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E-Book

Anders als die anderen

Was die Seele unserer Kinder krank macht

AutorFranz Joseph Freisleder, Harald Hordych
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl256 Seiten
ISBN9783492967228
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Jedes Kind kann es treffen. Nicht nur solche aus Risikofamilien, sondern auch Kinder aus intakten Elternhäusern können Opfer seelischer Erkrankungen werden. ADHS und Schizophrenie, Depressionen und Essstörungen sind Ausdruck schwerer psychischer Störungen. Doch ebenso gibt es 'normale' kindliche Verhaltensweisen, die Eltern zwar nerven mögen, aber mit Verständnis und Geduld wie von selbst wieder verschwinden. Franz Joseph Freisleder erzählt anschaulich und mit großem Einfühlungsvermögen aus seiner jahrzehntelangen Praxis als Kinder- und Jugendpsychiater. Gemeinsam mit dem Journalisten Harald Hordych hat er Schlüsselfälle entwickelt, die zeigen, worauf es ankommt. Seine Botschaft an die Eltern: Jedes Kind hat eine echte Chance im Leben - sofern man sich der Gefährdung bewusst ist, gemeinsam mit seinem Kind kämpft und ihm hilft, wann immer es Hilfe braucht.

Professor Dr. med. Franz Joseph Freisleder, geboren 1956, ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Seit 1986 arbeitet er am kbo-Heckscher-Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, seit 1997 leitet er diese Einrichtung, die zum Kommunalunternehmen Kliniken des Bezirks Oberbayern gehört, als Ärztlicher Direktor. Das Klinikum mit seinem Stammhaus in München und derzeit sieben weiteren Standorten ist eines der größten Zentren für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland und Akademisches Lehrkrankenhaus der Ludwig-Maximilians-Universität.

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Leseprobe

Haus mit Blick auf den See


Charlotte, 16. Anorektische Essstörung

Das erste Geräusch des Tages, das in dem großen Haus im oberbayerischen Herrsching am Ammersee zu hören ist, ist wie jeden Morgen Charlottes Wecker.

Eigentlich ist es kein Wecker, es ist ein Radio, das Punkt 6 Uhr angeht, der Tag beginnt mit Bayern 3. Charlotte, 16, steht sofort auf und geht ins Bad. Dort stellt sie sich, noch ehe ein Tropfen Wasser ihr Gesicht berühren kann, auf die Waage. Dann wäscht sie sich das Gesicht, kämmt die langen, schwarzen Haare. Der Trainingsanzug liegt auf einem der weißen Stühle in ihrem Zimmer mit dem herrlichen Blick auf den See. Sie hat ihn schon am Vorabend bereitgelegt. Unter dem Stuhl stehen ihre weißen Laufschuhe, die vor Sauberkeit leuchten, obwohl Charlotte sie jeden Tag anzieht. Charlotte verlässt das Haus, zieht leise die Tür zu. Sie läuft die Straße hinunter Richtung Uferpromenade. Charlotte ist eine gute Läuferin, wie jeden Morgen fühlt sie sich mit jedem Schritt besser, die Müdigkeit verfliegt, vor allem aber die Traurigkeit, die Charlotte jeden Morgen beim Aufstehen spürt wie ein zu enges Kleidungsstück, das sie im Bad nicht ablegen kann. Das an ihr haften bleibt, bis sie zu laufen beginnt und sie nicht mehr das quälende Gefühl hat, zu schwer zu sein, mit sich ein Gewicht herumschleppen zu müssen, das ihr keiner abnehmen kann. Nur das Laufen hilft, nur die Bewegung, die Gewissheit, mit jedem Schritt Fett zu verbrennen.

Nach dem halbstündigen Frühsport duscht Charlotte. Zu diesem Zeitpunkt sind auch ihre Mutter und ihre Schwester aufgestanden. Ihr Vater schläft noch, auch wenn ihm der Arzt geraten hat, den alltäglichen Rhythmus seiner Familie zu teilen.

Charlotte geht in ihr Zimmer und zieht die Kleidungsstücke an, die sie am Vorabend auf einen anderen Stuhl bereitgelegt hat. Wenn man jeden Morgen eine Stoppuhr mitlaufen lassen würde, dann könnte man sehen, dass Charlotte auf die Minute genau zur immer gleichen Zeit – um 7.10 Uhr – die Küche betritt. Die Haare legen sich wie eine zweite Haut um das schmale Gesicht, aus dem zwei große dunkle Augen schauen. »Guten Morgen«, sagt sie und blickt auf die Uhr an der Wand, als wäre sie zu spät dran, so wie sie jeden Morgen auf die Uhr sieht, als wäre sie zu spät dran und als hätte sie eigentlich keine Zeit mehr fürs Frühstück.

