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E-Book

Allgemeine moderne Psychologie

Systematische Einführung in die Wissenschaft psychischer Prozesse

AutorAugust Messer
VerlagBooks on Demand
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl332 Seiten
ISBN9783744875981
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis10,99 EUR
Man hat mit Recht drei Hauptwurzeln der Psychologie unterschieden: die praktische Menschenkenntnis, den religiösen Seelenglauben und die biologische Lebenserklärung. Psychologie als praktische Menschenkenntnis treiben wir alle tagtäglich, wenn wir instinktiv die Gefühle und Stimmungen, die Wünsche und Absichten unserer Mitmenschen erraten, wenn wir ihr Benehmen und Handeln aus ihren Motiven heraus deuten, wenn wir uns Vorstellungen von ihrer Begabung und ihrem Charakter bilden. Je nach Veranlagung, Lebensumständen und Schicksal bringen wir es sehr verschieden weit in dieser praktischen Menschenkenntnis. Weiter bringt man es, wenn man wissenschaftliche Einsichten der Psychologie für die Aufgaben des praktischen Lebens dienstbar macht und sich überhaupt in den Beziehungen zwischen der psychologischen Wissenschaft und der instinktiv-praktischen Seelenkenntnis auskennt. Hier hilft dieses Buch, indem es die grundlegenden Kenntnisse der allgemeinen modernen Psychologie systematisch und verständlich vermittelt.

Der deutsche Philosoph und Psychologe August Messer (1867 -1937) habilitierte sich 1899 an der Universität Gießen. 1908 bekam er einen Lehrauftrag für experimentelle Psychologie und Pädagogik. In den 1920er Jahren engagierte er sich für die Erwachsenenbildung an Volkshochschulen auf Basis einer modernen Pädagogik. Unter seinen viel gelesenen Werken finden sich Einführungen in die Psychologie, Darstellungen zur Philosophiegeschichte, zur Erkenntnistheorie und zum kritischen Realismus.

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Leseprobe

1.2 Religiöser Seelenglaube


Wir haben als die zweite Wurzel dieser Wissenschaft den religiösen Seelenglauben namhaft gemacht. Dieser ist uralt. Erscheinungen Verstorbener im Traum, „Entrückung“ der Seele bei den orgiastischen Kulten und sonstige ekstatische Zustände haben früh dazu geführt, in der Seele ein selbstständiges, vom Leibe trennbares, den Göttern verwandtes Wesen zu sehen. Im Zusammenhang damit steht auch der Glaube vieler primitiver Völker, dass die Seele zeitweilig oder dauernd in Tierkörper hinüberwandern könne; ferner die Lehre von der Präexistenz der Seele, von ihrer Einkerkerung in den Leib infolge eines Sündenfalles und von der Notwendigkeit ihrer Läuterung durch Askese und Buße, damit sie zu einer seligen Unsterblichkeit gelange. Hier ist endlich die Wurzel aller metaphysischen Lehren von der unsterblichen, Gott verwandten Seelensubstanz. In das griechische und damit in das abendländische Geistesleben ist besonders durch die Orphiker und Pythagoreer diese „Seelentheologie“ eingeströmt. Stark beeinflusst ist von ihr Platos Metaphysik. Diese hat aber durch die Vermittlung der Neuplatoniker auf die christliche Theologie und Philosophie gewirkt; und auch für die moderne Philosophie bestehen noch als ernsthafte Probleme die Fragen fort: Gibt es eine vom Leibe verschiedene „Seelensubstanz“? Und kommt der Seele Unsterblichkeit zu? Fast alle unsere großen Denker haben dazu in ihren Schriften Stellung genommen.

Die Metaphysik hat diese Fragen vielfach unabhängig von Erfahrung (d. h. a Apriori) zu lösen versucht. Man wollte aus dem „Begriff“ der Seele deren Substanzialität und Unvergänglichkeit zwingend ableiten, man übersah aber dabei, dass man diesen Begriff doch nur aus der Erfahrung haben konnte. Es ist aber durchaus verfehlt, einen solchen Begriff sozusagen als einen fertigen und für alle Zeit gültigen anzusehen; er muss durch Erweiterung und Vertiefung der Erfahrung bereichert und, wenn nötig, berichtigt werden; auch kann aus ihm nicht mehr abgeleitet werden, als wir aufgrund der Erfahrung in ihn hineingelegt haben.

