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Almanach Entwicklungspolitik 2016

Das Caritas-Jahrbuch zur humanitären Schweiz. Schwerpunkt: Mit Berufsbildung gegen Armut

AutorGeert van Dok, Hugo Fasel
VerlagCaritas Schweiz
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl250 Seiten
ISBN9783855921430
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis34,99 EUR
Der einführende erste Teil analysiert die Rolle der Berufsbildung in der Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung und umreisst ihren Stellenwert in der Entwicklungsagenda der Schweiz. Er hinterfragt dabei die Doktrin der dualen Berufsbildung als schweizerische Antwort auf die Bildungs- und Arbeitsmarktproblematik in den Entwicklungsländern und weist auf ihre verschiedenen Kontexte hin. Im Fokus des zweiten Teils stehen die unterschiedlichen Kontexte des Südens. Exponentinnen und Exponenten der Entwicklungszusammenarbeit sowohl aus dem Norden als auch aus dem Süden setzen sich an konkreten Beispielen mit ausgewählten Fragen der Berufsbildung auseinander. Dabei benennen sie entstehende Probleme und zeichnen ihre Lösungssuche nach. Die Autorinnen und Autoren des dritten Teils widmen sich der Frage, unter welchen Voraussetzungen Berufsbildung zu Armutsbekämpfung beitragen kann. Sie beschäftigen sich mit der Finanzierung der Berufsbildung für Arme, reflektieren die Übertragbarkeit des schweizerischen dualen Systems auf andere Länder, und analysieren das Potenzial und die Grenzen der privaten wie der staatlichen Akteure, in bestehende Bildungssysteme einzugreifen.

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Leseprobe

Ursula Renold


Verschiedene Gesichter eines Begriffs


Berufsbildung ist zum weltweiten Thema geworden. Zum einen sind der technologische Wandel und die Globalisierung mächtige Treiber von Qualifikationsänderungen1 und erfordern eine Adaption der Bildungskonzepte. Überdauernde Kompetenzen wie Problemlösen, Zusammenarbeiten im Team, selbständiges Arbeiten und vieles mehr sind im Vergleich zu Fachkompetenzen wichtiger geworden.2 Zum anderen realisieren viele Staaten, dass sie ihr Bildungssystem zu einseitig auf allgemeinbildende und akademische Programme ausgerichtet haben, deren Inhalte nur bedingt mit den Anforderungen der heutigen Arbeitswelt übereinstimmen. Die Folgen können ein «skills mismatch» oder Überqualifikation und Unterbeschäftigung sein.3 Hinzu kommt, dass die «Massenhochschulen» den Begriff «akademische Bildung» verwässert haben. Die Aufgabenteilung zwischen den eigentlichen akademischen (forschenden) Tätigkeiten und der Bildung im Hinblick auf eine Karriere in der Arbeitswelt verwischt sich.4 Für viele Hochschulabsolvierende sind Praktika zur Pflicht geworden, um fehlende Kompetenzen und Arbeitswelterfahrung zu erwerben.5 Solche Veränderungen rücken die Berufsbildung in den Fokus bildungspolitischer Debatten. Die Einsicht wächst, dass arbeitsmarktorientierte Curricula, Lernorte jenseits von Schulen sowie eine institutionelle Steuerung, die auch Akteure des Beschäftigungssystems miteinschliesst, zu effektiveren Lösungen führen. Da die Schweiz in dieser Hinsicht einen guten Leistungsausweis vorweisen kann, rückt ihr Modell in den Fokus. Wenn ausländische Delegationen das Schweizer Modell im Hinblick auf die Verbesserung der Situation der Jugend ihres Landes studieren, bricht nicht immer Euphorie aus. Das hängt damit zusammen, dass Eigenheiten eines nationalen Bildungssystems nicht einfach auf andere Länder übertragen werden können. Sadler erkannte dies bereits 1900: «A national system of education is a living thing, the outcome of forgotten struggles and difficulties, and ‹of battles long ago›. It has in it some of the secret workings of national live. It reflects, while it seeks to remedy, the failings of the national character. By instinct, it often lays special emphasis on those parts of training which the national character particularly needs. Not less by instinct, it often shrinks from laying stress on points concerning which bitter dissensions have arisen in former periods of national history.»6

