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E-Book

Antike mit Biss

Die schaurigsten Geschichten von Homer bis Horaz

AutorCornelius Hartz
Verlagwbg Philipp von Zabern
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl128 Seiten
ISBN9783805346726
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Vampire, Hexen, Werwölfe - schon in der Literatur der Antike trieben diese Gestalten ihr Unwesen und sorgten für Furcht und Schrecken. So berichtet Horaz von dem Ritualmord an einem Jungen, aus dem Hexen einen Liebestrank brauen wollen oder Ovid erzählt von unfreiwilligem Kannibalismus - eine der grausamsten Erzählung in der antiken Mythologie überhaupt. Dazu gibt es Untote, die wieder zum Leben erwachen, um ihre Mörder zu überführen und viele andere seltsame und schreckliche Dinge. Das Böse, so erkennt man rasch, faszinierte auch schon im alten Rom. Cornelius Hartz versammelt in seinem Band die besten Schauergeschichten antiker Autoren. Von Platon und Ovid bis zu Petron und Apuleius - fast alle großen Autoren sind vertreten, und ihr Einfallsreichtum verblüfft den Leser noch heute.

Cornelius Hartz ist Klassischer Philologe und arbeitet als freier Lektor, Autor und Übersetzer in Hamburg.

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Leseprobe

Apuleius: Das herausgeschnittene Herz


Der Schriftsteller Apuleius (ca. 123–170 n. Chr.) war ein römischer Bürger aus einer reichen und angesehenen Familie aus Madauros im heutigen Algerien. Bekannt ist er auch heute noch für seinen vielschichtigen, kompliziert aufgebauten Roman Der goldene Esel (auch Metamorphosen genannt), der vielen als erster Horror-Roman der Literaturgeschichte gilt. Gleich im Prolog erfährt der Leser, er könne den Roman auf zweierlei Weise lesen: Entweder lasse er sich nur oberflächlich von den Geschichten unterhalten oder er lasse sich auf den philosophisch-religiösen Überbau ein, der all dem, was geschildert würde (und zum Teil recht grotesk ist), innewohne. Viele Leser haben genau das versucht, aber es gibt Philologen, die der Meinung sind, der ganze Roman sei so satirisch, dass auch das Philosophische nicht ernst gemeint sei bzw. die Philosophie auf die Schippe nehme. Immerhin war Apuleius nicht nur Schriftsteller, sondern auch Redner und platonischer Philosoph, und eventuell verfolgte er tatsächlich eine gewisse Agenda – diese mag dann aber für seine Zeitgenossen besser funktioniert haben als für uns.

Der nun folgende Abschnitt stammt aus dem ersten Buch des Goldenen Esels (met. 1.2ff.), wie viele der Episoden im Buch funktioniert er als Erzählung innerhalb der Erzählung. Sie wird oft als eine der ersten Vampirgeschichten gedeutet; dabei zeigt sich nicht ganz klar, was die beiden alten Frauen mit dem Blut, das sie dem armen Sokrates abzapfen, denn eigentlich tun – aber dass sie es in einem Behältnis auffangen, wie es zum Trinken verwendet wird, ist doch ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, dass jemand dieses Blut trinken könnte. Interessant ist, dass diese Szene bei aller Grausamkeit eine gewisse Erotik impliziert, wie sie sich auch später durch die Literatur zieht, nachdem sich der Vampir um 1800 herum als festes Personal vor allem der britischen Horrorliteratur etabliert hat. Nur dass hier bei Apuleius die Vampire noch keine spitzen Zähne haben, sondern einen Dolch benutzen.

Die Übersetzung der folgenden Passage wurde 1783 von August Rode (1751–1837) angefertigt, einem Schriftsteller und Politiker aus Dessau, den eine breitere Öffentlichkeit heute noch durch seine Beschreibungen der berühmten anhaltinischen Gärten von Dessau-Wörlitz kennt.

