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E-Book

Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über die Wikinger

AutorClaudia Banck
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl200 Seiten
ISBN9783806229936
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Sie waren groß, blond und blauäugig und ihre Frauen hatten nichts zu sagen. Die ?Terroristen? des Mittelalters tauchten mit ihren Schiffen aus dem Nichts auf und versetzten Europa in Angst und Schrecken. Bis an die Zähne bewaffnet eroberten die Horden aus dem Norden ganze Landstriche und erschlugen alles, was sich bewegte. Doch waren die Wikinger wirklich nur heidnische Barbaren mit Hörnerhelmen, die Met aus Totenschädeln tranken und Europas Kulturzentren zerstörten? In klarem Stil räumt Claudia Banck mit allerlei Vorurteilen und falschen Vorstellungen auf, die sich um diese Nordmänner ranken. Ganz nebenbei erhält der Leser einen unterhaltsamen Überblick über die Geschichte und Lebensweise der Wikinger.

Claudia Banck ist Historikerin und Skandinavistin. Sie ist eine hervorragende Kennerin sowohl der historischen und archäologischen als auch der literarischen Quellen zur Wikingerzeit.

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IRRTUM 1:


Die Wikinger hatten eine schlechte Presse


Am 8. Juni 793 tauchten norwegische Wikinger mit mehreren Schiffen vor der Klosterinsel Lindisfarne an der Küste Northumbriens im Nordosten Englands auf, sie zogen ihre Schiffe auf den Strand und stürmten mit gezogenen Schwertern an Land. Kurz darauf stand die Abtei in Flammen, massakrierte Mönche lagen am Boden, Altäre und Kanzeln waren zerschlagen, Truhen geplündert. Die Piraten flohen mit goldenen Kruzifixen und edelsteinbesetzten Evangelienbüchern im Gepäck. „Rohe, vollkommen gottlose, verwegene Gestalten“, wie ein irischer Kleriker klagte, hätten den heiligen Ort zerstört. „Nie zuvor hat Britannien solchen Horror gesehen …“, schreibt Alkuin, der berühmte aus Northumbrien stammende Gelehrte am Hofe Karls des Großen. Es folgen weitere Überfälle in England und im Frankenreich. Angelsächsische und fränkische Chronisten beschreiben den nicht enden wollenden Alptraum. Die Schreiber sind Geistliche oder Mönche, deren (reiche und ungeschützte) Kirchen und Klöster bevorzugte Angriffsziele sind. Als Augenzeugen und Opfer beschönigen sie nichts, im Gegenteil, sie schildern die Plünderungen und Zerstörungen durch die Wikinger als Orgie der Gewalt, der Blut- und Beutegier, und interpretieren sie als Erfüllung alttestamentarischer Prophetien, nach denen von Norden das Unheil über alle Bewohner des Landes kommen sollte – als Strafe Gottes für die Sünden der Menschen. Das kam ihnen gelegen, konnten Männer der Kirche doch auf diese Weise ihre Schäflein enger an sich binden und zu einem frommen, gottgefälligeren Leben motivieren.

Über Jahrhunderte prägten ihre Augenzeugenberichte das Negativbild der Wikinger, das von späteren Geschichtsschreibern übernommen wurde und im Verlauf der Jahrhunderte nichts von seinem Schrecken einbüßte. Im irischen Epos „Cogad Gaedel re Gallaib“ (Der Krieg der Iren mit den Fremden) aus dem 12. Jahrhundert heißt es: „… obwohl auf jedem Hals einhundert stahlharte Eisenschädel saßen und in jedem Kopf einhundert scharfe, jederzeit besonnene, niemals einrostende, unverschämte Zungen und einhundert geschwätzige, laute, unaufhörliche Stimmen von jeder Zunge kamen, konnten sie nicht wiedergeben, schildern, aufzählen oder erzählen, was all die Ghaedhil, Männer wie Frauen, Laien wie Geistliche, alte wie junge, edle wie unwürdige, in jedem Haus an Unbill, Unrecht und Bedrängnis gemeinsam von diesen kühnen, wutentbrannten, fremden, vollkommen heidnischen Menschen erlitten.“

Eine nordische Gegendarstellung zu diesen Vorfällen gibt es nicht. Einen der wenigen direkten Zugänge zu Sprache und Denkweise der Wikingerzeit bieten die (häufig) wortkargen Runeninschriften. Über 5.000 Runendenkmäler und Runentexte sind bewahrt, die meisten stammen aus der Wikingerzeit. Ihr Verbreitungsgebiet reichte von Skandinavien, Grönland, England, Irland bis nach Russland, Byzanz und Griechenland. Sie enthalten knappe Informationen über Einzelpersonen und gewähren einen zeitgenössischen Einblick in eine Gesellschaft, die Tapferkeit und Mut als herausragende Tugend schätzte. „Thorulv, der Gefolgsmann Svens, errichtete diesen Stein nach Erik, seinem fila (Kameraden, Genossen), der den Tod fand, als die Krieger um Haithabu saßen, und er war Schiffsführer, ein sehr tüchtiger Krieger“, lautet die Inschrift eines Gedenksteines für Erik, der vermutlich in den Kämpfen um Haithabu gegen Ende des 10. Jahrhunderts getötet wurde. Andere Inschriften erwähnen Kriegszüge nach England und Süditalien, Handelsreisen ins Baltikum und in den Vorderen Orient, sie nennen Brücken- und Wegebau, bitten um das heidnische Wohlwollen Thors oder um das christliche Seelenheil. In der Mehrzahl sind es wohlwollende Inschriften, die ruhmreiche Taten, großartige Eigenschaften oder auch einfach nur einen Krieger, eine Frau, eine Tochter verewigen sollen. Tadelnde Nachrufe gibt es auch: So hat etwa ein Krieger seine Mannschaft im Stich gelassen. Aber solche Meldungen sind selten und lassen positive Rückschlüsse zu auf das Weltbild der Wikinger. Insgesamt sind die Runeninschriften zeitgenössische und damit authentische Dokumente, die zwar erst viele Jahrhunderte später erforscht wurden, dann aber nachhaltig zum Ruhm und Heldentum der Wikinger beigetragen haben.

