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E-Book

Altern ohne Angst

Ein psychologischer Begleiter

AutorWolfgang Schmidbauer
VerlagEdel Elements
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl192 Seiten
ISBN9783955303273
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis2,99 EUR
Kaum ein Thema wird hierzulande so stark verdrängt wie das Alter. Geistig bleiben wir länger beweglich als körperlich. Aber irgendwann kann man sich nicht mehr über die Angst vor Krankheit, Schmerzen und Tod hinwegtäuschen. Von Humor bis zu Ablenkung reichen die Strategien, die Wolfgang Schmidbauer als Klärungshilfen zu den Problemen des Älterwerdens gibt.

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Leseprobe

3 Die Steuerung des Selbstwertgefühls


Eine weitgehend narrensichere Steuerung des Selbstgefühls ergibt sich für den Menschen nur dann, wenn er unter Lebensumständen existiert, die keine grandiosen Projekte erlauben, was die Zukunft bringen und was ich in Zukunft sein müsste. In dieser Situation kann niemand längere Zeit auf ein Minimum an Realitätsorientierung verzichten, ohne zu sterben.

Unser Organismus ist auf ein ganz anderes Leben zugeschnitten, als wir es in der Zivilisation führen können. Die menschliche Psyche bereitet uns auf ein Leben in steter Bewegung und engem Kontakt mit natürlichen Ressourcen vor. Von einer inneren Disziplin getragene, harte Arbeit ist etwas, das wir kulturell erworben haben und lernen müssen. (Der biblische Paradies-Mythos beschreibt diesen Schritt von der Altsteinzeit zur agrarischen Kultur auf seine Weise.)

Eine der zentralen psychologischen Fragen in der Zivilisation lautet: Was geschieht mit unserem narzisstischen System – unserem Selbstgefühl –, wenn nicht eine ebenso unbarmherzige wie letztlich auch gnädige Realität uns täglich mit den Folgen unseres Tuns konfrontiert? Denn der Mensch kann zwar weit in die Zukunft sehen und viel erkennen, was sich dort abspielen wird. Aber es fällt ihm unendlich schwer und misslingt häufig, dass er nach diesen Einsichten handelt. Solange uns die Realität eine Wahl lässt, folgen wir meist gegen unsere Einsicht den Triebwünschen. Die meisten unserer seelischen Probleme entstehen daraus, dass die Menschen, je mehr Kontrolle über die Natur sie gewinnen, desto weniger unmittelbare Rückmeldungen finden. Unsere Größenphantasien wuchern und treiben uns in Katastrophen. Diese wären unter den harten Bedingungen jener Epoche nicht möglich, in der unsere seelischen Strukturen entstanden sind. Ein Jäger und Sammler kann nicht untätig bleiben und hoffen, dass andere die richtigen Entscheidungen treffen und ihn gut versorgen. Er muss sich selbst um sein Überleben kümmern, oder er bleibt hungrig. So werden seine Größenphantasien immer wieder entleert und auf die Wirklichkeit abgestimmt.

Das Selbstgefühl speist sich aus Vorbildern, aber diese Vorbilder werden nicht kopiert, sondern verwertet, um aus ihnen einen eigenen Entwurf herzustellen. In traditionell bestimmten Umwelten ist dieser Entwurf der Realität nahe und von einfacher Bauart, eben weil auch die Welt enger und übersichtlicher ist. In der Moderne ist dieser Entwurf grandios und aus unendlich vielen Elementen kollagiert.