 

Einstmals nun zog ich Kundschaft ein, dass in Hypata, der angesehensten Stadt in ganz Thessalien, frischer, wohlschmeckender Käse zu sehr billigem Preis zu haben sei. Ich machte mich eiligst dahin auf, gleich den ganzen Vorrat wegzuschnappen. Allein, ich armer Schelm musste zur bösen Stunde ausgegangen sein, meine Hoffnung, einen trefflichen Schnitt zu machen, schlug fehl; wie ich hinkam, hatte schon tags zuvor Kaufmann Wolf allen Käse bei der Erde weggekauft.

Von der unnützen Eile ermüdet, begab ich mich gegen Abend ins Bad. Siehe! Da wurde ich unterwegs meines alten Kameraden Sokrates ansichtig. Er saß auf der Erde, mit einem groben, lumpigen Mantel halb behangen, sich selbst fast nicht mehr ähnlich, totenblass und ganz entstellt vor Magerkeit: kurz, vollkommen so wie die Stiefkinder des Glücks an den Ecken um Almosen zu bitten pflegen. In diesem erbärmlichen Zustand schämte ich mich meines Freundes und hätte fast getan, als kennte ich ihn nicht; doch ging ich endlich zu ihm hin.

„Um Himmels willen, lieber Sokrates, was ist das?“, rief ich, „wie siehst du aus? Sag mir, was hast du angefangen? Du bist zu Hause als tot ausgeschrien, beweint; die Gerichte haben deinen Kindern Vormünder bestellt, deine Frau hat die Trauer um dich schon wieder abgelegt und um deinetwillen sich so abgehärmt und abgeweint, dass sie beinahe unkennbar und blind geworden ist; eben dringen alle Verwandten in sie, ihren betrübten Witwenstand lieber gegen die Freuden einer zweiten Ehe zu vertauschen – und mittlerweile sehe ich dich hier, zu unser allergrößter Schande, wie ein leibhaftes Gespenst einherziehen?“

„Ach, Aristomenes“, seufzte er, „wie wenig musst du noch des Glückes Launen, Unbestand und Wechsel kennen!“

Und mit den Worten verbarg er sein Gesicht, das blutrot vor Scham geworden war, dergestalt in seine Lumpen, dass kaum noch seine Blöße bedeckt war. Ich konnte den jämmerlichen Anblick nicht ertragen. Ich packe ihn an und will ihn aufrichten.

Aber mit verhülltem Kopf, wie er war, rief er: „Oh, lass mich; lass das Glück noch länger des Siegeszeichens genießen, das es sich selber aufgestellt hat!“

Ich bringe ihn dem ungeachtet noch dahin, dass er mir nachgibt, ziehe auch meinen Oberrock ab und bekleide – oder, um recht zu sprechen, bedecke – ihn geschwind damit und eile mit ihm ins Bad. Da stecke ich ihn in die Wanne und wässere ihn erst, schaffe indes Salbe und Reibtücher herbei und scheuere ihm dann den alten Schmutz tapfer ab, und nachdem ich seiner also auf das Beste gepflegt, leite ich ihn, da er ganz entkräftet, so müde ich auch selbst war und so sauer mir es auch wurde, nach einer Herberge, lege ihn zu Bett und gebe ihm zu essen und zu trinken und suche ihn durch allerhand Gespräche aufzumuntern.