Charlotte besucht die zehnte Klasse des Herrschinger Gymnasiums. Charlotte ist eine ausgezeichnete Schülerin. In vielen Fächern zählt sie zu den Besten ihrer Jahrgangsstufe: Englisch, Latein, Französisch, Deutsch, aber auch Mathematik und Physik. Selbst in den Fächern, die sie selbst zu ihren schwächeren zählt, gehört sie zum besten Drittel ihrer Jahrgangsstufe. Eine Punktzahl im Zeugnis, die einer Zwei entspricht, ärgert Charlotte so sehr, dass sie ihre ganze Energie darauf verlegt, auch in diesem Fach eine Eins zu bekommen. Charlotte bezeichnet sich selbst als Perfektionistin. Sie hasst Unordnung, Schlamperei, Ungenauigkeit und Schwachheit. Etwas nicht gleich zu können ruft Ungeduld und Ärger bei ihr hervor. Charlotte möchte ein perfektes Leben führen. Und deswegen ist es für sie eine Selbstverständlichkeit, dass sie nicht nur eine perfekte Figur macht, sondern auch eine perfekte Figur hat. Denn alles andere, jedes noch so winzige Fettpolster, hieße, sich auf eine unerträgliche Weise gehen zu lassen.

»Hast du gut geschlafen, Lotte?«, fragt ihre Mutter. Ihre Stimme klingt belegt vor Besorgnis, auch wenn sie sehr darum bemüht ist, genau diesen Tonfall um alles in der Welt zu vermeiden.

Charlottes Schwester Regina starrt ostentativ auf ihren Teller, auf dem eine dick mit Butter beschmierte Semmel liegt. Regina ist 17 und wird nächstes Jahr Abitur machen. Sie ist ebenso groß wie Charlotte und hat kurz geschnittenes braunes Haar. Sie leckt sich über die Lippen und schmiert genüsslich Honig aufs Brötchen.

»Kohlenhydrate, Fett und Zucker – das wird dir deine Taille nie vergessen«, sagt Charlotte zu ihrer Schwester. »Die Haut vergisst keinen Sonnenstrahl. Und die Taille keine Kalorie.« Und dann lässt sie, ohne dabei ihre Mutter anzuschauen, ihren Blick suchend auf der Küchenzeile entlangwandern.

»Suchst du etwas, Schatz?«, fragt die Mutter, die einen Morgenmantel trägt, der sehr geschmackvoll den Ton ihrer ebenfalls dunklen Haare aufgreift. Sie sieht erschöpft aus, obwohl sie, wie jeden Abend, früh schlafen gegangen ist.

»Ich suche nur das Diätbrot.«

»Aber das steht doch auf dem Tisch«, sagt die Mutter und deutet mit einer fahrigen Bewegung auf ein Brotkörbchen.

»Schon ausgepackt?«

»Aber warum denn nicht?«, fragt die Mutter.

»Du sollst dir doch keine unnötigen Umstände machen. Ich habe morgens so gut wie keine Zeit mehr. Eigentlich muss ich sofort los. Das weißt du doch, Muttchen.«

Die Mutter starrt auf die Küchenuhr.

»Aber es ist doch noch nicht mal Viertel nach.«

»Ich mach mir ein Müsli, das geht schneller«, sagt Charlotte. Dann reißt sie die Kühlschranktür auf und hält inne. »Wisst ihr was, ich hole mir schnell eine belegte Semmel vor der ersten Stunde. Wenn ich noch Zeit habe.«

»Du hast noch ganz viel Zeit«, sagt Regina.

