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E-Book

analog und digital

schriften zur philosophie des machens

AutorOtl Aicher
VerlagErnst & Sohn
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl673 Seiten
ISBN9783433605912
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis21,99 EUR
Otl Aicher ist einer der herausragenden Vertreter des Modernen Designs. Was er seit den fünfziger Jahren, seit seiner Zeit in der von ihm mitbegründeten, inzwischen legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung, etwa auf dem Gebiet des Corporate Design geschaffen hat - erinnert sei hier nur an die Erscheinungsbilder für die Firma Braun, die Lufthansa, das Zweite Deutsche Fernsehen und die Firma ERCO -, gehört zu den ganz großen Leistungen der visuellen Kultur unserer Zeit. Ein wesentlicher Aspekt der Arbeiten von Aicher ist deren Verankerung in einer von Denkern wie Ockham, Kant oder Wittgenstein inspirierten 'Philosopie des Machens', die die Voraussetzungen und Ziele sowie die Gegenstände und Ansprüche von Gestaltung zum Thema hat. Aichers Schriften zu Fragen des Designs (wobei hier alle Bereiche der visuellen Gestaltung bis hin zur Architektur gemeint sind), liegen hier erstmals in geschlossener Form vor.

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Leseprobe

Einführung


von Wilhelm Vossenkuhl

Authentizität und eine fragwürdige Analogie


„Wie kommt es“, fragt Edward Young, „dass wir als Originale geboren werden und als Kopien sterben?" Der englische Poet aus dem 18. Jahrhundert ist darüber besorgt, dass wir als Individuen in der Gesellschaft unsere Unverwechselbarkeit verlieren. Wir passen uns den anderen Menschen, dem Geschmack der Zeit, aber auch dem Recht und der politischen Ordnung an. Am Ende wissen wir nicht, wer wir sind und was uns von allen anderen unterscheidet.

Diese Sorge um unsere Authentizität hat bis heute nicht nachgelassen. Authentizität ist eines der großen Themen der Moderne. Youngs Zeitgenosse Rousseau glaubt, wir könnten nur sinnvoll in der „Einheit des Lebens mit sich selbst“, in der Einheit mit der Natur existieren. Er schlägt zur Rettung der Authentizität ein neues bürgerliches Recht vor, das eine Lebensgemeinschaft an Stelle abstrakter Rechtsverhältnisse schaffen soll.

Wir können heute nicht recht nachvollziehen, wie wir in einer bürgerlichen Lebensgemeinschaft dem Ideal der Einheit mit der Natur gerecht werden sollen. Dennoch wirkt dieses Ideal noch immer faszinierend. Wir haben nicht aufgehört, nach ihm zu streben. Es hat in unserer ökologischen Epoche aber einen anderen Sinn als bei Rousseau.

Wir wollen heute auf dem kürzesten Weg zur Einheit mit uns selbst gelangen und unser authentisches Selbst nicht mehr auf dem Umweg über die Gesellschaft suchen. Wir streben nach dem direkten, konkreten Verhältnis zu unserer eigenen Natur und unserer natürlichen Umwelt. Die Gesellschaft und ihre Ordnung scheinen vom richtigen Verhältnis des Individuums zur Natur abhängig zu sein, nicht umgekehrt. Mit dem Bewusstsein von den ökologischen Gefahren tritt die natürliche vor die soziale Umwelt. Der lange zumindest politisch und rechtlich beachtete Vorrang der Gesellschaft vor den egoistischen Interessen des Individuums wird seit einiger Zeit in Frage gestellt. Zumindest in westlichen Gesellschaften herrscht seit einiger Zeit ein neuer Individualismus mit vielen Licht- und Schattenseiten.

Rousseaus Vorschlag erschien Lionel Trilling vor einem halben Jahrhundert reichlich abstrakt. Trilling meinte, unser Gefühl für Authentizität sei rauher, konkreter, extremer geworden (Das Ende der Aufrichtigkeit, Frankfurt a. M. 1983, S. 92). Als Trilling diese These in seinen Vorlesungen an der Harvard University vortrug, war sie gut nachvollziehbar. Seine damalige Skepsis Rousseau gegenüber ist heute wiederum schwer verständlich. Das Glück, das Rousseau als philosophisches Leben in seinen „Rêveries“ beschrieb, ist dagegen wieder zugänglich (Heinrich Meier, Über das Glück des philosophischen Lebens. Reflexionen zu Rousseaus Rêveries, München 2011).

Das Bemühen um Einheit mit der Natur und nach einem authentischen, gleichzeitig glücklichen Selbst ist angesichts der ökologischen Gefahren unter Zeitdruck geraten. Kein Wunder, dass wir unter diesem Zeitdruck immer ungeduldiger werden. Mit der Ungeduld wächst auch die Unduldsamkeit gegenüber den – tatsächlichen oder vermeintlichen – Verursachern dieser Gefahren. Diese Ungeduld ist jedoch selbst ein Symptom und nicht nur eine Folge der Krise des Verständnisses von uns selbst und unserer Einheit mit der Natur.

Die Krise ist nicht nur älter als die ökologische. Sie war denen, die – wie Rousseau – in der Aufklärung nach unserer Authentizität gefragt haben, bereits bewusst. Der Versuch, diese Krise zu lösen, führt aber in eine falsche Richtung. Im späten 18. Jahrhundert setzt sich nämlich – nach langer Vorbereitung durch Anatomie und frühe biologische Forschung – der Gedanke durch, dass das Organische das Natürliche sei.

Wie irreführend dieser Gedanke im Hinblick auf unser Selbstverständnis und unser Verhältnis zur Natur ist, lässt sich zunächst nicht erkennen. Vielleicht hat er deswegen bis heute kaum etwas von seinem Einfluss eingebüßt. Er begegnet uns in der Kritik an der modernen Technologie ebenso wie in der Literatur. Was macht diesen Gedanken so plausibel?

