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E-Book

Arbeit ist nicht unser Leben

Anleitung zur Karriereverweigerung

AutorAlix Faßmann
VerlagBastei Lübbe AG
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783838753096
Altersgruppe16 – 99
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Arbeit ist längst zur Religion geworden. Doch in Zeiten von Wirtschaftskrise und Arbeitsplatzabbau ist der Traum vom Aufstieg durch Arbeit geplatzt. Vor allem junge Menschen sind trotz guter Ausbildung und hohem Einsatz von extremen Unsicherheiten geprägt. Als Vertreterin der Generation Y räumt Alix Faßmann mit den Glaubenssätzen der neuen Religion auf. Sie zeigt, dass Karriere eigentlich dumm, Arbeit arm, Ehrgeiz krank und Wachstum unglücklich macht. Zeit für eine neue Haltung, die uns die Macht über unser Leben zurückgibt.

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Leseprobe

II.
Arbeit macht arm


»Arm, aber sexy – Berlin von seiner authentischsten Seite«
Slogan in einem Berlin-Reiseführer

Bestimmt 28-mal. Wahrscheinlich öfter. Aber mindestens 28-mal war ich an diesem Schaufenster vorbeigegangen und hatte mich jedes Mal über die kleinkindgroße Plastikgans gefreut, die einen anguckte, wenn man hinguckte. Besonders abends, wenn das weiße Vieh am Eingang leuchtete und sein orangefarbener Schnabel rot in die Dunkelheit strahlte. So auch an jenem Abend, als ich Lara zum ersten Mal sah.

Das Licht der großen Gans blendete mich wie immer, als ich ins Fenster schaute. Und so übersah ich fast, dass ein Laptop-Bildschirm den hinteren Raum in ein fahles blaugraues Licht tuschte. Der matte Schein ließ unter einer grauen Kapuze nur ein Gesicht mit spitzer Nase und verkniffenen Augen enträtseln. Der Rest des Körpers verschwamm in der Dunkelheit des Raums. Fast hätte ich in dieser Nacht an die Scheibe geklopft.

Stattdessen lernte ich Lara einige Tage später vor dem Bäcker neben ihrem Ladenfenster kennen. Auch hier war ein Vogel im Spiel. Lara – oder die Kapuzenfrau, wie ich sie anfangs für mich nannte – saß am Nachbartisch bei einer Tasse Filterkaffee für 80 Cent und einer Nussecke für einen Euro. Plötzlich hopste ein Spatz auf ihren Teller und langte mit seinem Schnabel in die Krümel.

Lara war keine Regung anzumerken. Sie beobachtete zwar die Räuberei, schien davon jedoch zutiefst unbeeindruckt. Während sie sich die Nussecke für einen zweiten Bissen in den Mund schob, schaute ich lächelnd dem Spatz zu. Doch mit meinen grinsenden Augen fand ich keine Erwiderung bei der jungen Frau, die ihren mittlerweile dritten Bissen mit einem Schluck Kaffee hinunterspülte.

»Schmeckt’s?«, fragte ich plötzlich und schaute dabei auf den Teller meiner Sitznachbarin. Einige Augenblicke nachdem ich begonnen hatte, mit dem Spatz zu sprechen, bemerkte ich, dass Lara mich ansah. Sie hatte sich mittlerweile die Kapuze ihres zu großen grauen Pullis übergezogen und ich erkannte ihr Gesicht, das ich vor einigen Nächten einsam und gebannt in leuchtende digitale Welten hatte starren sehen, an der spitzen Nase. Ich musste lachen und war erleichtert, als sie ebenfalls zu kichern begann.

»Der Kleene macht es ganz richtig. Reinspringen und absahnen, ehe es die andern tun«, sagte die Kapuzenfrau.

Ich nickte und murmelte ein langes »Mmhmm«, während eine richtige Antwort sich den Weg bahnte: »Scheint nicht nur bei Spatzen so zu sein. Überall nur noch Krümel, um die alle kämpfen. Die fetten Torten liegen hinter Panzerglas. Ein grausamer Vogeltod. Macht auch ein fieses Geräusch.«

»Stimmt. Bestimmt einmal die Woche donnert so ein Blödbatz gegen unser Fenster.« Sie zeigte an meinem Kopf vorbei in Richtung des Ladens, in dem nachts die Gans leuchtete.