»Pass lieber auf, dass du nicht so pummelig wirst, wie ich es früher war!«

»Wer war denn pummelig?«

»Ich. Das hast du doch immer zu mir gesagt: Pummelchen.«

»Aber Charlotte«, ruft die Mutter, es klingt kläglich. Hilflos, als würde sie den Arm nach jemandem ausstrecken, der zu weit von ihr entfernt steht. Da hat Charlotte schon die Küche verlassen und das Haus. Ihre große Tasche hat sie sich energisch über die Schulter geschwungen. Sie hat sich diese Gesten von ihrer Schwester abgeschaut. Sie weiß genau, wie sie die Rolle der selbstbewussten jungen Frau spielen muss. Aber kaum ist sie allein, befällt sie eine tiefe, ihr selbst unerklärliche Traurigkeit, sie sieht in ihrem Auftreten keinen Sinn, ihr Kopf sinkt nach vorn, sie starrt auf den Bürgersteig, während sie auf den Bus wartet. Die anderen Mädchen, die ihr an der Haltestelle begegnen, vermeiden es, sie anzusprechen. Charlotte weiß das. Aber obwohl sie darunter leidet, versucht sie nicht dagegen anzukämpfen, sondern ist am Ende froh, dass sie sich nicht unterhalten muss. Es strengt sie nur an, sich auf belangloses Gerede konzentrieren zu müssen, statt einfach ihren Gedanken nachhängen zu können. Zum Beispiel der Frage, wie viel Kalorien sie heute schon zu sich genommen hat. Im Bus setzt sie sich ganz nach hinten und starrt nach draußen, während einige Bekannte einsteigen. Sie tut so, als sähe sie sie nicht. Manchmal nimmt sie auch ein Buch und versteckt sich dahinter.

In der Schule hat Charlotte dann doch keine Zeit mehr, sich etwas zu essen zu kaufen. Zum Glück kann sie sich aber noch ein Mineralwasser besorgen. Sie stürmt mit schnellen Schritten in den Klassenraum. Die sechs Stunden vergehen wie im Flug. Charlotte ist sehr konzentriert. Ihre Textanalyse zu einer Erzählung von Kleist wird gelobt. In der großen Pause bleibt sie im Klassenraum, um für Kunsterziehung einen Abschnitt über die Präraffaeliten nachzulesen. Als sie einmal ein starkes Hungergefühl verspürt, isst sie ein Stück Diätbrot, das noch in ihrer Tasche steckt. Das Hungergefühl ist sofort weg, stattdessen beschleicht sie ein schlechtes Gewissen. Sie hat sich gehen lassen. Naschen wie ein Vorschulkind.

Gegen halb zwei kommt Charlotte nach Hause. Von der Bushaltestelle zum Haus braucht sie nur fünf Minuten. Am liebsten wäre sie wieder gelaufen, aber ein bleischweres Gefühl von Müdigkeit hat sie davon abgehalten.

Als sie aufsperren will, öffnet ihr Vater von innen die Tür. Er trägt ein Hemd und eine Cordhose und, was ihr besonders missfällt, Pantoffeln. Nach wie vor ist für sie der Anblick ihres Vaters in Pantoffeln kaum zu ertragen. Seitdem er die Kündigung bekommen hat, ist er die ganze Woche zu Hause – was er früher nie war. Früher ist er nur am Wochenende und in den Ferien bei der Familie in Herrsching gewesen. Nun ist er den ganzen Tag im Haus. Und dort trägt er Pantoffeln. Wenn er wenigstens Lederpantoffeln trüge, Slippers, aber zum Leidwesen seiner Tochter trägt er karierte Wollpantoffeln, die er sich vor drei Monaten selbst gekauft hat. Sie seien wärmer als die Slippers, sagt er. Seitdem er sich viel im Haus aufhalte, wisse er, dass der teure Fliesenboden im Sommer kalt sei. Charlotte erträgt diese Pantoffeln nicht. Was sie freilich noch weniger erträgt, ist das Gesicht über diesen Pantoffeln, dieser traurige, suchende Blick aus einem Gesicht, das sie eigentlich anschauen will, aber auf das sich zu konzentrieren sie nicht schafft. Früher hat er sie auch nicht viel angeschaut. Aber wenn ihr Vater am Wochenende aus Hamburg zurückgekommen war, hat er sie plötzlich – irgendwann – genau ins Visier genommen und mit einer Konzentriertheit und Willenskraft, die er immer ausgestrahlt hat, gefragt: »Wie läuft’s in der Schule, meine Amazone?« Das war der Scherz, in den er sein Fordern und seine Ungeduld wie in Geschenkpapier eingeschlagen hat. Meine Amazone. Charlotte hat sich ihrem Vater nie näher gefühlt als in diesen Augenblicken, wenn sie seinen forschenden, kühlen, auf sie gerichteten Blick – dicht wie ein Energiestrahl – gespürt hat, wenn sie in diesen Blick eintrat und sagte: »Zwei Einser, einen in Latein und einen in Mathematik.«

»Sehr gut!«, hatte ihr Vater dann gesagt und gelacht. Das sei ja wohl auch das Mindeste. Oft ist er dann gleich wieder im Keller in seinem Büro verschwunden. Er hatte sich Arbeit aus Hamburg mitgebracht. Das machte er so lange,...

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