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E-Book

Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über das Mittelalter

AutorKarin Schneider-Ferber
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl240 Seiten
ISBN9783806223637
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Dem Mittelalter auf der Spur War das Mittelalter wirklich finster? Ritter immer ritterlich? Waren Burgen uneinnehmbar und die Menschen damals einfältig-dumm? Um kaum eine historische Epoche ranken sich derart viele und widersprüchliche Mythen wie um das Mittelalter. Es gilt als Inbegriff einer finsteren Zeit voll abergläubischer Intoleranz und grausamer Gewalt: Verschwenderische Fürsten unterdrückten rücksichtslos das darbende Volk, an jeder Ecke standen Galgen, brannten Scheiterhaufen und schon ein fauler Zahn konnte den Tod bedeuten. Gleichzeitig wird das Reich der Ritter oft auch als ein harmonisches Zeitalter verklärt, in dem wohlgeordnete soziale Verhältnisse herrschten und der Mensch im Einklang mit Gott und der Natur ein sinnerfülltes, einfaches Leben führte. Doch wo liegt die historische Wahrheit? Dieses Buch greift die häufigsten Irrtümer über das Mittelalter auf und zeigt unterhaltsam und kurzweilig anhand aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass damals vieles ganz anders war, als man es sich heute gemeinhin vorstellt.

Karin Schneider-Ferber hat Mittelalterliche Geschichte, Bayerische Landesgeschichte und Kunstgeschichte an der Universität Augsburg studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin und Sachbuchautorin.

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Leseprobe

IRRTUM 1:

Das Mittelalter war finster, und die Menschen waren dumm und ungebildet


Auf dem Kapitol zu Rom wurde wieder einmal Geschichte geschrieben: Unter dem lauten Beifall des Volkes, unter Trompetenklang und Jubelgeschrei brach sich an Ostern 1341 in einer feierlichen Zeremonie zum ersten Mal die Vorstellung von einem Mittelalter Bahn. An jenem denkwürdigen 8. April stieg der gefeierte italienische Dichter und Geschichtsschreiber Francesco Petrarca selbstbewusst und nicht ohne Eitelkeit die Stufen zum Senatspalast empor, um in einem Festakt nach dem Vorbild der antiken Dichterkrönungen für seine Verdienste um die Poesie als Auszeichnung die Lorbeerkrone zu erhalten. An dem Ort, an dem 1200 Jahre zuvor letztmals ein römischer Dichter mit dem Lorbeer gekrönt worden war, empfing der Wegbereiter der Renaissance aus den Händen des römischen Senators Orso dell´ Anguillara den symbolträchtigen Kranz und hauchte damit einer antiken Tradition wieder Leben ein. Der frisch mit dem „Delphischen Gewinde“ Bekrönte vergaß deshalb auch nicht, in seiner Festrede den „heiligen Namen Vergils“ zu beschwören, sah er sich doch selbst in der Nachfolge seines viel bewunderten römischen Vorbilds.

Die Krönung zum „poeta laureatus“ war für Petrarca mehr als nur Folklore, er verband mit ihr ein kulturelles Programm, das den Menschen in unmittelbarem Rückgriff auf die Antike zu höheren sittlichen Weihen führen wollte. Die Erneuerung der römischen Kultur in Sprache, Kunst und Moralphilosophie sollte das Individuum zu einem verantwortungsbewussten, umfassend gebildeten und politisch handelnden Wesen machen und dadurch auf eine höhere Stufe des Daseins hieven. Damit war jedoch gleichzeitig eine Abwertung verbunden, nämlich eine Geringschätzung genau jener Zeit, die Petrarca unmittelbar vor Augen lag und die sich nicht ganz so stark an der Antike orientiert hatte wie von den Jüngern des Cicero gewünscht, nämlich des Mittelalters. Hoch auf seinem Dichterdenkmal entrückt, empfand Petrarca für die jüngste Vergangenheit nur Verachtung. Er sah sie als eine störende Unterbrechung zwischen der ruhmreichen Antike und der sie wiederentdeckenden Renaissance, eine Zwischenzeit also, in der grobe und ungebildete Barbaren herrschten, die mit ihrem windigen Küchenlatein alle Liebhaber der lateinischen Sprache verschreckten und mit ihrem himmelsstrebenden Baustil der Gotik alle Regeln der idealen Proportion sprengten. Petrarca nahm als erster das hässliche Wort vom „finsteren Mittelalter“ in den Mund, und seitdem hat die Epoche ihr negatives Image weg.

