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Anteil des Redens an der Affenwerdung des Menschen

AutorDaniel H. Rapoport
VerlagDas Neue Berlin
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl256 Seiten
ISBN9783360501448
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Das Hirn stirbt den Redetod - Eine brillante Analyse der gegenwärtigen Sprachkultur Kann man über Geschmack streiten? Ist es eine Illusion, dass das Reden bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme hilft? Warum gibt es Brand-, aber keine Löschreden? Stimmt die gängige Auffassung, dass wir im Wettstreit der Meinungen zu rationaleren Urteilen gelangen? Daniel Rapoport untersucht unsere Kommunikationsgewohnheiten und schlägt dabei einen Bogen von Alltagsphänomenen bis hin zu philosophischen Fragestellungen. Seine Betrachtungen vereinen Wissen und Witz sowie die Präzision und Experimentierfreude eines Naturwissenschaftlers, der er von Haus aus ist, und sind höchst anregend, allgemein verständlich und absolut unkonventionell.

Daniel H. Rapoport, geboren 1971 in Berlin, studierte Chemie an der TU Berlin und entwickelt derzeit als Wissenschaftler Technologien zur Analyse und Vermehrung menschlicher und tierischer Zellen am Fraunhofer Institut (EMB) in Lübeck. Neben naturwissenschaftlichen Arbeiten veröffentlichte er Essays in Zeitschriften und Sammelbänden.

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Leseprobe

BLÖD, DASS WIR
DRÜBER GEREDET HABEN

oder:
ANTEIL DES REDENS
AN DER AFFENWERDUNG
DES MENSCHEN

Wie aus Vielfalt Einfalt wird

Rassismus ist ja eine Form von Dummheit. Soll jetzt mal kein Urteil sein, sondern eine Feststellung. Denn unzweifelhaft zeugt von Einfalt, alle Übel der Welt einer bestimmten Sorte Mensch anzulasten. Das wunderbare Wort »Einfalt« fasst den ganzen Unsinn wie kein anderes: Die mannigfachen Ursachen des Sich-so-Zutragens unserer Geschichte werden durch den Rassisten in eine einzige gefaltet: der Jude war’s, oder der Kanake, der Neger, der Muselmann.

Gewiss, es gibt Abstufungen der Schuldzuweisungen. Etwa, dass der Kanake nur Schuld auf sich lädt, wenn er in unser Land kommt, während der Jude auch dann Schuld hat, wenn er bleibt, wo er ist. Oder der Muselmann, der schlimmer ist als der Neger, weil er vorsätzlich brandschatzt und mordet, während sich dieser durch abnorme Schnakselsucht inklusive Kinder-in-die-Welt-Setzen eigentlich nur seiner dräuenden Altersarmut erwehren will. Und so weiter.

Schön blöd das alles, nicht wahr? Wie aber kommt es dann, dass so viele Menschen anfällig für solche oder ähnliche Stereotype sind? Selbst kluge Menschen, selbst Leute mit ansonsten unbestechlichem Verstand? Selbst Leute, die vielleicht täglich ganz normalen Umgang mit Juden oder Türken pflegen?

Am Grunde des Durchschauens rassistischer Stereotype nämlich verbleibt eine Frage, die meines Erachtens immer noch ungelöst ist. Sie lautet: Wie kommt es zu der seltsam vereinheitlichten Wahrnehmung einer gemischten Gruppe von Menschen durch eine gemischte Gruppe von Menschen? Welcher Mechanismus bewirkt, dass aus Vielfalt Einfalt wird?

Denn es scheint mir ganz unbestreitbar, dass jeder Mensch seine eigenen, ganz privaten Erfahrungen mit verschiedenen Menschengruppen macht. Einer kennt Türken aus seiner Schulzeit, ein anderer hat türkische Kollegen, einer kennt den Türken nur als Dönermann, einer wurde mal von einer Türkengang vermöbelt und eine hat einen türkischen Mann geheiratet und fährt nun jeden Sommer zu dessen Familie in die Türkei. Einer war zwei Jahre in Israel, um dort zu studieren, einer traut sich das Wort »Jude« nicht auszusprechen, weil er es für einen Pejorativ hält, einer hält Juden für notorische Genies, und einer kennt nur Michel Friedman.

