Sie sind hier
E-Book

Architektur verstehen

AutorNorbert Wolf
VerlagPrimus
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl208 Seiten
ISBN9783863128555
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
Ob Gotik oder Großraumbüro: »Architektur verstehen« macht mit den wichtigsten Techniken, Gestaltungsmethoden und Aufgaben der Baukunst bekannt. Zentrale Themen sind die Baumaterialien, der Werkprozess, die sakralen und profanen Grundtypen der Architektur, die Stadtplanung sowie die Symbolik. Den Abschluss bilden einige grundsätzliche Überlegungen zu den architektonischen Herausforderungen der Zukunft. Die einzelnen Kapitel sind als historische Erkundungsgänge angelegt, die den vielfältigen Wandlungen der abendländischen Baukunst im Laufe der Jahrhunderte nachspüren. Dabei wird auch deutlich, welch eminent wichtige Vorbilder die Antike bereit gestellt hat. Infokästen geben detailliert Auskunft über maßgebliche Architekten, Bauwerke und Entwicklungslinien.

Norbert Wolf, geb.1949, ist promovierter Kunsthistoriker. Er habilitierte sich über Schnitzretabel des 14. Jahrhunderts und hatte Gastprofessuren in Marburg, Frankfurt a.°M., Leipzig, Düsseldorf, Nürnberg-Erlangen sowie an der Universität Innsbruck inne. Er lebt in München und ist hier als wissenschaftlicher Autor tätig. Zahlreiche Veröffentlichungen zur älteren und neueren Kunst, insbesondere zur Malerei und Buchmalerei.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

Einleitung


Bernini

In den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts entwarf Tilman Riemenschneider, einer der mittlerweile populärsten Bildschnitzer der deutschen Spätgotik, den Schrein des Heiligblut-Altars in Rothenburg ob der Tauber in Art einer architektonischen Raumkulisse: Das Holzgehäuse, das den Schauplatz für die Figuren des Letzten Abendmahls abgibt, ist mit einer von Spitzbogenfenstern durchbrochenen Rückwand und mit Miniaturgewölben versehen. Die Ähnlichkeit mit gebauten Großarchitekturen, die dieses gotische Altarretabel filigran vor Augen führt, steigerten die Altarbauten der Barockzeit noch, sowohl im Detail wie in monumentaler Wucht. Ein Beispiel: 1647 – 1652 arbeitete der Barockbildhauer und Architekt Gianlorenzo Bernini am Altarensemble der Cornaro-Kapelle in der römischen Kirche S. Maria della Vittoria. Er schuf ein Gesamtkunstwerk, in dem die marmorne Skulpturengruppe der Verzückung der hl. Theresa von Avila in einem aus prächtigen Steinsorten und Marmorsäulen gefügten architektonischen Gehäuse über dem Altar die Augen auf sich zieht. Wie in so vielen anderen barocken Altarensembles sollte auch hier illusionär die Grenze zwischen dem Architektonischen und dem Plastischen verschwinden.

Jacopo Sansovino

Den nämlichen Eindruck bieten die monumentalen Grabanlagen in vielen hochrangigen Renaissancekirchen. So gehören etwa gewaltige Wandgräber, vornehmlich solche der Dogen, zu den auffälligsten Zeugnissen Venedigs. In S. Salvatore, um ein Beispiel herauszugreifen, errichtete der Bildhauer und renommierte Architekt Jacopo Sansovino in den Jahren zwischen 1555 und 1561 das Grabmonument des Dogen Francesco Venier als architektonisches Gefüge in wandfüllender Größe; als zweigeschossige, mit klassischen Formen und Säulenordnungen operierende Marmorfassade, in deren hohem Mittelbogen die Liegefigur des Verstorbenen, begleitet von weiblichen Allegorien in den seitlichen Travéen, platziert ist.

