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E-Book

Allgemeine Psychologie – Wahrnehmung

AutorMike Wendt
VerlagHogrefe Verlag Göttingen
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl372 Seiten
ISBN9783840922886
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis30,99 EUR
Wahrnehmung bezeichnet die Prozesse, die uns Informationen über die Außenwelt vermitteln. Die Wahrnehmungspsychologie beschäftigt sich als traditionsreiches Teilgebiet der Psychologie mit den subjektiven Anteilen der Wahrnehmung. Da die daraus hervorgehenden Erkenntnisse oft unserem Alltagsverständnis von Wahrnehmung wiedersprechen, übt sie für viele eine gewisse Faszination aus. Das vorliegende Lehrbuch bietet eine Einführung in die vielfältigen Themen dieses Faches und behandelt dabei wichtige Fragen, theoretische Ansätze und Vorgehensweisen der Wahrnehmungsforschung. Einleitend stellt der Band grundlegende Konzeptionen und Begriffe der Wahrnehmungspsychologie vor und gibt einen kurzen Überblick über die Methoden der Psychophysik. Nach einer Einführung in die Grundprinzipien der sensorischen Systeme werden zunächst ausführlich visuelle Wahrnehmungsprozesse behandelt, wie die Farb- und Helligkeitswahrnehmung, Raum- und Objektwahrnehmung, Muster- und Objekterkennung und Bewegungswahrnehmung. Weitere Kapitel thematisieren die Besonderheiten des auditiven und somatosensorischen Wahrnehmungssystems, Phänomene der selektiven Reizverarbeitung und den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Handeln. Zahlreiche Abbildungen und Kästen strukturieren den Text. Viele Anknüpfungen an Alltagsbeispiele, kleine Selbstversuche und Verständnisfragen veranschaulichen die Inhalte und erleichtern das Gesamtverständnis. Verständnisfragen und Lösungshinweise und weitere Informationen für Studierende und Lehrende werden auf der Website psychlehrbuchplus zur Verfügung gestellt.

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Kapitelübersicht
  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Kapitel 1 Einfu¨hrung
  3. Kapitel 2 Psychophysik: Messung der Wahrnehmungsempfindung
  4. Kapitel 3 Allgemeine Prinzipien sensorischer Systeme
  5. Kapitel 4 Das visuelle System
  6. Kapitel 5 Farb- und Helligkeitswahrnehmung
  7. Kapitel 6 Die Tiefe des Raums und die Größe der Objekte
  8. Kapitel 7 Organisationsprinzipien
  9. Kapitel 8 Der Abgleich mit dem Gedächtnis: Muster- und Objekterkennung
  10. Kapitel 9 Bewegungswahrnehmung
  11. Kapitel 10 Auditive und somatosensorische Wahrnehmung
  12. Kapitel 11 Wahrnehmung und Aufmerksamkeit: Selektive Reizverarbeitung
  13. Kapitel 12 Wahrnehmung und Handlung
  14. Anhang
Leseprobe
Die volle Tragweite der Frage nach dem „Warum“ des Aussehens der Dinge erschließt sich, wenn man sich Folgendes vor Augen führt: Ein bestimmter Zustand eines Sinnesorgans kann prinzipiell immer durch eine Vielzahl verschiedener äußerer Reize hervorgerufen werden. Ein in diesem Zusammenhang häufig genanntes Beispiel ist das Abbild eines Objekts auf der Netzhaut des Auges. Eine trapezförmige Netzhautprojektion könnte einerseits durch die Lichtreflektion einer tatsächlich trapezförmigen Fläche hervorgerufen werden, wenn sich diese Fläche frontal und parallel zum Auge befindet. Dasselbe Netzhautbild könnte aber auch durch eine rechteckige Fläche, die sich nicht frontoparallel zum Auge befindet, hervorgerufen werden, z. B. durch eine halb geöffnete Tür. Es könnte auch durch eine Vielzahl von anderen Formen zustande kommen, wenn sich diese in entsprechender Orientierung befinden, so dass diese eine trapezförmige Projektion auf der Netzhaut hervorruft. Genausowenig, wie sich vom Netzhautbild auf die Form eines Objekts schließen lässt, kann eine Aussage über dessen Größe getroffen werden. Schließlich könnte die Netzhautprojektion von einem kleinen nahen als auch von einem großen entfernten Objekt stammen. Letzendlich könnte man nicht ausschließen, dass es sich gar nicht um ein statisches Objekt handelt, sondern um eines, dass sich mit so großer Geschwindigkeit bewegt, dass sein Aufenthalt an verschiedenen Orten zur Wahrnehmung einer ausgedehnteren Form „verschwimmt“. Kurz gesagt: Zu ein und derselben Netzhautprojektion ließen sich theoretisch unzählige verschiedene Kombinationen aus Objektform, Orientierung, Entfernung etc. finden, durch die die Projektion hervorgerufen werden könnte. Im Wahrnehmungseindruck schlägt sich diese Ambiguität allerdings nicht nieder: Ein gegebener Reiz wird quasi immer so wahrgenommen, als ob er von einer ganz bestimmten Form ist und sich in einer ganz bestimmten Orientierung und in einer ganz bestimmten Entfernung befindet.