Kurz, es existieren zu jeder gedachten oder tatsächlichen Gruppe eine Unmenge privater Erfahrungen, die sich alle voneinander unterscheiden. Sie spielen ganz eigene Rollen im Leben eines jeden Menschen. Manche dieser Erfahrungen sind vielleicht einschneidend, manche sind euphorisierend, manche traumatisierend, andere beiläufig oder alltäglich, und noch andere vergisst man sofort. Die Frage lautet: Wie wird aus diesem Reichtum unterschiedlicher Erfahrungen die Armut des vereinheitlichten Stereotyps hergestellt? Wie wird aus der Mischkultur tausender Geschichten die Monokultur der »Geschichte«?

Es wurden nun bereits eine Menge Vorschläge gemacht, wie diese Frage zu beantworten sei. Ein Beispiel ist die Antisemtismustheorie von Moishe Postone.2 Eine andere Theorie, die die Herausbildung von Stereotypen und irrationalen Vorurteilen erklären soll, hat mein Freund und Hirnteiler Felix Bartels in seinem Buch »Odysseus wär zu Haus geblieben«3 aufgestellt. Beider Theorien eint, dass sie das Herausdestillieren Stereotypen aus der Vielfalt der Erfahrungen als einheitlich fehlgeleitete Wahrnehmung erklären.

Das geht so: Schon beim Auffassen der Welt würde ein psychischer Mechanismuns wirksam, welcher das Wahrgenommene sozusagen ins falsche Töpfchen sortiere. Ein einfacher Vertreter dieser Art von Theorien wäre z.B. die Auffassung, Rassisten würden in der Regel an einem Minderwertigkeitskomplex leiden und deshalb ein geeignetes Objekt suchen, durch dessen Wahrnehmungsverkleinerung und -verhässlichung sie sich selbst erhöhten. Das ist nicht die ganze Theorie, aber ich gebe diese Auffassung so knapp, um anzudeuten, von welcher Art Theorien hier die Rede geht. Es geht um Theorien des Inhaltes, dass die private Wahrnehmung der Menschen so gesteuert wird, dass bereits an dieser Stelle, also an der Stelle der Wahrnehmung und Konstruktion von Wirklichkeit, die Vereinfältigung des Wahrgenommenen bis zu rassistischen Stereotypen stattfindet. Im Grunde also bestreiten diese Theorien die Vielfalt der Wahrnehmungen. Es ist, als hätten die Menschen getönte Brillen auf, welche die Farbigkeit der Welt in eine monochrome Tristesse verwandelten und Farbnuancen und -kontraste ganz unterschlügen. Die kausale Rolle dieser Brillen würde vom jeweiligen psychischen Mechanismus der Wahrnehmungssteuerung übernommen.

Postone beispielsweise bemüht den psychoanalytischen Vorgang der Übertragung, die gleich zweimal hintereinander statthabe. Einmal, indem die kapitalistischen Verhältnisse (sie sind das Wahrgenommene) auf ihre »abstrakte Erscheinungsweise« reduziert, und sodann, indem diese »abstrakte Erscheinungsweise« im Stereotyp des Juden konkretisiert bzw. personalisiert würde. Das klingt jetzt vielleicht krude, zumal in dieser gedrängten Darstellung. Aber der Leser mag mir hierin vertrauen, dass auch eine längere Erläuterung die eigentliche Krummheit des Gedankens nicht begradigte. Es wird wohl daran liegen, dass es krude ist.

Es gäbe nun viel an Theorien zu kritisieren, die eine vereinheitlicht fehlgeleitete Wahrnehmung als Mechanismus für die Herausbildung von Stereotypen nennen.

