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E-Book

Anno Domini

Ein Who's Who zu Jesu Zeiten

AutorGeza Vermes
VerlagBastei Lübbe AG
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl336 Seiten
ISBN9783838700168
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Albert Schweitzer erklärte die wissenschaftliche Suche nach dem historischen Jesus zu einer unerfüllbaren Aufgabe. Die meisten Forscher sehen heute dagegen die Existenz von Jesus als eindeutig erwiesen an. Jesus sowie die Bewegung, die ernach sich zog, waren wesentliche Bestandteile der jüdischen Gesellschaft im 1. Jahrhundert. Jüdische und griechisch-römische Einflüsse haben aufeinander eingewirkt und den Nährboden erschaffen, aus dem das Christentum erwuchs. Und imMittelpunkt dieser Entwicklung standen die Menschen, die in diesem Buch vorgestellt werden.Die über 130 Kurzbiografien aus Alltag, Politik und Religion werden außerdem durch einen kurzen Abriss der jüdischen Geschichte von 63 v. Chr. bis135 n. Chr., einer Karte von Palästina, Ahnentafeln, einer römisch-jüdischen Zeittafel sowie einem kurzen Glossar ergänzt.

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Leseprobe

WHO’S WHO


A


ABBA HILKIA

Abba Hilkia war ein charismatischer Regenmacher, der Enkel von *Honi dem Kreiszeichner und vermutlich ein älterer Zeitgenosse von *Jesus. Die talmudischen Schriften enthalten keine Details über sein Leben. Wenn er aber tatsächlich mit dem ungenannten Chassid aus Kefar Imi identisch war, der im Jerusalemer Talmud (auch Palästinensischer Talmud genannt) erwähnt wird, dann würde zumindest die Lage dieses Dorfes bedeuten, dass er Galiläer war. Nur eine einzige Anekdote über ihn hat überlebt, doch allein die ist ungemein interessant und aussagekräftig.

Abba Hilkia war ein schlichter und offenbar ungeselliger Mann vom Lande. Während einer Dürrezeit schickten die Rabbanan zwei Abgesandte zu ihm, die ihn anflehen sollten, dass er um Regen beten möge. Sie fanden ihn beim Pflügen auf dem Feld. Er aber beachtete die Boten nicht, beendete seine Arbeit, ging barfuß nach Hause und setzte sich zu Tisch, ohne den Männern etwas anzubieten. Das Essen im Haus reichte nicht für Gäste. Nach dem Mahl bat er seine Frau, noch immer ohne Notiz von den beiden Schülern zu nehmen, mit ihm auf das Dach des Hauses zu steigen und um Regen zu beten. Er kannte den Grund ihres Kommens, ohne dass er ihm mitgeteilt worden war. Abba Hilkia sprach von der einen Ecke des Daches zu Gott, seine Frau von der anderen. Dass die Wolken dann »zuerst von der Seite der Frau« kamen, legt nahe, dass ihr Gebet größere Wirkungskraft hatte. Nachdem das Wunder vollbracht war, fragte Abba Hilkia die beiden Boten endlich nach dem Grund ihres Kommens, und als sie ihn nannten, erwiderte er bescheiden, dass sein Gebet nun ja offensichtlich nicht mehr gebraucht würde. Doch die beiden angehenden Rabbanan ließen sich nicht zum Narren halten: »Wir wissen, daß der Regen wegen des Meisters gekommen ist.«

Diese Geschichte illustriert auf wunderbare Weise die Psychologie des Charismatikers: Er war geradezu übertrieben bescheiden und wusste im Voraus, was die Menschen von ihm erwarteten. Er schrieb sich das vollbrachte Wunder nicht selbst zu, sondern tat so, als sei der Regen dem Gebet seiner Frau zu verdanken oder als hätten sich ohnedies gerade Wolken zusammengebraut und sein Bittgebet sei deshalb gar nicht mehr nötig gewesen. Die beiden Abgesandten, die hier für die typischen Durchschnittsjuden der damaligen Zeit stehen, bezweifelten jedoch keinen Moment, dass Abba Hilkia das Wunder vollbrachte. Die Anekdote erinnert an die vielen Passagen in den Evangelien, die bezeugen, dass Jesus die Heilung eines Kranken nicht seinen eigenen charismatischen Kräften, sondern dem Glauben des Genesenen zuschrieb. (Quelle: bTaan 23ab)