Teatro Olimpico

Im Italien der Spätrenaissance, in Vicenza konzipierte Andrea Palladio, einer der bedeutendsten Repräsentanten der abendländischen Architekturgeschichte, 1579/80 das sogenannte Teatro Olimpico. Es war der erste frei stehende, überdachte und massive Theaterbau seit der Antike. Doch nicht dessen Eigenheiten sollen jetzt interessieren, sondern die hinter den drei Öffnungen der dreigeschossigen hölzernen Bühnenfront sich auftuenden illusionistischen Kulissen, die bald nach Vollendung des Theaters Vincenzo Scamozzi ausführte. Es handelt sich um fiktive, von Hausfronten begleitete Straßenzüge, erneut aus Holz, die sich nach hinten zu maßstäblich verkleinern, um samt einem ansteigenden Fußboden den Zuschauern im Proszenium eine zentralperspektivische Verkürzung vorzugaukeln – eine pure Scheinarchitektur also, genauer gesagt: ein vorgetäuschtes Stadtbild.

Blendarchitektur

Von Scheinarchitektur bzw. von Blendarchitektur müsste man angesichts all jener architektonischen Mikro- oder Makrostrukturen reden, die keine lebensreale Funktion besitzen, die also nicht im praktisch-räumlichen Sinne benutzbar sind, sondern einer Wand, einem Retabel und vergleichbaren Oberflächen vor- oder aufgeblendet wurden. Schein-, Blendarchitektur sind ferner jene Kulissen einer Theaterbühne, die real gebaute Architektur illusionieren, um bei wechselnden Aufführungen durch neue Kulissenarchitektur ersetzt zu werden; ihre Aufgabe erschöpft sich im inszenierten Schein.

Wäre folglich die Einbettung in die Lebenswirklichkeit, in die existenzielle Praxis, die Voraussetzung, um „echte“ Architektur von Architekturderivaten oder Architekturzitaten zu unterscheiden? Und, so muss man weiter fragen, warum kennt die Sprache neben dem Begriff „Architektur“ auch den der „Baukunst“, warum ist vielfach nur vom „Bauen“, vom „Bau“ bzw. „Bauwerk“ oder ganz einfach und bescheiden von einem „Gebäude“ statt von Architektur die Rede? Handelt es sich dabei um gleichberechtigte Größen eines semantischen Begriffsfeldes?

Nicht selten sieht man auf Campingplätzen, dass Plastikzäune um Zelte oder Wohnwägen herum ein „Revier“ abstecken, man beobachtet, dass mit Vorzelten eine Art Entree geschaffen wird, dass Gardinen, Blumenkübel usw. die Atmosphäre des gemütlichen Heims erzeugen sollen. Was passiert hier? Wohl niemand käme auf die Idee, ein Zelt oder einen Caravan als Architektur oder als Bauwerk zu titulieren – und doch drängt sich der Eindruck auf, dass in den genannten Beispielen etwas Gebautes, ein Häuschen, wenigstens eine Wohnung mit Diele und Wohnzimmer, assoziiert werden soll. Mehr als eine Assoziation kann das Ganze allein deswegen nicht sein, weil nach dem Urlaub, wie es bezeichnenderweise heißt, „die Zelte wieder abgebrochen“ werden. Darf man im Gegenzug behaupten, dass Stabilität, Dauerhaftigkeit, jene Qualitäten also, die die Campingzelte wie alle nomadischen Behausungen eben nicht besitzen, das Ausschlaggebende der Gattung Architektur darstellen?

Die genannten Kategorien Funktionalität und Stabilität decken sich mit den seit alters etablierten Begriffen Zweckmäßigkeit (utilitas) und Festigkeit (firmitas). Man findet sie in vielen Passagen des einzigen aus der Antike überkommenen Architekturtraktats. Sein Verfasser, der vor gut zweitausend Jahren schreibende römische Architekt Vitruv, fügte diesen beiden Merkmalen indes noch ein drittes hinzu: die Schönheit (venustas). Wirken diese drei Komponenten ebenbürtig zusammen, dann heben sie, so Vitruvs Überzeugung, ein anfänglich simples, unreflektiertes Bauen in die Sphäre edler Baukunst.

