Sie sind hier
E-Book

'teetrunken'

Bergwandern, Meditieren, Wissenschaft betreiben - Essays von dreiteilig einigen Menschen

AutorGünter von Hummel
VerlagBooks on Demand
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl212 Seiten
ISBN9783739269511
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,49 EUR
Anhand der Beschreibung von zwanzig mittleren Bergtouren versucht der Autor das Wesen des von ihm entwickelten Meditationsverfahrens zu vermitteln. Zum ersten Mal wird Meditation hier auf wissenschaftliche Weise begründet. Ausgangspunkt stellt die Lehre des Psychoanalytikers O. Graf Wittgenstein dar, der davon ausging, dass der Mensch in sich drei Teile birgt, die er nur verschiedentlich zu einer Einheit bzw. einheitlichen Persönlichkeit verbinden kann. Die letztliche und ideale Einheit nennt er den 'Trialog'. Wie beim Bergsteigen durchstreift der Autor alle möglichen kulturellen und psychologischen Fragestellungen, um im Endeffekt dahin zu kommen, den 'Trialog' durch das Wandern, Meditieren und intellektuelle Verarbeiten zu erreichen.

Dr. von Hummel ist als Arzt und Psychoanalytiker in eigener Praxis tätig. Über sein Verfahren der Analytischen Psychokatharsis hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

1. Tramin – Südtirol


Man kann von Tramin aus auf den Roen steigen, vier Stunden circa bis nach ganz oben. Am Anfang geht alles ganz gemütlich. Ein bisschen hügelig, eine Wiese, ein Wald, ein kleiner Bachlauf und ein paar sumpfige Stellen. Zuerst wirkt alles fast ein wenig malachitgrün mit ein paar Dotterblumen dazwischen. Danach windet sich der Weg den dunkelgrünen Wald hinauf. Kein Mensch geht auf diesem Pfad, ein paar Vögel zwitschern, man ist allein. Einmal schlängelt sich eine kleine Schlange am Wegrand vorbei und verschwindet schnell im Gebüsch. Zwei schwarze Käfer laufen auf einer Baumrinde um die Wette. Die Zeiten sind wohl schon lange vorbei, als man sich im Wald noch vor größeren Tieren fürchten musste. Es sind auch keine gefährlichen Menschen zu erwarten. Ja, es erscheinen überhaupt keine Menschen. Diesen Weg kennt fast niemand, und offenbar schon gar keine Touristen.

Man kann sich so fühlen, als wäre man der Besitzer eines großen Areals von Bäumen, Zweigen und Sträuchern und eines duftenden Nadelbodens. Es riecht nach dem ätherischen Öl von Fichten und Lerchen, und ich stelle mir vor, dass die Erde etwas herb, tonig und eben wie uralter, gesunder Waldboden, schmeckt. All das zusammen ergibt etwas Besinnliches, eine Verbundenheitsstimmung, eine ‚Wahrnehmungsidentität‘. Sigmund Freud stellte diese der bei uns heute üblichen ‚Denkidentität‘ gegenüber. In der ‚Wahrnehmungsidentität’ fühlt man sich mit dem Wind identisch, der einen umspielt, umweht, umhaucht, und man schmeckte den Tannennadelboden, den Kieselgur der Steine und das Harz der Kiefernrinden. Aber wir riechen nicht mehr und schmecken nicht mehr und erfassen auch nichts mehr mit innerer Berührung, mit dem ‚inner touch‘, wie es der Philosoph D. Heller-Roazen nannte.2 Vielmehr haben wir sofort etwas Sprachlich-Begriffliches zur Hand, wenn es um das geht, was wir für ‚wahr’ nehmen.