Ohne profunde Kenntnisse des eigenen Bildungssystems sowie seiner Unterschiede zu jenen Ländern, die als Vorbild gelten, ist es schwierig, Verbesserungen zu erzielen. Hinzu kommt, dass die im nationalen Bildungsjargon verwendeten Begriffe «Berufsbildung», «Berufslehre» oder «Betriebslehre» soziale Konstruktionen sind, die den nationalen Charakter widerspiegeln. Auf dem Weg zu wirksamen Berufsbildungsreformen müssen deshalb die hinter den sozialen Konstruktionen liegenden abstrakten Funktionen aufgespürt und in einen analytischen Rahmen eingeordnet werden. Ziel dieses Beitrages ist es, die Funktionen und Formen der Berufsbildung zu erläutern und so einen derartigen Rahmen zu schaffen, der die Bedingungen für die Entwicklung wirksamer Berufsbildungssysteme aufzeigt.

Berufsbildung: Die soziale Konstruktion eines Konzepts


Der Begriff

Die Begriffsbestimmung von «Berufsbildung» erfolgt primär im nationalen Kontext und ist eine soziale Konstruktion, wie folgende Definitionen zeigen. «Berufsbildung bezeichnet jenen Sektor des Bildungssystems, der auf die Vermittlung von Qualifikationen und normativen Orientierungen für Berufstätigkeiten in abgegrenzten Funktions- und Positionsfeldern des Beschäftigungssystems gerichtet ist. Die heute übliche Verwendung des Begriffs schliesst die akademischen Ausbildungsgänge aus.»7 Die European Training Foundation definiert «Berufsbildung» wie folgt: «Bildungs- und Ausbildungsangebote, die Kenntnisse, Know-how, Qualifikationen und/oder Kompetenzen vermitteln, die für bestimmte berufliche Tätigkeiten oder allgemein auf dem Arbeitsmarkt benötigt werden.»8 Und das International Centre for Technical and Vocational Education and Training (UNEVOC) führt folgende Definition an: «Technical and Vocational Education and Training (TVET) is concerned with the acquisition of knowledge and skills for the world of work.»9

Während in der ersten Definition die Einordnung der Berufsbildung ins Bildungssystem zum Ausdruck kommt, ist dies bei den anderen Definitionen nicht explizit der Fall. Es wird vermutet, dass die erste Definition vom deutschsprachigen Verständnis ausgeht, in dem die Berufsbildung immer Teil des Bildungssystems ist. In anderen Ländern ist dies nicht unbedingt so. Oft werden dort auch Arbeitsmarktintegrationsprogramme als Berufsbildung bezeichnet. Gemeinsam ist allen Definitionen, dass Bildung im Hinblick auf den Arbeitsmarkt gestaltet werden soll.

Eine begriffliche Herausforderung stellen auch Übersetzungen ins Englische dar. So wird in der Schweiz «Berufsbildung» mit «Vocational and Professional Education and Training» übersetzt, um zum Ausdruck zu bringen, dass die Schweiz die Berufsbildung in berufliche Grundbildung («Vocational Education and Training», Sekundarstufe II) und höhere Berufsbildung («Professional Education and Training», Tertiärstufe) unterteilt.10 Analysiert man die sozialen Konstrukte der beruflichen Grundbildung, so steht das Konzept der Berufslehre im Zentrum, das meist mit «apprenticeship» ins Englische übersetzt wird. Die Berufslehrkonzepte der deutschsprachigen Länder sind vergleichbar, weil sie in das nationale Bildungssystem eingebettet sind, auf ähnlichen sozialpartnerschaftlichen Institutionen gründen und das Lernen in der Schule und am Arbeitsplatz verbinden. Sobald die «Apprenticeship»-Konzepte ausserhalb der deutschen Sprachregion in den Vergleich einbezogen werden, wird eine Analyse schwieriger, weil sie nicht auf vergleichbaren institutionellen Merkmalen gründen. Sung, Turbin und Ashton haben darauf hingewiesen: «The other issue which almost all of these approaches have to struggle with is that of the level of abstraction, namely the need to move beyond national specifics and the tension this creates in attempts to generate conceptual models which fit a number of countries but which also appear to be rooted in the experience of one specific country.»11

