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E-Book

Allen Gewalten zum Trotz

Vollständige Ausgabe

AutorErwin Rosen
VerlagJazzybee Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl194 Seiten
ISBN9783849624149
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis0,99 EUR
Lebenskämpfe, Niederlagen, Arbeitssiege eines deutschen Schreibersmannes - so nennt der deutsche Schriftsteller seine Autobiographie im Untertitel. Inhalt: Die Flucht aus dem Lande Gottes Der Ochse vor dem Berge Wär' ich bloß wieder in Amerika! Der Marsch an der Donau Das Glück von Ulm Zeitungsmann in Berlin Zwischenspiel in England Von Kämpfen mit der Arbeit und mit mir selber Zeitungsmann in Hamburg Vom lieben Geld und den Wucherern Von einer Todschande der Franzosen Die Geschichten von Innsbruck Vom Lokomotivführer, den Schwammerln und der Lebenskunst Geschichten in München Meine Erinnerungsbücher Vom Rausch des Erlebens und der Arbeit

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Leseprobe

 


Die erfolglose Jagd nach der Sensationsidee. – Auf der Arbeitssuche. – Sprachlehrer. – Stadtreisender in Fachwerken. – Der unmögliche Empfangsherr. – Yes-Oui-Si. – Die Sehnsucht nach dem Zaubertuch. – Auch die Wiener Zeitungen brauchen mich nicht. – Das glückhafte Betrunkensein.

 

Ich stand da und starrte der deutschen Zeitung nach, wie der Lohgerber, dem die Felle davongeschwommen sind. Nein; nicht wie der Lohgerber. Denn der Lohgerber, der Pechvogel, soll nur ein mittelmäßig dummes und milde betrübtes Gesicht gemacht haben; ich aber schimpfte mörderisch.

 

Doch mußte es nicht irgend einen Weg geben, auf dem man dieser dummen Zeitung Vernunft beibringen konnte? Dazu gehörte die Idee. Ich wollte Ideen fabrizieren. Nächtelang hockte ich da, die Ellbogen auf dem Tisch, die Fäuste am brennenden Schädel, und stierte in eine Ecke. Dann sauste mir in wüstem Durcheinander im Kopf herum, was ich so alles wußte, aus Erleben, Hören, Lesen, von amerikanischen Reporterkunststückchen. Die waren alle sehr einfach. Man machte eine Sensation. Man mußte einen Raubmord aufklären, der für die Polizei noch in geheimnisvolles Dunkel gehüllt war, und womöglich den Raubmörder selber fangen. Man konnte ungeheure Unterschlagungen im städtischen Haushalt aufdecken. Ausgezeichnet würde es auch sein, einen Plan zur Vereinfachung der Müllabfuhr auszuarbeiten. Immer gezogen hatte fernerhin die entrüstete Schilderung der Stätten des Lasters. Ausgezeichnet waren hochstehende Diebinnen, die Warenhäuser bestahlen ... Aber es gab ja gerade keinen Raubmord, und der brave erste Bürgermeister von München war bestimmt kein Schuft, und zur Müllabfuhr gehörten Spezialkenntnisse. Aber die Warenhausdiebinnen?

 

Voll froher Hoffnung begab ich mich zu Tietz. Es war nicht ganz einfach, durch eine Sperre von Verwunderten Angestellten zu einem halbwegs maßgebenden Tietzmann durchzudringen. Ich ärgerte mich. Mein Gott, in Amerika hätten die Leute die Reklame doch sofort kapiert. Der maßgebende Tietzmann kapierte auch nicht. Er machte ein überaus verwundertes Gesicht. Er erklärte, die Diebstahlsfälle seien verhältnismäßig selten, denn es würde gut aufgepaßt. Sensationelle Vorkommnisse? – Kleptomanie? – Damen aus erster Gesellschaft mit gestohlenen Spitzen im Muff? Aber nein! Nein, nein! Schließlich fing der phantasielose Mensch auch noch zu lachen an – und brachte es wahrhaftig fertig, aus mir herauszupumpen, was ich in Amerika alles erlebt und getrieben hatte; aus mir, der ich gekommen war, aus ihm etwas herauszupumpen.