Bis heute hat sich in den Köpfen die Vorstellung vom „dunklen“ Mittelalter gehalten, einer Epoche, in der religiöser Wahn, rückständiges Denken und menschenverachtende Grausamkeit herrschten. Gerne bemüht man den Begriff „mittelalterlich“, um Zustände zu kennzeichnen, die unseren modernen Ansprüchen zuwiderlaufen. Machen wir irgendwo Anzeichen von Folter, Anarchie und Willkür aus, sprechen wir von einem Rückfall ins Mittelalter, erscheint uns eine Sache als altmodisch oder überholt, diffamieren wir sie als mittelalterlich. Die Epochenbezeichnung mutierte dadurch zu einem negativ besetzten Schlagwort, geeignet, alles Abscheuliche oder Dunkel-Geheimnisvolle zu disqualifizieren. Dabei ist das Mittelalter streng genommen nichts anderes als die Kopfgeburt einiger humanistisch gebildeter Intellektueller. Gemessen an den Maßstäben der Antike erschienen ihnen die aus den Wirren der Völkerwanderungszeit hervorgegangenen mittelalterlichen Reiche als grob und ungehobelt. Welten schienen zwischen den formvollendeten Marmorfiguren der Griechen und Römer und den ersten, ungelenken Buchmalereien der irischen Mönche zu liegen, Meilen trennten die imposanten Reste römischer Architektur von den simplen Fachwerkbauten der mittelalterlichen Städte, ein tiefer Graben klaffte zwischen dem belesenen und sprachgewandten Gelehrten der Renaissance und dem in seinem geschlossenen Weltbild verharrenden Scholastiker. Und wer einmal die kühnen Visionen eines Leonardo da Vinci auf dem Papier gesehen hatte, dem galt selbst die ausgeklügelte Technik einer Wassermühle als einfalls- und bedeutungslos. Der Eindruck vom finster-barbarischen Zeitalter verfestigte sich, als die gerade erst entstehende Zunft der Historiker dazu überging, die Periodisierung der Geschichte in drei große Zeitabschnitte vorzunehmen und dabei das Mittelalter als Epochenbegriff einführte. Zwischen Altertum und Neuzeit schob man das nicht ganz ernst genommene „Mittel“-Alter als eine Ära des Übergangs, sozusagen als ein zu vernachlässigendes Vorspiel zur fortschrittsfreudigen Moderne. Diese Gliederung setzte der Philologe, Historiker und Geograf Christoph Cellarius (geb. 1638) aus Zeitz im 17. Jahrhundert durch. Der erste Professor der Geschichte an der Universität Halle führte die Dreiteilung für die Universalgeschichte ein und sah in den Jahren um 1500 die große Wende hin zur Neuzeit, ausgelöst durch den Ausbruch der Reformation und die Erfindung des Buchdrucks. Durch die Verknüpfung von Vorgängen aus der Politik-, der Bildungs- und der Kirchengeschichte schuf Cellarius eine ebenso griffige wie folgenreiche Periodengrenze: Das Mittelalter als historische Epoche nahm seinen Lauf. Seit dem 18. Jahrhundert trugen selbst die gelehrtesten Leute die Mär vom „finsteren Mittelalter“ fort, auch der belesene Geheimrat von Goethe erschauerte im Anblick des „eingeschränkten, düstern Pfaffenschauplatz des medii aevi“.