Eine erste Kritik wäre die faktische Unbeweisbarkeit der meisten Wahrnehmungs-Theorien. Wie nämlich wollte man empirisch belegen, in welcher Weise die Wahrnehmung – im Fall Postones beispielsweise der kapitalistischen Verhältnisse – beim durchschnittlichen deutschen Volksgenossen Mitte der 1930er erfolgte? Man hat ja keinen Hirnguckkasten. Auch an (ohnehin zweifelhaften) Selbstauskünften und Introspektionsprotokollen dieser Leute, die Rückschlüsse auf den Ablauf ihrer Wahrnehmungen zuließen, herrscht Mangel. Aber gut. Lassen wir diesen Einwand einmal unausgeführt und nur der Vollständigkeit halber angedeutet.4

Eine belangvollerer Vorwurf an Theorien vereinheitlicht fehlgeleiteter Wahrnehmungen ist ganz einfach die Unwahrscheinlichkeit der Behauptung, dass in allen Köpfen derselbe (mehr oder minder pathologische) Psychomechanismus am Werk sein soll. Die Grundfrage wird dadurch nicht gelöst, sondern nur verlagert. Sie währt als Frage nach der Einheitlichkeit einer Wahrnehmungsschwäche fort. Denn eigentlich würde man doch erwarten, dass die Wahrnehmungsverzerrungen einer Gruppe ungefähr genauso divers sein sollten wie die Erfahrungen, die sie in ihrem Leben gemacht haben. Mir zumindest erscheint nicht wirklich plausibel, dass die Majorität einer Generation mit einem Male an derselben Augenkrankheit leidet. Ich würde vermuten, dass es einer mit den Augen hat, ein anderer mit den Ohren und der nächste wieder an Magengrimmen und saurem Aufstoß leidet. Einer ist cholerisch, einer griesgrämig, einer argwöhnisch und einer langweilt sich immerfort. Wieso sollte man annehmen, dass in all diesen Leuten plötzlich derselbe Phantomschmerz auf dieselbe Weise und an derselben Stelle entsteht, sobald sie eines Juden oder Negers oder Kanaken gewahr werden?

Um Vergebung, aber ich glaube nicht an derley. Ich bleibe lieber bei dem Glauben, dass Wahrnehmung und Konstruktion der Lebenswirklichkeiten der Menschen so verschieden sind wie die Menschen, die sie wahrnehmen bzw. konstruieren. Ich bestreite die Einheitlichkeit des Wahrgenommenen.

Unsere Frage ist damit nicht aus der Welt, sondern lediglich leicht umformuliert. Sie lautet nun: Wie wird aus der Unterschiedlichkeit der vielen individuellen Wahrnehmungen die Einheitlichkeit des kollektiven Stereotyps? Und die Antwort, die ich hier entwickeln will, lautet: durch Kommunikation. Dadurch, dass wir drüber reden.

Drüberreden

Alle sagen, man »solle drüber reden«. Wenn man Probleme miteinander hat, zum Beispiel. Oder auch in der Gesellschaft. Da heißt es dann »gesellschaftlicher Dialog«. Über Flüchtlinge, zum Beispiel, müsse der »angeschoben« und möglichst »offen« geführt werden. Oder, wenn es ganz groß wird, zum Beispiel bei neuen Gesetzen, muss eine »gesamtgesellschaftliche Debatte« her. In jedem Fall sei es besser, miteinander zu reden, als beispielsweise aufeinander zu schießen oder ein Gesetz mit der Faust oder dem Schwert durchzusetzen. Sowas eben. Reden sei auch besser als Schweigen und Verdrängen.

Meinungen dieser Art hat jeder schon gehört. Und es ist ja auch, wie man so sagt, »was dran«. Dies und das ist dran – und ein Haken. Vom Haken am Drüberreden will ich, nunja, reden. Ich will erklären, dass rassistische Stereotype kollektiv (und nicht privat) geformte Handlungsgestalten sind und der Mechanismus im Kollektiven genau die – üblicherweise für segensreich gehaltene – »gesellschaftliche Debatte« ist. Mein Thema ist die Verblödung durch Drüberreden.

Gut. Fangen wir mit dem Reden im Allgemeinen an. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, die Menschen redeten, um einander von Sachverhalten in Kenntnis zu setzen. Sprache, sintemal gesprochene, dient nur in seltenen Fällen der Übermittlung von Informationen. Sprache ist das Hauptmittel unserer Sozialisation. Als solches dient sie zuerst – mit Abstand zuerst! – der Selbstversicherung am Andern. Sprache ist Wechselbestätigung im Gegenüber.

Jeder Mensch ist gewohnt und darauf angewiesen, sich seine Selbstwahrnehmung dadurch zu beglaubigen, dass er sie verlässlich auch in der Fremdwahrnehmung seiner selbst erzeugen...

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