 

Man mußte die Sache anders anfangen.

 

Das Beste war, das uralte Rezept zu benützen: mit peinlicher Genauigkeit die Zeitungen zu lesen und festzustellen, was eigentlich das "Ereignis des Tages" bedeutete. Dieses Ereignis mußte man packen. Neue Tatsachen mußten herbeigeschafft, grelle Lichter beleuchtend aufgesetzt, die "große Sache" aus der Kleinigkeit herausgearbeitet werden. Ich las die Münchener Zeitungen jeden Tag dreimal hintereinander durch, vom Leitartikel bis zur letzten Anzeige. Es war kein Ereignis da! Es passierte überhaupt nichts! Wenn ich mich vor dem Todesurteil hätte retten können durch das Finden einer wirklichen Tagessensation in diesen Zeitungen – dann wäre ich dem Scharfrichter ausgeliefert gewesen – –

 

Und Tag um Tag und Nacht um Nacht suchte ich nach der Idee...

 

Mir ist, als könnte ich es noch heute hören mit meinen Ohren, mit welchen mißtönenden, knarrenden, ächzenden Geräuschen meine arme Menschenmaschine damals in gestörtem Gang lief! Es war etwas in Unordnung. Ich erinnere mich genau daran, daß ich in diesen Nächten des Stierens in eine Ecke einmal den verrückten Gedanken hatte, in einer wirklich großen Zeitungssache den Einfluß des Münchener Biers auf die Entwicklung der Vereinigten Staaten endgültig festzustellen. Es ist jammerschade, daß das menschliche Gehirn im Laufe der Zeiten doch so allerlei vergißt; ich würde etwas darum geben, wenn ich diese wahnsinnige Ideenjagd so Gedanke um Gedanke und Qual um Qual in meinem Schädel wiederauferstehen lassen könnte. Ich weiß nur noch, daß ich wirklich verzweifelt war und daß ich kämpfte mit aller Kraft wie einer, dem das Wasser schon in den Mund hinein läuft.

 

Ich gab's auf. So sehr ich mir auch das Gehirn zermarterte, so sah ich doch keinen Weg. Denn es gibt Zeiten, da dem Menschen, und das gilt gewiß nicht nur für den ganz jungen Menschen, die Welt mit Brettern vernagelt ist. Es handelt sich dann immer um irgend eine, fast stets leicht zu erklärende, Störung der menschlichen Maschine. So nach und nach wurde ich ganz verbiestert. Die Zeitung war weg. Die Luftschlösser stürzten zusammen –

 

Ich verbummelte.

 

Ich hatte keine rechte Freude an irgend etwas. Ich schwindelte den guten Menschen um mich vor, daß ich trotz allem ein Mordskerl sei und nur die Ungunst der Verhältnisse mich hindere.

 

Vor mir selber wurde ich kleiner und kleiner.

 

So kam es mir vor:

 

Du bist ein Bluff in diesem Land. Du bist nichts – du kannst nichts – du hast nichts!

 

Ich wurde ganz klein.

 

Aber das durfte um Gotteswillen niemand merken. Niemand durfte wissen, daß ich – nur sieben Zentimeter lang und drei Zentimeter breit war.

 

###

 

Elend war mir zumute.

 

Ich sah keinen Ausweg. Es gab überhaupt keinen Weg für mich in Deutschland. Mochte der Kuckuck alles holen; den verdammten streng geregelten Werdegang, die verfluchte Ordnung, den scheußlichen vorgeschriebenen Ochsentrott. Nichts für mich! Verdorben war ich dafür. Ach wär' ich nur wieder in Amerika! Da ginge die Sache wie geschmiert – da weiß ich Bescheid – da pfeife ich darauf, wenn in irgend einer Stadt die Zeitungen nichts von mir wissen wollen. Dann wandere ich einfach irgendwo anders hin und ernähre mich auf dem Wege durch Steineklopfen oder sonst etwas Schönes. Das kann man hier ja nicht; das geht nicht; in diesem ordentlichen Lande hat man hübsch deutlich abgestempelt zu sein und muß sich vorsichtig in den Grenzen halten, die die Umrisse des Stempels vorschreiben.

