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Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über die alten Römer

AutorCornelius Hartz
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl190 Seiten
ISBN9783806233377
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
»Sieben - fünf - drei, Rom kroch aus dem Ei.« Den Spruch kennt man. Aber wurde Rom tatsächlich 753 v. Chr. auf den berühmten sieben Hügeln gegründet? Und sprachen eigentlich tatsächlich alle Römer klassisches Latein? Die Toga gehört zum Römer wie zu Caesar der Lorbeerkranz, oder etwa nicht? Apropos Caesar - wurde der nicht von einem gewissen Brutus umgebracht? Und war der nicht Caesars Sohn? Überhaupt, wie waren sie denn so, die alten Römer? Besonders reinliche Menschen, die täglich die zahlreichen öffentlichen Bäder besuchten? Oder war das Gegenteil der Fall? Immerhin besaßen sie keine Seife, und sie sollen sich ja sogar mit Urin die Zähne geputzt und die Kleider gereinigt haben. Cornelius Hartz entlarvt höchst unterhaltsam 20 populäre Irrtümer über die alten Römer und das alte Rom.

Cornelius Hartz ist Klassischer Philologe und arbeitet als freier Lektor, Autor und Übersetzer in Hamburg.

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Leseprobe

IRRTUM 1:


Rom wurde im Jahr 753 v. Chr. gegründet


„Sieben – fünf – drei, Rom kroch aus dem Ei.” Vor ein paar Jahrzehnten war dies noch ein Satz, den so ziemlich jeder Schüler lernte; eine der klassischen Eselsbrücken, um sich ein historisches Datum zu merken. Es bedarf keiner ausgeprägten Fantasie, um sich auszumalen, dass sich die Gründung einer Stadt im Italien des ersten Viertels des 1. Jahrtausends v. Chr. nicht so ohne Weiteres auf ein Datum, nicht einmal auf ein bestimmtes Jahr festlegen lässt. Dennoch war das Jahr 753 v. Chr. für Rom von großer Bedeutung, denn ein Datum brauchte man: Eine Stadt, die Geschichte schrieb wie keine zweite, musste, auch wenn sie urbs aeterna, die „Ewige Stadt”, genannt wurde, doch auf jeden Fall einen Ursprung haben. Und den bitte möglichst genau. So einigte man sich schließlich darauf: Am 21. April jenes Jahres war es, als Romulus und Remus Rom gründeten.

Zählten die Griechen zuvor ihre Jahre nach den Olympiaden, also den 4-jährigen Zeitabschnitten zwischen den Olympischen Spielen, so verwendeten die Römer eine neue und ganz eigene Zeitrechnung: Sie zählten ab urbe condita, „ab Gründung der Stadt” (Rom war so wichtig, dass urbs, „Stadt”, im Lateinischen tatsächlich zugleich ein Synonym für „Rom” war). Dass die Gründung der Stadt in jenem bestimmten Jahr geschah, hatte das Universalgenie Marcus Terentius Varro (geb. um 100 v. Chr.) festgelegt, und zwar auf Basis des Troja- und des Aeneas-Mythos: 440 Jahre – vier römische saecula – nach dem Beginn des Trojanischen Krieges sollte Rom gegründet worden sein, und da Varro diesen in Anlehnung an Eratosthenes auf 1193 v. Chr. datierte, ergab sich für die Metropole am Tiber ein entsprechendes Gründungsjahr. Das passte dazu, dass Cato der Ältere bereits rund hundert Jahre zuvor festgehalten hatte, Rom sei nach griechischer Zeitrechnung in der siebten Olympiade gegründet worden, und in eben diese Olympiade fiel das Jahr 753. Andere Historiker wie Livius rechneten von der Gründung der römischen Republik im Jahr 509 v. Chr. zurück.

