beschreibung und Begriffsbestimmung20
Operationalisierung der Alexithymie24
Epidemiologie und Ätiologie der Alexithymie27
Psychometrische Erfassung der Alexithymie29
Fremdbeurteilungsverfahren30
Selbstbeurteilungsverfahren31
Projektive Testverfahren35
Andere Instrumente mit einer Nähe zur Alexithymie36
Fazit36
Literatur37
2 Die historische Entwicklung des Alexithymie-Konzepts – eine Kontroverse42
3 Affekt ohne Gefühl: Entwicklungspsychologische und neurowissenschaftliche Aspekte der Alexithymie48
Einführung49
Die Bedeutung der Basisaffekte52
Die Bedeutung der teilnehmenden Spiegelung für die Entwicklung emotionaler Kompetenzen59
Das Gesicht als zentrales «Interface» emotionalen Lernens63
Fazit66
Literatur66
4 Neurobiologie und Genetik der Alexithymie70
Einführung70
Neuroanatomische Konzepte72
Funktionelle Bildgebungsstudien75
Familiarität und Genetik76
Fazit79
Literatur79
5 Ätiologische Aspekte – Psychophysiologie und Informationsverarbeitung84
Einführung84
Gibt es bei alexithymen Menschen eine vegetative Übererregbarkeit?86
Gibt es bei alexithymen Menschen eine Störung des Informationsflusses zwischen linker und rechter Gehirnhälfte oder der Zusammenarbeit einzelner Teile des Gehirns?89
Einführung in die EEG-Technik und Beispiele für EEG- Untersuchungen zur Alexithymie90
Empfinden und verarbeiten alexithyme Menschen Emotionen stärker, schwächer oder gar nicht?96
Fazit100
Literatur101
6 Alexithymie und die Wahrnehmung emotionaler Reize106
Einführung107
Wahrnehmung und Verarbeitung emotionaler Reize108
Automatische und kontrollierte Informationsverarbeitung109
Experimentalpsychologische Aufgaben zur Erfassung der kontrollierten Verarbeitung von emotionalen Informationen110
Erkennen und Benennen von emotionalem Gesichtsausdruck und110
emotionalen Situationen110
Priming durch emotionale Situationen111
Experimentalpsychologische Aufgaben zur Erfassung der automatischen Verarbeitung von emotionalen Informationen111
Emotionale Stroop-Aufgaben111
Sequentielle affektive Primingaufgaben112
Chimärische Bilder von Gesichtern112
Alexithymie und die kontrollierte Verarbeitung des emotionalen Gesichtsausdrucks113
Alexithymie und die kontrollierte Verarbeitung emotionaler sprachlicher Reize116
Alexithymie und die automatische Verarbeitung des emotionalen Gesichtsausdrucks117
Alexithymie und Befunde in affektiven Priming-Aufgaben117
Alexithymie und die Wahrnehmung chimärischer Bilder von Gesichtern118
Alexithymie und die automatische Verarbeitung emotionaler sprachlicher Reize119
Alexithymie und Performanz in emotionalen Stroop-Aufgaben119
Alexithymie und Performanz in affektiven Priming-Aufgaben121
Fazit121
Literatur123
7 Alexithymie und Krankheit – Zusammenhänge mit somatischen, psychosomatischen und psychischen Erkrankungen128
Einführung128
Assoziation der Alexithymie mit psychischen und somatischen Krankheitsbildern132
Krebserkrankungen132
Essenzielle Hypertonie133
Substanzmissbrauch/Abhängigkeit134
Depressive Störungen135
Angststörungen137
Essstörungen138
Posttraumatische Belastungsstörungen139
Somatisierungsstörungen140
Schmerz141
Fazit142
Literatur143
8 Alexithymie und Somatisierung150
Das Konzept der Somatisierung150
Psychodynamische Aspekte der Somatisierung152
Neuere Theorien zum Zusammenhang zwischen Affektregulation und Somatisierung154
Multiple-Code-Theorie der emotionalen Informationsverarbeitung154
Affektmentalisierung nach Fonagy155
Theorie der Mentalisierung von Lecours und Bouchard157
Emotional-kognitive Theorie der Entwicklung des emotionalen Bewusstseins157
Empirische Befunde zum Zusammenhang zwischen Alexithymie und Somatisierung160
Fazit166
Literatur167
9 Alexithymie – soziale Interaktion und Gegenübertragung in der therapeutischen Beziehung170
Einführung170
Fallbeispiel172
Therapieverlauf177
Diskussion180
Fazit182
Literatur182
10 Alexithymie und Psychotherapie – Forschungsstand und Konsequenzen für die Praxis184
Einführung185
Theoretischer Hintergrund186
Empirische Datenlage187
Psychodynamische Therapieverfahren187
Kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren190
Andere Behandlungsverfahren194
Veränderbarkeit der Alexithymie durch eine Psychotherapie194
Konsequenzen für Forschung und Praxis195
Fazit198
Literatur199
11 Falldarstellung: Alexithymie und psychoanalytische Psychotherapie202
Einführung202
Erstgespräch203
Erstbeurteilung und Behandlungsvorschlag205
Behandlung206
Diskussion209
Literatur212
12 Falldarstellung: Kognitive Verhaltenstherapie – chronischer Schwindel und Alexithymie214
Vor Beginn der Psychotherapie215
Erstgespräch217
Relevantes aus der Lebensgeschichte219
Fünf Einzelsitzungen und Therapieplanung221
Kognitiv-verhaltenstherapeutische Panikbewältigungsgruppe223
Zwölf Einzelsitzungen und zwei Paargespräche über einen Zeitraum von 7 Monaten223
Einjährige Follow-up-Phase227
Diskussion228
Literatur232
Die Autorinnen und Autoren234
Sachregister238

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