 

Praktisch hatte ich nichts auszustehen; die Suppe stand immer auf dem Tisch, das liebe Wort wurde immer gesprochen, das Taschengeld floß immer reichlich, als das amerikanische Geld weg war.

 

Aber das war auf die Dauer nicht zum Aushalten. Kein äußerer Zwang trieb mich; aber ich mußte irgend etwas tun, und wenn das Tun mir auch noch so widerwärtig vorkam.

 

###

 

Englische Stunden gab ich, das Geheimnis streng hütend. Ich ging zu den Schülern hin. die ich durch eine Anzeige in der Zeitung bekam und murkste herum ohne besondere Freude. Der erste war ein Handlungsbeflissener, der sich amerikanisch aufpolieren wollte, weil er von seiner Firma die amerikanische Vertretung zu bekommen hoffte. Der Mensch war widerwärtig. Wenn ich in die Begeisterung hineinkam und ihm erzählte von dem rohen Kampf da drüben, dann wurde ihm beinahe schlecht, und er fragte bänglich, ob mein Amerikanisch auch das richtige sei, denn er gedenke in ganz anderen Kreisen zu verkehren. Auch hatte ich als Schüler einige Jungens. Nette Burschen. Denen erzählte ich auch die Räubergeschichten aus Amerika, weil ich gar nicht anders konnte, und natürlich erzählten sie das Zeug den Eltern wieder, worauf die Eltern die Hände über dem Kopf zusammenschlugen und mich zu einem Gespräch unter vier Augen baten, das mit dem Aufhören meiner Lehrtätigkeit endete. Dazwischen schrieb ich Briefe voll des entsetzlichsten Kaufmannsdeutsch, das ich so irgendwie aus irgend welchen Vorlagen erlernte. In den Briefen schilderte ich meine hervorragende Eignung als Stenograph und Maschinenschreiber und bat in vorzüglicher Ergebenheit um persönliche Vorstellung. Die persönliche Vorstellung kam auch. In mir steckte noch der amerikanische Glaubenssatz, daß man mit warmem Herzen zu dem sprechen muß und voller Aufrichtigkeit, von dem man etwas haben will. Ach, ich sprach so warm und so aufrichtig, und die beabsichtigten Prinzipale machten große Augen. Unbegreiflicherweise schienen sie mein Erleben in Amerika nicht als so glänzende Empfehlung zu empfinden, wie ich mir das vorgestellt hatte. Sie schnappten prompt ab, wenn die Rede auf die Zeugnisse kam. Ich hatte gut erklären, daß es im Lande Amerika Zeugnisse eigentlich nicht gab. Ich hatte gut sagen, sie sollten es nur probieren und sie würden sich wundern über meine Fabelhaftigkeit; die Proposition schien ihnen offenbar nicht lockend genug. Aber irgend etwas mußte sich doch finden! Ich verblödete. Ich hatte einfach das Gefühl, daß ich mich aufhängen mußte, wenn es mir nicht gelang, etwas Nützliches anzufangen.

 

###

 

Ich wurde wandernder Kunstbuchhändler.

 

Ich betrieb das Geschäft klammheimlich. Es stand immer eine Anzeige in der Zeitung von Herren mit gewandtem Auftreten, vornehmer Beschäftigungsart, festem Gehalt und höchster Provision. Ich ging hin. Da erfuhr ich, daß es sich darum handelte, allerlei Fachwerke an Münchener Künstler zu vertreiben; Reproduktionen der großen Gemälde der Weltgalerien, und derartiges. Es wurde mir auseinandergesetzt, daß ich doch ohne Zweifel die Begabung in mir trüge, den Münchener Künstler davon zu überzeugen, er sei ohne dieses Studienmaterial...

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