In unserem Modell vergleichen wir das Selbstgefühl mit einem jener tropischen Bäume, die Luftwurzeln treiben. So können ausladende Äste, die vom nächsten Sturm gebrochen würden, eine Stütze nach unten senden, die sich im Boden verankert und dazu beiträgt, dass die Äste weiter und weiter ausgreifen. Aber dieser Vergleich trifft nur auf Lebensläufe zu, in denen Expansion und Sicherung in einem stabilen Verhältnis zueinander stehen. Narzisstische Krisen treten dann auf, wenn entweder das grandios ausgreifende Selbstgefühl keine Stützen in der Realität findet oder solche Stützen wegfallen, ohne dass es gelingt, das entstandene Ungleichgewicht durch einen Prozess der Frontverkürzung und Gesundschrumpfung (der Trauerarbeit) zu beseitigen. Die Stützen unserer Grandiosität, die sie sozusagen alltagstauglich und wetterfest machen, haben vielerlei Gestalt. In ihrer ältesten Form sind es vielleicht Werkzeuge, Dinge, die ein Urmensch nicht nach Gebrauch fortgeworfen hat wie der Schimpanse den Prügel, mit dem er einen Leoparden verscheuchte. Waffen verleihen bis heute ein Gefühl der Sicherheit und der Überlegenheit. In den Heldensagen gibt es immer magische Schwerter, an denen jede andere Waffe zerbricht, Helme und Schilde, die unfehlbar schützen, Gürtel oder Ringe, die Zwölfmännerstärke verleihen. Sie sind der sprechende Beweis, wie sehr das Selbstgefühl der Stütze bedarf. Bereits in den Märchen und Sagen wird auch eine elementare Geschlechterteilung fassbar: Männer tragen einen Stärkezauber, um im Kampf zu siegen, Frauen aber einen magischen Gürtel, der jeden mit Liebe und Begehren erfüllt.

Eine weitere, sehr wesentliche Stütze des Selbstgefühls ist die Heimat. Unter diesem Begriff lassen sich alle vertrauten Eindrücke zusammenfassen, die um das Individuum, sobald es seine Umwelt wahrnehmen kann, eine Art Kokon aufbauen. Ein Verlust der gewohnten Umgebung ist ein sehr wesentlicher Risikofaktor für seelische Zusammenbrüche. Während die Heimatverluste auf allen Altersstufen das Selbstgefühl gefährden, werden später andere Stützen entwickelt, die Heimatverluste kompensieren können und mit der Leistungsfähigkeit des Individuums zusammenhängen. Eine dieser Stützen sind narzisstisch bestätigende Beziehungen – Freundschaft, Liebe, auch der Beifall der Menge oder die Anerkennung, welche die eigene Berufsarbeit findet. Beruflicher Erfolg kann über einen Mangel an Liebe hinweghelfen; Liebe über einen Mangel an Erfolg. Wem aber beide brüchig werden, der hat Mühe, sein Selbstgefühl aufrechtzuerhalten. Wer sich beklagt, dass seine Arbeit nicht genügend anerkannt wird, obwohl er eine gut bezahlte Anstellung hat, ist meist in seinem Liebesleben so enttäuscht, dass er den beruflichen Bereich narzisstisch überfordert.

In Lebenskrisen wird oft eine fatale Neigung deutlich, angesichts des Bruchs der einen Stütze die anderen so zu überfordern, dass auch diese brechen. Der arbeitslose Mann wird beispielsweise in seiner Liebesbeziehung derart mürrisch und weigert sich, seiner Partnerin auch nur die kleinste Hausarbeit abzunehmen, dass sie ihn bald nicht mehr trösten, sondern nur noch zusätzlich entwerten kann.

Nun ist der Aufbau des menschlichen Narzissmus komplizierter, als ihn unsere Metaphern zeigen. Stützen sind notwendig, aber sie können innen und damit unsichtbar oder außen und damit sichtbar sein. Wenn beispielsweise ein Mann von seiner Frau verlassen wird, büßt er in der Regel eine Stütze seines Selbstgefühls ein. Aber Männer reagieren sehr unterschiedlich auf diese Situation: manche mit heftigster Wut, andere mit Trauer, der eine ist vielleicht erleichtert, denn jetzt ist er das Schuldgefühl wegen seiner heimlichen Liebschaft los, der andere verzweifelt und suizidal.

