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Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine

Wege in eine neue Zeitkultur

AutorKarlheinz A. Geißler
Verlagoekom verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl272 Seiten
ISBN9783865816184
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
'Immer alles und am besten sofort' lautet das Credo unserer Zeit. Wie sind wir in den Strudel der Zeitverdichtung geraten? Wie sind fru?here Generationen mit dem Tempo der Welt umgegangen? Welche Wege fu?hren aus der Dringlichkeitsfalle? Karlheinz A. Geißler liefert Antworten auf diese und weitere Fragen unseres Umgangs mit Zeit. Ein Buch zum Schmo?kern und Innehalten, prall gefu?llt mit wertvollen Denkansto?ßen fu?r ein Leben jenseits von Alltagshektik und Beschleunigung.

Karlheinz A. Geißler ist einer der bekanntesten Zeitforscher der Gegenwart. Er studierte Philosophie, Ökonomie und Pädagogik und war von 1975 bis 2006 Professor für Wirtschafts- und Sozialpädagogik an der Universität der Bundeswehr in München. Er hat zahlreiche Bücher zum Thema Zeit publiziert und ist ein gefragter Interviewpartner.

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Leseprobe

Zeit der Natur – Natur der Zeit


Im Frühtau zu Berge …


Sie existierte einmal, die Zeit, als die Zeit noch Zeit hatte. Es war die Zeit, als die Menschen ohne Uhr lebten und die Zeit noch keine Mangelware war. Zeitdruck war annähernd unbekannt, Klagen über Zeitkonflikte und Zeitnöte ebenso, und keinem Menschen kam es in den Sinn, einen Gesprächspartner mir nichts, dir nichts auf der Straße mit der Ausrede stehen zu lassen: »Tut mir leid, keine Zeit!« Das Leben zu dieser Zeit hat wenig mit der Welt- und der Zeitanschauung und genauso wenig mit der Art des Umgangs mit Zeit zu tun, wie wir sie heute für selbstverständlich halten. Auch gibt es aus damaliger Zeit keine Berichte über ähnliche Sehnsüchte wie sie heute kultiviert werden, um sich der Hast des Alltags für einige Zeit zu entziehen.
Dieser Zeit vor dem Zeitdruck und vor der Erfindung und der Verbreitung des Zeitmanagements geben wir den Namen »Vormoderne«.
Das war zugleich jene Epoche, in der man sich die Erde als Scheibe und als Mittelpunkt des Universums vorstellte. Zu dieser Zeit starben die weitaus meisten Menschen an dem Ort, an dem sie auch geboren waren. Es war die Zeit, als man beim ersten Sonnenstrahl das Bett verließ und sich mit dem letzten wieder in die Federn kuschelte. Die Menschen waren sesshaft, blieben am Ort und machten ihr Testament, wenn sie sich, was nur sehr selten vorkam, auf Reisen begaben. Selbst Goethe, ein Bewohner der zu seiner Zeit längst modern gewordenen Welt, setzte sich vor seiner als Reise getarnten Flucht nach Italien noch hin und regelte seinen letzten Willen. »Die Welt«, so eine lange Zeit gebräuchliche Redensart aus der heute längst nicht mehr randständigen Oberpfalz, »ist groß, und hinter Straubing soll’s noch weitergehen.« Heute weiß man, dass diese vormoderne Vermutung nicht ganz unberechtigt war. Das Risiko, sich zu weit von zu Hause zu entfernen, um – unversehens am Ende der Welt angekommen – in die Tiefe zu stürzen, wollte man auch aus Gründen der Gottesfürchtigkeit nicht austesten. Darauf zielt auch der Hinweis Dantes in seiner Göttlichen Komödie, dass die Säulen des Herakles die Meerenge von Gibraltar in erster Linie deshalb bewachen, »damit nicht weiter sich der Mensch begebe«.
Kennzeichen der hier »Vormoderne« genannten Epoche ist die enge Verbindung des gesamten Lebens – insbesondere auch der Arbeit – mit den periodischen Abläufen des Kosmos und der Natur. Man war in der Vormoderne in der Zeit zu Hause. Was wir heute »Zeitbewusstsein« nennen, folgte den zyklischen Wiederholungen der Natur, speziell der Jahreszeiten, und den Erscheinungen und regelmäßigen Abläufen am Himmelszelt. Das galt in erster Linie für die bäuerliche Arbeit, von der die überragende Mehrheit der Bevölkerung damals lebte. Zeit und Raum wurden stets qualitativ und nur ganz selten quantitativ betrachtet. Das Werden und Vergehen offenbarte sich als Rhythmus, in dem jede Phase ihren eigenen handlungsorientierenden