So kam beispielsweise Cicero im Jahr 106 v. Chr. zur Welt, nach der Zählweise „ab Gründung der Stadt” war dies das Jahr 647 a. u. c. Im Jahr 248 n. Chr., als der gerade einmal zehnjährige Philippus II. zum Mitregenten von Kaiser Philippus Arabs bestimmt wurde, feierten die Römer das 1000-jährige Bestehen der „Ewigen Stadt”. Dies war nach der 800-Jahr-Feier die dritte sogenannte Säkularfeier, bei der die Römer ihr Stadtjubiläum im großen Stil feierten. Und für viel mehr als diese Säkularfeiern scheint man die Zählung ab urbe condita auch gar nicht gebraucht beziehungsweise verwendet zu haben – immerhin stammte sie ja auch aus einer Zeit, als Rom schon an die 700 Jahre alt war. Und Geschichtsschreibung und Annalistik gab es ja schon viel früher. Auch wenn dies die offizielle Zählweise der Chronologie im Römischen Reich war, zählte so eigentlich niemand: Wenn man sich darüber unterhielt oder darüber schrieb, in welchem Jahr etwas geschehen war, so benutzte man dazu meistens die Namen der beiden Konsuln. Kein Römer sprach darüber, wie der Dritte Punische Krieg „im Jahr 608” (α. u. c.) zu Ende ging – vielmehr geschah dies „im Jahr, als Gnaeus Cornelius Lentulus und Lucius Mummius Achaicus Konsuln waren”. Da die beiden Konsuln, die dem römischen Senat vorstanden, vom Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. bis ins 6. Jahrhundert n. Chr. hinein für jedes Jahr neu gewählt wurden, war dies eine ganz verlässliche Datierung. Zugegeben, für die Zeit vor 222 v. Chr. war das Ganze etwas schwammig, da das Konsulatsjahr noch nicht mit dem Kalenderjahr übereinstimmte.

Aber wann, wenn nicht 753 v. Chr., wurde Rom denn nun gegründet? Dank der Archäologie wissen wir heute, dass das römische Stadtgebiet bereits im 10. Jahrhundert v. Chr. besiedelt war; eine tatsächliche Stadtgründung lässt sich allerdings erst für die Zeit um 620 v. Chr. nachweisen. Eine genauere Datierung erschwert vor allem die Tatsache, dass es aus dieser Zeit noch keine schriftlichen Quellen für Rom gibt.

Natürlich ist auch die Geschichte, wie Romulus und Remus, die Kinder des Kriegsgottes Mars mit einer Priesterin, Rom gründeten, ein Mythos, und noch nicht einmal einer der ältesten von Rom; er entstand wahrscheinlich erst im 4. Jahrhundert v. Chr. Die mythischen Zwillinge waren demnach die Söhne von Rhea Silvia, der Tochter des Numitor, seines Zeichens König des ebenso mythischen Stadtstaats Alba Longa südöstlich von Rom. Numitor wurde von seinem jüngeren Bruder Amulius abgesetzt, und dieser zwang Rhea Silvia, eine Vestalin zu werden – eine Priesterin der Göttin Vesta. Sinn der Sache war, dass die Vestalinnen keusch bleiben mussten, und so wollte Amulius sicherstellen, dass sie keine Nachkommen haben würde, die ihm den Thron streitig machten. Dann jedoch wurde sie von niemand Geringerem als dem Kriegsgott Mars vergewaltigt und geschwängert und brachte Romulus und Remus zur Welt. Amulius befahl, die Kinder im Tiber zu ertränken; stattdessen setzte man sie in einem Weidenkörbchen auf dem Tiber aus.

Dionysios von Halikarnassos erzählt in seinen „Römischen Altertümern” was dann geschah (1.79.5ff.): „Der Tiber hatte durch den ständigen Regen sein natürliches Flussbett verlassen und überschwemmte die Ebenen, so dass sie von der Spitze des Palatin in jenen Teil des Wassers gelangten, der am nächsten lag … Als das Wasser schließlich zurückging, schlug der Korb gegen einen Stein, kippte um, und die Säuglinge fielen heraus, so dass sie im Schlamm lagen. Da kam eine Wölfin, die gerade geworfen hatte, gab ihnen ihre Zitzen, die voller Milch waren, zum Saugen und leckte den Schlamm ab, mit dem sie besudelt waren.”