»Spatzen sind da ganz schräg drauf. Die flattern wild auf Scheiben los, weil sie in ihrem Spiegelbild einen Feind vermuten. Wahrscheinlich haben die ein Nest in dem Baum vor eurem Laden. Oder einer hat es auf eure Gans abgesehen«, erwiderte ich.

Die Kapuzenfrau lachte. »Die Gans ist tatsächlich zum Fürchten. Und fette Torten gibt es bei uns eh nicht. Wir sind alle nur Krümelfresser.«

»Wer seid ihr denn eigentlich, und was macht ihr in diesem Laden?«, wollte ich von ihr wissen.

»Och, das ist so ein Sammelort für allerlei Leute, denen in ihren WG-Zimmern bei der Arbeit die Decke auf den Kopf fällt. Momentan gehen etwa 20 Leute ein und aus. Zehn haben einen Schlüssel. Die meisten sind Grafik-Designer. Ich auch. Und wir schrauben da an unseren Projekten.«

»Ist also so etwas wie ein Co-Working-Space, ja?«

»So in etwa. Seinen Stuhl muss man sich allerdings selbst mitbringen. Die Tische haben wir uns über eBay-Kleinanzeigen schenken lassen. Ist also alles nicht so schnieke wie in diesen kreativen Bürogemeinschaften in Mitte. Echt krass, die wollen da teilweise 500 Euro im Monat für einen Arbeitsplatz im Großraum. Und dann ist der noch nicht mal fest. Seine Sachen muss man jeden Tag wieder mitnehmen, weil man nie weiß, welcher Platz am nächsten Tag frei sein wird. Hier haben wir zwar noch nicht mal eine Kaffeemaschine, dafür ist es unkompliziert und billig. 50 Euro im Monat, da kann man nicht meckern.«

»Und an was arbeitest du gerade? Hab dich vor ein paar Tagen mal im Dunkeln dort sitzen sehen. Eine Deadline? Oder warum solche nächtlichen Überstunden?«

»Ha, na ja, nö. Überstunden sind nicht so meine Welt. Also ich meine, das würde ja geregelte Arbeitszeiten voraussetzen. Und die gibt es in meinem Job nicht. Tageszeiten sind da egal. Und das Wort Deadline ist ja echt mal originell, oder? Das Projekt endet mit dem Tod. War damit nicht mal das Leben gemeint? Aber ja, stimmt schon, ich bin da gerade noch an so einer Sache dran, die ich bis nächste Woche fertig haben muss.«

»Und dann? Sterben?« Ich schaue ernst. Füge meiner zynischen Betroffenheit eine Stirn in Falten hinzu. Lara speit einen lauten Lacher aus. Fast ein bisschen zu laut.

»Noch nicht. Ich fliege nächste Woche nach London.«

»Nein. Urlaub?«

»Quatsch. So was kann ich mir nicht leisten. Ich mache dort einen Master. Ein Jahr Industrial Design. Ich stehe total auf Verpackungen. Hast du dir schon mal eine Milchtüte genau angeguckt? Da haben die Kühe oft gar keine Euter. So was will ich ändern.«

Lara zog einen Mundwinkel plus Augenbraue hoch. Ihre Selbstironie war sympathisch. Auch wenn darin eine fette Spur Zweifel zu entdecken war, wirkt ihre Ehrlichkeit entwaffnend.