Begriffsklärungen Distaler Reiz: (entfernter Reiz) das physikalische Objekt (z. B. die halb offenstehende Tür)
Proximaler Reiz: (naher Reiz) die Repräsentation am Sinnesorgan (die trapezförmige Verteilung von Rezeptoraktivität auf der Netzhaut)
Perzept: der bewusste Wahrnehmungsinhalt

Inverses Problem Der Versuch, den distalen Reiz aus den Reizinformationen (dem proximalen Reiz), die dem Wahrnehmungssystem unmittelbar zur Verfügung stehen, zu rekonstruieren, kann als inverses Problem bezeichnet werden. Das bedeutet, dass die Transformationsprozesse der Einwirkung des Reizobjekts auf die Rezeptoren quasi in umgekehrter Richtung durchlaufen werden. Da einem Zustand des Sinnesorgans (bzw. einem proximalen Reiz) jedoch eine Vielzahl möglicher äußerer Ereignisse (bzw. distaler Reize) zugrunde liegen kann, handelt es sich um ein unterspezifiziertes Problem. Keine noch so gründliche Analyse des proximalen Reizes allein ist in der Lage, eine eindeutige Lösung hervorzubringen.

Auf welche Art kommt also der eindeutige Wahrnehmungseindruck zustande, der uns die Dinge so aussehen lässt, wie sie aussehen? Wenn die vorliegende Sinnesinformation zur Bestimmung des distalen Reizes nicht ausreicht, so liegt der Gedanke nahe, dass weitere Informationsquellen zur Disambiguierung herangezogen werden. Geht man davon aus, dass es die vornehmliche Aufgabe der Wahrnehmung ist, aus dem vorliegenden proximalen Reiz den wahrscheinlichsten distalen Reiz zu konstruieren, so wird der Wahrnehmungsprozess zu einem anspruchsvollen Ratespiel, bei dem neben den vorliegenden sensorischen Informationen auch frühere Erfahrungen mit demselben oder ähnlichen Wahrnehmungskontexten mit einbezogen werden.

Theorie unbewusster Schlüsse Die Theorie unbewusster Schlüsse geht auf den Physiker und Physiologen Hermann von Helmholtz (1821–1894) zurück. Die Theorie nimmt an, dass sich der Wahrnehmungseindruck durch die Anwendung von Heuristiken (einfache Entscheidungregeln) ergibt, welche aus dem Vorwissen des Wahrnehmungssystems hervorgehen. Die Disambiguierung bzw. die Auflösung von Mehrdeutigkeiten erfolgt demnach in Form eines unbewussten Schlussfolgerungsprozesses anhand von impliziten Annahmen. Wir werden in Kapitel 7 näher auf Fragen der Wahrnehmungsorganisation und die Rolle unbewusster Schlüsse eingehen.

Nicht alle theoretischen Ansätze teilen die Annahme, dass Sinnesinformationen prinzipiell unzulänglich sind. Tatsächlich ist das oben beschriebene Beispiel des trapezförmigen Netzhautbildes insofern irreführend, als dass die beschriebene Vieldeutigkeit nur unter extremen Laborbedingungen zustande kommen könnte, bei denen statische Reize mit unstrukturierter Oberfläche verwendet werden. Unter natürlichen Bedingungen würden nicht nur weitere Informationen aus dem Netzhautbild selbst (z. B. der Texturgradient der Oberfläche des Türblatts), sondern auch aus weiteren Quellen zur Verfügung stehen, die es ermöglichen könnten, die Form des Objekts, dessen Größe und Lage im Raum festzustellen. Dabei ist insbesondere ein Vergleich der Szenerie aus einem veränderten Blickwinkel, wie er durch Eigenbewegung erreicht werden kann, von Bedeutung. Der von James J. Gibson (1904–1979) begründete ökologischer Ansatz betont dementsprechend die Reichhaltigkeit des Informationsangebots, insbesondere für aktiv explorierende Beobachter. So entstehen bei jeder Bewegung des Auges optische Flussmuster auf der Netzhaut, die in systematischer Weise von der räumlichen Struktur der Umgebung abhängen. Der ökologische Ansatz weist eine gewisse Radikalität auf, indem er annimmt, dass bestimmte Invarianten – Strukturmerkmale, die bei Eigenbewegung des Beobachters konstant bleiben – ohne weitere vermittelnde Prozesse wie unbewusste Schlussfolgerungen zur Handlungssteuerung genutzt werden können.