AGABUS

Agabus war ein charismatischer Judenchrist und Prophet, der im Neuen Testament zwei Mal im Zusammenhang mit *Paulus erwähnt wird. In der ersten Passage heißt es, er sei mit anderen Propheten nach Antiochia gekommen und habe dort geweissagt, dass eine große Hungersnot über die Erde kommen werde. Tatsächlich brach zur Herrschaftszeit von Kaiser *Claudius eine Hungersnot aus. Auch *Josephus vermerkt, dass in Judäa Hunger herrschte, als Tiberius Iulius *Alexander Prokurator war (46–48 n.d.Z.). Der zweite prophetische Auftritt von Agabus hing mit Paulus’ Ankunft in Caesarea zusammen, wenige Tage vor seiner Verhaftung im Jahr 58 n.d.Z. Der Prophet sei von Judäa herabgekommen, habe den Gürtel des Apostels genommen und sich damit Füße und Hände gebunden, um das Schicksal seines Besitzers zu deuten, und dann geweissagt, dass dieser von Juden gefesselt und »den Heiden« ausgeliefert würde. (Aus Sicht des Autors der Apostelgeschichte war weder Agabus noch Paulus Jude; grundsätzlich als Juden bezeichnete er dafür all ihre Feinde.)

Die Geschichte des Abakus ist nicht ungewöhnlich. Weissagungen und andere charismatische Handlungen gab es zur Zeit des entstehenden Judenchristentums in Palästina zuhauf: Wunderheilungen oder die sogenannte Zungenrede, die erstmals während des Pfingstereignisses bei den Aposteln beobachtet wurde, an späterer Stelle des Neuen Testaments auch bei den Hausangehörigen des römischen Zenturio *Cornelius oder bei den vier unverheirateten Töchtern des Diakon *Philippus und schließlich auch bei den nichtjüdischen Mitgliedern der von Paulus gegründeten Korinther Kirche (1 Kor. 12,10; 14,1–25). Agabus war also ein typischer Vertreter des Urchristentums. (Quellen: Apg 11,28 u. 21,10. Josephus, AJ 20,5.101.)

AGRIPPA I.

Agrippa (Herodes Agrippa) war der Spross von *Aristobulos, dem hingerichteten Sohn von *Herodes dem Großen, und *Berenike, der Tochter von Herodes’ Schwester *Salome und deren drittem Ehemann Kostobar, der ebenfalls von Herodes hingerichtet worden war. Agrippa wurde im Jahr 10 v.d.Z. geboren und im Alter von sechs Jahren von seinem Großvater nach Rom geschickt, wo er über ein Vierteljahrhundert blieb, um eine angemessene Erziehung zu erhalten.

Bevor Agrippa im Jahr 37 n.d.Z. in die Levante zurückkehrte, um das Erbe des Tetrarchen *Philippos anzutreten und schließlich König von Judäa zu werden (41–44 n.d.Z.), führte er ein abenteuerliches Leben in den höchsten Kreisen Roms, das seine Verhältnisse weit überstieg. Er freundete sich mit Drusus an, dem Sohn von Kaiser *Tiberius, und nahm enorme Schulden auf, um mit dem Milieu der Oberschicht Schritt halten zu können. Doch mit dem Tod von Drusus verlor Agrippa die kaiserliche Protektion. Die Geldverleiher setzten ihn so unter Druck, dass er sich schließlich zur Flucht gezwungen sah. Eine Zeit lang verschwand er aus dem Blickfeld und zog sich in eine idumäische Festung zurück, wo er sogar an Selbstmord dachte. Seine Schwester *Herodias, die zu dieser Zeit mit *Antipas, dem Tetrarchen von Galiläa, verheiratet war, kam ihm zu Hilfe. Agrippa wurde ein Haus in der Residenzstadt Tiberias gestellt und der Posten eines Aufsehers der Märkte übertragen. Bald schon entzweite er sich mit seinem Schwager, verlor seinen Aufsichtsposten und fand Zuflucht bei seinem alten römischen Freund Flaccus, der zu dieser Zeit Statthalter der Provinz Syria war. Aber auch dieses Arrangement platzte, als Flaccus von der Unredlichkeit seines Gastes erfuhr. Mittels eines Kredits, den sich Agrippa auf dubiosen Wegen verschafft hatte, gelang ihm im Jahr 36 n.d.Z. die Flucht nach Italien, wo ihn Tiberius in seiner Residenz auf Capri willkommen hieß. Allerdings musste er sich erst von der Mutter des künftigen Kaisers *Claudius genügend Geld borgen, um seine hohen Schulden bei Tiberius zu begleichen. Derweil schmeichelte er sich auch bei Gaius *Caligula ein, doch nachdem er leichtsinnigerweise den Wunsch geäußert hatte, dass Tiberius seinen Platz möglichst bald für Caligula räumen sollte, und dem Kaiser von diesem erlauschten Gespräch berichtet worden war, landete Agrippa im Gefängnis.