Ein Organ ist ein Ganzes, auch wenn es Teil eines größeren Zusammenhangs mit anderen Organen ist; es spielt eine unverwechselbare und unersetzliche Rolle. Ein anschaulicheres Bild der Authentizität als das Organische lässt sich schwerlich finden. Es vermittelt den Gedanken, dass das Authentische natürlich gewachsen sein muss, dass es nicht künstlich hergestellt sein darf.

Die ersten Kritiker des Zeitalters der Maschine im frühen 19. Jahrhundert, Carlyle und Ruskin, bedienen sich der Analogie zwischen dem Authentischen und Organischen. Sie sehen im mechanischen Prinzip der Maschine eine Gefahr für die Authentizität des Menschen. Alles, was der Mensch selbst mit technischen Hilfsmitteln schafft, ist in ihren Augen künstlich hergestellt und deswegen nicht authentisch. Auch die Kunst muß sich, wenn sie Authentisches schaffen will, so meinen sie und die Romantiker des 19. und 20. Jahrhunderts, am Organischen orientieren. Wer übrigens meint, dass Carlyles und Ruskins Skepsis der Maschinenwelt gegenüber lange her und längst obsolet ist, irrt. Erst jüngst können wir Zeugen einer nicht weniger vehementen Kritik am Maschinen- und Wissenschaftszeitalter werden, in Michael Oakeshotts Tagebüchern (Michael Oakeshott, Notebooks 1922–1986, ed. by Luke O'Sullivan, Exeter 2014). Auch Oakeshott ging es indirekt um die Analogie zwischen dem Authentischen und dem Organischen in Gestalt dessen, was unsere integre, von nichts und niemandem verbogene Natur als Menschen ausmacht. Er sprach vom „Terrorismus der Wissenschaft“ („terrorism of science“) und wendete sich gegen einen oberflächlichen Fortschrittsglauben, der unsere Natur verändert. Wie Ruskin glaubte er, dass die Kommerzialisierung des Lebens, die Industrialisierung und das Geld der Fluch unserer Tage seien. Dies alles lenke uns von unserem eigentlichen Selbst ab. Die Frage nach der Analogie zwischen dem Authentischen und dem Organischen ist offenbar nicht veraltet. Was ist aber fragwürdig an dieser Analogie?

Fragwürdig an der Analogie ist, dass sie uns aufgrund einer kleinen Metamorphose irreführt. Denn das Organische verändert unversehens seine Bedeutung. Aus der Analogie, aus dem Bild für das Authentische wird plötzlich ein Vorbild, eine Art Ideal. Es erscheint so abstrakt wie Rousseaus Ideal der Einheit mit der Natur in Trillings Augen. Rousseaus Ideal ist aber alles andere als abstrakt, weil es mit der Idee der Freiheit verbunden ist. Der Mensch kann sich selbst bestimmen, das ist Rousseaus Botschaft. Die Freiheit ist ein aktives Prinzip, das die Suche nach der Einheit mit der Natur in der Gesellschaft lenkt. Der Mensch ist Gestalter seiner eigenen Identität.

Das Organische ist kein Vorbild aktiver Selbstbestimmung. Es verurteilt den Menschen eher zu Passivität und Fremdbestimmung. Wir wissen nicht einmal, was wir tun sollen, wenn wir uns an dem orientieren, was organisch ist, abgesehen vom Einkauf in Bioläden natürlich. Die Analogie zwischen Authentischem und Organischem ist fragwürdig, weil sie suggeriert, dass wir in der organischen Struktur der natürlichen Umwelt unsere eigene Natur entdecken können. Unsere Natur und unsere Einheit mit der natürlichen Umwelt bestimmen und gestalten wir aber selbst, wenn überhaupt. Deshalb sind wir auch für unsere eigene Natur und die Umwelt verantwortlich.

Wissen und Machen


Die Selbstbestimmung und die Gestaltung der Natur und der Lebenswelt bleiben abstrakte Ziele, solange wir nicht wissen, wie wir sie verwirklichen können. Welche Art von Wissen benötigen wir, um uns selbst zu bestimmen? Es gibt zwei Arten des Wissens, die in Frage kommen. Das eine ist das Wissen eines Plans, der vorschreibt, wie das Ziel der Selbstbestimmung erreicht werden kann. Das andere ist ein Wissen, das sich im Lauf der konkreten Selbstbestimmung erst entwickelt. Ersteres nennen wir theoretisches, letzteres praktisches Wissen. Im einen Fall liegt das Ziel fest, bevor es erreicht wird, im anderen konkretisiert sich das Ziel erst auf dem Weg zu ihm.

Beide Arten des Wissens kennt bereits Aristoteles. Ihm ist allerdings zweierlei fremd, die Idee der Selbstbestimmung und die Vorstellung, daß der Mensch sich selbst herstellen, sich selbst machen kann. Daher hat es keinen Sinn, seine Auffassungen des theoretischen und praktischen Wissens auf die spezifisch moderne Idee der Selbstbestimmung zu übertragen. Wir müssen sehen, wie in der frühen Moderne, in der die Idee der Selbstbestimmung entstand, theoretisches und praktisches Wissen verstanden wurde.

Das moderne Verständnis des theoretischen Wissens prägte vor allem Descartes, das des praktischen Wissens Vico. Für Descartes bedarf die Bestimmung des eigenen Selbst keiner Erfahrung. Das Ich hat für ihn keine Geschichte. Es ist eine zeitlose und raumlose Substanz, die wir nicht bezweifeln können. Wann immer ich an etwas zweifle, weiß ich, dass ich es bin, der...

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