Erst nach der Christianisierung und der damit verbundenen Schriftkultur begannen die Skandinavier, sich ab dem 12. Jahrhundert um die eigene Geschichtsschreibung zu kümmern und machten sich daran, die mündlichen Überlieferungen niederzuschreiben. Sie erinnerten an die Heldentaten ihrer wikingischen Vorfahren und malten ein sehr viel schmeichelhafteres Bild von dem, was letztere als Krieger, Seefahrer, Siedler und Entdecker in fernen Ländern geleistet hatten.

Am Anfang der isländischen Geschichtsschreibung steht Ari þorgilsson, der im „Isländerbuch“ (Íslendingabók) die frühe Geschichte Islands erzählt. Für sein um 1125 in isländischer Sprache verfasstes Werk zu Ereignissen, die 250 Jahre vor seiner Zeit stattgefunden hatten, standen ihm kaum schriftliche Aufzeichnungen zur Verfügung. Er musste sich auf die mündliche Überlieferung verlassen, die von Generation zu Generation weitergegeben und dabei im Verlauf der Zeit vermutlich das eine oder andere Mal dem sich verändernden Zeitgeist angepasst worden war. Das gilt auch für das „Landnahmebuch“, das Buch der Besiedlung Islands, (Landnámabók, die erste nicht erhaltene Fassung stammt aus der Zeit um 1100) und die „Isländersagas“ (Íslendinga sögur), von denen die meisten im 13. Jahrhundert aufgeschrieben wurden – bevor oder auch nachdem die Isländer im Jahre 1262 dem norwegischen König Hákon die Treue geschworen und damit ihre Unabhängigkeit verloren hatten. Der Name der einzelnen Autoren wird nirgends genannt, Isländer waren sie, und die bedrohte oder bereits verlorene Freiheit Islands beeinflusste sie alle. In den „Isländersagas“ werden historische Überlieferungen mit fiktiven, literarischen Elementen verknüpft, sie handeln von isländischen (und grönländischen) Familien oder Einzelpersonen. Der Zeitraum, den viele dieser Prosawerke behandeln, liegt etwa zwischen 930 und 1030, die in der isländischen Geschichte die „Sagazeit“ genannt wird.

In den „Königsagas“ (Konunga sögur) wird die Geschichte der norwegischen – und in ein paar Fällen auch der dänischen – Könige erzählt. Die berühmteste Sammlung von Königsgeschichten ist die dreibändige „Heimskringla“ (altnordisch für Weltkreis), die der bedeutende Gelehrte Snorri Sturluson um 1230 in Island aufzeichnete und in Form brachte. Die in den Sagas erzählten Geschehnisse waren von Generation zu Generation mündlich weitergegeben worden, bevor sie – dichterisch gestaltet – aufgeschrieben wurden.

Tapferkeit und Treue sind die wesentlichen Werte, mit denen man einen Sagahelden gern schmückte. Ein Beispiel aus der „Saga von Gísli Súrsson“: Der auf dem Thing verurteilte, geächtete und damit für vogelfrei erklärte Gísli befindet sich auf der Flucht vor seinem Rächer Bork, dessen Bruder er getötet hat. Eine Zeit versteckt er sich auf der kleinen Insel Hergilsøy bei seinem Verwandten Ingjald, der ein Pächter Borks ist. Als Bork davon erfährt, kommt er mit seinen Männern, um sich Gísli zu holen. Herrisch tritt er vor Ingjald, droht damit, ihn zu töten und verlangt die Auslieferung von Gísli, die Ingjald ihm aber verweigert: „Ich trage schlechte Kleider, und es würde mir nichts ausmachen, sie nicht bis zum Letzten aufzutragen. Aber eher will ich mein Leben lassen, als dass ich Gísli nicht so sehr Gutes erweise, wie ich nur kann, und ihn in seinen Schwierigkeiten unterstütze.“ Niemals, für kein Geld der Welt, würde Ingjald nachgeben und Gísli verraten. Die Sagaautoren romantisieren die isländische Vergangenheit als eine heroische Zeit, in der sich ein freier Mann, egal ob arm oder reich, nichts und niemandem unterwarf.

Auch aus dem Werk des dänischen Geschichtsschreibers und Geistlichen Saxo Grammaticus spricht der Stolz auf die eigene Geschichte. Im Vorwort seiner ab 1185 in Latein verfassten „Gesta Danorum“ (Taten der Dänen) heißt es: „Da alle anderen Völker sich einer Darstellung ihrer Thaten rühmen und aus der Erinnerung an ihre Vorfahren Genuss schöpfen können, so wünschte der oberste Bischof der Dänen, Absalon, dass auch unserem Vaterlande, für dessen Verherrlichung er stets begeistert war, diese Art von Ruhm und Gedächtnis nicht vorenthalten bliebe …“ Das Werk greift auf mündlich tradierte Mythen, Sagen und Lieder zurück, die zur gleichen Zeit auch auf Island niedergeschrieben wurden und die Wikingerzeit in einem neuen Licht erscheinen lassen. Saxo beschreibt die Erfolgsgeschichte ruhmreicher Herrscher, die brutalen Beutezüge spielen kaum eine Rolle. Seine Sicht der Dinge fand allerdings erst ein größeres Publikum, nachdem die „Gesta...

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