Es geht nun steiler bergauf. Zeitweise sind Felsen zu sehen, dann geht es wieder durch den Wald, ein schmaler Steig weiter und weiter nach oben. Trotzdem wieder der Eindruck, man ist Herr der Welt, alles neigt sich einem zu, kühlere Bergluft macht sich breit und verpasst den Lungen eine Auffrischung. Trotzdem ist es kein großer Spaß. Der Weg ist anstrengend und erst nach dreieinhalb Stunden erreicht man ein kleines Plateau, von dem aus ein Klettersteig weiter hinauf geht. Es handelt sich um eine der üblichen Metallleitern, keine allzu große Schwierigkeit. Vielleicht sogar ein kleines Highlight, und dann ist man ganz oben. Es liegt selbst im Juni noch ein bisschen Schnee, aber auch hier – zumindest in der damaligen Zeit, in der ich dort war, so um 1970 herum – keine Menschen.

Allein für diesen Blick in die Weite, ins endlose Tal, ist man hinaufgegangen. Man sieht tief unten lebendiges Grün verschiedenster Schattierungen und das glitzernd fließende Wasser der Etsch. Viele Häuser, Gehöfte, Wein-Terrassen, Obstplantagen. Mikro-Fahrzeuge, -Menschen, -Dinge und - Tiere, die sich unten auf den Straßen bewegen. Ist das wirklich die Schau, das Gemälde, die Vision, die man sich vom Leben erwartet hat? Für die Fitness war es ganz gut, auf den Gipfel zu gehen, aber sonst? Irgendwo erhoffe ich mir von so einer Wanderung, ohne Menschenwerk, ohne große Begegnungen mit anderen Leuten, ohne small talk und auch ohne sonstige Events, auf das ganz Große zu treffen. Warum sollte es das nicht geben, dass nach einer Wanderung, nach viel Natur, Anstrengung, einem großartigen Blick und ein paar guten Gedanken etwas Charismatisches passiert?3

Mir kommen ein paar Menschen in Erinnerung, ja direkt in den inneren Blick, und ich denke die Gedanken, die mit ihnen geteilt worden waren. Sie leben zum Teil nicht mehr, zum Teil waren die Gedanken nicht so wichtig. Für was waren die Menschen da, für was sind die Worte ausgetauscht worden? Wir sind alle so unbedeutend, aber dahinter gibt es noch etwas. Wahrscheinlich ist jedoch das Wort Charisma zu stark dafür. Es würde ja schon genügen, wenn man nur ein bisschen zur ‚Wahrnehmungsidentität’ zurückkehren und den Blick von oben als einen Überflug, eine Überschau über das Wesen der Welt begreifen könnte. Das Ganze müsste dann allerdings – jetzt greife ich sehr weit vor – auch von einem ‚Überwort’ zusammengehalten werden. Denn der Blick schwächt sich in der Erinnerung ab, aber das Wort bleibt. Es bleibt zumindest etwas länger und auch präziser im Gedächtnis, denke ich.

Doch da ich das ‚Überwort’ nicht zur Verfügung habe, will ich zuerst einmal all diesen Riesen-Hintergrund von Kultur, Religion, Politik, Wissenschaften und was weiß Gott sonst noch geredet und gemacht wird, vergessen. Ich wollte nur einfach da oben sein, ein bisschen Herr sein, ein wenig Weitblick haben und mich mit dem Gefühl lebendig zu sein, begnügen. Allein bewusst die Luft zu atmen, ist schon grandios. Aber es genügt nicht und so habe ich das alles aufgeschrieben. Wahrscheinlich wird es niemand lesen. Und wenn es doch einer liest, oder vielleicht zwei, es wird nicht das große Wahre sein. Das große Wahre muss es aber irgendwo geben. In uns, um uns. Ist es gut sich daran zu erinnern? Für einen Moment, vielleicht. Danach steigt man einen anderen Weg wieder hinab. Er ist leichter zu gehen, führt dann an der Straße entlang. Man erreicht eine Bank, braucht sich nur hinzusetzen und ausruhen, ein kleiner Gunsterweis, die Augen schließen und warten.