Eben dort, am Fuße des Palatin, eines der späteren sieben Hügel Roms, fand dann der Hirte Faustulus die Knaben. An eben diese Episode, die von der Wölfin gesäugten Knaben, erinnert eine der berühmtesten römischen Plastiken, die 114 cm lange „Kapitolinische Wölfin” aus Bronze mit zwei Säuglingen, die an ihren Zitzen saugen. Lange Zeit glaubte man, hier eines der ältesten römischen Kunstwerke vor sich zu haben, vielleicht noch aus etruskischer Zeit. Theodor Mommsen hatte keinen Zweifel daran, wenn er im zweiten Band seines Werks über die „Römische Geschichte” schreibt: „Im Lauf des fünften Jahrhunderts [v. Chr.] und besonders in der zweiten Hälfte desselben regte es denn doch sich mächtig auch in der römischen Kunst. Es war dies die Epoche, in welcher der spätere Bogen- und Straßenbau begann, in welcher Kunstwerke wie die Kapitolinische Wölfin entstanden, in welcher ein angesehener Mann aus einem altadeligen römischen Geschlechte den Pinsel ergriff, um einen neugebauten Tempel auszuschmücken und dafür den Ehrenbeinamen des ‚Malers’ empfing.”

Es gab auch Kunstkenner, die das Alter der Statuengruppe bezweifelten. Solche abweichenden Meinungen erwähnt Jacob Burckhardt in „Der Cicerone” – auch wenn er sich ihnen nicht anschließt: „Die bekannte kapitolinische Wölfin (Eckzimmer des Konservatorenpalastes), vom Jahr d. St. 458, pflegt als etruskisches Werk betrachtet zu werden. Die Haare heraldisch, der Leib noch ziemlich leblos, die Beine kräftig und scharf. Aus dem Mittelalter, in welches man sie aus nicht zu verachtenden Gründen hat verweisen wollen, kann sie doch wohl nicht sein; als die italienische Kunst des 13. oder 14. Jahrhunderts ähnliche Beine zu bilden vermochte, bildete sie das Haar nicht mehr heraldisch.”

Abgesehen davon, dass Burckhardt die Kapitolinische Wölfin erstaunlich genau zu datieren weiß – das „Jahr d. St.” ist wiederum das Jahr a. u. c. –, irrte der Kunsthistoriker Burckhardt hier genau wie der große Historiker Mommsen: Heute wissen wir, dass die Figur der Wölfin tatsächlich aus dem Hochmittelalter stammt – die zwei Knaben wurden sogar erst in der Renaissance hinzugefügt. Allerdings muss man den beiden Forschern zugutehalten, dass man dies erst vor Kurzem herausfinden konnte, nämlich mithilfe der C14-Datierung.

Mit der Gründung Roms begann, so glaubte man bis in die Moderne hinein, die römische Königszeit. Dementsprechend wird die Geschichte des Römischen Reiches in der Regel wie folgt gegliedert: 753–510 v. Chr. Königszeit, 509–27 v. Chr. Republik, 27 v. Chr. –395 n. Chr. Kaiserzeit. Auch wenn das Jahr 753 v. Chr. im Geschichtsunterricht der Schule als mythisches Datum gilt, so ist man heute noch allenthalben der Ansicht, dass eine Abfolge von Königen die Stadt Rom regierte, bis man im Jahr 510 v. Chr. (so Livius) den letzten König, Lucius Tarquinius Superbus, verjagte und der Stadtstaat Rom zur Republik wurde. Doch da ist sich die Forschung heute gar nicht mehr so sicher: Viele Wissenschaftler nehmen inzwischen an, dass auch das römische Königtum nichts weiter ist...

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