In unseren positivistisch gerichteten wissenschaftlichen Kreisen herrscht auch heute noch vielfach eine förmliche Scheu vor aller „Metaphysik“. Man sieht darin von vornherein unwissenschaftliche fantastische Spekulation; man ist auch überzeugt, dass Kants Vernunftkritik die Unmöglichkeit der Metaphysik ein für alle Mal dargetan habe. Dabei übersieht man, dass Kants Kritik nur eine Apriori konstruierende Metaphysik trifft, die für ihre Ergebnisse die apodiktische Sicherheit mathematischer Erkenntnisse beansprucht. Nicht widerlegt wird durch sie eine auf die Erfahrungswissenschaften sich aufbauende Metaphysik, die deren Resultate zu einem umfassenden Weltbild zusammenzufassen und, wenn möglich, zu ergänzen sucht. Sie bedient sich keiner anderen Methoden als die empirischen Wissenschaften auch; sie wird ihren Sätzen keine größere Wahrscheinlichkeit zusprechen, als sie ihnen durch Gründe sichern kann, und sie wird bereit sein, den Fortschritten der Einzelwissenschaften stets Rechnung zu tragen.

Dass für die Beantwortung der uralten Menschheitsfragen nach Natur und Schicksal der Seele insbesondere die Ergebnisse der empirischen Psychologie, Physiologie und überhaupt der Biologie in Betracht kommen, bedarf keines besonderen Nachweises. Zwar mag der einzelne Forscher auf diesen Gebieten die Behandlung jener metaphysischen Probleme resigniert oder verächtlich beiseitelassen, sie bleiben eben doch als sinnvolle Probleme bestehen. Und wenn wir überhaupt in der Lage sind, mit wissenschaftlichen Gründen für die eine oder die andere Lösung einzutreten, so sind die genannten Disziplinen in erster Linie berufen, uns solche Gründe an die Hand zu geben.

Freilich kommen dafür auch die sogenannten „okkulten“ Wissenschaften in Frage. Es wäre wenigstens kein Zeichen vorurteilsloser Haltung, wie sie dem Forscher ziemt, wollte man von vornherein behaupten, all dem, was unter dem Namen spiritistischer, telepathischer und verwandter Erscheinungen berichtet wird, liege überhaupt nichts Tatsächliches zugrunde. Gewiss mag vielfach Aberglaube, Illusion und Trug die Quelle solcher Berichte sein, aber eine Sache, für die auch sehr ernsthafte, wissenschaftlich gebildete und wahrheitsliebende Menschen eintreten, dürfte wohl nicht ohne einigen Wahrheitsgehalt sein. Hat man ja doch auch in den hypnotischen Erscheinungen anfangs in vielen wissenschaftlichen Kreisen nur „Schwindel“ sehen wollen. Bisher sind freilich von den offiziellen Vertretern der psychologischen Wissenschaft (wenigstens in Deutschland) die „okkulten“ Phänomene im Allgemeinen ignoriert worden, und wir können sie darum auch nicht für diese Darstellung, die den Stand unserer wissenschaftlichen Psychologie skizzieren soll, berücksichtigen. Aber es wäre wünschenswert, wenn ihre Haltung sich änderte. Die Vermutung ist nicht abzuweisen, dass in jenen Phänomenen sich seelische Kräfte äußern, die unserer Wissenschaft noch unbekannt sind.

Jede Forschung setzt die Erkennbarkeit ihres Gegenstandes voraus. Man wird darum auch hier voraussetzen, dass es sich nicht um unberechenbare und launenhafte Eingriffe spukhafter Wesen, sondern um gesetzmäßige Erscheinungen handelt.