Schon waren wir auch wirklich guter Dinge, lachten, scherzten, stachen einander an, waren laut, als auf einmal mein Gast schmerzlich aus innigster Brust heraufseufzt, sich mit geballter Faust vor die Stirn schlägt und also anhebt: „Ich Unglücklicher bin bloß durch die vermaledeite Lust, ein Fechterspiel zu sehen, wovon sehr viel Gerede gemacht wurde, in dies schmähliche Elend geraten! Denn, wie du weißt, reiste ich, um mir ein bisschen Geld zu machen, nach Mazedonien, Kaum habe ich allda zehn Monate mein Wesen getrieben, so ist mein Beutel auch schon so wohl gespickt, dass ich mich wieder auf den Heimweg begebe. Allein wie ich dicht vor Larissa komme, wo ich durchwollte, um dort eben die verwünschten Fechterkämpfe mit anzusehen, fällt mich eine Straßenräuberbande in einem abgelegenen, winkligen Tale an, und ich muss alles, bis aufs Leben, im Stich lassen. In dieser Not gelange ich zu einer alten braven Gastwirtin mit Namen Meroë. Ich erzähle ihr die Ursache meiner Wanderschaft, und wie ich nun beim nach Hause Gehen alles meines sauer erworbenen Gutes beraubt worden bin. Sie hört meine ganze Geschichte voller Mitleiden an und nimmt mich höchst liebevoll bei sich auf, setzt mir auch, und zwar unentgeltlich, eine wohl zugerichtete Mahlzeit vor; am Ende aber, von Brunst hingerissen, nimmt sie mich mit sich zu Bett, und damit war mein Unglück fertig! Denn in der einen Nacht hat mir es das Weib so angetan, dass ich ihr Saft und Kraft verschwendete, ihr auch selbst die Kleider, die mir die Räuber aus Erbarmen noch gelassen hatten, nebst allem dem hingab, was ich, da ich noch fortkonnte, durch Trödeln gewann; bis ich mich zuletzt – Dank sei meinem bösen Geschick und diesem gutherzigen Weibe! – in dem Zustand befand, worin du mich jetzt antriffst.“

„Beim Pollux!“, sprach ich, „du verdientest, dass es dir noch schlimmer erginge, womöglich, als es bereits dir geht, da du so um schnöde Lust und um einer verhurten Vettel willen Weib und Kind vergessen hast!“

Ganz verdutzt fuhr er darüber voll Schreckens mit dem Zeigefinger sich hastig auf den Mund.

„St! St!“, rief er mir zu, sah sich höchst schüchtern überall um und sprach endlich: „Oh Bruder, ich bitte dich, nimm dich in Acht, dass du dir an dem Weibe die Zunge nicht verbrennst!“

„So?“, antwortete ich spöttisch. „Was ist denn mehr mit deiner Frau Wirtin? Ist sie so mächtig? Sie ist doch wohl nicht etwa eine Königin?“

„Eine Zauberin“, versetzte er, „ist sie, eine Fee! Sie kann dir den Himmel herniederlassen, die Erde emporhängen, die Quellen versteinern, die Felsen zerflössen, die Manen hinauf-, die Götter hinabbannen, die Gestirne verdunkeln, den Tartarus selbst erleuchten …“

„Halt, halt!“, unterbrach ich ihn, „dass du nicht noch fällst, über die tragischen Stelzen! Packe lieber den theatralischen Plunder ein und sprich mit mir wie andere Leute.“

„Nun, nun“, sprach er, „soll ich dir eins und das andere von ihren Sächelchen erzählen? Dass sie die Einheimischen nicht allein, sondern die Inder auch, ja die beiden Äthiopier und selbst die Gegenfüßler sterblich in sich verliebt macht, das ist nur erst Kleinigkeit, lauter Spaß! Aber höre nur an, was sie alles vor vieler Leute Augen getan hat.

Einer ihrer Buhlen hatte einmal ein Mädchen genotzüchtigt. Mit einem Wort hat sie ihn da in einen wilden Biber verwandelt, um ihn an dem zu strafen, womit er gesündigt; denn dies Tier entmannt sich, um sich nicht fangen zu lassen. Danach tat ihr wieder ein benachbarter Gastwirt zu viel Abbruch in der Nahrung; den hat sie zu einem Frosch gemacht, der bis jetzt noch immer in seinem Weinfasse herumschwimmt und daraus mit heiserer Kehle die alten Kunden zu sich einlädt. Ein andermal hat sie einen Advokaten, der einen Prozess gegen sie geführt hatte, zu einem Hammel umgestaltet. Du kannst den Hammel noch heutigen Tags vor Gericht advozieren sehen. Endlich hatte einmal das Weib ihres Liebhabers ihrer gar zu bitter gespottet. Was hat sie zu tun? Sie verschließt demselben in...

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