Das Berufskonzept

Schliesslich lassen sich die verschiedenen Gesichter des Begriffs «Berufsbildung» auch anhand des Berufskonzepts aufzeigen: «Der ‹Ausbildungsberuf› ist ein wissenschaftlich, gesellschaftlich und arbeitsmarktlich begründetes Konstrukt und eine im Konsens von Sozialpartnern und Staat vereinbarte Ordnungskategorie, mit deren Hilfe die Auswahl und Bündelung von Tätigkeiten und zugehörigen erforderlichen Qualifikationen vorgenommen wird.»12 Dabei wirkt der Arbeitsmarkt bei der Konstruktion eines Berufs konstitutiv mit. Georg dazu: «From a social science stance the concept of occupation is far more than merely a training model. The occupation is rather a ‹work-structuring institution›.»13 Nach Georg besteht in den meisten Ländern ein Berufskonzept. Es beschränke sich aber auf die akademischen Berufe wie Ärzte, Theologen und Anwälte, also solche, die grenzüberschreitend auf Akzeptanz bezüglich Inhalt und Zweck stiessen. Das Berufskonzept, wie es in Deutschland, der Schweiz und Österreich vorherrscht, unterscheide sich nicht in der arbeitsstrukturierenden Funktion, sondern im Abschluss. Es sei ein sehr wertvolles Mittel, um die Abhängigkeit gegenüber hierarchisch strukturierten Schulen und zu stark betriebsspezifischen Bildungsinhalten zu überwinden.14 Länder ausserhalb des deutschen Sprachraumes haben andere arbeitsstrukturierende Institutionen. In der angelsächsischen Welt ist es meistens der Betrieb. Im informellen Sektor der Entwicklungsländer ist es der Clan. Die Tabelle 1, Seite 42, gibt einen Überblick dazu.

Das Konzept der erwerbsstrukturierenden Institutionen verdeutlicht, dass ein Vergleich von Berufsbildungssystemen ohne funktionale Abstraktion kaum zu leisten ist. Insbesondere in Entwicklungsländern, die über einen ausgeprägten informellen Sektor 15 verfügen, in denen oft der Clan bestimmend ist, dürfte es schwierig sein, das Berufskonzept zu übernehmen, das auf einer ganz anderen Abstimmungs- und Steuerungsgrundlage zwischen einer formalen Arbeitswelt und den Akteuren eines Bildungssystems gründet. Es müssen also Formen und Funktionen identifiziert werden, die für die Berufsbildung konstitutiv sind und an denen sich die Reformpraxis orientieren kann.

Verbindung von Bildungs- und Beschäftigungssystem


Humankapitaltheorie

Die wichtigste Funktion der Berufsbildung ist jene, die sich auf die Humankapitaltheorie16 zurückführen lässt. Ein gutes Bildungssystem hat unter anderem Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln, die auf dem Arbeitsmarkt benötigt werden. Technologischer Wandel treibt die Veränderungen in der Arbeitswelt voran. Wollen Länder produktiv bleiben, müssen sie in Bildung investieren. Bildung verbessert die Integration in den Arbeitsmarkt und steigert Produktivität und Löhne.

Van de Werfhorst hat gezeigt, dass die Schweiz, Deutschland und die Niederlande mit ihren Berufsbildungsansätzen die Humankapitalfunktion besser erfüllen als Länder mit eher schwach entwickeltem Berufsbildungswesen wie die USA, Neuseeland oder skandinavische Staaten.17 Dies kann auch mit dem KOF-Jugendarbeitsmarktindex illustriert werden, der einen breiten Überblick über die Situation von Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren gibt.18...

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