Empfindung und Wahrnehmung Eine in der Wahrnehmungsforschung traditionelle Unterscheidung wird mit dem Begriffspaar Empfindung – Wahrnehmung (sensation – perception) ausgedrückt. Dabei werden mit Empfindung zumeist elementare, von kognitiven Prozessen noch unbeeinflusste durch einen Reiz hervorgerufenen Bewusstseinszustände bezeichnet. Der Begriff Wahrnehmung hingegen wird für umfangreichere, in gewisser Weise organisierte Perzepte verwendet, die als Resultat aus der Weiterverarbeitung der Empfindungen aufgefasst werden. „Empfindung“ ist in diesem Zusammenhang also nicht als Verweis auf einen emotionalen Gehalt gemeint.
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis7
Kapitel 1 Einfu?hrung13
1.1 Wahrnehmung: Ein „Abbild der Außenwelt“?14
1.2 Wahrnehmung als bewusstes Erleben16
1.3 Grundkonzepte der Wahrnehmungspsychologie19
1.4 Wie hängt Wahrnehmung mit Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Handlung zusammen?23
Zusammenfassung25
Kapitel 2 Psychophysik: Messung der Wahrnehmungsempfindung27
2.1 Wahrnehmungsschwellen29
2.2 Die psychophysische Funktion33
2.3 Inneres Rauschen und Antwortvorlieben: Signalentdeckungstheorie39
2.4 Einfluss von Vorerfahrung und Interpretation49
Zusammenfassung52
Fragen52
Kapitel 3 Allgemeine Prinzipien sensorischer Systeme55
3.1 Der Weg ins Gehirn57
3.2 Informationsverarbeitung im Nervensystem61
3.3 Lern- und Anpassungsleistungen69
Zusammenfassung74
Fragen74
Kapitel 4 Das visuelle System77
4.1 Anatomie und Physiologie des Auges78
4.2 Die Neurone des Sehnervs84
4.3 Verlauf der Sehbahn88
4.4 Der primäre visuelle Kortex93
4.5 Höhere kortikale Verarbeitung100
Zusammenfassung103
Fragen104
Kapitel 5 Farb- und Helligkeitswahrnehmung105
5.1 Psychophysische Befunde: Der Farbraum107
5.2 Die Dreifarbentheorie111
5.3 Die Gegenfarbentheorie113
5.4 Rezeptorbasierte Farbfehlsichtigkeit117
5.5 Kontrast- und Adaptationsphänomene119
5.6 Konstanzphänomene122
Zusammenfassung128
Fragen128
Kapitel 6 Die Tiefe des Raums und die Größe der Objekte129
6.1 Raumwahrnehmung130
6.2 Größenwahrnehmung146
Zusammenfassung152
Fragen153
Kapitel 7 Organisationsprinzipien155
7.1 Figur-Grund-Trennung157
7.2 Gruppierungsfaktoren160
7.3 Ein u?bergeordntes Prinzip?167
7.4 Ergänzungsphänomene170
7.5 Minimum- und Likelihood-Prinzip172
7.6 Effekte des (äußeren und inneren) Kontexts175
Zusammenfassung186
Fragen187
Kapitel 8 Der Abgleich mit dem Gedächtnis: Muster- und Objekterkennung189
8.1 Grundfragen der Objekterkennung190
8.2 Schablonenvergleich193
8.3 Merkmalsanalyse195
8.4 Erkennen dreidimensionaler Objekte201
8.5 Gesichtererkennung210
Zusammenfassung215
Fragen215
Kapitel 9 Bewegungswahrnehmung217
9.1 Verarbeitung auf der physiologischen Ebene218
9.2 Bewegung des Netzhautbildes versus Objektbewegung224
9.3 Relativbewegungen227
9.4 Stroboskopische Scheinbewegungen229
9.5 Das Apertur-Problem235
9.6 Bewegung und räumliche Tiefe240
9.7 Biologische Bewegungen243
Zusammenfassung245
Fragen245
Kapitel 10 Auditive und somatosensorische Wahrnehmung249
10.1 Das auditive System250
10.2 Das somatosensorische System267
Zusammenfassung273
Fragen273
Kapitel 11 Wahrnehmung und Aufmerksamkeit: Selektive Reizverarbeitung275
11.1 Grundbegriffe276
11.2 Theorien der Reizselektion279
11.3 Visuelle Aufmerksamkeit285
11.4 Merkmalsintegration300
11.5 Aufmerksamkeitssteuerung: Der Einfluss von Verhaltenszielen und Reizereignissen303
Zusammenfassung307
Fragen308
Kapitel 12 Wahrnehmung und Handlung309
12.1 Wahrnehmung zur Handlungssteuerung311
12.2 Einfluss von Handlungen auf die Wahrnehmung329
Zusammenfassung332
Fragen333
Anhang335
Literatur337
Glossar353
Sachregister367

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