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E-Book

Anwendungsfelder der medizinischen Psychologie

VerlagSpringer-Verlag
Erscheinungsjahr2005
Seitenanzahl216 Seiten
ISBN9783540276258
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,98 EUR

Im ärztlich-medizinischen Berufsfeld wird häufig unterschätzt, wie eng körperliche Krankheiten mit psychischen Vorgängen verknüpft sind. Das Fachgebiet der medizinischen Psychologie setzt an den zahlreichen Berührungspunkten zwischen Medizin und Psychologie an: den Auswirkungen körperlicher Erkrankungen oder medizinischer Eingriffe auf das psychische Erleben und Befinden, den Einfluss psychischer Zustände auf Entstehung und Verlauf von Erkrankungen oder die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Ärzten, Patienten und Angehörigen. In diesem Buch beleuchten führende Vertreter des Faches solche medizinpsychologischen Fragen und Erkenntnisse erstmals getrennt für spezifische, medizinische Anwendungsgebiete: Was hat die Psychologie u.a. zur Onkologie, Kardiologie, Zahnmedizin, Augenheilkunde oder auch zu Themen wie 'Sterben, Tod und Trauern' und 'Telemedizin' zu sagen? Wie tragen z.B. psychische Faktoren zur Entstehung einer Herzinsuffizienz oder der Migräne bei?

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Leseprobe

Psychotraumatologie – Grundlagen und Anwendungen in medizinischen Disziplinen (S. 127-129)

Die Beobachtung, dass extreme, traumatische Ereignisse extreme psychologische Reaktionen hervorrufen, ist schon alt und wurde beispielsweise bereits bei den Römern und Griechen in ihren Annalen kriegerischer Auseinandersetzungen erwähnt. Im 20. Jahrhundert wurde im Gefolge der beiden Weltkriege eine Reihe von Bezeichnungen solcher Störungen geprägt, wie Kriegs- oder Gefechtsneurose oder Granatenschock (»shell shock«) (Babington 1997).

Doch erst 1980 nahm die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft in das maßgebliche Klassifikationssystem für psychische Störungen, das »Diagnostic and Statistical Manual of Diseases – 3. Fassung« (DSM-III), ein neues krankheitswertiges Syndrom auf, anhand dessen die psychischen Folgen extremer Belastungserlebnisse beschrieben werden. Das als posttraumatische Belastungsstörung (Abkürzung: PTB, engl.: »post traumatic stress disorder«, PTSD) bezeichnete Störungsbild wird mittlerweile intensiv erforscht.

Im ersten Jahrzehnt nach der Einführung dieser Diagnose standen die Folgen traumatischer Ereignisse wie Krieg, sexuelle Übergriffe, kriminelle Gewalt und Naturkatastrophen im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Im letzten Jahrzehnt erweiterte sich das Forschungsspektrum auch auf Untersuchungen zu weiteren Traumata, wie lebensbedrohliche oder extrem beeinträchtigende Erkrankungen sowie zu den sog. berufsbedingten Traumata bei Rettungs- und Intensivstationspersonal, Polizei und Feuerwehr.

Die enorme Weiterentwicklung der Psychotraumatologie – als der allgemeinen Lehre psychischer Traumafolgen – hat dazu beigetragen, das Feld der möglichen Relevanz des Störungsbildes stark zu vergrößern. Auch für die Anwendungsfelder der Medizin jenseits von Psychiatrie und Psychotherapie scheint diese Entwicklung einen relevanten Erkenntniszuwachs zu erbringen.

Dieser Beitrag über PTB und Traumata in verschiedenen medizinischen Kontexten beginnt mit einem Überblick über relevante Entwicklungen in der Psychotraumatologie. Anschließend wird die Erweiterung des Konzepts der PTB auf verschiedene körperliche Krankheiten und Behandlungen in den Mittelpunkt gestellt, die selbst ein auslösendes Trauma für die Entwicklung von PTB darstellen können. Danach werden Untersuchungsansätze zur berufsbedingten oder sekundären Traumatisierung von Einsatzkräften und helfenden Berufen skizziert. Abschließend werden Implikationen dieser Neuentwicklungen und konzeptuellen Neuorientierung auf die medizinischen Grundlagen- und Anwendungsdisziplinen diskutiert, wobei auch kritisch hinterfragt wird, ob Teilaspekte des neuen Forschungszweiges der Psychotraumatologie teilweise schon zu einer Mode geworden sind. Dieses Kapitel kann keine umfassende Darstellung der Psychotraumatologie bzw. der posttraumatischen Belastungsstörung liefern.