»Aber sind diese Studiengänge in England nicht wahnsinnig teuer?«

»Und wie! Ich habe einen Kredit über 10 000 Euro aufgenommen. Das deckt genau die Studiengebühren für das eine Jahr. Rumbummeln ist also nicht drin. Für Wohnen, Essen und den ganzen Kram muss ich mir dann noch einen Job suchen. Aber ich hab ein paar Freunde dort, die den gleichen Studiengang machen. Das wird also schon irgendwie alles klappen.«

»Ich heiße übrigens Alix.«

»Angenehm. Ich bin Lara.«

»Nimm an, was nützlich ist. Lass weg, was unnütz ist.
Und füge das hinzu, was dein Eigenes ist.«
Bruce Lee

Wir saßen noch drei Kaffee und eine Cola lang in der Sonne. Lara erzählte. Sie war 27 Jahre alt und hatte schon zwei Abschlüsse im Kasten. Bachelor in Köln, Master in Berlin. Dass das nicht reicht, um einen Job zu finden, von dem sie leben kann, hätte sie rückblickend auch nicht gedacht. Stattdessen rangelte sie mit anderen Kreativen ihrer Branche um Aufträge, die ihr nicht mehr als die physische Existenz sicherten. Und selbst dafür reichte es manchmal nicht und sie musste ihren Vater anrufen, der ihr die 350 Euro Miete für ein 15-Quadratmeter-WG-Zimmer überweist. Ihr Taschengeld, das ihre Eltern zu Teenie-Zeiten einführten, war bis zu diesem Tag nicht abgesetzt worden.

Prekariat hin oder her, Lara ist am Puls der Zeit, sagt man. Ihre Branche boomt. Das ganze Land schaut ihresgleichen zu, wie sie dynamisch lässig die Arbeitswelt verändern. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit bezeichnete diese jungen wilden Arbeiter als »arm, aber sexy«.

Lara war also in der sogenannten Kreativwirtschaft gelandet. Berlin ist voll von diesen jungen, immer ein bisschen merkwürdig gekleideten Leuten. In dieser Wachstumsbranche tummeln sich Künstler, Designer, Architekten, Softwareentwickler, Fotografen, Werber. Das Klischee, das sie bedienen, geht so: In einem Berliner Café, dessen Betreiber bei ihrer Planung besonderen Wert auf die praktische Anordnung von Steckdosen nahe der Tische geachtet haben, nehmen auf gewollt verschlissenen 50er-Jahre-Möbeln junge Menschen Platz, klappen ihren Laptop mit Fallobst-Emblem auf und bleiben dort für die nächsten fünf bis acht Stunden in starrender Haltung sitzen. Es wird gearbeitet. Die Café-Betreiber haben derweil eher weniger zu tun. Denn ihre Gäste trinken im Durchschnitt 1,7 Tassen Kaffee und 2,5 Liter Leitungswasser. Den Umsatz macht man mit Touristen aus der Provinz, die etwas ratlos, aber neugierig an den steckdosenfernen Plätzen hocken und schauen, was die Großstadt-Tierchen so treiben. Was das ist, weiß eigentlich keiner so genau. Projekte. So hatte es auch Lara genannt. Kreative Projekte, für die man vielleicht bezahlt wird. Wenn, dann eher schlecht. Aber hey, das ist die Zukunft. Starre Arbeitsformen waren gestern, in der Berliner Kreativwirtschaft geht es hochgradig flexibel und motiviert zu.

»Kultur- und Künstlerförderung ist zugleich auch Wirtschaftsförderung. Länder und Kommunen erkennen zunehmend die Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft.« So schreibt es das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie auf seiner Homepage, will also sagen: Die Kreativwirtschaft ist ein Musterschüler für die Industrie von morgen.

Bei dieser Propaganda wird einem angst und bange. Denn in der Tat haben die Kreativen verstanden, dass die Zeit der drögen Fließbandarbeit ausgedient hat. Sie wollen es anders und besser. Dieser Erkenntnis folgend begaben sich viele um die Nullerjahre auf den Weg in ein Leben, in dem Arbeit sogar Freude macht, weil sie die eigenen Talente fordert. Doch heute, so ungefähr eine Dekade später, ist von dem großen Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben nur noch wenig übrig. Denn was die kreativen Idealisten scheinbar nicht auf dem Radar hatten, oder zumindest nicht mit all seiner unbarmherzigen Wucht, war der freie Markt. Allzu leicht ließen sich die Freischaffenden von ihrer spaßigen Arbeit beflügeln, wollten mit ihren hochqualifizierten Fähigkeiten in Verbindung mit ihren individuellen Begabungen Werte erschaffen, die beste Bezahlung versprachen.

Doch nix da.

Die Utopie von so...

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