Schon bald danach fängt die Stille an sich bemerkbar zu machen. Nie ist die Stille ganz still. Die fernen Geräusche des Lebens unten im Tal sind aber dem Meditativen sogar förderlich. Feine Reibe-, Raschel- und Summgeräusche versetzen schon Kleinstkinder in Entspannung. Man kann sogar eine elektrische Zahnbürste in ihrer Nähe aufstellen, damit sie leichter einschlafen. Und so beruhigen auch die von weit her kommenden Motorengeräusche und es lässt sich nach einiger Zeit innerlich ein feiner Ton hören, als wenn man sich darauf konzentrieren würde. Dabei ist er es, der sich auf mich konzentriert, so scheint es wenigstens, und er wird deutlicher und deutlicher. Oben und rechts im Kopf oder in der Tiefe des Gehirns oder des Unbewussten. Ich meditiere schon lange, es ist nichts Besonderes, den Ton, Klang oder etwas ähnlich Hörbares trägt jeder in sich. Es ist etwas Vertikales, als sei man im Ton gelotet, gegradet, nach oben, unten, unten, oben. Wenn man viel damit geübt hat, und länger auf ihn hört, bekommt er den Charakter von etwas, das gehört werden will, das sich bemerkbar machen und etwas sagen will.

Das ist nichts Pathologisches. Irgendwann wird klar, dass es die eigenen Gedanken sind, die ganz leicht vernehmbar werden, die man beinahe hören kann und dann auch plötzlich fast zu verstehen meint. Es sind nicht die üblichen Gedanken, die man so denkt. Vielleicht sind es überhaupt keine Gedanken oder nur Vorformen davon, doch im Moment ihres zunehmenden Erfasstwerdens sind sie gedanklich, werden sie sogar sehr bewusst und klar verstanden. Das heißt nicht, dass man sie voll begreift. Sie erreichen nicht die Form einer Geschichte, eines längeren Ausdrucks oder gar einer Erweckung. Sie sind nicht charismatisch, nicht das große Wahre oder das ganz Große überhaupt. Aber es gibt sie. Das Unbewusste ist das Schatzhaus der Signifikanten behauptet Lacan, zentraler Ort der Bedeutungseinheiten, der Weisungen und Losungen, des groß zu schreibenden Anderen.

Oft handelt es sich auch nur um unbedeutende Gedanken, die man sofort wieder wegwischt. Manchmal kommen aber eigenartige Sprüche zutage, von denen man das Gefühl hat, dass sie einem wirklich etwas sagen könnten. Etwas Wesentliches. Man muss dann über eine gute Rationalität verfügen, um sich wirklich nur auf die wenigen klaren und guten Silben, Halbsätze oder spruchartigen Gedanken zu konzentrieren. Klare Ratio ist genauso gefragt wie das Irrationale des Unbewussten. In solchen Momenten gibt es keine Frage mehr nach dem großen Wahren, denn es ist zumindest etwas ihm Entsprechendes da. Es ist vielleicht nicht groß, dieses Wahre, aber es hat es in sich. Wie gesagt verteilt es Weisungen, Enthüllungen und eben manchmal sogar Losungsworte.

Denn es geht bei ihm einfach um etwas Anderes, um den/das Andere(n) als solchem und weniger um all diese Riesen-Hintergrundgeräusche, von denen ich gerade erwähnt habe, dass wir ihnen normalerweise ausgeliefert sind: das Klappern der Welt, der Politik, der Leute, der Alltagsprobleme. Die Stille wird irgendwie hörbar in den Momenten, wo man entspannt ein bisschen absinkt ins innere Betrachten, in die Kontemplation, die Muße. Und sie lässt dann eben manchmal einen wie von ferne oder aus der Tiefe kommenden Gedanken durch, der Bedeutung hat. Manche sagen, dass lang dauernde Stille zu dröhnen anfängt. Das stimmt natürlich nur unter der Bedingung, dass sie angespannt ist, also wenn Menschen z. B. wegen eines Problems beieinander sitzen, und keiner sagt etwas. Aber in der Situation, in der man erschöpft von der Wanderung ruht, fängt die Stille eher zu flüstern an, zu murmeln oder nach Gedanken zu klingen.