1.3 Biologische Lebenserklärung


Noch einer dritten Wurzel der Psychologie haben wir nachzugehen: der biologischen Lebenserklärung. Schon bei den Menschen primitiver Kultur zeigen sich Ansätze dazu, wenn sie im Menschen Lebenskräfte annehmen, die sich in allen Bewegungen und Lebensvorgängen (nicht etwa bloß in den Bewusstseinsvorgängen) äußern, und deren Sitz man in bestimmten Organen, wie im Zwerchfell (so bei Homer) oder im Herzen oder im Blut sucht. Nach den volkstümlichen Anschauungen, wie sie z. B. in den homerischen Gedichten sich spiegeln, hat diese Seele („Psyche“ genannt) ihre volle Kraft nur, solange sie mit dem Leibe verbunden ist. Hat sie sich im Tode vom Leibe getrennt, so lebt sie zwar fort im Hades, aber sie fristet nur noch ein schattenhaftes Dasein ohne klares Bewusstsein und Erinnerung. Man stellte sich diese „Psyche“ nicht schlechthin immateriell vor (dieser Gedanke war den primitiven Menschen unfassbar), sondern als eine Art „Astralleib“, der ganz dem Verstorbenen gleiche. Es ist eine Fortbildung dieses Seelenbegriffs, wenn bei den meisten älteren Philosophen Griechenlands die leichten, feinen, beweglichen, warmen Stoffe als Träger des Lebens, auch des seelischen, gelten. Darauf fußend, haben Demokrit und die Epikureer, eine materialistisch-mechanistische Psychologie ausgebildet. Sie stellen sich dabei vor, dass die Seelenatome als die feinsten, zartesten und feurigsten durch eine Art Destillationsprozess im Leibe aus den gröberen herausgelöst werden.

Bei Plato mischt sich diese Seelenbiologie einigermaßen der von ihm vertretenen Seelentheologie zu; noch weit stärker zur Geltung kommt sie bei Aristoteles. Er fasst die Seele als „Entelechie“ des Leibes, d. h. als Grund und Zweck der einheitlich wirkenden Lebenskräfte, als das regulierende Prinzip der biologischen Vorgänge, das mit dem Leibe selbst entsteht und vergeht. Aber über diese Seele, die der Träger der Lebensfunktionen und der „niederen“ (uns mit den Tieren gemeinsamen) Bewusstseinsbetätigungen ist, nimmt Aristoteles noch eine „höhere“, dem Göttlichen verwandte, ewige Seele an, die den Menschen auszeichnende „Vernunftseele“ (Nus). In dieser Annahme macht sich auch bei Aristoteles der Einfluss der „Seelentheologie“ geltend. Der „Seelendämon“ der orphischen Theosophie ist darin zum philosophischen Begriff des „Geistes“ abgeblasst. Ihm wird Unvergänglichkeit, aber nicht persönliche Unsterblichkeit zugesprochen; denn als das allen Menschen gemeinsame „Vernunftprinzip“ trägt er keine individuellen Züge.

Es ist dem mächtigen Einfluss des Aristoteles auf die scholastische Philosophie, insbesondere auf deren Hauptvertreter, Thomas von Aquin, zuzuschreiben, dass diese biologische Auffassung des Seelenbegriffs niemals von der theologischen ganz verdrängt wurde. Eine Verstärkung erwuchs der Ersteren zudem aus der physiologischen Psychologie der Araber, eines Avicenna (gest. 1037) und eines Averroes (gest. 1198), die ja auf die christliche Philosophie des Mittelalters nicht ohne Wirkung geblieben sind. So vertritt denn auch die neuscholastische Philosophie in Übereinstimmung mit ihrem Meister Thomas von Aquin die Ansicht, dass die Seele zwar Träger der geistigen Funktionen sei, die sie zum Bilde des göttlichen Geistes machen, aber dass sie zugleich das Lebensprinzip darstelle.

In der außerkirchlichen, „modernen“ Philosophie dagegen hat Descartes (gest. 1650) den Seelenbegriff auf jene erste Bedeutung beschränkt. Nach ihm sind ja die Lebensvorgänge im Menschen wie in allen organischen Wesen rein mechanisch, d. h. als...

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