Die mörderische Aggression, welche Trennungen gar nicht selten freisetzen, scheint eine Notfallreaktion, eine Rückkehr zu primitiver Gewalt, um den jetzt der Stütze beraubten Teil des Selbstgefühls daran zu hindern, die Stabilität des Ganzen zu gefährden. Auch die Soldaten in einer belagerten Festung sprengen das Vorwerk in die Luft, ehe es vom Feind eingenommen wird, obwohl sie es bis zur letzten Minute mit großen Opfern verteidigt haben.

Wenn manche Menschen diesen Schrumpfungsprozess so viel günstiger gestalten können als andere, liegt das an inneren Strukturen. Ein verlassener Mann, der sich selbst oder seine treulose Frau tötet, weil er sich der zentralen Stütze seines Selbstgefühls beraubt erlebt, hat keine innere Struktur, keinen Halt, der es ihm ermöglicht, das Geschehene einzuordnen. Das bedeutet, er kann das Scheitern einer Liebesbeziehung nicht von einer grundsätzlichen Entwertung seiner Liebesfähigkeit trennen. Das Selbstgefühl stützt sich nur zum Teil auf die Realität. Es basiert darüber hinaus auf dem Glauben an die Sicherheit und Beständigkeit dieser Realität.

Seine Struktur ist aus Phantasie und Wahrnehmung, aus Illusion und Realität gemischt. Der Traumatisierte verliert diesen Glauben, dass die Realität stabil ist. Er fürchtet sich jetzt dort, wo er sich einst sicher glaubte. Wer bestohlen wurde, sieht in jedem den Dieb, wer von einem Sexualpartner schwer gekränkt wurde, sieht in allen Männern und Frauen Betrüger. Extremtraumatisierungen wie die Folter lassen das Opfer, wie es Jean Améry beschrieben hat, nicht mehr heimisch werden in der Welt.

Die normale «Heilung» einer seelischen Verletzung sieht so aus, dass sich die Mischung aus Realitätswahrnehmung und Phantasie wieder aufbaut und gegenseitig festigt, aus der die Stützen unseres Selbstgefühls bestehen. Die Kraft zu dieser Regeneration reicht weit. Dieser Prozess lässt sich jedoch nicht erzwingen. Daher ist keine Metapher, die ein Mensch seiner Umwelt entnimmt, gefährlicher und problematischer als die von der Machbarkeit emotionaler Qualitäten. Liebe, Glück, Hoffnung, Weisheit, Kreativität können unter günstigen Umständen entstehen und wachsen. Aber machen können wir sie nicht – wir können nur die Einflüsse mindern, die ihrem Wachstum schaden.

Die individuelle Machbarkeit von Glück und damit auch die Idee der Schuld angesichts von Misserfolgen sind geistige Haltungen, welche das enorme Anwachsen der Depression in den modernen Gesellschaften begründen. In der depressiven Entwicklung bleiben dem braven Kind traumatische Erfahrungen erspart. Der potenziell Depressive sieht wohl, dass es solche Verletzungen gibt, aber sie treffen andere, die sich weniger bemühen als er. Die Illusion dahinter ist, dass durch Wendung der Aggression gegen die eigene Person – in der Form von Anpassung, Leistungshaltung, Vorwegnahme von Kritik – die Umwelt zuverlässig davon abgehalten werden kann, das Selbstgefühl zu verletzen. In der Tat hat der Depressive in der Schule Erfolg, die Eltern fühlen sich durch das brave Kind bereichert. Es kann durchaus so weitergehen, Karriere im Beruf, eine gute Ehe, wohlgeratene Kinder. Um den latent Depressiven herum gibt es Gewalt, Betrug, Menschen sterben an Krebs oder an Drogensucht. Er aber kann solche Gefahren ausgrenzen, sie meinen ihn nicht. Und solange sie ihn auch nicht tatsächlich treffen, weiß nicht einmal er selbst, dass er depressiv ist, er ist eben «ganz normal».

Aber wenn dieses Abwehrsystem verletzt wird, erkennt man seine...

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