Sechs Monate später, im Frühjahr 37 n.d.Z., starb Tiberius. Als Caligula den Thron bestieg, wandte sich Agrippas Schicksal sofort zum Besseren. Sein enger Freund, der neue Kaiser, befreite ihn nicht nur aus dem Kerker, sondern übergab ihm auch die Tetrarchie des Philippos und verlieh ihm den Königstitel. Als Entschädigung für seine Zeit im Gefängnis tauschte Caligula Agrippas Eisenkette gegen eine Kette desselben Gewichts aus purem Gold ein. Im Herbst des Jahres 38 n.d.Z. kehrte Agrippa in die Heimat zurück, um sein neues Königreich zu übernehmen. Zwei Jahre später überließ ihm sein kaiserlicher Freund auch Galiläa und Peräa, die einstigen Hoheitsgebiete des in Ungnade gefallenen Herodes Antipas. Im Jahr 40 n.d.Z. gelang es Agrippa, nun wieder in Rom, Caligula eine Weile lang von seinem Plan abzubringen, im Tempel von Jerusalem eine Bildsäule von sich aufstellen zu lassen. Nach der Ermordung des wahnsinnigen Kaisers zu Beginn des Jahres 41 n.d.Z. gelang es Agrippa, Claudius, der ebenfalls ein Freund aus Kindheitstagen war, den Kaiserthron zu sichern. Der neue Kaiser bedankte sich, indem er dem bisherigen Reich dieses vom Glück gesegneten, hochwohlgeborenen Abenteurers noch Judäa und Samaria angliederte. Zwischen 41 und 44 n.d.Z. herrschte Agrippa I. als König von Judäa über ein ebenso weitläufiges Reich wie einst Herodes der Große.

Auch als Herrscher trat Agrippa in die Fußstapfen seines Großvaters Herodes, indem er sich sowohl in den Dienst des Judentums als auch des Hellenismus stellen wollte. Soweit es das Judentum betraf, machte er sich besser als Herodes der Große. Bei vielen Gelegenheiten erwies er sich als frommer Jude. Anlässlich seines ersten Besuchs in Jerusalem stiftete er dem Tempel die Goldkette, die ihm Caligula übergeben hatte. Außerdem brachte er selbst regelmäßig Dankesopfer dar und unterstützte besonders fromme Juden, die sogenannten Nasiräer, damit sie ihren Opfereid einhalten konnten. Nach Darstellung der Mischna, dem ältesten Kern des talmudischen Gesetzes, nahm er überdies persönlich an der zeremoniellen Darbringung der Erstlingsfrüchte im Tempel teil und las am Ende des Sabbatjahres 42 n.d.Z. die vorgeschriebene Passage aus dem Deuteronomium. Auch *Josephus bezeugt Agrippas ständige Aufenthalte in Jerusalem, seine gewissenhafte Einhaltung des Mosaischen Gesetzes und seine Bereitschaft, Juden beizustehen, die außerhalb seines Herrschaftsgebiets lebten.

Die Pharisäer waren mit Agrippas Amtsführung zufrieden und betrachteten ihn trotz seiner idumäischen Vorfahren als ihren Bruder. Die Römer waren weniger glücklich. Claudius ließ die Befestigungsarbeiten an den Mauern, mit denen Agrippa Jerusalem uneinnehmbar machen wollte, sofort wieder einstellen. Und aus Sicht von Marus, dem römischen Statthalter von Syria, stand das von Agrippa in Tiberias organisierte Treffen der fünf verbündeten Könige den...

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