Deshalb soll an dieser Stelle zur Vertiefung auf inzwischen vorliegende deutschsprachige Überblickswerke (Ehlers 1999, Fischer u. Riedesser 2003, Maercker 2003 a, b) oder englischsprachige Fachliteratur (Horowitz 1997, Van der Kolk et al. 1996, Wilson u. Keane 1997) verwiesen werden. 11.1 Die Psychotraumatologie – ein neues Stressfolgenparadigma und neu definierte Störungsbilder Als Psychotraumatologie wird heute das Gebiet definiert, in dem die psychischen Folgen von extrem belastenden und/oder lebensbedrohlichen Ereignissen beschrieben und untersucht werden.

Im Gegensatz zu den physiologischen Stressfolgen, die, beginnend beispielsweise mit Selyes allgemeinem Adaptationssyndrom (1956), seit vielen Jahrzehnten bereits untersucht und in den letzten Jahren durch moderne Untersuchungsmethoden zunehmend differenziert beschrieben werden (Zusammenfassungen der neurobiologischen Grundlagenforschung z. B. Ehlert et al. 1999), waren die langfristigen psychologischen Folgen extrem belastender Ereignisse ein noch lange unbearbeitetes Forschungsgebiet. Es waren eher die kurzfristigen psychologischen Stressfolgen, die im Fokus des Forschungsinteresses lagen.

So haben psychologische Stress-Coping-Konzepte, wie das einflussreiche Modell von Lazarus und Folkman (1984), sich zwar anregend auf die Erforschung auch der nega tiven, krankheitswertigen Folgen von extrem belastenden Ereignissen ausgewirkt, waren aber oft nicht spezifisch genug, um den Teil der Pa tien ten zu identifizieren, der eine weiterführende psycho logische Versorgung zur Wiederherstellung seines Wohlbefindens und seiner Lebensqualität benötigt.