In den architekturtheoretischen Diskussionen seit der Renaissance erwies sich allerdings gerade die Bindung der funktionalen (utilitas) und technologischen (firmitas) Kategorie an die angestrebte ästhetische Wirkung (venustas) als ungemein konfliktträchtig. Die entscheidende Frage ist, ob man ein Bauwerk nur dann als ein Stück Architektur qualifizieren darf, wenn es neben seiner Nützlichkeit auch über künstlerische Gestaltungskraft verfügt. Doch die Festlegung dessen, was künstlerische Gestaltung ausmacht (die venustas im Vitruvschen Sinne), unterlag bekanntlich im Laufe der Kunstgeschichte beträchtlichen Schwankungen. Vor allem die Propagierung der Funktionalität als ästhetischer Hauptaufgabe, als einer das gesamte Aussehen eines Werkes prägenden Eigenschaft, die der Funktionalismus des späteren 19. und frühen 20. Jahrhunderts vornahm, hat die Tradition auf den Kopf gestellt: „form follows function“ (L. H.Sullivan) – venustas verlor ihren Eigenwert, da sie angeblich einzig und allein das Resultat der utilitas ist.

Vincenzo Scamozzi

Oft ist es gar nicht mehr bewusst, dass eigene Auffassungen von Kunst und Ästhetik in frühere Epochen zurückprojiziert werden. Dies verfälscht den historischen Sachverhalt. Im Venedig der Spätrenaissance veröffentlichte Vincenzo Scamozzi 1615 seinen Traktat Idea dell’architettura universale, in dem er u.a. Reklame für den strengen klassizistischen Baustil Andrea Palladios machte. Scamozzi unterschied in seinem theoretischen Grundsatzprogramm zwischen der Berufung des Architekten und dem Beruf des Baumeisters und verglich deren Verhältnis mit der Stellung von Herr und Diener. Während die Leistung des Architekten eine intellektuelle sei, basierend auf universalen wissenschaftlichen Grundlagen, sei die Arbeit des Baumeisters eine rein manuelle, eine ausführende, kurz: eine dienende. Selbstverständlich müsse auch der Architekt über die praktischen Belange des Bauens Bescheid wissen, aber nur, um die unerlässlichen fundamentalen Dinge, eben die handwerkliche Tätigkeit des Baumeisters und der Bauleute, kontrollieren zu können. Natürlich war Palladio in Scamozzis Augen kein Baumeister, sondern ein Architekt, damals sogar der Architekt schlechthin. Schon lange vor der Veröffentlichung seines Buches hatte Scamozzi ja, als es in Venedig darum ging, die alte hölzerne Rialtobrücke durch eine steinerne zu ersetzen, jenes Projekt unterstützt, das Palladio in einer Reihe von Zeichnungen publik machte, die sich in Vicenza erhalten haben: Es sah eine klassizistische Loggia mit Tempelfront über einem fünfbogigen Unterbau vor. Scamozzi, der übrigens selbst einen verwandten Entwurf eingereicht hatte, war begeistert: Werde Palladios Plan realisiert, erhalte das Stadtbild Venedigs einen prachtvollen, an der Formensprache der Antike orientierten Akzent. Das altehrwürdige, aber auch altmodische Stadtbild werde innovativ bereichert.

Palladio

Doch nicht die Interessensgemeinschaft Scamozzi-Palladio setzte sich durch, sondern jene Partei, die einen „Baumeister“ – nach Scamozzis Definition – wollte, die also die Aspekte der „Nützlichkeit“ in den Vordergrund stellte. Palladio habe solche Erwägungen völlig beiseite gelassen. Sah er doch an den Enden der geplanten Brücke jeweils einen regelmäßigen Platz vor, der vor allem im Umfeld der Kirche S. Bartolomeo eine Unzahl...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Architektur - Baukunst

Immobilien Wissen Kompakt

E-Book Immobilien Wissen Kompakt
Format: ePUB

Immobilien sind eine gute Grundlage für die Vermögensbildung. Mögliche Fehler in diesem Bereich sind allerdings teuer und nur schwer wieder auszugleichen. Mit diesem Buch sind Sie für sämtliche…

Günstig zum Eigenheim

E-Book Günstig zum Eigenheim
Ab 5000 Euro Immobilienbesitzer werden Format: ePUB

Miete zahlen ist insbesondere für das Alter nicht wirklich der ruhende Grundstein für ein sorgenfreies Leben. Aber wie kommen Sie zu Eigentum, ohne dass Sie horrende Anzahlungen und überzogene Preise…