Der nachhaltig schlechte Ruf der Epoche verstellte lange den Blick auf die wirkliche Bedeutung des Jahrtausends zwischen 500 und 1500. Erst die Ergebnisse der Mittelalterforschung der jüngsten Vergangenheit, ergänzt um die Erkenntnisse der noch in den Kinderschuhen steckenden Mittelalter-Archäologie, zeigten ein anderes Bild dieses ebenso faszinierenden wie für die europäische Geschichte prägenden Millenniums. Keinesfalls waren die Menschen damals dumm, faul und brutal. Ganz im Gegenteil: Entfernt man die dicke Staubschicht der archivalischen Quellen, treten die Menschen des Mittelalters als äußerst neugierige, kreative, bildungshungrige und risikobereite Zeitgenossen hervor. Was sie aus der antiken Tradition vorfanden, übernahmen sie gerne, doch blickten sie über ihr Schulbuchwissen rasch hinaus und betraten bereitwillig geistiges Neuland. Zu den hartnäckigsten Mythen über das Mittelalter gehört die Annahme, man hätte in dieser Zeit geglaubt, die Erde sei eine Scheibe. Seit den wegweisenden Studien des Romanisten Reinhard Krüger ist eindeutig bewiesen, dass kein ernst zu nehmender Gelehrter aus Spätantike und Mittelalter die Kugelgestalt der Erde je bestritten hat. Schon die alten Griechen gingen von einer kugelförmigen Gestalt der Erde aus, und dieses Wissen rettete sich trotz des politischen Zusammenbruchs des Römischen Weltreiches über die Spätantike hinaus. Der Kirchenvater Augustinus (geb. 354) wäre empört gewesen, hätte man ihm die Theorie von der Scheibenform der Erde unterbreitet. Er vertrat ganz selbstverständlich die Ansicht, dass die Erde wie ein dicker großer Ball im Mittelpunkt des Weltalls schwebe. Über die Schriften des heilig gesprochenen Kirchenvaters wie über die lateinischen Übersetzungen der griechischen Philosophen gelangte diese Erkenntnis auf direktem Weg ins Mittelalter. Nacheinander wurden die Schriften des Denkers Platon, des Geografen Ptolemäus und des Allround-Genies Aristoteles ins Lateinische übersetzt. Und so konnten mit großer Selbstsicherheit die Gelehrten des Mittelalters – vom Enzyklopädisten Isidor von Sevilla über den Angelsachsen Beda Venerabilis bis hin zum größten Kirchenlehrer aller Zeiten, Thomas von Aquin – die Kugelgestalt der Erde verkünden. Diese Ansicht setzte sich auch im breiten Volk früh durch, seitdem schon der angelsächsische König Alfred der Große um 850 seine Gefolgsleute darüber aufgeklärt hatte, die Erde sei so kugelrund wie ein Schildbuckel. Und auch in Spanien, dem Wirkungsort des heiligen Bischofs Isidor, pfiffen es die Spatzen von den Dächern – die Erde ist rund wie ein Ball! An allen europäischen Universitäten wurde im Astronomieunterricht die Kugelgestalt der Erde gelehrt. Der Astronom und Mathematiker Johannes de Sacrobosco, seit 1220 Professor an der berühmten Universität von Paris, schuf mit seinem Werk „Sphaera mundi“ den dafür geeigneten Grundlagentext. Die im Spätmittelalter enorm verbreitete und als Pflichtlektüre in der Artistenfakultät gelesene Schrift ging von einer im Mittelpunkt des Firmaments stehenden Erdkugel aus, um die sich die Himmelskugel drehe. Erst mit Kopernikus, der vom geozentrischen Weltbild abrückte und die Sonne in den Mittelpunkt des Universums rückte, setzte die Diffamierung der Altvorderen ein. Denn Kopernikus (geb. 1473) berief sich, um seine Kritiker als besonders unglaubwürdig erscheinen zu lassen, ausgerechnet auf jenen spätantiken Kirchenvater, der die Erde als Scheibe bezeichnet hatte. Doch Lactantius, so sein Name, hatte so gut wie keine Anhänger, und seine Meinung war nie zur offiziellen Lehrmeinung geworden. Neben ihm gab es nicht einmal eine Handvoll Gewährsleute, die die Kugelform der Erde bestritten. Doch der kleine Trick des Kopernikus, der im Vorwort zu seinem Hauptwerk „Von der Umdrehung der Weltkörper“ 1543 den vergessenen Lactantius als Ausweis der Borniertheit zitierte, zeigte Wirkung: Im Zeitalter des Buchdrucks fand die Schmähung des mittelalterlichen Wissensstandes weite Verbreitung und wurde bis in die heutige Zeit tradiert. Als humoristischen Leckerbissen präsentierte der amerikanische Schriftsteller Washington Irving 1828 die Legende von jenen kleingeistigen spanischen Wissenschaftlern, die die Entdeckungsfahrten des Kolumbus angeblich mit dem...

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