Inhaltsverzeichnis
Vorwort6
Inhaltsverzeichnis8
Autorenverzeichnis12
1 Frühe medizinische Psychologie: Friedrich Gustav Bräunlich (1800–1875)14
1.1 Friedrich Gustav Bräunlich (1800–1875)15
1.1.1 Ergobiographie15
1.1.2 Emigration18
1.1.3 Bräunlichs Gründungsleistungen im Spiegel des psychiatriegeschichtlichen Schrifttums18
1.1.4 Bräunlichs psychische Heilmittellehre im Spiegel psychiatrischen Schrifttums18
1.2 Bräunlichs Psychologie18
1.2.1 Allgemeines18
1.2.2 Leib-Seele-Zusammenhang19
1.2.3 Bewusstes und Unbewusstes19
1.2.4 Psychische Funktionsbereiche19
1.2.5 Gemüt19
1.2.6 Temperamente19
1.2.7 Gemütsbewegung und Affekt20
1.2.8 Unangenehme und angenehme Gemütsbewegungen20
1.2.9 Physiologie der Gemütsbewegungen20
1.2.10 Verstand21
1.2.11 Vernunft21
1.3 Bräunlichs »Psychische Heilmittellehre«22
1.3.1 Prolegomena (1833)22
1.3.2 Systematik (1839)23
1.3.3 Gemütsbewegungen als Heilmittel bei somatisch Kranken23
1.3.4 »Tätigkeiten des Verstandes« als Heilmittel bei körperlichen Krankheiten25
1.3.5 »Tätigkeiten der Vernunft« als Heilmittel bei körperlichen Krankheiten25
1.3.6 Bräunlichs Fazit26
1.4 Bräunlich ein Vorläufer Freuds?26
1.5 Schluss27
Literatur27
2 Einblicke in die Innensicht: Zum Stand der Interozeptionsforschung30
2.1 Dimensionen des Körpererlebens31
2.1.1 Identität31
2.1.2 Interpersonalität32
2.2 Interozeptionsforschung33
2.2.1 Zugangsebenen33
2.2.2 Beispiel kardiovaskuläre Parameter34
2.3 Klinische Relevanz der Interozeptionsforschung39
Literatur40
3 Medizinische Psychologie in der Intensivmedizin42
3.1 Die Einführung der Psychologie in die Intensivmedizin43
3.2 Inhaltliche Schwerpunkte44
3.2.1 Situation der Patienten44
3.2.2 Situation der Angehörigen45
3.2.3 Situation des Behandlungspersonals45
3.3 Zusammenfassung und Ausblick46
Literatur47
4 Psychosomatische Dermatologie48
4.1 Systematik psychischer Aspekte in der Dermatologie49
4.2 Epidemiologie psychischer Erkrankungen bei Hautpatienten51
4.3 Lebensqualität bei Hautpatienten53
4.4 Affektive Störungen bei Hautkrankheiten53
4.5 Stress und Hautkrankheiten54
4.6 Psychotherapeutische Ansätze und Schulungsprogramme in der Dermatologie55
4.7 Zusammenfassung56
Literatur57
5 Psychoophthalmologie60
5.1 Übersicht über bisherige Schwerpunkte61
5.1.1 Psychoophthalmologische Untersuchungen spezifischer Augenerkrankungen62
5.1.2 Psychoophthalmologische Auswirkungen ophthalmologischer Interventionen63
5.2 Ein rehabilitationspsychologischer Zugang zur Psychoopthalmologie64
5.2.1 Rehabilitationspsychologisch relevante Faktoren64
5.2.2 Rehabilitationspsychologische Diagnostik65
5.2.3 Rehabilitationspsychologische Intervention66
5.3 Der psychoophthalmologische Einzelfall66
5.3.1 Diagnosestellung68
5.3.2 Behandlung68
5.3.3 Behandlungsfolgen68
Literatur70
6 Biopsychosoziale Mechanismen der Chronifizierung von Rückenschmerzen72
6.1 Inhaltliche Schwerpunkte und Forschungsmethodik73
6.2 Chronifizierung auf somatischer Ebene74
6.3 Chronifizierung auf der Basis zentralnervöser Neuroplastizität77
6.4 Chronifizierung auf psychischer Ebene78
6.4.1 Der Einfluss der emotionalen Stimmung78
6.4.2 Der Einfluss chronisch anhaltender Alltagsbelastungen79
6.4.3 Der Einfluss der individuellen Schmerzbewältigung80
6.5 Chronifizierung auf der sozialen Ebene82
6.6 Risikofaktorenmodell im Zusammenhang83
Literatur84
7 Psychokardiologie: Vom Typ-A-Konzept zur Depressions behandlungnach Herzinfarkt86
7.1 Epidemiologie und Pathogenese der koronaren Herzkrankheit (KHK)87
7.2 Psychosoziale Faktoren im Rahmen des Risikofaktorenmodells der KHK88
7.3 Belastungen durch die Erkrankung und Coping-Prozesse90
7.4 Belastungen durch diagnostische und therapeutische Maßnahmen92
7.5 Kardiologische Erkrankungen und die Bedeutung der sozialen Unterstützung94
7.6 Bedeutung von Depressionen und Angst für Entstehung und Verlauf der KHK94
7.7 Psychosoziale Interventionen und ihre Wirksamkeit95
7.8 Fazit und Ausblick97
Literatur98
8 Psychoonkologie – auf dem Weg zu einem neuen Common Sense?104
8.1 Frühere Ansätze eines Common Sense in der Psychoonkologie105
8.2 Ein neuer Common Sense in der Psychoonkologie: Die Orientierung an systematischer Bedarfsanalyse und deren kontrollierte Umsetzung in die klinische Praxis108
8.2.1 Identifikation des Bedarfs in der Vorbereitungsund der Akutphase einer Knochenmarkstransplantation(KMT)109
8.2.2 Entwicklung von Behandlungsleitlinien für die Vorbereitungsund Akutphase109