Das Energiesparbuch

Raus aus der Energiefalle Format: ePUB

Energiekosten werden unsere Geldbörse immer nachhaltiger belasten. Das ist nicht gut und kostet viel Geld, was erst einmal verdient werden muss. Geld, dass Sie für andere Zwecke vielleicht besser…

Facetten von Affordanzen gebauter Umwelt

E-Book Facetten von Affordanzen gebauter Umwelt
Eine perspektivendifferenzierte Analyse eines Innenraums f?r kommunale Dienstleistungen Format: PDF

Andreas Hegenbart entwickelt in seinem Werk erstmals beispielhaft ein Facettenstrukturmodell eines Raums f?r kommunale Dienstleistung, das auf dem Affordanzkonzept aufbaut. Auf der Grundlage von…

Auffallen, informieren, überzeugen und bewegen

E-Book Auffallen, informieren, überzeugen und bewegen
Der rote Fisch 1 - Impulse für werbewirksame Gestaltung und Kommunikation - Leitfaden 1 Format: ePUB

Was passiert eigentlich in unserem Kopf, wenn wir Dinge sehen, hören, schmecken, fühlen, riechen ... Warum lösen manche (Werbe)Botschaften Reaktionen aus - andere keine oder nur wenige? Weshalb und…

Kostenbewusstes Konstruieren

E-Book Kostenbewusstes Konstruieren
Praxisbewährte Methoden und Informationssysteme für den Konstruktionsprozess Format: PDF

Ein funktionierendes Kostenmanagement ist für die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens unerlässlich. Kosten senkende Maßnahmen beschränken sich meist auf die Organisations- und Fertigungsprozesse…

Projektmanagement im Hochbau

E-Book Projektmanagement im Hochbau
mit BIM und Lean Management Format: PDF

Die erfolgreiche Abwicklung von Großprojekten braucht heute mehr denn je ein professionelles Projektmanagement. Dabei wird das digitale Planen und Bauen in Verbindung mit den Methoden des Lean…

Weitere Zeitschriften

ARCH+.

ARCH+.

ARCH+ ist eine unabhängige, konzeptuelle Zeitschrift für Architektur und Urbanismus. Der Name ist zugleich Programm: mehr als Architektur. Jedes vierteljährlich erscheinende Heft beleuchtet ...

Berufsstart Bewerbung

Berufsstart Bewerbung

»Berufsstart Bewerbung« erscheint jährlich zum Wintersemester im November mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren und ermöglicht Unternehmen sich bei Studenten und Absolventen mit einer ...

Card Forum International

Card Forum International

Card Forum International, Magazine for Card Technologies and Applications, is a leading source for information in the field of card-based payment systems, related technologies, and required reading ...

küche + raum

küche + raum

Internationale Fachzeitschrift für Küchenforschung und Küchenplanung. Mit Fachinformationen für Küchenfachhändler, -spezialisten und -planer in Küchenstudios, Möbelfachgeschäften und den ...

Demeter-Gartenrundbrief

Demeter-Gartenrundbrief

Einzige Gartenzeitung mit Erfahrungsberichten zum biologisch-dynamischen Anbau im Hausgarten (Demeter-Anbau). Mit regelmäßigem Arbeitskalender, Aussaat-/Pflanzzeiten, Neuigkeiten rund um den ...

Gastronomie Report

Gastronomie Report

News & Infos für die Gastronomie: Tipps, Trends und Ideen, Produkte aus aller Welt, Innovative Konzepte, Küchentechnik der Zukunft, Service mit Zusatznutzen und vieles mehr. Frech, offensiv, ...

DULV info

DULV info

UL-Technik, UL-Flugbetrieb, Luftrecht, Reiseberichte, Verbandsinte. Der Deutsche Ultraleichtflugverband e. V. - oder kurz DULV - wurde 1982 von ein paar Enthusiasten gegründet. Wegen der hohen ...

ea evangelische aspekte

ea evangelische aspekte

evangelische Beiträge zum Leben in Kirche und Gesellschaft Die Evangelische Akademikerschaft in Deutschland ist Herausgeberin der Zeitschrift evangelische aspekte Sie erscheint viermal im Jahr. In ...