Bedeutungscharakter hatte – einer Note in einer Melodie vergleichbar. Zuvörderst waren es die Rhythmen der Natur und die in Traditionen und Bräuchen verankerten sozialen Ereignisse, Feste und Feiern, an denen die vormodernen Menschen und die sozialen Gemeinschaften ihr Tun und Lassen ausrichteten und die ihnen als Maß für die Festlegung von Zeiträumen und Perioden dienten. In ihnen sehen Zeitforscher heute die einflussreichsten »Zeitgeber« des vormodernen Lebens. Das Zeitbewusstsein stand dabei in engem Zusammenhang mit sicht- und ablesbaren Himmelserscheinungen, in südlichen Ländern mit dem Wechsel von Regen- und Trockenzeiten, dem Umlauf der Erde um die Sonne und den Phasen und Rhythmen des tierischen und pflanzlichen Wachstums. Anhaltspunkte für die Ordnung des Vergänglichen suchte man an dem sichtbaren Verlauf der Gestirne, an der Wanderung des Schattens, den Veränderungen des Wetters, den Rhythmen der Gezeiten, dem Wachstum der Pflanzen und der Abfolge der menschlichen Lebensphasen. Die Menschen lebten in der Natur und mit der Natur und ließen sich vom Echo der Naturereignisse in ihrem Tun und Lassen lenken. Sie gingen mit den Hühnern schlafen und ließen sich vom frühmorgendlichen Hahnenschrei wieder aus dem Bett vertreiben. Rhythmen und Zyklen, vielerorts auch durch Glockensignale hörbar gemacht, organisierten nicht nur den Alltag, sondern auch die Zeitwahrnehmung der Menschen sowie die Einschätzung, die Beschreibungen und die Erklärungen zeitlicher Abläufe. Selbst größere Siedlungsgemeinschaften kamen, was heutzutage schwer vorstellbar ist, in der Vormoderne ohne abstrahierende Zeitmessung und ohne Stundeneinteilung aus.
Der vormoderne Mensch redete nicht über »Zeit«. Warum auch sollte er das tun? Er redete übers Wetter und dessen Wandel. Zeit war das Wetter, wie sich das ja bis heute in den romanischen Sprachen in dem Sachverhalt widerspiegelt, dass dort »Zeit« und »Wetter« ein und derselbe Begriff sind. Auch heute reden die Menschen in Lebenslagen, in denen sie sich vom Zeitdruck entlastet fühlen, keine Eile und auch keine dringenden Termine haben, mit Vorliebe vom Wetter.
Auch die Amundawa, ein im brasilianischen Regenwald lebendes indigenes Volk, das 1986 erstmalig Kontakt mit der Außenwelt hatte, besitzen kein eigenes Wort für »Zeit«. Wie ja auch die Europäer in vormodernen Zeiten denken und reden sie über Ereignisse und Abfolgen von Ereignissen, wie denen des Wetters, nicht jedoch über »Zeit«. Eine Vorstellung von »Zeit«, die losgelöst von Ereignissen vergeht, eine solche Idee existiert bei den Amundawa nicht. Sie zählen ihr Alter nicht nach Lebensjahren, können das auch gar nicht, und wechseln stattdessen je nach familiärem und sozialem Status ihre Namen mehrmals im Leben. Die Grenzen der Sprache sind auch die Grenzen ihrer Welt, wie das generell für die Menschen gilt, den vormodernen europäischen Bauern ebenso wie für den postmodernen Computerfreak unserer Tage.
Wie der Indianer im brasilianischen Urwald noch heute, so schwamm man im mittelalterlichen Europa mit und in der Zeit. Jedoch nicht, wie wir das in unseren Tagen tun, in einem rasch fließenden, begradigten Fluss, sondern gleichsam in einem ruhigen, wenig bewegten, stillen See. Man blickte weder vom Ufer, aus der Distanz auf die Welt, noch schaute man, wie das heute so gerne getan wird, den Menschen bei ihrem ernsten Spiel mit der Zeit vom Hochsitz des Überblicks zu. Der vormoderne Mensch war stets Teil der Welt und Teil der Zeit, und er fühlte und verhielt sich auch entsprechend. Weltanschauung, Zeitanschauung, das war zuallererst Naturanschauung. Kein Wunder, denn die weitaus meisten damals lebenden Menschen waren in der Landwirtschaft oder in kleinen Werkstätten als Handwerker tätig. Eingerahmt wurde ihr Arbeitsalltag durch die Zeitsignale der Morgen- und der Abenddämmerung. Auch das Arbeitspensum und das Arbeitstempo waren eng mit Naturabläufen verbunden. Die Menschen waren, ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben, eins mit der Natur. Sie konnten gar nicht anders und durften, wenn ihnen später nicht die Hölle drohen sollte, auch nicht anders.