8.2.3 Identifikation des Bedarfs in der Nachsorgephase110
8.2.4 Entwicklung von Behandlungsleitlinien für die Nachsorge111
8.3 Zusammenfassung111
Literatur112
9 Transplantationspsychologie114
9.1 Der Spender116
9.1.1 Organspendebereitschaft116
9.1.2 Lebendspende119
9.2 Der Empfänger121
9.2.1 Prä-, peri- und postoperative psychosoziale Probleme121
9.2.2 Lebensqualitätsstudien121
9.2.3 Risikogruppen125
9.2.4 Compliance125
9.2.5 Berufliche Reintegration126
9.3 Ausblick127
Literatur127
10 Entwicklungen der medizinischen Psychologie: Neuroprothesen für neurologische Erkrankungen130
10.1 Die Methode: Training zur Selbstregulation von Hirnpotentialen131
10.2 Warum langsame Potentiale?132
10.2.1 Hard- und Software132
10.2.2 Anwendungsbeispiel: Therapie fokaler Epilepsien133
10.2.3 Anwendungsbeispiel: Therapie von Aufmerksamkeitsstörungen134
10.2.4 Anwendungsbeispiel: Kommunikation136
10.3 Quo vadis –medizinische Psychologie?137
Literatur137
11 Psychotraumatologie – Grundlagen und Anwendungen in medizinischen Disziplinen140
11.1 Die Psychotraumatologie –ein neues Stressfolgenparadigma und neu definierte Störungsbilder141
11.2 Erweiterungen des PTB-Konzepts auf lebensbedrohliche Erkrankungen143
11.3 Sekundär oder berufsbedingt Traumatisierte als weitere Risikogruppen146
11.4 Prävention und Interventionen für Hochrisikogruppen147
11.5 Potenzen und Grenzen der Psychotraumatologie in medizinischen Kontexten148
Literatur149
12 Chronisch kranke Kinder und Jugendliche: Die (Neu)Entdeckung des Struwwelpeters durch die verhaltenspädiatrische Forschung?154
12.1 Epidemiologische und psychosoziale Aspekte chronischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen155
12.2 Ein verhaltenspädiatrisches Modell der Migräne?157
12.2.1 Kindliche Migräne: vererbt und/oder gelernt?157
12.2.2 Migräne als cerebrale Reizverarbeitungsstörung158
12.3 Vom Modell zur verhaltenspädiatrische Behandlung160
Literatur164
13 Medizinpsychologische Implikationen der Telemedizin166
13.1 Telemedizin als innovatives Feld in der medizinischen Versorgung167
13.2 Hemmende Einflüsse auf die telemedizinischen Entwicklungen168
13.3 Medizinpsychologische Aspekte der Telemedizin169
13.4 Ausgewählte psychosoziale Anwendungsfelder der Telemedizin171
13.4.1 Veränderte Formen der Informationsverarbeitung und Bedeutung für den diagnostischen Prozess und die Arzt-Patient-Kommunikation171
13.4.2 Distanzkommunikation in der Tele medizin und Einfluss auf die Arzt-Patient-Kommunikation172
13.4.3 Telemedizin in der psychotherapeutischen Versorgung173
13.4.4 Telemedizin und Überwachung/ Monitoring von Patienten175
13.4.5 Telemedizin bei invasiven Eingriffen:Telechirurgie175
13.4.6 Psychosoziale Aspekte der Nutzung des Internets in der medizinischen Versorgung176
13.4.7 Neue elektronische Techniken im Verwaltungsmanagement177
13.5 Diskussion177
Literatur178
14 Psychologie in der Zahnmedizin180
14.1 Psychologische und verhaltensmedizinische Aspekte von Erkrankungen in der Zahn-, Mund- und Kiefer heilkunde181
14.1.1 Entstehung von Erkrankungen: Parafunktionen182
14.1.2 Verlauf von Erkrankungen: Parodontitis und Stress184
14.1.3 Therapie von Erkrankungen: Gesichtstumore185
14.1.4 Psychosomatische Reaktionen186
14.2 Die zahnärztliche Behandlungssituation188
14.2.1 Zahnbehandlungsangst189
14.2.2 Compliance191
14.2.3 Zahnärztliche Gesprächsführung192
14.2.4 Stressbewältigung: die berufliche Situation des Zahnarztes194
14.3 Prävention und Gesundheitsförderung196
14.3.1 Prävention196
14.3.2 Gesundheitsförderung197
14.4 Ausblick198
Literatur199
15 Ärztliche Gesprächsführung204
15.1 Definition des ärztlichen Gesprächs205
15.2 Die Analyse des ärztlichen Gesprächs – Ergebnisse und Perspektiven der Forschung206
15.3 Die Lehre ärztlicher Gesprächs -führung – aktueller Stand und Perspektiven212
15.4 Fazit213
Literatur213
16 Sterben, Tod und Trauern aus medizinpsychologischer Sicht216
16.1 Dimensionen der Einstellung gegenüber Sterben und Tod und Verfahren zu ihrer Messung217
16.2 Verlauf des Sterbeprozesses218
16.3 Betreuung und Begleitung sterbender Erwachsener219
16.4 Umgang mit unheilbar kranken Kindern221
16.5 Psychische Belastungen von Ärzten und Pflegekräften im Umgang mit unheilbar Kranken und Sterbenden221
16.6 Trauer(n)222
16.7 Resümee und Ausblick223
Literatur223
Sachverzeichnis226

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