Vom Roen kann man auch am Grat entlang zur Überetscher...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Psychoanalyse - Analytische Psychologie

PsyQM

E-Book PsyQM
Qualitätsmanagement für psychotherapeutische Praxen Format: PDF

Das für Psychotherapeuten noch ungewohnte Thema anschaulich, nachvollziehbar und umsetzbar aufbereitet! Seit Januar 2006 ist die Qualitätsmanagement-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses in…

Fehler in der Psychotherapie

E-Book Fehler in der Psychotherapie
Theorie, Beispiele und Lösungsansätze für die Praxis Format: PDF

Nichts ist so lehrreich wie ein eigener Fehler. Das Buch widmet sich erstmalig psychotherapeutischen Fehlern und will diese Quelle der Erfahrung einem breiten Leserkreis zugänglich machen. Auf rund…

Depressive Erkrankungen

E-Book Depressive Erkrankungen
Format: PDF

Menschen jeder sozialen Schicht, Kultur und Nationalität können an Depressionen erkranken: Jeder fünfte Erwachsene leidet mindestens einmal im Leben unter dieser Symptomatik. Als Handbuch für die…

Tod durch Vorstellungskraft

E-Book Tod durch Vorstellungskraft
Das Geheimnis psychogener Todesfälle Format: PDF

Ausgelöst durch psychische Beeinflussung und vollzogen durch die eigene Vorstellungskraft: Der psychogene Tod ist das dramatischste Beispiel für die Macht der inneren Bilderwelt und der Sprache über…

Weitere Zeitschriften

MENSCHEN. das magazin

MENSCHEN. das magazin

MENSCHEN. das magazin informiert über Themen, die das Zusammenleben von Menschen in der Gesellschaft bestimmen -und dies konsequent aus Perspektive der Betroffenen. Die Menschen, um die es geht, ...

Archiv und Wirtschaft

Archiv und Wirtschaft

Fachbeiträge zum Archivwesen der Wirtschaft; Rezensionen Die seit 1967 vierteljährlich erscheinende Zeitschrift für das Archivwesen der Wirtschaft "Archiv und Wirtschaft" bietet Raum für ...

Atalanta

Atalanta

Atalanta ist die Zeitschrift der Deutschen Forschungszentrale für Schmetterlingswanderung. Im Atalanta-Magazin werden Themen behandelt wie Wanderfalterforschung, Systematik, Taxonomie und Ökologie. ...

aufstieg

aufstieg

Zeitschrift der NaturFreunde in Württemberg Die Natur ist unser Lebensraum: Ort für Erholung und Bewegung, zum Erleben und Forschen; sie ist ein schützenswertes Gut. Wir sind aktiv in der Natur ...

caritas

caritas

mitteilungen für die Erzdiözese FreiburgUm Kindern aus armen Familien gute Perspektiven für eine eigenständige Lebensführung zu ermöglichen, muss die Kinderarmut in Deutschland nachhaltig ...

DER PRAKTIKER

DER PRAKTIKER

Technische Fachzeitschrift aus der Praxis für die Praxis in allen Bereichen des Handwerks und der Industrie. “der praktiker“ ist die Fachzeitschrift für alle Bereiche der fügetechnischen ...

Euro am Sonntag

Euro am Sonntag

Deutschlands aktuelleste Finanz-Wochenzeitung Jede Woche neu bietet €uro am Sonntag Antworten auf die wichtigsten Fragen zu den Themen Geldanlage und Vermögensaufbau. Auch komplexe Sachverhalte ...