Organische Zeit


Die Natur war zwar nicht immer und überall aufseiten der Menschen, doch im Gegensatz zu heute stets sehr nahe bei ihnen. Den Lebensmitteln, die man zum Leben und Überleben nötig hatte, konnte man vom Kirchturm aus beim Wachsen und Reifen zusehen. Durch Geburt und Stand waren das Leben und dessen Ausgestaltung fest in eine als unveränderlich geltende Sozialstruktur eingebettet. Ein über den Erhalt der Existenz hinausgehendes Erwerbsstreben galt als unlauter und wurde nicht, wie das heute der Fall ist, belohnt und gefördert. Die Regeln des Lebens und die Regeln des Arbeitens waren identisch, sie unterschieden sich nicht. Bis zur Erfindung der Teilung des Tages in eine Zeit der Arbeit und eine der Freizeit vergingen noch etliche Jahrhunderte.
Die zeitliche Struktur des Alltags ergab sich aus dem, was zu tun war. Und zu tun war nicht nur das, was Arbeit verlangte, sondern auch das, was ein ehrbares und gottesfürchtiges Leben, was die Gemeinschaft und die Traditionen verlangten. Zeit war eine göttliche Schöpfung, dem Menschen nach der Vertreibung aus dem zeitlosen Paradies zur Bewährung gegeben. Die zeitliche Abfolge des handwerklichen und des bäuerlichen Lebensvollzugs war auf die dauerhafte Stabilität der natürlichen und der sozialen Existenzgrundlagen hin ausgerichtet. Man arbeitete, um zu leben und zu überleben. Wir sprechen, wenn wir eine solche Ökonomie beschreiben, heute von einer Subsistenzwirtschaft. Darin hatte jedes Geschehen, alles seine eigene Zeit. Niemand kam auf die Idee, die Zeitgenossen aufzufordern, bei der Arbeit »mehr Gas« zu geben. Pflichtvergessen handelten all die, die kein »Genug« kannten, die mehr arbeiteten als notwendig und traditionell üblich war. Thomas von Aquin warnte in diesem Zusammenhang von »unnatürlicher Begierlichkeit«. Das heute verbreitete und von der Werbeindustrie geförderte Verlangen, mehr und immer mehr haben und erreichen zu wollen, war in vormodernen Zeiten wenig ausgeprägt. Es hätte sich »wider die natürliche Ordnung und wider Gott« gerichtet.
Man blieb, was man war. Von Geburt an war man Handwerker oder Bauer, und blieb das bis zum Tod. Man hatte nicht nur den jeweiligen Beruf (der immer auch einen Stand repräsentierte), man übte ihn nicht nur aus, man fühlte sich ihm auch verpflichtet und berufen – und das ein Leben lang. Das, was sich veränderte, veränderte sich nicht durch Entscheidungen mutiger Personen, sondern durch die umgebende natürliche Umwelt und/oder die soziale Mitwelt, in die man sich wie selbstverständlich eingebettet sah. Die Arbeitszeit variierte mit den Jahreszeiten, also mit der Länge des lichten Tages. Es war das...
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